Volver.

Inspiration

Miguel lerne ich am Yachthafen kennen. Oder er mich. Nach einem kurzen, aber umso heftigeren Regenschauer setze ich mich auf die Stufen der Treppe, die das Barrio Alto mit dem Hafen verbindet. Die Sonne brennt plötzlich so heiß vom Himmel, dass ich die Feuchtigkeit auf meiner Haut verdampfen sehe. Ich schließe die Augen und lasse mit den warmen Wind um die Nase wehen. Nach dem Regen kommt die Sonne. Immer und immer wieder und manchmal auch innerhalb von Minuten. Die Angestellten der Schönen & Reichen wischen die letzten Regentropfen von den weißen Liegen an Board und stellen Champagnerflaschen für den Aperitif bereit. Es duftet herrlich nach frisch gegrilltem Fisch und Zitrone. Die Eiswürfel knacken in den Gläsern und ich schiebe mein Rad weiter am Ufer entlang. Miguel liegt auf einer Bank, die Füße lässig auf sein Fahrrad gestützt. „Ich komme gerade von der Arbeit“, wird er mir gleich erzählen, nachdem er mich ein bisschen mit seinem Fahrrad verfolgt hat. „Hier scheint die Sonne abends besonders lange und es kommen nur wenige Touristen. Perfekt, um den (Arbeits-) Tag ausklingen zu lassen. Miguel spricht mich auf Englisch an, weil ich – wie er findet – englisch aussehe. Erklären kann er mir das nicht. Aber er könne auch ein bisschen Deutsch. Ich muss lachen und wird kaufen uns ein eiskaltes San Miguel für einen Euro und setzen uns auf die Steine am Meer. Die sind noch ganz warm von der Sonne.

Während die Sonne am Horizont verschwindet und den Himmel in irgendetwas zwischen dunkelorange und hellpink verfärbt, erzählt mir Miguel von seiner Arbeit. „Ich arbeite am Flughafen. Wie fast jeder hier. Viel mehr gibt es ja nicht“, sagt er etwas abwertend, meint es aber nicht so. Er mag das einfache Leben hier. Er hat studiert und kam wieder zurück in seine Heimat, auf „mi islita“, wie er Mallorca liebevoll nennt. Und bei weitem kann man sich schlimmeres vorstellen, als den Feierabend am Meer zu verbringen. Ich summe „La isla bonita“ von Madonna an und jetzt muss Miguel lachen. Miguel erzählt mir aber auch, dass es ohne die zahlreichen Touristen recht öde wäre. Alles dreht sich um den Tourismus. „Hast du gesehen, wie die Küsten zugebaut sind, als du hergeflogen bist?“, fragt er mich und ich kann mich gar nicht richtig erinnern. „Zwei, dreihundert Meter vom Strand weg und dann nichts. Dabei ist es im Landesinneren so schön. Das wollen die aber nicht sehen“. Mit „die“ meint er die Touristen. Miguel ist klug genug, um nicht alle über keinen Kamm zu scheren, aber das Gros sei so. Am nächsten Tag will er mir Pilar vorstellen, die in einer der Betten-Burgen unten an der Playa arbeitet.

Yachthafen Palma

 

Ortswechsel: Ich strecke meinen großen Zeh in türkisblaues, kristallklares Wasser und wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen ich sei in der Karibik oder auf den Malediven. Der Sand ist puderzuckerfein und so weiß wie die herrlich bequemen balinesichen Betten, auf denen ich es mir gleich gemütlich machen werde. Ein weißes Tuch, das vor ungewollten Blicken schützen soll — oder vielleicht auch nur vor dem Wind — flattert grazil in ebendiesem und bildet einen tollen Kontrast zu dem Gerüst aus dunklem Holz. Ich nehme meine Sonnenbrille ab, um mich zu vergewissern, dass die Farben auch in echt so krass schön sind. Sind sie. Und ich fühle mich ein bisschen wie in der Raffaelo Werbung. Hach. Während ich mir noch die imaginären Kokosraspeln von den Lippen streiche, eilt auch schon Rodrigo herbei. Natürlich sind solche unfassbar schönen und bequemen Himmelbetten mit Me(h)erblick nicht ganz günstig, aber jeden einzelnen Cent wert, wie sich später herausstellen wird. Rodrigo ist einer der wenigen, der nicht sofort ins Englische wechselt, wenn mein spanischer Gedanke etwas länger braucht, ehe er zu einem vollständigen Satz wird. Was auch daran liegt, das Rodrigo kein Englisch spricht. Fünf bis sechs Monate arbeitet er hier unter der mallorquinischen Sonne, den Rest des Jahres verbringt er in seiner Heimat Kolumbien. Rodrigo trägt ein weißes T-Shirt und etliche Tattoos zieren seinen muskulösen Unterarm. Durch seine blau-verspiegelte Sonnenbrille kann ich seine Augen nur erahnen. Wenn er spricht, verschluckt er die letzten Silben immer etwas und erinnert mich dabei ein bisschen an diese coolen Reggaeton Sänger aus dem Musikfernsehen. Die Arbeit hier ist gut, erzählt er mir, „man braucht keine Vorkenntnisse. Eigentlich überhaupt keine Kenntnisse“. Und ich weiss nicht, ob ich das gut oder traurig finden soll.

