11,2 ° C

Prosa

Ich sitze am Küchentisch und knibble etwas Haut seitlich von meinem Daumennagel. Ein Zeichen, dass es wieder Herbst ist. Dazu brauche ich nicht einmal raus zu gehen, um all die Blätter auf den Straßen zu sehen und all die Menschen mit ihren dicken Schals. Ich weiss das, weil ich es spüre. Nicht nur, weil die Luft anders riecht und ich wieder mit Bettsocken schlafen muss. Nein auch, weil diese verdammte Nagelhaut wieder so trocken ist. Da kannste cremen wie du willst, die ist einfach so staubtrocken. Wie ein Sandsturm in der Wüste, plötzlich da, obwohl du vor gerade einmal drei Wochen in Flipflops durch die grüne Oase gelaufen bist. Die Zeit ist einfach gnadenlos. Drei Wochen im Sommer sind drei Wochen. Aber im Übergang von Sommer zu Herbst, dieser undefinierbaren Zwischenjahreszeit, entsprechen drei Wochen drei Monaten. Die Zeit rast, oder es kommt einem nur so vor, weil sie im Sommer ja immer still steht. Sie rast und mit ihr die Gedanken, die in jede noch so verästelte Vene strömen. Ehrlicherweise hat man nach dem Sommer auch gar keine Lust mehr, auf jeder Welle zu surfen. Und es gibt auch kein kühles Bier mehr, mit dem man aufkommende Gedanken hätte hinunter spülen können. Es gibt nur kühle Luft, davon aber reichlich und die trocknet alles aus, nicht nur die Haut auch das Herz, welches vor ein paar Wochen noch purpurrot und saftig pumpte als gäbe es kein Morgen. Barfuss und mit dem Herz in der Hand nach Hause tanzen, bis die Wolken lila sind. Aber natürlich gibt es immer ein Morgen. Und heute sieht dieses Morgen schrumpelig und vertrocknet aus. Es ist wieder diese Zeit, in der die Realität so knallhart auf den Küchentisch klopft, dass mein Tee verschüttet als hellbraunes Rinnsal auf die weißen Fliesen tropft. Und wenn du nicht aufpasst, mit deinen Wollsocken, dann bist du schneller ausgerutscht als dir lieb ist.

Der Herbst ist so fies, weil er so gnadenlos ehrlich ist. So pur und irgendwie auch echt. Denn mit all den Blättern fällt auch meine Maske. Und deine. Die Wahrheit ist ja manchmal so verrückt, dass sie keiner glaubt. Vielleicht, weil wir vernebelt sind von all dem Weichspüler in unseren Acne Schals oder weil wir lieber Lügen glauben, so lange sie sich gut anfühlen.

Weisst du, die Sache ist ja die, dass du nicht da bist, wenn es Herbst wird. Dass du immer hier bist und dort, aber nie da. Wenn das Kissen neben mir kalt ist und mein Herz bis zum Hals schlägt. Da hast du leicht reden, denn Herbst ist ja nicht nur ein Gefühl, sondern real. Denn nur Sommer ist, was in deinem Kopf passiert. Und hier passiert gerade gar nichts, außer der Tatsache, dass lauwarmer Tee von meinem Küchentisch tropft und fast gefriert bevor er den Boden erreicht, weil die Luft so kalt ist. Weil zwischen Wollpullover und Flatterkleidchen immer noch ein Spalt breit Platz ist. Weil meine Türe immer noch einen Spalt weit offen steht. Du blockierst den Durchgang, verstehst du das? Im Sommer ist so ein bisschen Durchzug zuweilen ja noch ganz angenehm, aber jetzt, im Herbst kann solch einen eisigen Windhauch wahrhaftig niemand gebrauchen.

Das Thermometer zeigt 11,2 ° C und das ist Sommer im Vergleich zu der Kälte im Herz. Aber es sind auch 11, 2 ° C vom Gefrierpunkt entfernt und wenn wir dein und mein Herz zusammen tun, dann kommt dabei vielleicht so etwas wie Herbst heraus.

Ich drücke meine Nasenspitze an das kalte Küchenfenster und male mit dem Zeigefinger ein Herz in das kondensierte Nass. Die Tür fällt ins Schloss und ich spüre einen kühlen Windhauch in meinem Nacken.

