All that glitters ain´t gold.

Kolumnen

Man sagt ja immer, man finde sie nur einmal im Leben. Die ganze große Liebe. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich sie schon längst gefunden. Nur war mir das lange gar nicht so klar. Denn obwohl ich im April geboren bin und es recht locker mit uns beiden angefangen hat, kann ich mittlerweile behaupten, dass es tatsächlich Liebe ist. Also, so richtig.

Wenn deine zarten Strahlen zum ersten Mal sanft meinen ganzen Körper berühren, wenn es in der Nase kitzelt und die Haut diesen unverwechselbaren Sommergeruch aufweist, ja, dann verliebe ich mich jedes Jahrs auf´s Neue in dich. Die warme Haut mit eiskaltem Wasser kühlen und dabei zusehen, wie die Perlage in der Sonne verdampft. Und ein Windhauch, der immer ein bisschen kitzelt. Blinzelnd Pommes Schranke essen und nochmal abkühlen. Seit dreißig Jahren wird das nie langweilig. Weil du immer wieder anders bist, immer du, aber trotzdem immer neu. Nuancen und Facetten. Einzigartig wie die Küstenabschnitte einer Insel. Lauwarmen Sand zwischen den Zehen und Wind im Haar. Salzkristalle und der Duft von Oelander. Eiskalter Weißwein oder Rosé – festlegen lässt du dich nur ungern. Manchmal bin ich tatsächlich etwas traurig, dass du andere Regionen mehr liebst als die meine. Ich bin echt großzügig und teile gerne, aber trotzdem. Ich lebe in einer Altbauwohnung und ich friere quasi immer. Ich friere im Frühling, im Herbst und im Winter sowieso (ich bin ein Mädchen, ich darf das). Aber im Sommer, da mag ich nicht frieren. Echt nicht. Ich liebe es, wenn es so richtig heiß ist. Wenn der Asphalt in der sengenden Hitze glänzt – auch wenn ich natürlich weiss, dass nicht alles gold ist was glänzt. Aber wenn ich dann abends frisch geduscht auf meiner Couch liege, die Haut noch leicht feucht ist und der Vorhang im Wind zwischen den Kerzen tanzt, bekommt das bloße Sein eine völlig neue Dimension und mein Wein schmeckt immer so gut wie im Urlaub. Und jeder weiss, dass der Wein im Urlaub immer am besten schmeckt. Egal wie viele Kartons man mit nach Hause nimmt. Weil Weintrinken halt auch einfach ein Gefühl ist. Oder draußen, weil die ganze Stadt lebt. Das Leben im Freien stattfindet. Überall. Ich liebe diesen subtilen Geräuschteppich aus klirrenden Gläsern, zirpenden Grillen, Stimmen und knackenden Eiswürfeln.

Ja, immer Sommer da ist diese Leichtigkeit. Die Zeit vergeht langsamer und manchmal bleibt sie sogar ganz stehen. Manche sagen ja, man lebt in einer Blase, oder nennen es Sommerloch. Es passiert nicht viel, aber das was passiert, macht glücklich. Zumindest mich. Man mag es naiv nennen, aber wenn ich von den Sonnenstrahlen, die morgens durch mein Rollo blitzen, wach werde, ist es ein guter Tag. Wenn die Luft noch so frisch ist und die Vögelzwitschern. Ein Gefühl, das alles möglich ist. Ich muss es nur tun. Pläne schmieden und Luftschlösser bauen so hoch wie die Wellen vor Hossegor. Wenn ich dann abends am Strand sitze und zuschaue, wie die Sonne das Meer küsst, ist das für mich ein #magicmoment. Ich will nicht sagen, dass ich in den anderen Jahreszeiten nicht glücklich bin, im Gegenteil, aber im Sommer bin ich es immer. Selbst, wenn ich es nicht bin. Got it? Here comes the sun and it´s all right. 

Im Sommer ist einfach alles besser. Nicht nur das Obst. Oder die Tomaten von heimischen Feldern. Wenn man da ein bisschen Basilikum und Öl drauf tut. Heaven. Die Haare glänzen und die Haut strahlt. Pickelchen hat nur mein Kaktuseis.

