Flamingo.

Prosa

Du schiebst mich unsanft unter das Vordach und drückst meine Hände gegen die Hauswand. Ich kann deinen Atem riechen und deinen Herzschlag fühlen. Es sind nur Millimeter zwischen uns. Die Luft ist so unfassbar heiß, dass die Regentropfen auf unserer Haut verpuffen. Wenn es blitzt, sehe ich für einen kurzen Moment das Funkeln in deinen Augen. Beim Donner zucke ich zusammen und du drückst meine Hände ein bisschen fester. Ich nehme an, du tust das, um mich zu beschützen aber mich muss man nicht beschützen.

Es war nur ein Blick und ein kurzes Hallo. Dahin gesagt. Fast gerotzt. Kurz. Angebunden. Sowieso. Immer. Big Business. Deine Zuneigung getarnt als Ablehnung. Es sind Augenpaare, die sich immer wieder suchen und finden. Zwischen all den schönen Menschen in noch schöneren Kleidern. Wie Flamingos stehen sie da und klammern sich an ihren Drinks fest. Ein angenehmer Geräuschteppich wabert über die Terrasse. Die Big Band beginnt zu spielen, ich lehne mich an das Geländer, nippe an meinem Weißwein und spüre wie sich Entspannung in mir ausbreitet. Du läufst zufällig an mir vorbei und beachtetest mich zufällig nicht. Die Entspannung wandelt sich in eine angenehme Spannung, die – in Kombination mit dem Wein ein süßes Kribbeln im Bauch verursacht. Es ist dieses alte, abgedroschene Spiel, das ich so sehr hasse und liebe zugleich. Es ist dieses fürchterliche Balzgehabe, zu dem mein Kopf nein, aber mein Körper ja sagt.

Ich stehe an der Bar und bestelle mir einen Drink. Ein Windhauch streicht mir über den Rücken und ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass du hinter mir stehst. Ein bisschen Small Talk mit all den Flamingos. Eine zufällige Berührung  hier und da, einmal zu lange ausatmen. In meinen Nacken. Gänsehaut trotz der Hitze. Wir wollen alleine zu zweit sein. Und noch nie kam ein Gewitter zu einem besseren Zeitpunkt. Während die Flamingos unter Geschrei herumstaksen wie aufgescheuchte Hühner nimmst du meine Hand. „Los. Lauf“, sagst du und ehe ich begreife was ich tue, rennen wir Hand in Hand durch den Sommerregen.

Und nun stehen wir unter diesem Vordach. Klitschnass. Durchgeweicht. Bis ins Herz. Vielleicht war es die laue Sommernacht, die uns entfesselte. Vielleicht war es auch einfach nur der Wein. Aber in diesem Kuss entlädt sich alles, was jemals elektrische Ladung besessen hat. Du drückst deinen schweren, nassen Körper auf mich während deine Zunge sanft über meine Oberlippe fährt. Es geht um nichts außer diesem Kuss, der sich mit dem mächtigen Gewitter battelt. Laut und leise. Hell und Dunkel. Sanft und hart. Direkt über uns. Hier. Und jetzt. Unserer eigener Stromkreislauf.

 

© themagnoliablossom

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Geek Freak.

Prosa

Mit einem leichten Kribbeln im Bauch laufe ich die dunkle Gasse entlang. Der Herbst kommt immer so plötzlich und ich ziehe den Schal etwas fester um meinen Hals, um dem bissigen Wind zu trotzen. Am Ende der Straße gibt es diese kleine Bar, in der wir uns um 21 Uhr treffen. Ich bin spät dran und durch die Scheiben sehe ich dich im schummrigen Licht an der Theke sitzen. Du schenkst mir ein Lächeln, als du mich bemerkst. Dein schwarzer Pullover sitzt perfekt und deine Schuhe sind irgendwie cool. Du siehst jünger aus, als du bist. Mit Betreten der Bar taucht man in eine gänzlich andere Welt ein. Jegliche Formen von Anstand und Moral werden an der Türe abgegeben. An die Garderobe gehängt. Wenn man Glück hat, hängen sie am nächsten Morgen noch da und man kann sie wieder mitnehmen. Ich weiss das und du weisst das. Aber heute ist ja nicht morgen und morgen ist heute schon gestern. Wir trinken Gin mit allerlei fancy Sachen und du erklärst mir die Welt. Deine Welt. Heute hier, morgen da. Überall. Rastlos. Am Limit. Vielleicht rennst du vor dem davon, was zu Hause auf dich wartet. Weil du es nicht aushalten kannst. Es ist dieses altbekannte Spiel. Mit dem Reiz. Der Macht. Der Versuchung. Und überhaupt bereust du nur die Dinge, die du nicht getan hast. Das Leben sei viel zu kurz, sagst du. Und ich bin süchtig nach diesem Spiel.

Für einen kurzen Moment, wenn sich das Licht der Kerze in dem Ring an deiner Hand spiegelt, entsinne ich mich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Beim zweiten Mal ist es dunkler. Wie mein Nagellack, der beim zweiten Auftrag fast schwarz wird. Geek freak. Auch noch.

Aber was sind schon moralische Ansprüche, heruntergespült mit etlichen Drinks. Verwässert. Dünn und aufgeweicht. Nahezu nicht existent. Mit einer solchen Selbstgefälligkeit sagst du, dass man sehr wohl alles haben kann. Und ich hasse dich für diese Arroganz. Aber ich mache mich zum Mittäter, wenn ich dich in diesem dunklen Hauseingang küsse, der nicht einmal meiner ist.

Ich will aufstehen und meine Moral an der Garderobe abholen. Aber mir ist schlecht. Das letzte Bier ist schlecht. Immer. Und du bist es auch.

© themagnoliablossom