 

© Julia

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Siesta im Gehirn.

Lyrik

Es kribbelt in meinen Beinen und ich kann dem Drang mich hinzulegen nur schwer widerstehen. Um mich herum all diese Menschen, die alles besser wissen und können und überhaupt. Selbst der Bus vor der Türe fährt im Rhythmus meines Herzschlags. Nur langsamer. Meine Augenlider sind ganz schwer, weil die Gedanken so fest drauf drücken. Von innen. Ich blinzle gegen die Sonne und sehe nur weiße Wolken. Dann gibt es einen ziemlich lauten Knall. Es knackt etwas, so als würde man ein Stück morsches Holz entzweien. Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne und die fallen jetzt nahezu lautlos auf die Erde. Je nach dem, wie der Wind gerade weht, tanzen sie sogar noch eine Weile durch die Luft. Winzige Teilchen. Federleicht. Herausgebrochen aus zentnerschweren Stücken. Der Boden ist weich, fast wie die alte Schaumstoffmatratze auf dem Speicher. Das Kribbeln breitet sich von den Füßen in meinem gesamten Körper aus und es kitzelt in meinen Haarspitzen. Es riecht nach Sommerregen, nassem Holz und ein bisschen faul. Ich höre Musik, die so dumpf klingt als sei ich unter Wasser. Ganz tief im Ozean. Azurblau. Luftblasen kämpfen sich an die Oberfläche. Meilenweit. Schäumende Gischt und geschlossene Rollläden. Siesta im Gehirn. Es klingelt an der Türe und noch bevor ich aufstehe, sehe ich die Erde unter meinen Fingernägeln und rieche das Salzwasser in meinen Haaren.

 

© Julia

Volver.

Inspiration

Miguel lerne ich am Yachthafen kennen. Oder er mich. Nach einem kurzen, aber umso heftigeren Regenschauer setze ich mich auf die Stufen der Treppe, die das Barrio Alto mit dem Hafen verbindet. Die Sonne brennt plötzlich so heiß vom Himmel, dass ich die Feuchtigkeit auf meiner Haut verdampfen sehe. Ich schließe die Augen und lasse mit den warmen Wind um die Nase wehen. Nach dem Regen kommt die Sonne. Immer und immer wieder und manchmal auch innerhalb von Minuten. Die Angestellten der Schönen & Reichen wischen die letzten Regentropfen von den weißen Liegen an Board und stellen Champagnerflaschen für den Aperitif bereit. Es duftet herrlich nach frisch gegrilltem Fisch und Zitrone. Die Eiswürfel knacken in den Gläsern und ich schiebe mein Rad weiter am Ufer entlang. Miguel liegt auf einer Bank, die Füße lässig auf sein Fahrrad gestützt. „Ich komme gerade von der Arbeit“, wird er mir gleich erzählen, nachdem er mich ein bisschen mit seinem Fahrrad verfolgt hat. „Hier scheint die Sonne abends besonders lange und es kommen nur wenige Touristen. Perfekt, um den (Arbeits-) Tag ausklingen zu lassen. Miguel spricht mich auf Englisch an, weil ich – wie er findet – englisch aussehe. Erklären kann er mir das nicht. Aber er könne auch ein bisschen Deutsch. Ich muss lachen und wird kaufen uns ein eiskaltes San Miguel für einen Euro und setzen uns auf die Steine am Meer. Die sind noch ganz warm von der Sonne.