Vielleicht ist es auch das pure Glück, das aus jeder Pore trieft. Und selbst wenn es nur das ist. Das ist doch eine ganze Menge.

■ *

 

© Julia

 

*q. e. d. (steht für: quod erat demonstrandum, lateinisch für: was zu beweisen war, Abschluss einer Beweisführung in Mathematik und Philosophie).

Ferienende.

Kolumnen

Die letzten Tage sieht man sie wieder vermehrt. Die Kondensstreifen, die die großen Flieger hinter sich herziehen. Wilde Muster in Weiß, vor strahlendem Blau. In gefühltem Sekundentakt sehe ich Flugzeuge starten und landen, muss hier und da etwas blinzeln, wenn sich die Sonne in den schrägen Tragflächen spiegelt. Ich male mir immer aus, wohin sie fliegen. Überlege, wo Norden und wo Süden ist und welches Ziel diese Flieger haben könnten. Welche Menschen da drin sitzen, zu wem sie mit klopfendem Herzen fliegen und wen sie schon jetzt vermissen, kurz nach dem der Gate geschlossen wurde. Die großen Flieger, die einem eine grenzenlose Freiheit vorgaukeln. Alles möglich. Alles nur einen Fingerschnipp entfernt. Oder einmal Augen zu, Karte durch am Ticketschalter.

Für jeden Flieger der startet, gibt es auch einen der landet. Pünktlich zum Ferienende hier in Bayern sind das ganz schön viele. Aus und vorbei das schöne Leben am Strand unter Plamen. Vorbei sind die Tage, an denen man sich zwischen Kaffee oder Tee zum Frühstück und Wein oder doch lieber einen Cocktail zum Abendessen entscheiden mussten – und das eine tagesfüllende Aufgabe war. Aufstehen ohne Wecker, von schräg einfallenden Sonnenstrahlen sanft geweckt werden #slowmorings. Zwischen Lesen, schwimmen und ein bisschen Wandern ist nicht viel passiert. Jeder Tag fühlte sich wie Sonntag und Weihnachten zusammen an. Man hatte nichts vor. Und morgen auch nicht. Und am Tag nach morgen auch nicht. Hach, ja sweet life. Das Ende kommt da irgendwie immer ganz plötzlich. Die Rückkehr in den Arbeitsalltag schier unmöglich. Vor drei Wochen war ich noch so motiviert, hatte Ideen, Pläne und mein Tag hätte mehr als 24 Stunden benötigt, um all das zu verwirklich. Ich hatte einen richtigen Lauf. Da konnte mir nicht einmal der miese Sommer einen Strich durch die Rechnung machen. Ha! Gummistiefel for the win. Und nun? Laufen die Erstklässler mit ihren viel zu großen Schultüten aufgeregt umher und bei mir ist irgendwie der Drive weg. Was ist passiert in jenen drei Wochen, Nichtstun, entschleunigen, faul sein? Ist das ein bisschen ausgeartet?  Hat man da die Kontrolle verloren? Und die Kreativität gleich mit? Oder kratzt da was ein bisschen am eigenen Ego, weil der Laden ja scheinbar ganz wunderbar ohne einen selbst lief? Huch! Post-Holiday-Blues, nennen das die Forscher und raten zu softem Einstieg, to-do Listen und die Mittagspause mit den Kollegen zu verbringen. Ich spüre schon jetzt, wie der Kortisolspiegel in meinem Blut steigt. Zurück im Büro wartet das volle Postfach, 1004 unbeantwortet Mails und der Kaffee schmeckt auch irgendwie schal. Zäh wie Kaugummi vergehen die Stunden und das Blatt ist immer noch weiß.

Aber vielleicht liegt es gar nicht am Urlaub, oder der Rückkehr aus diesem. Vielleicht hat man davor einfach schon alle Energie und Kreativität aufgebraucht, sodass sich der Körper jetzt lautstark seine Pause einfordert? Vielleicht sind nämlich Kreativpausen gar nicht so schlimm, sondern viel mehr kreative Pausen. Und ganz vielleicht bauen wir in unseren Alltag ein paar happy moments ein und setzten auch hier vermehrt auf kleine Auszeiten. Klingt doof, is aber so. Denn schließlich ist nicht Urlaub unser Leben, sondern das, was dazwischen passiert und das, sollte mindestens genauso schön sein – wenn nicht gar besser.