Karibik im Kopf

Wenn es windig ist, was an diesem Küstenabschnitt relativ häufig vorkommt, bleiben die Touristen fern. „Die mögen das nicht“, sagt er und dabei blitzt immer wieder eines der drei Piercings in seiner Zunge hervor. Dafür erwachen die Mallorquiner aus ihrer Siesta und hissen die Segel ihrer Boote. Ich schaue dem Spektakel gerne zu, Rodrigo ist langweilig. „Keine Touristen, keine Arbeit und es ist erst 15 Uhr“. Sein Zeitgefühl tickt völlig anders. Als ich ihn frage, was er denn in den verbleibenden Monaten in Kolumbien macht antwortet er mit einem breiten Grinsen „nada“. Er erzählt mir, dass 1000 Euro hier, in Kolumbien in etwa 3000 EURO wert seien – wegen dem Umrechnungskurs, sagt rund gestikuliert dabei vielversprechend mit seiner Hand. „Es ist gute Arbeit und gutes Geld“, und wieder blitzt das Metall in seiner Zunge hervor. Abends fährt er mit seinem BMX nach Palma in die Stadt. Dort lebt er während der Sommermonate in einer kleinen Wohnung.

„Mi casa es tu casa“ R.

Am nächsten Morgen lerne ich Pilar kennen. Ihre haselnussbraunen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Sie trägt eine beige Hose und eine weiße Bluse mit perfekt gestärktem Kragen. „Das ist meine Arbeitskleidung“, sagt sie schulterzuckend, weil ich sie wohl etwas zu lange gemustert habe. Pilar ist 28 Jahre alt und arbeitet in einem Hotel direkt am Strand. Ich erzähle ihr, von der Pferdekutsche mit der ich die Straßen Palmas erkundet habe, dem unfassbar guten Café con leche in einem Café mit drei Tischen, das ich in den verwinkelten Gassen der Stadt nie wieder finden würde, von dem kalten Bier mit Miguel am Hafen und dem weißen Sandstrand. Pilar schmunzelt und aus ihren Lippen ertönt ein langgezogenes „Pues.“ „Du hast das schöne Palma gesehen. Palma das wir lieben.“ Und mit wir meint sie die Einheimischen. Die Mallorquiner. Zwischen den Zeilen schwingt ein Lebensgefühl mit, das ich auch bei Miguel gespürt habe. Ein Hauch Melancholie, unglaublich viel Laissez-Fair, ein großes Freiheitsgefühl – was am Meer ja irgendwie immer so ist und die ganz große Sehnsucht. Ein bisschen wie der traurig-schöne Fado in Portugal.