Während die Sonne am Horizont verschwindet und den Himmel in irgendetwas zwischen dunkelorange und hellpink verfärbt, erzählt mir Miguel von seiner Arbeit. „Ich arbeite am Flughafen. Wie fast jeder hier. Viel mehr gibt es ja nicht“, sagt er etwas abwertend, meint es aber nicht so. Er mag das einfache Leben hier. Er hat studiert und kam wieder zurück in seine Heimat, auf „mi islita“, wie er Mallorca liebevoll nennt. Und bei weitem kann man sich schlimmeres vorstellen, als den Feierabend am Meer zu verbringen. Ich summe „La isla bonita“ von Madonna an und jetzt muss Miguel lachen. Miguel erzählt mir aber auch, dass es ohne die zahlreichen Touristen recht öde wäre. Alles dreht sich um den Tourismus. „Hast du gesehen, wie die Küsten zugebaut sind, als du hergeflogen bist?“, fragt er mich und ich kann mich gar nicht richtig erinnern. „Zwei, dreihundert Meter vom Strand weg und dann nichts. Dabei ist es im Landesinneren so schön. Das wollen die aber nicht sehen“. Mit „die“ meint er die Touristen. Miguel ist klug genug, um nicht alle über keinen Kamm zu scheren, aber das Gros sei so. Am nächsten Tag will er mir Pilar vorstellen, die in einer der Betten-Burgen unten an der Playa arbeitet.

Yachthafen Palma

 

Ortswechsel: Ich strecke meinen großen Zeh in türkisblaues, kristallklares Wasser und wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen ich sei in der Karibik oder auf den Malediven. Der Sand ist puderzuckerfein und so weiß wie die herrlich bequemen balinesichen Betten, auf denen ich es mir gleich gemütlich machen werde. Ein weißes Tuch, das vor ungewollten Blicken schützen soll — oder vielleicht auch nur vor dem Wind — flattert grazil in ebendiesem und bildet einen tollen Kontrast zu dem Gerüst aus dunklem Holz. Ich nehme meine Sonnenbrille ab, um mich zu vergewissern, dass die Farben auch in echt so krass schön sind. Sind sie. Und ich fühle mich ein bisschen wie in der Raffaelo Werbung. Hach. Während ich mir noch die imaginären Kokosraspeln von den Lippen streiche, eilt auch schon Rodrigo herbei. Natürlich sind solche unfassbar schönen und bequemen Himmelbetten mit Me(h)erblick nicht ganz günstig, aber jeden einzelnen Cent wert, wie sich später herausstellen wird. Rodrigo ist einer der wenigen, der nicht sofort ins Englische wechselt, wenn mein spanischer Gedanke etwas länger braucht, ehe er zu einem vollständigen Satz wird. Was auch daran liegt, das Rodrigo kein Englisch spricht. Fünf bis sechs Monate arbeitet er hier unter der mallorquinischen Sonne, den Rest des Jahres verbringt er in seiner Heimat Kolumbien. Rodrigo trägt ein weißes T-Shirt und etliche Tattoos zieren seinen muskulösen Unterarm. Durch seine blau-verspiegelte Sonnenbrille kann ich seine Augen nur erahnen. Wenn er spricht, verschluckt er die letzten Silben immer etwas und erinnert mich dabei ein bisschen an diese coolen Reggaeton Sänger aus dem Musikfernsehen. Die Arbeit hier ist gut, erzählt er mir, „man braucht keine Vorkenntnisse. Eigentlich überhaupt keine Kenntnisse“. Und ich weiss nicht, ob ich das gut oder traurig finden soll.

Karibik im Kopf

Wenn es windig ist, was an diesem Küstenabschnitt relativ häufig vorkommt, bleiben die Touristen fern. „Die mögen das nicht“, sagt er und dabei blitzt immer wieder eines der drei Piercings in seiner Zunge hervor. Dafür erwachen die Mallorquiner aus ihrer Siesta und hissen die Segel ihrer Boote. Ich schaue dem Spektakel gerne zu, Rodrigo ist langweilig. „Keine Touristen, keine Arbeit und es ist erst 15 Uhr“. Sein Zeitgefühl tickt völlig anders. Als ich ihn frage, was er denn in den verbleibenden Monaten in Kolumbien macht antwortet er mit einem breiten Grinsen „nada“. Er erzählt mir, dass 1000 Euro hier, in Kolumbien in etwa 3000 EURO wert seien – wegen dem Umrechnungskurs, sagt rund gestikuliert dabei vielversprechend mit seiner Hand. „Es ist gute Arbeit und gutes Geld“, und wieder blitzt das Metall in seiner Zunge hervor. Abends fährt er mit seinem BMX nach Palma in die Stadt. Dort lebt er während der Sommermonate in einer kleinen Wohnung.

„Mi casa es tu casa“ R.