 

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.

Das wusste schon Erich Kästner. Und der muss es ja wissen.

 

© Julia

Flamingo.

Prosa

Du schiebst mich unsanft unter das Vordach und drückst meine Hände gegen die Hauswand. Ich kann deinen Atem riechen und deinen Herzschlag fühlen. Es sind nur Millimeter zwischen uns. Die Luft ist so unfassbar heiß, dass die Regentropfen auf unserer Haut verpuffen. Wenn es blitzt, sehe ich für einen kurzen Moment das Funkeln in deinen Augen. Beim Donner zucke ich zusammen und du drückst meine Hände ein bisschen fester. Ich nehme an, du tust das, um mich zu beschützen aber mich muss man nicht beschützen.

Es war nur ein Blick und ein kurzes Hallo. Dahin gesagt. Fast gerotzt. Kurz. Angebunden. Sowieso. Immer. Big Business. Deine Zuneigung getarnt als Ablehnung. Es sind Augenpaare, die sich immer wieder suchen und finden. Zwischen all den schönen Menschen in noch schöneren Kleidern. Wie Flamingos stehen sie da und klammern sich an ihren Drinks fest. Ein angenehmer Geräuschteppich wabert über die Terrasse. Die Big Band beginnt zu spielen, ich lehne mich an das Geländer, nippe an meinem Weißwein und spüre wie sich Entspannung in mir ausbreitet. Du läufst zufällig an mir vorbei und beachtetest mich zufällig nicht. Die Entspannung wandelt sich in eine angenehme Spannung, die – in Kombination mit dem Wein ein süßes Kribbeln im Bauch verursacht. Es ist dieses alte, abgedroschene Spiel, das ich so sehr hasse und liebe zugleich. Es ist dieses fürchterliche Balzgehabe, zu dem mein Kopf nein, aber mein Körper ja sagt.

Ich stehe an der Bar und bestelle mir einen Drink. Ein Windhauch streicht mir über den Rücken und ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass du hinter mir stehst. Ein bisschen Small Talk mit all den Flamingos. Eine zufällige Berührung  hier und da, einmal zu lange ausatmen. In meinen Nacken. Gänsehaut trotz der Hitze. Wir wollen alleine zu zweit sein. Und noch nie kam ein Gewitter zu einem besseren Zeitpunkt. Während die Flamingos unter Geschrei herumstaksen wie aufgescheuchte Hühner nimmst du meine Hand. „Los. Lauf“, sagst du und ehe ich begreife was ich tue, rennen wir Hand in Hand durch den Sommerregen.

Und nun stehen wir unter diesem Vordach. Klitschnass. Durchgeweicht. Bis ins Herz. Vielleicht war es die laue Sommernacht, die uns entfesselte. Vielleicht war es auch einfach nur der Wein. Aber in diesem Kuss entlädt sich alles, was jemals elektrische Ladung besessen hat. Du drückst deinen schweren, nassen Körper auf mich während deine Zunge sanft über meine Oberlippe fährt. Es geht um nichts außer diesem Kuss, der sich mit dem mächtigen Gewitter battelt. Laut und leise. Hell und Dunkel. Sanft und hart. Direkt über uns. Hier. Und jetzt. Unserer eigener Stromkreislauf.

 

© themagnoliablossom

Beat.

