London Calling.

Inspiration, Lifestyle

Ich schiebe meinen Koffer umständlich das Gate entlang. Diese ebenerdigen Rolltreppen waren noch nie meins. Am Ende des unterirdischen Gangs gibt es drei Aufzüge zu vier Plattformen. Abgesehen von dem Sandwich im Flugzeug hatte ich nichts gegessen und mir ist etwas flau im Magen. Es ist ja nicht so, dass ich noch nie alleine geflogen wäre. Irgendwohin. Nicht auf die Nase. Das nämlich schon öfter.

Es ertönt ein lauter Gong. Platform Three. Weil alle aussteigen, steige ich auch aus. Obwohl der Weg zur Quelle ja immer gegen den Strom führt, laufe ich der Masse nach. Am Ende gibt es zwei Gleise für zwei Züge. Einer, der aus der Stadt rausführt und der andere, der die Menschen in die Stadt transportiert. Das mag ich an England. Dieses uralte U-Bahn-System. Für jemanden, der trotz Navigationsgerät in die falsche Richtung (immer!) läuft, ist das sehr angenehm.

Als ich mir ein Ticket kaufen möchte, spricht mich eine ältere Dame an, die locker als Queen Elisabeth hätte durch gehen können. „Möchten Sie in die Stadt fahren, junge Dame?“. Ich übersetzte das you als Sie wobei es getrost ein Du hätte sein könnte, so nett und vertraut wie das aus ihrem Mund klingt. Ich entscheide mich aber bewusst für Sie, weil alles andere nicht Queen-Elisabeth-Style gewesen wäre. Ich nicke also heftig und bekomme ein Ticket in die Hand gedrückt. „Das ist ein Tagesticket. Damit können Sie noch den ganzen Tag fahren. Ich fliege jetzt nämlich nach Paris und werde es nicht mehr brauchen“. Oh, das ist aber nett, sage ich und freue mich wie ein Schnitzel. Sowieso sind hier alle so nett. Wobei nett im Vergleich zu lovely nur verlieren kann. Aber liebreizend oder herzallerliebst sagt ja heutzutage kein Mensch mehr. Schade, eigentlich, denke ich. Wir plaudern noch ein Weilchen und wünschen uns dann gegenseitig einen lovely day. Entgegen aller Oberflächlichkeit war diese Begegnung tatsächlich lovely. Ich passiere das Drehkreuz und spüre ein leichtes Bauchkribbeln.

Der Zug rattert aus dem Tunnel heraus und ich muss meine Augen etwas zusammenkneifen, weil die Sonne zwischen den Bäumen direkt in mein Gesicht scheint. Dahinter diese typischen, englischen Reihenhäuser. Manche mit winzigen Dachterrassen und ganz viel Grün. Ich nehme die Kopfhörer aus dem Ohr und bin einfach nur glücklich.

Da konnte ich ja noch nicht ahnen, wie sehr ich mich verlieben würde. Ganz nach dem Motto, 1000 mal berührt und nix passiert. 1001 mal und es zoom gemacht. Und wie.

 

| Sommersethouse

Nur wenige Gehminuten von dem umtriebigen The Strand zwischen One Aldwych und Waterloo Bridge verbirgt diese kleine Oase der Ruhe. Und Strand hat hier nichts mit Sand und Palmen zutun, sondern bezeichnet den Straßenabschnitt, der die City of London mit Westminster verbindet. Die typisch roten Doppeldeckerbusse reihen sich geduldig zwischen den Black Cabs ein (Übrigens: immer ein Black Cab heran winken, die sind nicht nur schöner, sondern auch die offiziellen Taxis mit Lizenz). Mit zahlreichen Geschäften und Hotels herrscht hier eine bunte Mischung aus Touristen, Geschäftsleuten und Obdachlosen. Die neben den stoisch dreinblickenden Butler vor den Luxushotels ein skurriles (Stadt-) Bild abgeben.

Zugegeben, den Eingang zum Innenhof des Sommersethouse muss man ein bisschen suchen. Schon beim Betreten des dunklen Gangs erschleicht einem das Gefühl von Ruhe und der Lärm der Stadt rückt mit jedem Schritt mehr in die Ferne.