Am nächsten Morgen lerne ich Pilar kennen. Ihre haselnussbraunen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Sie trägt eine beige Hose und eine weiße Bluse mit perfekt gestärktem Kragen. „Das ist meine Arbeitskleidung“, sagt sie schulterzuckend, weil ich sie wohl etwas zu lange gemustert habe. Pilar ist 28 Jahre alt und arbeitet in einem Hotel direkt am Strand. Ich erzähle ihr, von der Pferdekutsche mit der ich die Straßen Palmas erkundet habe, dem unfassbar guten Café con leche in einem Café mit drei Tischen, das ich in den verwinkelten Gassen der Stadt nie wieder finden würde, von dem kalten Bier mit Miguel am Hafen und dem weißen Sandstrand. Pilar schmunzelt und aus ihren Lippen ertönt ein langgezogenes „Pues.“ „Du hast das schöne Palma gesehen. Palma das wir lieben.“ Und mit wir meint sie die Einheimischen. Die Mallorquiner. Zwischen den Zeilen schwingt ein Lebensgefühl mit, das ich auch bei Miguel gespürt habe. Ein Hauch Melancholie, unglaublich viel Laissez-Fair, ein großes Freiheitsgefühl – was am Meer ja irgendwie immer so ist und die ganz große Sehnsucht. Ein bisschen wie der traurig-schöne Fado in Portugal.

In den verwinkelten Gassen lebt die Melancholie

Pilar nimmt mich mit in den Speisesaal, in dem gerade das Frühstück serviert wird. Für ein Hotel mit 240 Betten sieht dieser wirklich ansprechend aus. „Wir haben erst letztes Jahr renoviert“, ruft Pilar mit einem Tablett in der Hand und stellt mir einen Café con leche auf den dunkelbraunen Holztisch mit beiger Leinenserviette. Ein bisschen habe ich Gänsehaut, weil die Klimaanlage hier drinnen ganz gute Arbeit leistet. Ich rühre verträumt in meinem Kaffee und schaue durch eine streifenfrei polierte Glasfront auf die spiegelglatte Oberfläche des Pools. Gar nicht mal so übel. „Gleich geht es los, das große Fressen“, zwinkert mir Pilar zu. Tatsächlich stürmen immer mehr der Hotelgäste den Frühstücksraum, der gleichzeitig auch Mittagsessensraum und Abendessenraum ist. Ich beginne zu verstehen, wie beengt Pilars Arbeitsplatz ist und warum sie das Meer so liebt. Freundlich begrüßt sie jeden Gast. Manche sogar mit Namen. Räumt Teller von Tischen, die noch so voll sind, um eine vierköpfige Familie satt zu bekommen. Diese „Reste“ landen im Müll. „Die Augen sind immer größer als der Hunger“, sagt Pilar während sie Rührei und zwei Scheiben Brot in einen Behälter aus dunklem Plastik schiebt. „Gerade bei All-inklusive langen die Leute so richtig zu. Wollen alles probieren und können am Ende gar nicht alles essen“. Manchmal gibt es auch Themenabende im Hotel. Dann streift sich Pilar ein schwarzes Gewand mit einem roten Stoffgürtel, den sie auf Höhe ihrer Hüfte knotet, über, um das Japan-Feeling zu unterstützen. Wir müssen beide lachen, als sie mir ein Foto von sich und einem Gast in diesem Aufzug zeigt. Pilar hat ein schönes Lachen. Keine Spur von Verdruss oder gar irgendeine Form von Wut. Tagein tagaus räumt sie halbvolle Teller von den Tischen, um diese nur Minuten später wieder erneut einzudecken. Morgens. Mittags. Und abends. Dann geht sie nach Hause. Morgen früh müssen nämlich wieder Tassen und Teller auf Tische gestellt werden. Aber dazwischen, zwischen all den Tassen und Tellern passiert das, was sie „actidud frente a la vida“ nennt, was so viel wie Lebensgefühl heisst. Und genau das will sie mir jetzt zeigen. Pilar knöpft ihre weiße Bluse auf und hängt sie neben das Japan-Gewand, „für morgen“, sagt sie augenzwinkernd. Dann schlüpft sie eine Jeansshorts und wirft mir einen Helm entgegen. ¡Arriba!