Kolumnen, Prosa

Mit zittrigen Fingern tippe ich die Zahlen in das Display. Eine nach der anderen. Wie oft habe ich diese Zahlen schon getippt. Jene Zahlen, die in exakt dieser Reihenfolge eine Verbindung zu dir herstellen. Es ist schon verrückt, denn wenn ich zum Beispiel zuerst die drei wähle und dann die vier, komme ich bei einem Stefan raus. Obwohl es immer noch dieselben Zahlen sind. Nur die Reihenfolge ändert sich. Ich weiss das, weil ich es schon sehr oft ausprobiert habe. (Sorry, Stefan). Ein bewusst unbewusster Zahlendreher. Weil ich nicht wusste, was ich sagen würde, wärst tatsächlich du am anderen Ende der Leitung. Der Wind weht mir die Haare ins Gesicht und ich versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlt deine Stimme zu hören. Das Gefühl, wenn sich deine Stimmbänder heben und senken und der Klang dessen durch meine Ohren einen Weg in meinen Körper findet. Als wärst du dort nicht lange genug gewesen. Himmelherrgott was stelle ich mich an. Ich schließe die Augen, den Finger noch immer fest auf dem Wählen-Button gedrückt. Ich kann ihn nicht loslassen. Denn das würde bedeuten, dass ich dich tatsächlich anrufe. Ohne Zahlendreher. In den Filmen ist das immer so lässig-cool, wenn man nach Jahren einfach mal anruft und fragt, wie es denn so geht. Jetzt ist es das irgendwie nicht. Du nimmst viel zu schnell ab und ich kann den Schweiß in deinen Handinnenflächen fühlen. Du fragst, ob ich auf einem Konzert sei – dabei ist es mein Herzschlag, den du hörst. Was sind Tage, Monate oder Jahre? Aneinandergereihte Zahlen. In irrwitzigen Kombinationen. Aber am Ende doch nur Zahlen. Für die Musik ist die Reihenfolge entscheidend. Und wir tanzen zum selben Beat. Hier und jetzt. Und immer. Eine Weile atmen wir synchron in den Hörer und manchmal ist Schweigen einfach das allerschönste Gespräch.

© themagnoliablossom

Still.

Prosa

Mit dem ersten Schnee ist alles anders. Plötzlich und ohne Vorwarnung. Ein weißer Schleier legt sich schützend über die klaffende Wunde. Purpurne Tropfen auf reinem Weiß. Doch mein Körper ist nicht bereit für diese Kälte. Nicht die trockene Kälte, die zuweilen noch aushaltbar wäre, sondern diese fiese, nasse Kälte, die dir bis ins Mark zieht.

Die Armada von Kriegern, die vor ein paar Wochen noch so unaufhaltsam gekämpft hat, beugt sich der Kraft des Winters. Was vor ein paar Wochen noch laut und umtriebig war, ist nun still. In sich ruhend. Der Regen fällt prasselnd auf die Erde, doch der Schnee lautlos. Der Winter ist pur, ehrlich. Gnadenlos. Du hast den Regen nie gesehen, immer nur den Regenbogen. Aber jetzt schneit es und du bist nicht hier. Das Gras, das im Sommer ohnehin nie über die Sache wächst – der Schnee soll´s nun richten. Puderzuckerfein.

 

Doch da ist etwas, das nicht bedeckt werden möchte. Weder mit Gras noch mit Schnee und schon gar nicht im Regen ertränkt werden möchte. Da ist etwas von dir, ein Sinnbild, eine Illusion. Ein Funken einer romantisierten Vorstellung. Ich bin mir nicht sicher, ob sie diesen Winter überdauernd wird. Viele Winter hat sie schon standgehalten. Nahezu getrotzt. Gestrotzt. Vor Kraft. Immer und immer wieder. Im Sommer in den letzten Windungen des Gehirns versteckt und mit eiskaltem Bier aus dem Herzen gespült. Nur, um im Herbst wieder Einzug zu halten. Wie ein Nomade ziehst du von Ort zu Ort von Herz zu Kopf und wieder zurück. Der kühle Herbstwind stärkt dir den Rücken. Und plötzlich ist Winter und alle reden über das Wetter, aber der Winter – das bist du. Ein Gefühl, links in der Brust. Es schneit und ich atme Wolken in die eisige Nacht, die sich mit deinen vermischen. Zwei Welten unter einem Firmament. Kalter Atem aus noch kälteren Kehlen. Das Blut in den Adern gefriert. Hände, die sich nicht suchen, aber finden. Zögerlich, tastend nach Restwärme in lodernder Glut.

 

© themagnoliablossom

 

Sonntags.

Inspiration, Prosa

Klirrendes Geschirr, Tassen werden aufeinander gestapelt. Hier und da fällt ein Löffel zu Boden.

Ein knackendes Geräusch, wenn der Siebträger in die Maschine einrastet.