Hier scheint die Sonne im Frühling und Herbst besonders lange, sodass man auch zu späterer Stunde noch ein paar Strahlen (für den typisch englischen Glow, den hier alle haben – jeglichem blass oder krebsrot Klischee zum Trotz) einfangen kann. Vielleicht liegt das aber auch an der sympathischen Art des Daydrinkings. Well…

Tipp: Sich vom hübschen Barista im Fernandez & Wells einen vorzüglichen Flat White zaubern lassen und in Ruhe Leute gucken. Man darf sich dabei gerne wie Keira Knightley fühlen, die sich hier als Herzogin von Ralph Finnes hat küssen lassen. Perfekte (Film-) Kulisse. Bei Regen unbedingt in die kleine, aber feine Buchhandlung nebenan gehen und sich inspirieren lassen und ein paar Mitbringsel besorgen.

Inspiration ist ein gutes Stichwort: Das Sommersethouse ist Zentrum für Bildende Künste und es gibt immer wechselnde Ausstellungen. Was natürlich auch entsprechend stylische Menschen magisch anzieht. Wer sich den kreativen Londoner Style abgucken will, dann hier.

Im Ostflügel des Gebäudes residiert das Kings College, d. h. Man kann wunderbar Cool Kids beobachten.

 

| Theatres / The long list

London ist für seine umfangreiche Theaterlandschaft bekannt. Von klassisch bis modern bis hin zu Indie-Produktionen ist alles dabei. Kunst und Kultur können sie, die Briten.

Wer bei Theater an schicki-mickie und das Kleine Schwarze denkt, irrt. Der Engländer nimmt den Ausdruck come as you are in diesem Fall wortwörtlich. Jeans, T-Shirt und die Tüte mit der Shopping-Ausbeute. Den Sprakling Rosé bestellt man per App und lässt ihn sich in der Pause an den Platz bringen #smart. Die Stimmung steigt, es wird angefeuert und mitgesungen. Go, Girl. So ganz anders als bei einem typischen Theaterabend in Deutschland. Das hat mir sehr gut gefallen. Dieses Involvement. Und überhaupt.

The Savoy Theatre, Prince Edward, Apollo, Royal Albert Hall – die Liste der Theaterlandschaft in London ist lang.

Das Savoy ist das prestigereichste und opulenteste Hotel Londons. Nur ein paar (viele) Treppenstufen unter der Erde in Richtung Flussbett der Themse befindet sich das kleine, feine Theater mit roten Samtsesseln und einer winzigen Empore. Auf dem Weg zur Toilette kann man sich hier schon mal verirren, so verwinkelt sind die unterirdischen Gänge.

 

Viele Restaurants bieten zudem günstige Pre- and After Theatre Menüs an. Einfach mal gucken.

Fun Fact: Der Court des Savoy ist der einzige Platz in ganz England, wo auf der rechten Seite gefahren wird – damit die Black Tabs bequem wenden können, sagt man. Außerdem wurde der Eisbecher Pfirsich Melba in einer der sieben Küchen des Savoys erfunden.

Tipp: Nach der Vorstellung den offiziell-inoffiziellen Hinterausgang (am Themse-Ufer) nehmen und mit den Darstellern ein Pläuschchen halten. Herrlich nahbar. Und Small Talk auf eine schöne Art.

 

| Tea Time 

Dieser Five O´Clock Tee ist eine feine Sache, wenn zwischen dem feudalen full English Breakfast (nach dem man eigentlich für fünf Tage und drei Bergwanderungen satt ist) und dem Bagel zum Lunch doch noch ein Hüngerchen vor dem Dinner aufkommt.

Ofenwarme Scones, die beim Auseinanderbrechen herrlich dampfen und nach frischer Hefe duften. Einen (großen!) Klecks Clotted Cream und Marmelade drauf. Himmlisch. Beim Tee verstehen die Engländer allerdings keinen Spaß. Am besten vom Kellner (Tee Sommelier) beraten lassen. Ein Tradition, an die ich mich gewöhnen könnte.

Wer´s etwas opulenter mag bestellt einen kompletten Afternoon Tea z. B. Brasserie Max / Covent Garden Hotel. Und bekommt wirklich alles, was das Herz begehrt. Von süß bis herzhaft inklusive einem Glas Champagner. Das Lächeln des Kellners gibt´s gratis. ca. 28,- p. P.

Mit der Picadilly Line bis Covent Garden fahren und die Treppen zur Oberfläche nehmen. Dann geht das auch mit den Scones klar. Diese Station ist die älteste in London und genau 193 Stufen führen über eine steile Wendeltreppe an die Oberfläche (das entspricht 15 Stockwerken). Nicht umsonst steht der Hinweis, die Treppe nur im Notfall zu benutzen.