Something old and something yellow

 

Wir fahren auf einem alten Roller, der nur so knattert und knarzt in der gerade einbrechenden Dunkelheit über die Küstenstraße nach Palma. Von rechts weht mir die warme Luft aus der Stadt entgegen, von links eine kühle Brise vom Meer und von vorne der Duft von Pilars Parfüm, die so rasant wie gefühlvoll in jede Kurve der verwinkelten Straße fährt. Vorbei an einem kleinen Hafen mit Fischerbooten, die gefährlich im Wind wanken. Den alten Herren, die auf Plasitkstühlen auf der Veranda sitzen wie die Hühner auf der Stange, Zigarren rauchen und schon ganz blaue Lippen vom Vino Tinto haben und dabei so unfassbar glücklich aussehen. Vorbei an einer wunderschönen Finca auf einem Felsvorsprung direkt am Meer. Die Frau hinter dem gelben Tor, von dem die Farbe schon etwas abgeblättert ist nickt mir lächelnd zu. Es riecht nach Salz, nassem Holz und ein bisschen fischig. Es riecht nach tanzenden Herzen und schäumender Gischt. Nach heißem Asphalt nach einem Sommergewitter und nach Oleander. Mit diesem Gefühlsoverload from head to toe manövriert Pilar den Roller durch eine gefährlich enge Gasse. „Gleich sind wir da“ sagt sie gegen den Fahrtwind und ich bin nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe. Klapprige Fensterläden nur einen fingerbreit von meinem Arm entfernt. Halbgeöffnete, gußeiserne Tore, die den Blick in die wunderschönsten Hinterhöfe freilegen. Oasen, mitten in der Stadt. Aus jeder Bodega ein fröhliches ¡Hola, Pilar! Qué tal? 

Radom Bodega in Palma – Pilar kennt jede(n)

Palmen, die aus Häusern wachsen, klirrende Gläser und Gitarrenklänge verschwimmen hinter einem angenehmen Teppich aus Stimmengewirr. Esto es. Nachdem wir zwanzig Minuten gefühlt nur bergauf gefahren sind, führt mich Pilar jetzt ein paar Stufen nach unten. Irgendwo in einen Hinterhof. Zwischen den Hauswänden blitzt gülden die Kathedrale hervor und hinter den zwei Palmen glitzert der Mond im Meer. Hach. Ich werde ganz vielen lächelnden Menschen vorgestellt, die alle wild durcheinander plappern. Und ich bin froh, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippt und mir ein Glas eiskalten Prensal Blanc in die Hand drückt. Hola, Miguel, sage ich und grinse dabei wie ein Honigkuchenpferd.

Where magic happens

Hinter einem winzigen Fenster mit weißen Fensterläden schneidet jemand hauchdünne Tranchen von einem Seranoschinken, der so groß ist wie mein Oberschenkel. Es duftet nach geröstetem Brot und Knoblauch. Es zischt, als jemand einen ganzen Fisch auf den kleinen Grill in der Ecke wirft. Dieser jemand ist natürlich ein Mann und hat den Fisch selbst gefangen. Mit bloßer Hand. „Hola Guapa“, sagt Rodrigo und das „g“ hört sich wieder wie ein „w“ an und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

Und dann sitzen wir alle zusammen auf klapprigen Holzstühlen, essen Pa amb oli und trinken mallorquinschen Weißwein. Manchmal kann man Happiness eben doch essen. Ich glaube, ich kann das Meer in der Ferne rauschen hören, aber vielleicht ist das auch nur das Glück, das durch meinen Körper strömt.

 

© Julia

 

Her mit dem schönen Leben!

Backyards I love

La Seu de Palma

Schattenspiele & sattes Grün

#desicions

Dieses Seil bietet Schutz vor dem gefährlichen Felsvorsprung. Obacht!

Blumen. Immer schön.

Pilars working space

Manchmal ist der Weg steinig & schwer

Looking up

Sundowner with a view

Radln all along the shore

Shabby chic

Life is better at the beach

Café con leche

Ride it, my pony

Hinterlands

Ciao

 

* Vuelvo. Cierto.

 

Halb. Leer.

