Quarantäne.

Prosa

Du platzt einfach so in meine Träume. Herein. Manchmal auch mitten am Tag. Mir nichts dir nichts. Schleichst du dich in meinen Körper und trampelst die zarten Pflänzchen, die auf den ausgetretenen Pfaden wachsen, nieder. Manchmal ist es bloß ein Duftmolekül, das durch meine Nase seinen Weg in mein Herz findet, weil die Filterfunktion im Gehirn nicht richtig funktioniert. Ein, zwei Takte dieses Songs – klammheimlich in den Ohrhärchen verfangen. Manchmal ist auch einfach nur ein irrwitziger Gedankenfetzen, der sich aus der Quarantäne heraus in aktive Gehirnareale verirrt.

Und manchmal ist es einfach ein bisschen zu viel von all dem.  Auf einmal. Denn die Sache ist ja die, dass von außen betrachtet, die Hülle makellos scheint. Und der Lidstrich perfekt ist. So perfekt er mit zittriger Hand eben gezogen werden kann. Aber innen, meine Lieber, so ganz tief innendrin – da sieht es aus wie ein zerfetztes Kissen. Bloß, dass es mein Herz war, das in tausend und abertausend Splitter zerbrochen ist.  Der reißende Fluss aus meinen Augen hat die spitzen Kanten mit der Zeit abgemildert. Und tatsächlich tut es auch gar nicht mehr weh. Vielleicht, weil alle Tränen aufgebraucht sind, oder ich abgestumpft. Wie die Messer in der Küchenschublade, die du immer mal schleifen wolltest.  Ich schaue aus dem Fenster und sehe die Menschen draußen in der Sonne. Lachend. Mit ihren runden Sonnenbrillen auf der Nase. Ich friere ein bisschen und halte mir meine Kaffeetasse ans Ohr, damit ich das Meer rauschen höre doch alles was ich bekomme ist Salzwasser.

Vielleicht bräuchte es einen Ozean Süßwasser, um die scharfkantigen Splitter in Kieselsteine und dann, irgendwann in weichen Sand zu verwandeln. Sand, der mir dann einfach so durch die Hände gleitet und vom Winde verweht wird. Vielleicht ist das auch so.

 

© Julia

 

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Du bist so anders.

Kolumnen

Gründe Angst zu haben, gibt es viele. Manche Menschen verspüren ein beklemmendes Gefühl, wenn sie ihr Smartphone zu Hause vergessen. So manch einer soll schon auf die Idee gekommen sein, tatsächlich etwas zu arbeiten, vor lauter Langeweile. Andere haben vor Feiertagen Angst und kaufen – just in case – mal den halben Supermarkt leer. Und wäre das nicht so trostlos, käme man aus dem Lachen ja gar nicht mehr heraus. Wieder andere haben Angst um ihr Leben. Was wirklich schlimm ist. Damit meine ich nicht nur ganz aktuell die Flüchtlinge, die zuweilen in Deutschland stranden, sondern auch die Menschen hier, die Angst um ihr Kulturerbe und ihr Land haben. Die Angst sitzt tief. Gefährlicherweise entsteht diese Urangst in einem primitiven Teil des Gehirns, das keinen Hochschulabschluss hat, erklärt Borwin Bandelow, Angstforscher an der Universität Göttingen, und diese Ängste lassen sich nur schwer durch die intelligenteren Teile des Gehirns steuern. Es ist die Angst vor dem Ungewissen, dem Fremden. Es ist die Angst, nicht zu wissen was auf einen zukommt. Wie man sich fühlen könnte oder gar handeln sollte. Diese Fremdenangst entsteht aus einer Mischung aus Urängsten und rationalen Überlegungen, manifestiert Bandelow.

Individualität, my ass!

Aus dieser Ungewissheit heraus entstehen Vorurteile. „Die sind so“. Die Deutschen, die Briten, die Männer, die Frauen. Genauso wenig sind die so, wie alle Deutschen Tracht tragen. Ich lebe zwar in Bayern und hier tragen wirklich viele Menschen auch jenseits der Wiesn Drindl und Lederhosn, dennoch ist das keine Allegorie für ein gesamtes Land. Wir urteilen (vor-)schnell über Menschen. Über deren Lebensweise oder deren Aussehen. Alles, was nicht in unser selbstoptimiertes Bild passt, wird als Resonanzkörper ausgeschlossen. Warum? Bei Treffen im Freundeskreis spalten sich die Lager schnell. Egal, ob Feminismus (Geeezus!), die Rolle Griechenlands oder ganz aktuell bei dem Thema Flüchtlinge. Ja, selbst Helmut Schmidt polarisiert(e). Man ist entweder dafür oder dagegen. Es scheint nur entweder oder zu geben. Pro oder contra. Schwarz oder weiss. Dabei ist grau doch auch schön. Oder bunt.

Ich habe da eine Allergie.