In den verwinkelten Gassen lebt die Melancholie

Pilar nimmt mich mit in den Speisesaal, in dem gerade das Frühstück serviert wird. Für ein Hotel mit 240 Betten sieht dieser wirklich ansprechend aus. „Wir haben erst letztes Jahr renoviert“, ruft Pilar mit einem Tablett in der Hand und stellt mir einen Café con leche auf den dunkelbraunen Holztisch mit beiger Leinenserviette. Ein bisschen habe ich Gänsehaut, weil die Klimaanlage hier drinnen ganz gute Arbeit leistet. Ich rühre verträumt in meinem Kaffee und schaue durch eine streifenfrei polierte Glasfront auf die spiegelglatte Oberfläche des Pools. Gar nicht mal so übel. „Gleich geht es los, das große Fressen“, zwinkert mir Pilar zu. Tatsächlich stürmen immer mehr der Hotelgäste den Frühstücksraum, der gleichzeitig auch Mittagsessensraum und Abendessenraum ist. Ich beginne zu verstehen, wie beengt Pilars Arbeitsplatz ist und warum sie das Meer so liebt. Freundlich begrüßt sie jeden Gast. Manche sogar mit Namen. Räumt Teller von Tischen, die noch so voll sind, um eine vierköpfige Familie satt zu bekommen. Diese „Reste“ landen im Müll. „Die Augen sind immer größer als der Hunger“, sagt Pilar während sie Rührei und zwei Scheiben Brot in einen Behälter aus dunklem Plastik schiebt. „Gerade bei All-inklusive langen die Leute so richtig zu. Wollen alles probieren und können am Ende gar nicht alles essen“. Manchmal gibt es auch Themenabende im Hotel. Dann streift sich Pilar ein schwarzes Gewand mit einem roten Stoffgürtel, den sie auf Höhe ihrer Hüfte knotet, über, um das Japan-Feeling zu unterstützen. Wir müssen beide lachen, als sie mir ein Foto von sich und einem Gast in diesem Aufzug zeigt. Pilar hat ein schönes Lachen. Keine Spur von Verdruss oder gar irgendeine Form von Wut. Tagein tagaus räumt sie halbvolle Teller von den Tischen, um diese nur Minuten später wieder erneut einzudecken. Morgens. Mittags. Und abends. Dann geht sie nach Hause. Morgen früh müssen nämlich wieder Tassen und Teller auf Tische gestellt werden. Aber dazwischen, zwischen all den Tassen und Tellern passiert das, was sie „actidud frente a la vida“ nennt, was so viel wie Lebensgefühl heisst. Und genau das will sie mir jetzt zeigen. Pilar knöpft ihre weiße Bluse auf und hängt sie neben das Japan-Gewand, „für morgen“, sagt sie augenzwinkernd. Dann schlüpft sie eine Jeansshorts und wirft mir einen Helm entgegen. ¡Arriba!

Something old and something yellow

 

Wir fahren auf einem alten Roller, der nur so knattert und knarzt in der gerade einbrechenden Dunkelheit über die Küstenstraße nach Palma. Von rechts weht mir die warme Luft aus der Stadt entgegen, von links eine kühle Brise vom Meer und von vorne der Duft von Pilars Parfüm, die so rasant wie gefühlvoll in jede Kurve der verwinkelten Straße fährt. Vorbei an einem kleinen Hafen mit Fischerbooten, die gefährlich im Wind wanken. Den alten Herren, die auf Plasitkstühlen auf der Veranda sitzen wie die Hühner auf der Stange, Zigarren rauchen und schon ganz blaue Lippen vom Vino Tinto haben und dabei so unfassbar glücklich aussehen. Vorbei an einer wunderschönen Finca auf einem Felsvorsprung direkt am Meer. Die Frau hinter dem gelben Tor, von dem die Farbe schon etwas abgeblättert ist nickt mir lächelnd zu. Es riecht nach Salz, nassem Holz und ein bisschen fischig. Es riecht nach tanzenden Herzen und schäumender Gischt. Nach heißem Asphalt nach einem Sommergewitter und nach Oleander. Mit diesem Gefühlsoverload from head to toe manövriert Pilar den Roller durch eine gefährlich enge Gasse. „Gleich sind wir da“ sagt sie gegen den Fahrtwind und ich bin nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe. Klapprige Fensterläden nur einen fingerbreit von meinem Arm entfernt. Halbgeöffnete, gußeiserne Tore, die den Blick in die wunderschönsten Hinterhöfe freilegen. Oasen, mitten in der Stadt. Aus jeder Bodega ein fröhliches ¡Hola, Pilar! Qué tal? 