Inspiration, Kolumnen

Und dann bin ich einfach los geradelt. Entlang am Meer, vorbei an steilen Küsten und schroffen Felsen. Über klapprige Brücken durch versteckte Buchten. Über Stock und Stein. Und manchmal auch über gestrandete Herzen. Dort hin, wo die Menschen weniger werden und der Wind stärker. Ich trete in die Pedale. Fester und schneller und hinter jeder Kurve vermute ich den Fels in der Brandung. Doch es sind nur ein paar angeschwemmte Algen. Verknotet und verworren. Wie meine Haare bei all dem Wind. Und auch innen drin. Eher Kaugummi als Gummitwist. Aber es gibt kein zurück, denn mein Fahrrad besitzt keinen Rücktritt. Es geht ja immer nur vorwärts. Gegen den Wind. Also trete ich weiter. Die Gischt klatscht mir ins Gesicht und meine Wangen brennen. Warum ist das Meer so beständig? Die Wellen kommen und gehen und bilden einen angenehmen Geräuschteppich, der mich sanft umarmt. Die Stimmen in meinem Kopf werden leiser und mein Herz pumpt im gleichen Rhythmus Blut durch meinen Körper wie es Wellen an den Strand spült.

Es wird schlagartig dunkel und dicke Wolken schieben sich vor den Horizont. Vielleicht habe ich auch einfach nur die Zeit vergessen, bei all dem Sand der durch meine Finger rinnt. Und dann fängt es mitten auf der Sonneninsel an zu regnen. Erst nur ein bisschen, also fahre ich weiter entlang am Meer, das nun irgendwie so gar nicht mehr ruhig ist. Später werden die Reste der Mascara dunkle Striche in meinem Gesicht hinterlassen. Meine Hose klebt unangenehm auf meiner Haut und bei jedem Tritt knatscht es in meinen Schuhen. Unter ein paar dürftig zusammengehämmerten Holzbalken zwischen denen es nur so tropft und flattert finde ich Unterschlupf. Denn es hat sich eingeregnet. Links, rechts, über ja sogar unter mir nichts als graue Regenwolken. Ich sitze hier fest und habe nichts zu tun. Selbst wenn ich wollte. Kein Handy, kein Internet, kein Buch ja nicht einmal den Luxus von Stift und Papier. Meine Hauptbeschäftigung ist es, dem Regen beim Fallen zuzuschauen. Also sitze ich hier und tue nichts außer denken und selbst das ist zu viel. Was irgendwie befreiend ist. Und gut. Weil man Dinge ja auch einfach mal hinnehmen muss. Wie sie kommen und wie man sie nicht ändern kann. Anstatt machtlos zu sitzen und zu schauen was passiert machtvoll akzeptieren, dass überhaupt irgendetwas passiert. Denn nichts ist doch schlimmer als gar nichts. Zum Bespiel die flache Linie auf dem EKG.

Wenn alle anderen das Lager bereits verlassen haben und man selbst sitzen bleibt. Weil dieses Nichtstun und nichts denken so unfassbar gut tut. Weil es befreit von all den Konten in den Leitungen, die man so hat. Eine Lethargie der Gedanken. Eine Aneinanderreihung von Sekunden, die schöner nicht sein könnten. Eine Leere, die zu einer Erfüllung wird. Und dann sind zwei Stunden rum, was immerhin hundertzwanzig Minuten sind. Siebentausendzweihundert Sekunden und man sitzt. Man sitzt. Harrt aus. Wird eins mit dem Holz auf dem man sitzt und hofft insgeheim, dass etwas von dessen Patina abfärbt. Nur ein Hauch Nostalgie. Und etwas von dieser beständigen Beharrlichkeit. Alles einfach mal hinzunehmen. Und dann spürt man auf einmal so ein unfassbares Glück. Eine Wärme, die sich vom Bauch heraus im gesamten Körper ausbreitet. Von den Zehenspitzen bis zu den Augenbrauen. Und man weiß gar nicht woher das alles kommt und wo das alles hin soll. Es tropft und quillt nur so wie die Regenrinne nach dem heftigen Gewitter.