Der Aufzug wurde erst nachträglich gebaut. Achtung: Ticket schon im Aufzug bereit halten. Es geht quasi nahtlos zu den Drehkreuzen.

 

| Covent Garden 

Die bereits im 17. Jahrhundert gegründeten Hallen mit dem schönen Glasdach, die an einen alten Bahnhof erinnern, bieten alles was das Herz begehrt und sind mehr als Instagram tauglich. Hier geben sich Chanel und Laudrée die Klinke in die Hand, an machen Tagen gibt es auf dem Trödelmarkt tolle Einzelstücke zu entdecken.

Zur Stärkung: Ein Walnussbrot mit Avocado bei Le Pain Qotidienne oder einen Burger bei Shake Shake essen.

Tipp: Covent Garden ist der einzige Ort in London, auf dem Straßenkunst erlaubt ist. Am Wochenende geben Singer-Songwriter (und Musikstudenten) auf der Piazza Konzerte und sorgen für Gänsehautfeeling.

Unbedingt auch die kleinen Straßen rund um Covent Garden erkunden. Wegen: Sehr schön. Und weniger touristisch.

In der Floralstreet ein Kanelbuar (Cinnamon Bun) bei Bageriet essen – so zuckersüß wie der (schwedische) Barista. #forreal

Wer eher auf (Nah-) Verkehr steht, sollte einen Blick in das London Transport Museum werfen, welches sich direkt neben den Markthallen befindet.

 

| SOHO 

Zwischen Hipstern und Bürohengsten herrscht hier tatsächlich ein bisschen mutlikulturelles New York Feeling.

Mittwoch bis Freitag gibt es den Food Markt Street Food Union in der Ruper Street. Von Kimchi über Burritos, Falafel und Burger gibt es es hier vor allem eines: Fast nur Einheimische.

Tipp: Das Lieblingsessen einpacken und in den gegenüberliegenden St. Anne´s Churchyard Garden ins Gras setzten. Glücklich sein.

Fun Fact: Soho der Schauplatz der Dreigroschenoper von Bertold Brecht.

Weiter geht’s über die Brewer und Beak Street auf die Carnaby Street. Metzger und Brauer findet man hier mittlerweile eher keiner mehr, Bier hingegen schon. Nämlich in den vielen, winzigen und mega sympathischen Pubs.

Nach dem Bier ist vor dem Frühstück. Nach dem obligatorischen Foto des Welcome-to-Carnaby-Street im Kingly Court eine Acai Bowl essen oder beim Yoga entspannen. Wer´s deftiger mag. Gute Steaks gibts bei Flat Iron.

Nach ein paar Gehminuten über die Great Malborough Street – und das hat nichts mit Zigaretten zu tun. Sehr wohl aber mit Freiheit, die man an der Ecke Kingly Street / Little Marlborough Street erreicht. Das wunderschöne Fachwerkhaus beherbergt das Kaufhaus Liberty. Harrods kann ja jeder. Außerdem kann man hier auf knarrenden, alten Wendeltreppen wunderbar Windowshopping betreiben und sich ein bisschen wie Carrie fühlen. Im 2. Stock gibt es ein kleines, verstecktes Café. Ich empfehle: Augen zu, Karte durch.

 

| Monmouth Street / Seven Dials

Diese kleine, feine Straße ist so typisch urig englisch mit all den Black Cabs, den Barber Shops und den kleinen Boutiquen, das es fast schon ein bisschen Pariser Flair hat. Im Norden durch die Shaftesbury Avenue und im Süden durch Shelton- und Towerstreet begrenzt und wo sich Mercer-  und Earlham Street kreuzen, befindet man sich im Herzen des sogenannte Seven Dials. Und das ist der Ort, wo die Magic passiert. Aufführungen im Cambridge Theatre, Portugiesische Spezialitäten naschen, Shoppen (z. B. Club Monaco oder Pop Boutique, Vintage von 1950 – 1990), Coco de Mer #sexytime. Gucken, Stauen und nachmittags (!) ein Pint im Crown & Anchor trinken.

Bei Rococo Chocolates was für die Lieben daheim mitnehmen. Oder besser gleich selbst essen. Eine wahre Freude ist auch das Freud Café. Und schön ist es auch hier.

 | St. James Park

Weil Hyde Park einfach jeder kann. Der kleine Bruder aber mindestens genau so schön ist. Den Eingang über die Downing Street nehmen und noch bisschen Kultur gucken. Mit einem Eis in der Hand die Enten füttern (nicht!) und am See entlang Richtung Norden laufen – so kommt man am Institute of Contemporay Art vorbei und kann am am Trafalgar Square (neben ganz viel Verkehr) auch noch The National Gallery besuchen.