Radom Bodega in Palma – Pilar kennt jede(n)

Palmen, die aus Häusern wachsen, klirrende Gläser und Gitarrenklänge verschwimmen hinter einem angenehmen Teppich aus Stimmengewirr. Esto es. Nachdem wir zwanzig Minuten gefühlt nur bergauf gefahren sind, führt mich Pilar jetzt ein paar Stufen nach unten. Irgendwo in einen Hinterhof. Zwischen den Hauswänden blitzt gülden die Kathedrale hervor und hinter den zwei Palmen glitzert der Mond im Meer. Hach. Ich werde ganz vielen lächelnden Menschen vorgestellt, die alle wild durcheinander plappern. Und ich bin froh, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippt und mir ein Glas eiskalten Prensal Blanc in die Hand drückt. Hola, Miguel, sage ich und grinse dabei wie ein Honigkuchenpferd.

Where magic happens

Hinter einem winzigen Fenster mit weißen Fensterläden schneidet jemand hauchdünne Tranchen von einem Seranoschinken, der so groß ist wie mein Oberschenkel. Es duftet nach geröstetem Brot und Knoblauch. Es zischt, als jemand einen ganzen Fisch auf den kleinen Grill in der Ecke wirft. Dieser jemand ist natürlich ein Mann und hat den Fisch selbst gefangen. Mit bloßer Hand. „Hola Guapa“, sagt Rodrigo und das „g“ hört sich wieder wie ein „w“ an und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

Und dann sitzen wir alle zusammen auf klapprigen Holzstühlen, essen Pa amb oli und trinken mallorquinschen Weißwein. Manchmal kann man Happiness eben doch essen. Ich glaube, ich kann das Meer in der Ferne rauschen hören, aber vielleicht ist das auch nur das Glück, das durch meinen Körper strömt.

 

© Julia

 

Her mit dem schönen Leben!

Backyards I love

La Seu de Palma

Schattenspiele & sattes Grün

#desicions

Dieses Seil bietet Schutz vor dem gefährlichen Felsvorsprung. Obacht!

Blumen. Immer schön.

Pilars working space

Manchmal ist der Weg steinig & schwer

Looking up

Sundowner with a view

Radln all along the shore

Shabby chic

Life is better at the beach

Café con leche

Ride it, my pony

Hinterlands

Ciao

 

* Vuelvo. Cierto.

 

Doppio.

Prosa

Du nippst an deinem Rotwein und lächelst mir stumm über den Glasrand hinweg entgegen. Es ist eines dieser Lächeln, bei denen deine Augen funkeln und von denen ich weiss, dass es kein gutes Ende nehmen wird. Ein Lächeln, das so wunderschön ist – nicht nur, weil deine Zähne wie glitzernde Diamanten in Reih und Glied zum Vorschein kommen – sondern und vor allem, weil ich bei deinem verschmitzten Grinsen unweigerlich ein Kribbeln in meinem Bauch verspüre und am liebsten quer über den Tisch springen möchte, um dich zu küssen. Stattdessen proste ich dir zu, schneide ein Ministückchen von meinem Rinderfilet ab und versuche mir nichts anmerken zu lassen. Mein Tischnachbar erzählt irgendetwas von Netflix und davon hatte ich noch nie eine Ahnung. Deshalb bin ich dankbar, dass die Frage nach meiner Lieblingsserie von der aufmerksamen Kellnerin und dem erneuten Nachgießen des flüssigen Rot unterbrochen wird. Ich überschlage meine Beine und mein Knie berührt dabei ganz zufällig deines – eine Elektrizitätswerk ist nichts gegen die Spannung zwischen uns. Ich bin mir nicht sicher, ob es an dem Wein liegt oder daran, dass das hier eigentlich nicht sein darf. Zumindest nicht so und nicht hier und nicht jetzt. Der Puderzucker auf dem Kaiserschmarrn ist so süß, dass ich ihn mit einem Espresso doppio herunterspülen muss. Auf der Toilette lasse ich mir eiskaltes Wasser über das Handgelenk laufen, weil ich von all dem Koffein ins Schwitzen gerate. Mir ist das hier alles zu österreichisch, zu süß und überhaupt viel zu heiß.