Aber wenn es schon mal da ist, dieses Gefühl, bittet man es herein. Wie man das halt so macht, wenn ungebetene Gäste so laut vor der eigenen Türe poltern. Vielleicht einen Keks zum Tee? Manchmal will man nämlich gar nicht glücklich sein. Sondern sich suhlen in einem Gefühl zwischen Weltschmerz und Wurzelbehandlung. Einfach so. Möchte man den Halb-Voll-Gläsernen einen Schluck aus ihrem Glas stibitzen. Oder zwei.

Und während man da so sitzt, schwitzt und sich nicht sicher ist, ob es vielleicht doch der Regen ist, realisiert man, dass alles irgendwann vorbei ist. Auch das Gute. Und manchmal auch einfach nur der Regen.

 

© themagnoliablossom

Watteweich.

Prosa

Ich liege auf der Erde und schaue in den Himmel. Das Gras ist noch ein bisschen feucht von dem Gewitter gestern, aber trotzdem angenehm warm von der Sonne heute. So ist da ja, nach dem Regen kommt immer die Sonne, oder? Die Welt zieht über meinem Kopf vorbei. Meine kleine, große Welt, denke ich und muss etwas schmunzeln. Die Wolken wiegen sich einen Hauch schneller als sonst im Wind. Watteweiße Fetzen verbinden sich zu Engelsflügeln oder Lungen – such dir was aus. Manchmal werden auch Einhörner draus. Oder kleine Herzen. Man muss nur ganz genau hinsehen.  Ich wünsche mir, wie ein Flugzeug durch die Wolken fliegen zu können. Watteweich. Die Kondensstreifen verblassen allmählich und ich frage mich, ob unsere Liebe auch einfach verblassen kann? Nach all den Jahren? Einfach so. Ganz klammheimlich. Ungefragt. Und es gibt ja schließlich auch so viele Flugzeuge. Ich atme tief ein, um mit selbiger Stärke auszuatmen und alle Wolken über meinem Kopf weg zu pusten. Ich mag das. Ich mag, wie sich die Wolken immer wieder neu zusammensetzten, sich verbinden, ja ineinander verschmelzen. Einswerden. Und dann, wenn die Wolkendecke dicht genug ist, bricht die Sonne sie auseinander. Das schräg einfallende Licht ist ganz besonders schön und gibt die Sicht auf ein strahlendes Blau frei. Die Wolken tun das einfach so. Die haben keine Angst vor neuen Mustern. Völlig selbst- und lautlos sind sie immer in Bewegung. Und erfinden sich immer wieder neu. Immer anders. Immer schön. Und weisst du, manchmal glaube ich du bist eine Wolke. Hier und da. Und noch weiter. Wie sieht die Welt denn von da oben aus? Ich kneife die Augen zusammen und lasse den Wind meine Tränen trocknen. Was sind Wolkenbilder ohne Wind? Und manchmal, wenn ich hier im Gras liege und die Wolken beobachte, frage ich mich, ob du denselben Himmel siehst wie ich.

 

© themagnoliablossom

Herzenhimmel.

Lyrik

Manchmal, wenn der Wind ganz sanft durch die Felder weht und das Grün leise zur Melodie tanzt. Wenn die Sonne ganz tief steht und es ein bisschen in der Nase kitzelt. Wenn es noch warm ist, aber nicht zu heiß. Wenn es nach Himbeeren riecht. Und Aprikosen. Zwischen all dem Lavendel. Wenn alles bunt ist und man sich einfach ein bisschen Schwarz wünscht. Oder grau. Wegen der Balance. Ein Drahtseilakt.

Wenn der Lärm in meinem Kopf immer leiser wird. Und das Vorbeiziehen der Wolken das einzige Geräusch ist, in dessen Klang ich mich verliere. Weil der Himmel mit dem Horizont verschmilzt. Und ich spüre wie sich die Erde dreht. Ganz langsam. Dann, wenn all das so ist, wie jetzt in diesem Moment, dann denke ich an dich. Ich spüre deine Umarmung, die mich wie ein zarter Windhauch umhüllt. Vielleicht ist es auch dein Atmen in meinem Nacken. Oder tatsächlich der Wind. Wenn ich mein Herz schlagen spüre und es vielleicht deins ist. Ein Herzenhimmel.