 

| Neil´s Yard

Es gibt Orte, die schreien ganz laut. Hier! Jetzt! Mach ein Foto! Weil man das bereits in diversen Magazinen gelesen hat oder auf Instagram gesehen hat. Und dann gibt es Neil´s Yard. Der genau das tut, aber auf so eine zauberhafte Art und Weise. Weil man gar nicht anders kann, wenn man durch die dunkle, unscheinbare Einfahrt gegangen ist. Weil einem sofort das Herz aufgeht. Und weil kein Foto dem auch nur annähernd gerecht werden würde. Bei Neil und mir war es Liebe auf den ersten Blick. Denn auch dieser Neil hat ein Herz aus gold. Gerade einmal 60 Meter misst dieser entzückende Innenhof, der von Kosmetik über Pizza und einem ausgezeichneten Käsefachhandel (!) alles bietet und nichts als ein Gefühl einer wolligen Umarmung hinterlässt.

Am Abend bei Kerzen und Lampions eine der Riesenpizzen bestellen. Hier trifft sich abends das urbane Volk zum Teilen und Genießen, bevor es in die Pubs geht. Herrlich unaufgeregt.

Zum Lunch oder für ein Stück Kuchen unbedingt im Wild Food Café vorbei schauen. Allein der Aufgang über die dunkelblaue Wendeltreppe ist ein Erlebnis.

Ziemlich gutes Porridge gibt es bei 26 Grains. Ausgang Monmouth Street (Achtung, Lieblingsstraßen-Potential) nehmen und auf einen Flat White Monmouth Coffee Company vorbeischauen. Die Franzbrötchen sind auch nicht von schlechten Eltern.

 

Hach, hab ich schon erwähnt, dass ich verliebt bin?

Loads of love ❤

 

 

© Julia

 

 

Was sonst noch so ging:

 

 

 


 

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Permanent.

Prosa

Als das Flugzeug den Kontakt zum Boden verliert, kribbelt es angenehm in meinem Bauch. Ich mag das Gefühl der Schwerelosigkeit. Die Welt bleibt unter einem zurück und vor einem nichts als die unendliche Weite. Weiß, weich und flauschig. Wie ein handgeschöpftes Blatt Papier –  bereit mit den kühnsten und wagemutigsten Gedanken beschreiben zu werden. Bereit die Tinte des Füllers in sich aufzusaugen. Weil mit einem Mal alles, was mir in den vergangenen Monaten den Kopf zermartert hat, so unendlich klein erscheint. Mit jedem Höhenmeter wird mein Puls ruhiger, die Gedanken im Kopf reduzieren ihre Drehzahl. Hier oben scheint die Zeit still zu stehen.

Alles hat seine Zeit, hast du immer gesagt. Aber Zeit ist doch das, was uns wie Sand durch die Finger rinnt. Dust in the wind. Ich weiss noch genau, wie der Song aus den Lautsprechern tönte und du mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen hast. Damals, in dieser Hütte mitten im Nirgendwo. Da hast du sie auch verflucht, die Zeit. Weil sie gegen uns spielte. Wir hätten uns später kennenlernen sollen, sagtest du und ich hätte dir so gerne geglaubt als eine einzige Träne aus deinen braunen Augen kullerte, die du selbstredend mit einem Wisch aus deinem Gesicht gestrichen hast. Aber vielleicht war es tatsächlich nur der Staub. Staub wie er sich auch auf den Fotos von uns in immer dickeren Schichten niederlegt. Fast lautlos sind die Jahre vergangen. Und das macht mir manchmal Angst. Weil ich die Fotos zwar auf den Dachboden verbannen kann, aber dich nicht aus meinem Herzen. Obwohl ich es möchte, und wie ich das will, aber es scheint wohl Dinge zugeben, gegen die der Mensch machtlos ist. Früher habe ich dagegen angekämpft, heute akzeptiere ich das einfach und das ist so unglaublich befreiend. Weil es jedes Jahr einen weiteren Ring im Stamm ergibt und du mich zu dem Baum machst, der ich heute bin. Die Maserung im Inneren ist so ungleichmäßig, aber gerade das macht sie so wunderschön. Du bist die Ebbe und die Flut, eine Laune der Natur und das war mir nirgends so klar, wie hier oben über den Wolken. Du kommst und du gehst, bist hier oder dort, weil das deine Wurzeln sind und weil das so sein muss. Du kannst nicht aus deiner Haut. Aber würdest du, wenn du könntest?