Ein Röcheln, wenn heißer Dampf die Milch zu einem Meer aus fluffigen Wolken verwandelt.

Der Duft, der sich allmählich im Raum ausbreitet, wenn das flüssige Gold über das Silber in die Tasse fließt.

Eine perfekte Symbiose aus schwarz und weiss.

Das wohlige Gefühl, das sich über die Lippen in meinem ganzen Körper ausbreitet und meine Sinne benebelt.

Jeder Schluck ein Stück Heimat, im Herz.

bald neu

Der Bügler.

Prosa

Sanft gleitet das Bügeleisen über den Kragen meiner Bluse. Wie von Zauberhand verschwinden die winzigen Knitterfältchen. Das heiße Eisen kuriert das Schleudertrauma, das das Stück Stoff erlitten hat. Manchmal vergesse ich es nämlich in der Waschmaschine. Dann liegt das da ein paar Stunden oder manchmal auch Tage. Nass, zerknittert, zurückgelassen. Einsam und vergessen. Ein elendes Dasein.

Und dann kommt da jemand und gibt ihm ein klitzekleines bisschen Wärme, streicht behutsam über die Ecken und Kanten. Die Anspannung löst sich, die knittrige Oberfläche wird wieder ganz eben und glatt. Das wollen wir doch, oder? Dass alles ebenmäßig ist. Makellos. Nahezu perfekt. Du bist es. Aber nur an der Oberfläche und auch nur fast. Wenn man hier und da ein bisschen kratzt und es dazuhin noch regnet, dann bröckelt sie ganz schön, die Fassade. Aber irgendwie ist da immer jemand, der hinter dir herläuft und die Splitter aufsammelt, die du hinterlässt und sie auf wundersame Weise wieder zusammenflickt. Eine knarzige Oberfläche, ein vages Gerüst, gebaut aus Bruchstücken. Du weisst das, aber du bist ein guter Bügler. Denn deine Oberfläche erstrahlt immer in dieser schrecklich schönen Ebenmäßigkeit, die mir zuweilen Angst bereitet. Denn ich kann mir nicht einmal die Nägel lackieren, ohne zu patzen.

Genau das gefiel dir. Dass der Pinsel immer einen Hauch neben der Spur war, kaum merklich, aber wahr. Keine Geduld, dem Lack die Zeit zu geben, die er für einen perfekten Auftrag benötigt hätte. Immer direkt aus der Mitte, links. Das Herz schneller als der Verstand, hast du immer gesagt. Das kann sehr schön sein. Aber auch sehr gefährlich. Das weiss ich. Du warst der Meinung, dass mir diese Nuance an Unbeholfenheit etwas Ehrliches, Authentisches verlieh. Eine gewisse Grazie, die dir den Verstand raubte.

Ich frage mich, ob jemand dessen Oberfläche immer so fürchterlich glatt ist, das überhaupt beurteilen kann. Die Knoten und die Windungen. Verwoben. Miteinander. Verknotet. Verworren. Ganz tief, innendrin. Aber wenn du sagst, dass du bei mir und mit mir du sein kannst, ist es das, was mich ein bisschen stolz macht. Wenn meine Imperfektion auf dich abfärbt, dich weich zeichnet, deine Konturen verwischt, die Grenzen auflöst, uns verbindet und du als verknotetes Etwas vor mir stehst. Ganz pur, nur du. Nackt. Das faltenfreie Korsett abgestreift und feinsäuberlich auf einen Kleiderbügel gehängt. So willst du sein, aber du kannst es nicht. Nur mit mir, an deiner Hand. Wieso bist du hier und ich dort. Fort. Über den Bergen. Nicht bei den sieben Zwergen. Ich beiße in den (sauren) Apfel und er bleibt mir im Halse stecken. Manchmal nimmst du mir die Luft zum Atmen, weisst du das? Immer findest du einen Weg in mein Labyrinth aus wirren Gedanken. Nistest dich ein, für Tage, manchmal auch Wochen. Ziehst die Fäden ein bisschen enger, nur um dir dann dein gebügeltes Hemd von der Stange zu nehmen und deinen geschundenen Körper in diese unerträgliche Perfektion zu hüllen.