Irgendwie haben wir eine Allergie gegen alles Andersartige entwickelt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, jaja. Der Schweinehund ist aber immer nur so groß, wie die Disziplin klein ist. Oder? Wir handeln nach bestimmten Verhaltensmustern, die wir irgendwann einmal erlernt haben. Das mag zum einen vielleicht kulturelles Erbe sein, oft ist es aber konditioniertes Verhalten und in vielem machen wir es uns auch schlichtweg zu einfach. Meine Freundin A. hat glasklare Vorstellungen von ihrem Traummann. Groß muss er sein („unter 1,83 m geht da nix“), dunkle Haare muss er haben und Tattoos. Eh klar. Wer im Glashaus sitzt… Es gab da mal einen kleineren, blonden. Der war ziemlich nett, fand ich. Sie hat ihn mit beharrlicher Vehemenz ignoriert. Der Arme…

„Lieber leben wir in unserer perfekten Traumwelt – ein Konstrukt aus Sehnsucht und Realitätsflucht – und warten auf die Traumprinzessin oder den Traumprinzen“

Wir folgen immer wieder unseren Mustern und Verhaltensweisen und meinen, wenn wir uns auf einen bestimmten Typ Mensch beschränken, kann alles nur gut werden. Denn den kennen wir. Da wissen wir, was auf uns zukommt. Wissen, wie wir agieren können. Zwar ist nicht alles super toll, aber zumindest auch nicht super scheisse. Dabei machen wir uns häufig selbst was vor. Den Typ gibt es nicht. Wir schaffen es nur selten, über den Tellerrand hinauszuschauen und neue Wege zu gehen. Die ersten Spuren im Schnee – war das als Kind nicht das Allerschönste? Jetzt, als Erwachsene verlassen wir die ausgetretenen Pfade nur selten. Wenn sich doch mal einer wagt, zeigen wir mit dem Finger auf ihn, als sei er ein Aussätziger. Ein Andersartiger. Sind wir überhaupt noch fähig, die Vielfalt und ihre unerschöpfliche Inspiration zu erkennen? Ich finde, wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, nur akzeptiert und anerkannt zu sein, wenn man möglichst gleich, ähnlich oder angepasst ist. Die herbe Enttäuschung kommt nämlich oftmals dann, wenn man erkennt, dass die, die zunächst so ähnlich erscheinen so komplett anders sind. Sind wir doch ein bisschen großzügiger. Mit uns selbst, aber vor allem auch mit anderen und deren Anderssein. Empathie statt Egoismus.

Ein Konstrukt aus Sehnsucht und Realitätsflucht. Aber was ist mit dem Herz auf dem OP-Tisch?

Auf Instagram haben diejenigen die meisten Follower, die tagtäglich massenkonformes, perfekt editiertes Bildmaterial hochladen. Individualität? Fehlanzeige! Identifizieren wir uns nur (noch) mit Clowns unser Selbst? Sind wir zu kleinen Narzissten geworden, die keine Götter neben sich dulden? Wir sind geizig und das nicht nur mit unseren Gefühlen, sondern auch mit dem Interesse an Anderen. Ziehen uns lieber in unhaltbare Mingle-Ringle*- Amusements zurück, anstatt mal richtig blank zu ziehen. Das nackte Herz auf den kalten OP-Tisch legen. Da darf dann schon mal Blut fließen. Lieber leben wir in unserer perfekten Traumwelt – ein Konstrukt aus Sehnsucht und Realitätsflucht – und warten auf die Traumprinzessin oder den Traumprinzen. Den es so per se wahrscheinlich nur in unserem Kopf gibt. Manchmal wissen wir das auch. Insgeheim. Können aber trotzdem nicht anders. Vielleicht ein bisschen aus (Selbst-) Schutz für das Organ links in der Brust. Und aus Gründen. Und manchmal, macht uns das ganz schön einsam. Würden wir einfach einmal die Scheuklappen abnehmen und links und rechts am Wegesrand ein bisschen grasen, anstatt nur vorbei zu galoppieren, würden wir in vielen Fröschen einen Prinzen oder gar eine Prinzessin erkennen. Vielleicht muss man einfach mal mehr innehalten, mehr den Bauch entscheiden lassen als sich ständig von diesem Kopf, der eh immer alles besser weiss, reinpfuschen zu lassen. Vielleicht wären und sind wir dann vor allem eines: Glücklich. Und bunt. Jawohl.

 

 

© themagnoliablossom

 

*Ringle: Jmd., der zu hohe Erwartungen an die (romantische) Liebe hat und deshalb Single ist.

 

 

 

Der Bügler.

Prosa

Sanft gleitet das Bügeleisen über den Kragen meiner Bluse. Wie von Zauberhand verschwinden die winzigen Knitterfältchen. Das heiße Eisen kuriert das Schleudertrauma, das das Stück Stoff erlitten hat. Manchmal vergesse ich es nämlich in der Waschmaschine. Dann liegt das da ein paar Stunden oder manchmal auch Tage. Nass, zerknittert, zurückgelassen. Einsam und vergessen. Ein elendes Dasein.