Ist das jetzt ein Zufall, dass du im selben Taxi sitzt, das uns den steinigen Weg zurück ins Hotel bringt? Und wenn ja, ist es auch Absicht, dass du mich ignorierst? Ich spiele das Spiel mindestens genauso gut wie du, denke ich mir noch und spüre beim Aussteigen deine Hand an meiner Hüfte. Und wieder dieses Grinsen. Himmelherrgott. Und steht man da und erzählt sich, dass das Wetter sonst immer besser war, aber der Ort ja schließlich nichts für den Regen könne und wie hervorragend der Wein zum Essen gepasst hat. Ich nicke und kaue auf meiner Unterlippe. Weil es plötzlich so kalt ist und ein bisschen aus Verlegenheit. Man kann ja nicht alle verabschieden und dann einfach so allein zu zweit in der Lobby herumstehen. Wie sähe das denn aus, denke ich mir noch und sehe dich nach meiner Hand greifen noch bevor ich meine wegziehen kann. Im Aufzug küsst du mich nicht, was es nur noch schlimmer macht. Ernsthaft. Das Wasser hat angenehme achtundzwanzig Grad und trotzdem zittere ich ein bisschen als ich zu dir in das Becken gleite. Ich traue mich nicht auszuatmen, weil das enorme Wellen auf dem spiegelglatten Wasser auslösen würde. Und wer will nachts um drei schon eine große Welle riskieren. Es ist ein bisschen kitschig, dass der Vollmund durch das riesige Panoramafenster hineinscheint und die Sterne die Wasseroberfläche in ein Lichtermeer verwandeln, aber ausatmen muss ich nicht mehr. Du küsst mich so leidenschaftlich, das mir die Luft wegbleibt. Wasser und Strom war noch nie eine gute Idee. Denke ich mir noch und finde es an und für sich ganz schön schön.

 

© themagnoliablossom

Notizbuch.