Deine Augen sehen so traurig aus, wenn sich unsere Hände in Zeitlupe voneinander lösen. Wenn du zurück in deine Welt kehrst, in deinen goldenen Käfig. Dann sitze ich vor der Wachmaschine und schaue dem Stück Stoff hinter dem Bullauge zu. Ich sehe seelenruhig zu, wie es ein Schleudertrauma erleidet. Und nass und zerknittert in den Schaumresten liegen bliebt. Ein elendes Dasein.

Und manchmal sitze ich da und frage mich, wie ich bloß all die Falten und Knitter aus meiner Bluse bekommen soll. Denn ich besitze gar kein Bügeleisen.

 

© Julia

Dein Duft.

Prosa

Manchmal ertrage ich es nicht, in einem Raum zu sein. Mit dir. Deinen Atem zu inhalieren, dich in mir aufzusaugen. Dich zu spüren, mich einnehmend, ausfüllend. Ganz und gar.

Ich ertrage es nicht, dass du rein physisch gut zwei, vielleicht auch drei Meter von mir entfernt bist, aber deine ganze Gestalt, jede einzelne deiner Zellen in mir ist. Mit jedem Atemzug nehme ich mehr und mehr von dir auf. In mir. Du.

Zwei Menschen in einem Raum, die Welt herum vergessend. Getrennte Körper. Die Seelen vereint. Eine funkelnde, imaginäre Linie verbindet die verborgenen Wünsche. Gedanklich. Aneinander gereiht. Leidenschaft sprüht durch Glutaugen. Die Schlinge zieht sich immer enger. Gefährlich knisternd. Verboten.

Dein Duft, liegt in der Luft. Und nimmt mir die Luft. Zum Atmen.

Ein Loch in die Luft starren 256/365

Die Luft. Zwischen uns.

 

© themagnoliablossom

Süchtig

Prosa

Manchmal sind Grenzen hart, aber manchmal verschwimmen sie auch. Grenzen zwischen Freude und Leid und dessen, was real ist und was Fiktion. Ein großer Schuss Milch im schwarzen Kaffee. Das gibt immer so schöne Muster. Mini Kumuluswolken, gefangen in einer viel zu kleinen Tasse. Bis jemand mit dem großen Löffel kommt und umrührt. Dann ist das Ganze eher eine bräunlich trübe Angelegenheit. Keine scharfe Begrenzung zwischen unschuldigem Weiß und schwarzem Schwarz. Ich mag Grenzen und noch viel lieber mag ich es, wenn sie sich auflösen. Zum Beispiel zwischen dir und mir. Die Wand zwischen unseren Zimmern. Manchmal lege ich mein Ohr auf die kalte Mauer und wenn ich meine Augen schließe, höre ich dich atmen. Ich spüre das Echo meines Herzschlages und drücke meinen Körper fester an das Gemäuer. Ich will mich hindurchpressen, zu dir schweben und mich neben dich legen. „Weisst du, man kann nicht immer alles kontrollieren“, hast du einmal zu mir gesagt. Und kurz bevor der Boden auf meiner Seite der Wand zu einem klaffenden Loch aufreißt, hebe ich ab. Mucksmäuschenstill ist es. Lautlose Schritte in der Luft. Eins, zwei immer einen Fuß vor den anderen. „Komm her, leg dich zu mir“, höre ich dich sagen. Jetzt noch drei. Dann bin ich bei dir.

Langsam lasse ich mich auf das Bett gleiten. Müde, vom Nichtstun und vom Fliegen. Du nimmst meine Hand und dann liegen wir in diesem Bett aus Wolken. Wie zwei Junkies. Gebettet auf Rosen zwischen Träumen und der Sehnsucht nach etwas ganz Großem vergessen wir die Dornen. Wir träumen von Sonnenuntergängen am Meer, von Dachterrassen und dem Geruch von Regen auf flirrendem Asphalt. Wir sind süchtig. Süchtig nach dem Wind und dem Regen auf warmer Sommerhaut. Das Geräusch, wenn der Wind durch das Weizenfeld zieht und das Gefühl von Gänsehaut. Wir radeln eine endloslange Allee entlang. Immer schneller. Du bist so schön – im Licht der Sonnenstrahlen, die zwischen den einzelnen Bäumen hindurchscheinen und im Sekundentakt Schatten auf dein Gesicht zaubern. Hell dunkel. Hell dunkel. Hell dunkel. Immer im Wechsel. Mein Herz klopft so laut, dass ich taub werde. Wir springen von den Rädern und lassen sie einfach so in das Gras fallen. Die Reifen drehen sich noch eine Weile weiter. Aber da hast du mich schon längst geküsst, noch bevor die Sonne hinter dem Hügel verschwindet und die Grillen anfangen zu zirpen.