Und dann kommt da jemand und gibt ihm ein klitzekleines bisschen Wärme, streicht behutsam über die Ecken und Kanten. Die Anspannung löst sich, die knittrige Oberfläche wird wieder ganz eben und glatt. Das wollen wir doch, oder? Dass alles ebenmäßig ist. Makellos. Nahezu perfekt. Du bist es. Aber nur an der Oberfläche und auch nur fast. Wenn man hier und da ein bisschen kratzt und es dazuhin noch regnet, dann bröckelt sie ganz schön, die Fassade. Aber irgendwie ist da immer jemand, der hinter dir herläuft und die Splitter aufsammelt, die du hinterlässt und sie auf wundersame Weise wieder zusammenflickt. Eine knarzige Oberfläche, ein vages Gerüst, gebaut aus Bruchstücken. Du weisst das, aber du bist ein guter Bügler. Denn deine Oberfläche erstrahlt immer in dieser schrecklich schönen Ebenmäßigkeit, die mir zuweilen Angst bereitet. Denn ich kann mir nicht einmal die Nägel lackieren, ohne zu patzen.

Genau das gefiel dir. Dass der Pinsel immer einen Hauch neben der Spur war, kaum merklich, aber wahr. Keine Geduld, dem Lack die Zeit zu geben, die er für einen perfekten Auftrag benötigt hätte. Immer direkt aus der Mitte, links. Das Herz schneller als der Verstand, hast du immer gesagt. Das kann sehr schön sein. Aber auch sehr gefährlich. Das weiss ich. Du warst der Meinung, dass mir diese Nuance an Unbeholfenheit etwas Ehrliches, Authentisches verlieh. Eine gewisse Grazie, die dir den Verstand raubte.

Ich frage mich, ob jemand dessen Oberfläche immer so fürchterlich glatt ist, das überhaupt beurteilen kann. Die Knoten und die Windungen. Verwoben. Miteinander. Verknotet. Verworren. Ganz tief, innendrin. Aber wenn du sagst, dass du bei mir und mit mir du sein kannst, ist es das, was mich ein bisschen stolz macht. Wenn meine Imperfektion auf dich abfärbt, dich weich zeichnet, deine Konturen verwischt, die Grenzen auflöst, uns verbindet und du als verknotetes Etwas vor mir stehst. Ganz pur, nur du. Nackt. Das faltenfreie Korsett abgestreift und feinsäuberlich auf einen Kleiderbügel gehängt. So willst du sein, aber du kannst es nicht. Nur mit mir, an deiner Hand. Wieso bist du hier und ich dort. Fort. Über den Bergen. Nicht bei den sieben Zwergen. Ich beiße in den (sauren) Apfel und er bleibt mir im Halse stecken. Manchmal nimmst du mir die Luft zum Atmen, weisst du das? Immer findest du einen Weg in mein Labyrinth aus wirren Gedanken. Nistest dich ein, für Tage, manchmal auch Wochen. Ziehst die Fäden ein bisschen enger, nur um dir dann dein gebügeltes Hemd von der Stange zu nehmen und deinen geschundenen Körper in diese unerträgliche Perfektion zu hüllen.

Deine Augen sehen so traurig aus, wenn sich unsere Hände in Zeitlupe voneinander lösen. Wenn du zurück in deine Welt kehrst, in deinen goldenen Käfig. Dann sitze ich vor der Wachmaschine und schaue dem Stück Stoff hinter dem Bullauge zu. Ich sehe seelenruhig zu, wie es ein Schleudertrauma erleidet. Und nass und zerknittert in den Schaumresten liegen bliebt. Ein elendes Dasein.

Und manchmal sitze ich da und frage mich, wie ich bloß all die Falten und Knitter aus meiner Bluse bekommen soll. Denn ich besitze gar kein Bügeleisen.

 

© Julia

Der Super-Gau.

Inspiration

Müde nippe ich an meinem Kaffee. Schwarz mag ich ihn nicht. Nur, wenn es Espresso ist. Aber das ist ja etwas völlig anderes. Ein kleiner Schuss von der weißen Milch. Ein mini Atompilz in meiner Tasse. Ein Super-Gau. Ehe sich schwarz und weiß zu braun vermischt. Etwas derart Gegensätzliches nimmt auf einmal gar harmonische Züge an. Behutsam lasse ich den Löffel in meiner Tasse kreisen und nehme einen zweiten Schluck. Wenn man ganz genau hinsieht, könnte man sogar ein Lächeln auf meinem Gesicht erahnen. Schmeckt es doch nun gar nicht mehr so bitter. Jetzt, da schwarz und weiß eins sind.

Eine perfekte Emulsion.

 

 

© themagnoliablossom