Prosa

Er sitzt im Café und zieht immer wieder den Saum seines Pullovers über das Handgelenk. Spätestens nach dem nächsten Schluck von dem schalen Bier muss er die Prozedur wiederholen. Er bestellt sich noch einen doppelten Espresso und schaut der Kellnerin nach, wie sie am Nebentisch die Bestellung aufnimmt. Sie schiebt die Hüfte leicht zur Seite und stellt ihren Fuß etwas schräg auf den alten Teppichboden. Die Scheiben des Cafés sind schon ganz beschlagen. Genau wie seine Brille, als er an diesem Sonntagnachmittag – wie jeden Sonntag – das Café an der Straßenecke betrat. Heute ist es voller als sonst und an manchen Stellen haben Kinder mit ihren tapsigen Fingern Kringel und andere Schmierereien in das kondensierte Wasser gezeichnet. Das mag er nicht sonderlich. Er bevorzugt es seine Ruhe zu habe. Wenn sich mit dem ersten Schluck Bier, welches ihm lauwarm den Rachen hinunter läuft, seine innere Anspannung löst und sich ein seltenes Wohlgefühl in ihm ausbreitet. Ein Bier trinkt er. Immer. Mehr hält er für nicht angemessen und weniger geht beim besten Willen nicht, da er sich sonst nicht in der Lage sieht mit ihr zu sprechen. Er nippt noch ein weiteres Mal an dem bereits abgestanden Bier und lässt seinen Blick durch den winzigen Raum wandern. Gerade einmal sieben Tische haben entlang der bodentiefen Glasfront Platz. An der Seite hängen schwere Vorhänge, die ein bisschen was von der kalten Luft draußen abschirmen. Normalerweise hat er von dem einzigen Tisch an der Wand – seinem Stammplatz – einen perfekten Blick rüber zur Theke. Denn meistens steht sie dort und schreibt etwas in ein kleines, rotes Notizbuch. Sie fährt mit ihren manikürten Fingern den Ledereinband entlang, zieht den Stift hervor und beginnt zu schreiben. Heute nicht. Heute ist mehr los als sonst und es bleibt keine Zeit für das Notizbuch. Heute schreibt sie zwei Milchkaffee, eine Apfelsaftschorle und zwei Stück Käsekuchen auf einen dieser Kellnerinenblöcke. Dort, wo sonst ihr rotes Notizbuch liegt, stapelt sich nun dreckiges Geschirr. Wenn der Spüljunge es nicht schnell genug in die Küche schafft, raunzt sie etwas Unverständliches und verdreht theatralisch ihre Augen. Der Junge lacht dann. Heute ist alles anders und das passt ihm so gar nicht in den Kram. Denn heute hatte er eigentlich mit ihr sprechen wollen. Die ganze Nacht hatte er wachgelegen und mit Buchstaben jongliert bis daraus halbwegs passable Sätze wurden. Er hatte ja nicht ahnen können, dass das Café heute so gut besucht sein würde. Bestimmt, weil heute nach dem zähen Nebel die Sonne heraus kam. Es ist kalt, aber sonnig geworden gegen Mittag und so haben viele Sonntagasspaziergänger das Café als Einkehr genutzt. Es liegt strategisch günstig zwischen den Park und einem Spielplatz in einem alten, imposanten Eckhaus. Eigentlich ist das Café schon etwas in die Jahre gekommen. Ein miefiger Teppichboden auf dem alte Tische aus massivem Holz stehen. Der Besitzer betreibt das Café schon eine halbe Ewigkeit, noch bevor hier alles hip war, verkaufte er tagein tagaus den selbstgebackenen Kuchen seiner Frau Hedwig. Mehr weiss er über den Besitzer nicht. Und wie er so darüber nachdenkt, fällt ihm auf, dass er ihn schon länger nicht mehr angetroffen hat bei seinen sonntäglichen Cafébesuchen. Jedenfalls, so mutmaßte er muss es an dem Wetter liegen, dass hier heute so viel los ist und die Menschen – ausgezehrt von der Kälte – auf der Suche nach etwas Warmem sind. Denn für gewöhnlich ist hier, etwas abseits des Stadtkerns gerade an Sonntagen wenig los. Es ist kein Café, an dem man einfach so vorbeiläuft. Man muss es schon kennen. Und er kennt es. Gegenüber der langen Glasfront befindet sich das Herzstück des Cafés. Die Kuchentheke reicht vom einen bis zum anderen Ende des kleinen Raumes. Heute schneidet sie im Akkord Stücke aus den ganzen Torten, schiebt sie auf die Teller mit dem goldenen Rand und setzt bei manchen noch eine extra Portion Sahne obendrauf. Er holt tief Luft und versucht das Geplänkel der Kinder zu ignorieren. Seine Sonntage verbringt er seit einigen Wochen immer hier, in diesem Café seit er in das Haus schräg gegenüber eingezogen ist. Er hatte sie eines Abends tränenüberströmt aus dem Café laufen sehen. Sie setzte sich auf den Bordstein und umklammerte dieses kleine, rote Notizbuch. Er überlegt einige Sekunden, zog den Schlüssel wieder aus dem Schloss und ging zu ihr rüber. Warum sie denn weine, fragte er sie nachdem er eine Weile schweigend neben ihr gesessen hatte. „Ich weine nicht, das ist nur der Regen. Kannst du ihn nicht sehen?“, antwortete sie und der Klang ihrer Stimme hatte ihn vom ersten Ton an verzaubert. Er schaute gen Himmel, zögerte einen Moment, weil weit und breit kein einziger Tropfen zu sehen war und antwortete: „Wahrhaftig. Regen“. Eine halbe Ewigkeit saßen sie schweigend nebeneinander in diesem Regen, bis sie einfach aufstand und in der Dunkelheit verschwand. „Komm mich im Café besuchen“ hatte sie noch in die Nacht gerufen. Und so kam es, dass er nun jeden Sonntag in dem alten Café an der Straßenecke verbachte. Sonntags ist ihre Schicht. Der Lohn ist schlecht, aber das Trinkgeld gut – wenn er da nur an sein eigenes dachte. Er weiss nicht einmal ihren Namen, woher sie kommt, wo sie wohnt. Aber seit jenem Abend kommt er jeden Sonntag in dieses Café. Sie begrüßt ihn freundlich, manchmal auch mit einem Lächeln, das ihn bis ins Mark trifft. Er sucht Sonntag für Sonntag nach dem Funken in ihrem Gesicht, der ihm zu verstehen gibt, dass sie ihn wiedererkennt. Wisse, wer er ist. Aber ihr Gesicht bleibt hinter der Freundlichkeit emotionslos. Dann geht sie ihrer Arbeit nach. Und ist zu allen anderen genauso freundlich, wie zu ihm. Das stört ihn, weil er sie für sich allein haben will. Weil er es war, der ihr in jener Nacht beistand. Nachdem sie ihm seine Bestellung an den Tisch gebracht hat, schrieb sie etwas in ihr Notizbuch. Zu gerne hätte er erfahren, was in ihrem Kopf vorgeht, wenn sie gedankenverloren aus den bodentiefen Fenstern schaute, auf die trostlose Straße. Aber er brachte es nicht fertig und konnte nur nervös an seinem Bier nippen.