Es ist ja immer so leicht daher gesagt, aber wenn dann einer kommt und etwas an der Oberfläche kratzt und ein bisschen von dem Lack absplittert, dann wird das Ganze kompliziert. Warum tauchst du eigentlich immer dann auf, wenn es gut ist? Wenn ich den roten Lack perfekt aufgetragen habe – patzerfrei und ultraschnelltrocknend. Wenn mein Leben in geordneten Bahnen verläuft, meine Wäsche immer frisch gewaschen ist und meine Probleme sich auf die Wahl zwischen Kaffee oder Tee zum Frühstück beschränken? Ja, warum eigentlich? Das kann ja wohl kein Zufall sein. Hast du einen Radar, wie der Pilot vor mir im Cockpit und wann immer die Herzchen über meinem Kopf aufpoppen, bekommst du eine Push-Benachrichtigung? Ist das so? Ja? Ich würde dir manchmal so gerne glauben, wenn Worte deine Lippen verlassen, die ich dich noch nie habe sagen hören. Worte, die dich in ein warmes, fast goldenes Licht tauchen. Weil auch dein Stamm deutlich mehr Ringe bekommen hat und ich glaube, würde ich dich jetzt kosten, würde ich das Barrique schmecken. Den Rauch, das Holz und ein bisschen was von der salzigen Meerluft. Die Spuren im Sand sind vergänglich, aber was wirklich wichtig ist, habe ich in Stein gemeißelt –  in dein Herz, mein Lieber, damit du es nicht vergisst, wenn du in den nächsten Sturm ziehst.

Gerade als ich mich im freien Fall befinde und das Kribbeln in meinem Bauch schier unerträglich wird, hat der Pilot das Flugzeug wieder unter Kontrolle. Ich öffne meine Augen und sehe die Lichter unten in der Stadt glitzern. Der Regen prasselt lautlos vom Himmel und läuft schräg über die winzigen Fenster. Vielleicht sind das auch nur meine Tränen. Wer weiss das schon so genau.

Es ist der kurze Moment, wenn aus der Nacht Tag wird, wenn die Sonne den Horizont küsst und es trotz Nebel so unfassbar hell ist. Wenn aus dir und mir uns wird. Verstehst du. Es ist nur für diesen einen kurzen Moment. Und hell yeah, ich würde um die ganze Welt reisen, für diesen einen kurzen Moment.

 

© themagnoliablossom

Ferienende.

Kolumnen

Die letzten Tage sieht man sie wieder vermehrt. Die Kondensstreifen, die die großen Flieger hinter sich herziehen. Wilde Muster in Weiß, vor strahlendem Blau. In gefühltem Sekundentakt sehe ich Flugzeuge starten und landen, muss hier und da etwas blinzeln, wenn sich die Sonne in den schrägen Tragflächen spiegelt. Ich male mir immer aus, wohin sie fliegen. Überlege, wo Norden und wo Süden ist und welches Ziel diese Flieger haben könnten. Welche Menschen da drin sitzen, zu wem sie mit klopfendem Herzen fliegen und wen sie schon jetzt vermissen, kurz nach dem der Gate geschlossen wurde. Die großen Flieger, die einem eine grenzenlose Freiheit vorgaukeln. Alles möglich. Alles nur einen Fingerschnipp entfernt. Oder einmal Augen zu, Karte durch am Ticketschalter.