Ja, wir sind süchtig. Und du bist meine Droge. Und ich bin deine. Wie zwei Junkies liegen wir hier und jetzt. Gebettet auf Rosen zwischen Träumen und der Sehnsucht nach was ganz Großem und vergessen die Dornen.

 

© Julia

Nichts als Worte.

Inspiration, Prosa

Worte. Nichts als Worte. Gesprochen und niedergeschrieben als wahrgewordene Gedankenfetzen, genährt von Erinnerungen. Gelebtes. Erfühltes. Gedachtes.

Worte. Nichts als Worte.

Gedanken in meinem Kopf bilden riesige Berge, die Worte klettern hoch – triefend vor Schweiß ob der Anstrengung. Nur mühsam schaffen sie es über die Zunge, ehe sie den Gipfel erreichen. Keuchend. Erleichtert. Befreit. Sie hallen in den leeren Raum, sie schwirren durch die Luft und ich spüre, wie sie sich in dein Herz bohren noch bevor sie dein Ohr erreichen.

Ich habe viel gesagt und ich habe immer noch nicht genug gesagt. Kann man denn jemals genug sagen? Bereuen wir am Ende nicht eher die Worte, die wir nicht sagen anstelle derer, die wir gesagt haben?

Worte nichts als Worte.

Ich höre dich denken, lauter als meinen eigenen Herzschlag. Und ich verliere den Glauben. Den Glauben an das Wort. Sind es doch jene Worte, die das Innerste nach außen tragen. Das Herz auf der Zunge. Aus Gedanken werden Luftschlösser gebaut. Gedanken objektivieren sich zu Worten. Und wenn wir sie aufschreiben, dann stehen sie da. Bis ich das Blatt verbrenne und sich die Worte zu Staub materialisieren. Ist das der Kreislauf? Funktioniert das so? Aber wohin gehen sie denn dann, die Worte? Fliegen sie durch das Universum, bis ein verlorenes Herz sie aufsaugt als wären es die eigenen? Die eigenen Gedanken, in Worten eines anderen. Ich atme deinen Atem ein. Ich bin du und du bist ich. Eins. Für diesen Moment.

Wieso dauert es nur einen Bruchteil von Sekunden, bis das gesprochene Wort durch das Ohr in den Körper dringt und warum so verdammt lange, bis es wieder raus ist, aus dem Herzen? Ein ewiger Kreislauf. Das Blut strömt und pulsiert in den Adern. Deine Worte steigen auf die Blutkörperchen und fahren mit. Immer zu im Kreis in meinem Körper. Deine Worte in meinem Körper.

Manchmal wünschte ich, ich würde sie nicht hören, deine Worte. Stellte mir vor ich tauchte ab, ganz tief in kristallklares Wasser, das unten immer trüber wird. Am Ende ist immer alles trüb. Ich sehe die Luft aus meinen Lungen entweichen. Blub. Blub. Blubblub. Winzige Luftblasen steigen an die Oberfläche. Ich ziehe mit und ringe nach Atem. Ich wünschte, meine Blutkörperchen führen allein durch meine Adern ohne den Ballast deiner Worte.

Aber irgendjemand muss sie ja sagen. Die Worte, die keiner hören will. Du schlägst Wurzel und ich will fliegen. Höher. Weiter. So, wie die Funken des Papiers, wenn ich deine Worte verbrenne. Und sie wieder als Gedanken durch den Himmel fliegen. Vielleicht ist das der Kreislauf und vielleicht muss das so sein.

 

© themagnoliablossom