Heute aber sollte es anders sein. Er hat sich fest vorgenommen, mit ihr zu sprechen. Sie all das zu fragen, was ihm seit jener Nacht den Schlaf raubt. Wie konnte sie so tun, als kenne sie ihn nicht? Sie muss doch wissen, dass er es ist, der jeden Sonntag hier sitzt, um in ihrer Nähe zu sein. Nicht, weil er wollte. Er hatte keine Wahl. Er musste das tun. Mit einem Schwung stellt sie ihm den doppelten Espresso vor die Nase. Er wird ihn brauchen, da er ja die ganze Nacht kaum geschlafen hat. Immer wieder geht er vor seinem geistigen Augen den Text durch, denn er sich so schön hatte zurechtgelegt. Er zieht den Saum des Pullovers über sein Handgelenk und beobachtet sie, wie sie ein Stück Torte auf den Teller hievt. Heute ist ihm hier viel zu viel Trubel, da versteht man ja sein eigenes Wort nicht, dachte er und hält es für besser erst einmal abzuwarten. Auf einen Sonntag hin oder her käme es jetzt schließlich auch nicht mehr an. Stunden vergehen, die ihm wie Minuten vorkommen. Der Espresso ist kalt, die Kinder samt ihrer Eltern sind verschwunden – was bleibt sind die verschmierten Scheiben. Herzchen und Kringel. Als der letzte Gast das Café verlässt, weht ein eisiger Wind unter den Vorhängen hindurch. „Wir schließen um 18.00 Uhr“, ruft sie freundlich in seine Richtung während sie mit einem Küchentuch über die Kaffeemaschine reibt. Er nimmt seine Brille vom Tisch und schiebt sie sich auf die Nase. Jetzt oder nie, denkt er und geht auf sie zu. Im selben Moment kommt der Spüljunge mit einer Zigarette im Mundwinkel aus der Küche und bietet ihr auch eine an. Auf halbem Weg macht er kehrt, greift sich an den Kopf und tut so, als sei ihm gerade etwas Wichtiges eingefallen. Dabei war es ein stechender Schmerz, der ihn durchbohrt, weil ihr Lächeln so unfassbar schön ist, dass es ihm weh tut. Also verlässt er als gebeutelter Krieger das Schlachtfeld und summt leise love is a battlefield.

Gerade als die Türe hinter ihm ins Schloss fällt beginnt es zu regnen. Er amüsiert sich über die kitschige Ironie des Schicksals und überquert die Straße, um nach Hause zu gehen. Als er mitten auf der Straße steht, ruft jene zauberhafte Stimme seinen Namen. Es gefriert ihm das Blut in seinen Adern und er muss die Luft anhalten. Ist das ein Traum? „Stefan, ich wollte dir noch etwas geben“, sagt sie und drückt ihm das kleine, rote Notizbuch in die Hand. „Dachtest du ernsthaft, mir ginge es nicht genauso?“. Und dann lacht sie. Ein schallendes Lachen, das bis ins Mark erschüttert und dessen Echo lange nachhallt. Er bleibt wie angewurzelt stehen und kann bloß wortlos zusehen, wie sie wieder in dem Café verschwindet. Regungslos schaut er auf das rote Notizbuch in seinen Händen und kann es nicht fassen. In diesem Moment kommt ein Lastwagen in einem Affenzahn um die Ecke gebogen. Erst wird es ganz hell und dann ganz warm.Das Notizbuch hat er fest an sich gedrückt, in Höhe seines Herzens, als man ihn findet.

 

© themagnoliablossom

Apfel. Kern.

Prosa

Manchmal zähle ich die Karos auf meiner Bettwäsche. Einhundertdreiundsechzig. Ohne das Kissen. Ich weiss nicht, ob dabei mittlerweile Monate oder Jahre vergangen sind. Wenn ich unten angelangt bin, fange ich oben wieder an. Das Leben ist ja so. Es geht immer weiter. Irgendwie. Dieses Irgendwie hat nur noch niemand so richtig definiert. Was relativ doof ist, weil es ja genau darauf ankommt.