Für jeden Flieger der startet, gibt es auch einen der landet. Pünktlich zum Ferienende hier in Bayern sind das ganz schön viele. Aus und vorbei das schöne Leben am Strand unter Plamen. Vorbei sind die Tage, an denen man sich zwischen Kaffee oder Tee zum Frühstück und Wein oder doch lieber einen Cocktail zum Abendessen entscheiden mussten – und das eine tagesfüllende Aufgabe war. Aufstehen ohne Wecker, von schräg einfallenden Sonnenstrahlen sanft geweckt werden #slowmorings. Zwischen Lesen, schwimmen und ein bisschen Wandern ist nicht viel passiert. Jeder Tag fühlte sich wie Sonntag und Weihnachten zusammen an. Man hatte nichts vor. Und morgen auch nicht. Und am Tag nach morgen auch nicht. Hach, ja sweet life. Das Ende kommt da irgendwie immer ganz plötzlich. Die Rückkehr in den Arbeitsalltag schier unmöglich. Vor drei Wochen war ich noch so motiviert, hatte Ideen, Pläne und mein Tag hätte mehr als 24 Stunden benötigt, um all das zu verwirklich. Ich hatte einen richtigen Lauf. Da konnte mir nicht einmal der miese Sommer einen Strich durch die Rechnung machen. Ha! Gummistiefel for the win. Und nun? Laufen die Erstklässler mit ihren viel zu großen Schultüten aufgeregt umher und bei mir ist irgendwie der Drive weg. Was ist passiert in jenen drei Wochen, Nichtstun, entschleunigen, faul sein? Ist das ein bisschen ausgeartet?  Hat man da die Kontrolle verloren? Und die Kreativität gleich mit? Oder kratzt da was ein bisschen am eigenen Ego, weil der Laden ja scheinbar ganz wunderbar ohne einen selbst lief? Huch! Post-Holiday-Blues, nennen das die Forscher und raten zu softem Einstieg, to-do Listen und die Mittagspause mit den Kollegen zu verbringen. Ich spüre schon jetzt, wie der Kortisolspiegel in meinem Blut steigt. Zurück im Büro wartet das volle Postfach, 1004 unbeantwortet Mails und der Kaffee schmeckt auch irgendwie schal. Zäh wie Kaugummi vergehen die Stunden und das Blatt ist immer noch weiß.

Aber vielleicht liegt es gar nicht am Urlaub, oder der Rückkehr aus diesem. Vielleicht hat man davor einfach schon alle Energie und Kreativität aufgebraucht, sodass sich der Körper jetzt lautstark seine Pause einfordert? Vielleicht sind nämlich Kreativpausen gar nicht so schlimm, sondern viel mehr kreative Pausen. Und ganz vielleicht bauen wir in unseren Alltag ein paar happy moments ein und setzten auch hier vermehrt auf kleine Auszeiten. Klingt doof, is aber so. Denn schließlich ist nicht Urlaub unser Leben, sondern das, was dazwischen passiert und das, sollte mindestens genauso schön sein – wenn nicht gar besser.

 

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.

Das wusste schon Erich Kästner. Und der muss es ja wissen.

 

© Julia

Watteweich.

Prosa

Ich liege auf der Erde und schaue in den Himmel. Das Gras ist noch ein bisschen feucht von dem Gewitter gestern, aber trotzdem angenehm warm von der Sonne heute. So ist da ja, nach dem Regen kommt immer die Sonne, oder? Die Welt zieht über meinem Kopf vorbei. Meine kleine, große Welt, denke ich und muss etwas schmunzeln. Die Wolken wiegen sich einen Hauch schneller als sonst im Wind. Watteweiße Fetzen verbinden sich zu Engelsflügeln oder Lungen – such dir was aus. Manchmal werden auch Einhörner draus. Oder kleine Herzen. Man muss nur ganz genau hinsehen.  Ich wünsche mir, wie ein Flugzeug durch die Wolken fliegen zu können. Watteweich. Die Kondensstreifen verblassen allmählich und ich frage mich, ob unsere Liebe auch einfach verblassen kann? Nach all den Jahren? Einfach so. Ganz klammheimlich. Ungefragt. Und es gibt ja schließlich auch so viele Flugzeuge. Ich atme tief ein, um mit selbiger Stärke auszuatmen und alle Wolken über meinem Kopf weg zu pusten. Ich mag das. Ich mag, wie sich die Wolken immer wieder neu zusammensetzten, sich verbinden, ja ineinander verschmelzen. Einswerden. Und dann, wenn die Wolkendecke dicht genug ist, bricht die Sonne sie auseinander. Das schräg einfallende Licht ist ganz besonders schön und gibt die Sicht auf ein strahlendes Blau frei. Die Wolken tun das einfach so. Die haben keine Angst vor neuen Mustern. Völlig selbst- und lautlos sind sie immer in Bewegung. Und erfinden sich immer wieder neu. Immer anders. Immer schön. Und weisst du, manchmal glaube ich du bist eine Wolke. Hier und da. Und noch weiter. Wie sieht die Welt denn von da oben aus? Ich kneife die Augen zusammen und lasse den Wind meine Tränen trocknen. Was sind Wolkenbilder ohne Wind? Und manchmal, wenn ich hier im Gras liege und die Wolken beobachte, frage ich mich, ob du denselben Himmel siehst wie ich.

 

© themagnoliablossom