Durch das geöffnete Fenster weht ein eisiger Wind. Ich sauge die klare Luft förmlich in mich hinein. Als ob sie die Fähigkeit besäße, mich zu reinigen. Zu befreien. Von dem Ballast. In mir. Als ob ich all das mit einem Atemzug loswerden könnte. Ein irrer Gedanke. Alles bleibt. Und ein Stechen in der Lunge gibt´s obendrauf. Gratis.

Die Sache ist ja die, dass sich die Welt immer weiter dreht und es immer wieder eine neue Zukunft gibt. Zukunft – das ist das, was in meinem Kopf passiert während ich die Karos zähle. Es ist ein schlechter Remix deines Lieblingssongs. Der letzte Schluck Kaffee, der immer kalt ist. Und die Tatsache, dass die Bolognese das einzige ist, was aufgewärmt irgendwie besser schmeckt. Ich weiss das. Natürlich. Aber es ist der Gaumenkitzel, der süße Nachgeschmack dieser Droge namens Realitätsflucht. Es sind jene Momente oder Jahre, in denen ich Karos zähle und dem Stechen in der Lunge ein wohliges Gefühl weicht. Ein Gefühl in dem alles möglich ist. Früher haben wir immer geglaubt, uns wüchse ein Apfelbaum im Bauch, wenn wir versehentlich einen Kern verschluckt haben. Stundenlang haben wir nichts getrunken, in dem irrwitzigen Glauben, dem Sprössling damit den Garaus zu machen. Heute trinken wir tagelang, um alles aus uns heraus zu spülen und wünschen uns eine weiße Leinwand auf die wir all unsere Sehnsüchte projizieren können.

Und trunken von all den Visionen, wächst manchmal aus einem Apfelkern eben doch ein Baum.

 

© themagnoliablossom

Still.

Prosa

Mit dem ersten Schnee ist alles anders. Plötzlich und ohne Vorwarnung. Ein weißer Schleier legt sich schützend über die klaffende Wunde. Purpurne Tropfen auf reinem Weiß. Doch mein Körper ist nicht bereit für diese Kälte. Nicht die trockene Kälte, die zuweilen noch aushaltbar wäre, sondern diese fiese, nasse Kälte, die dir bis ins Mark zieht.

Die Armada von Kriegern, die vor ein paar Wochen noch so unaufhaltsam gekämpft hat, beugt sich der Kraft des Winters. Was vor ein paar Wochen noch laut und umtriebig war, ist nun still. In sich ruhend. Der Regen fällt prasselnd auf die Erde, doch der Schnee lautlos. Der Winter ist pur, ehrlich. Gnadenlos. Du hast den Regen nie gesehen, immer nur den Regenbogen. Aber jetzt schneit es und du bist nicht hier. Das Gras, das im Sommer ohnehin nie über die Sache wächst – der Schnee soll´s nun richten. Puderzuckerfein.

 

Doch da ist etwas, das nicht bedeckt werden möchte. Weder mit Gras noch mit Schnee und schon gar nicht im Regen ertränkt werden möchte. Da ist etwas von dir, ein Sinnbild, eine Illusion. Ein Funken einer romantisierten Vorstellung. Ich bin mir nicht sicher, ob sie diesen Winter überdauernd wird. Viele Winter hat sie schon standgehalten. Nahezu getrotzt. Gestrotzt. Vor Kraft. Immer und immer wieder. Im Sommer in den letzten Windungen des Gehirns versteckt und mit eiskaltem Bier aus dem Herzen gespült. Nur, um im Herbst wieder Einzug zu halten. Wie ein Nomade ziehst du von Ort zu Ort von Herz zu Kopf und wieder zurück. Der kühle Herbstwind stärkt dir den Rücken. Und plötzlich ist Winter und alle reden über das Wetter, aber der Winter – das bist du. Ein Gefühl, links in der Brust. Es schneit und ich atme Wolken in die eisige Nacht, die sich mit deinen vermischen. Zwei Welten unter einem Firmament. Kalter Atem aus noch kälteren Kehlen. Das Blut in den Adern gefriert. Hände, die sich nicht suchen, aber finden. Zögerlich, tastend nach Restwärme in lodernder Glut.

 

© themagnoliablossom