Es ist ein faszinierende Spiel von Licht und Schatten, von Düften und Gerüchen, Wärme und ein bisschen Melancholie. Dieser Ort ist meine Droge. Ich möchte ihn konservieren. Einpacken und mitnehmen. Immer wieder konsumieren. Und du, du bist all das und das ist manchmal so schrecklich schön, dass es weh tut. Weisst du das eigentlich?

 

© themagnoliablossom

Ganz großes Kopfkino.

Kolumnen

Ich laufe durch die Straßen. Nein, es ist eher ein Hüpfen. Federleicht. Trotz Übergewicht. Wegen der vielen Gedanken. Die Sonne steht tief und es weht eine leichte Brise. Ich balanciere auf dem Geländer und lächle. Es. Fühlt. Sich. Alles. So. gut. An. Wouldn´t  wanna change anything at all – unweigerlich summen mir jene Songzeilen, die ich heute Morgen im Radio gehört habe durch den Kopf. Ich bin glücklich. Jetzt genau. Heute. Hier. In diesem Moment. In diesem Leben.

Prinzipiell halte ich es ja wie Audery Hepburn. Nicht nur, weil ich gelegentlich und mit außerordentlichem Genuss das Kleine Schwarze auspacke, sondern weil ich ihre Philosophie teile. Audrey sagte einmal, dass sie das Alleinsein brauchte und sie nichts glücklicher machte als die Zeit von Samstagabend bis Montagmorgen allein in ihrem Apartment zu verbringen, denn so erholte sie sich am besten.  Das würde ich genauso unterschreiben. Wobei gerne „von Freitagabend bis Montagmorgen“ ergänzt werden dürfte. Ab und an brauche ich das. Lieber zu oft als zu selten. Ich verspüre einen regelrechten Drang mit mir und meinen Gedanken allein sein zu wollen. We´re a very small gang.  Ich zelebriere es, einzelne Wortfetzen in meinem Kopf zu ganzen Sätzen zu formen, um dann daraus Geschichten zu spinnen. Geschichten, die so schön sind in meinem Kopf . An einem magischen Ort zwischen Realität und Traum, zwischen wach und Schlaf, der nur mir gehört. Ein schmalen Grat, ein Balanceakt zwischen Vision, Träumerei und komplettem Realitätsverlust.

| I dream a little dream for you

Manchmal gehe ich auch spazieren. Allein. Schlendere über den Markt und mache einen kurzen Stopp an meinem Lieblingsstand, nur für einen kurzen Plausch. Ich liebe es, die Leute zu beobachten, sauge ihre Gesichter in mir auf und stelle mir vor, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Und manchmal sehe ich mich in einigen von ihnen. Male mir aus, wie es sein könnte mit Person X, Y oder Z.  Oder Person A.  Aus diesen Gedanken baue ich Luftschlösser so hoch wie der Mount Everest und mir ganz schwindlig wird. Von dem süßen Bauchkribbeln oder von der Erschrockenheit über die eigenen Gedanken.

Nach solchen Wochenenden bin ich tiefenentspannt und fühle mich montags, als könne ich Bäume ausreißen. Ganz bei mir, ganz ich. Ganz glücklich. Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang ja gern von Hochsensibilität. Zu viel Welt für´s Hirn. Nun ja.

So sehr ich das alles schätze, brauche und meine Me-Time auf keinen Fall missen möchte, meldet sich in manchen wachen Momenten der kleine, fiese (B)engel auf meiner Schulter und kommt mit seinen spitzen Fingerchen meiner Seifenblase gefährlich nahe. Verstricken wir uns zu sehr in unserer eigenen Gedankenwelt? Drohen wir in unserem eigenen Kosmos unterzugehen, wenn wir zu oft alleine sind und uns der Input oder die Konfrontation von außen fehlt? Aber, wenn man glücklich ist, also so richtig, dann kann es doch nicht so falsch sein, oder? Kann etwas, dass sich so gut anfühlt überhaupt falsch sein? Jemals? Verhindern wir die Realität, ja gar das Leben, wenn wir in einer Parallelwelt leben? Legen wir uns damit selbst Steine in den Weg, der mit harter Realität gepflastert ist? Ist das dann gut oder schlecht? Oder sind es genau jene Konstrukte, die unser Innerstes nach außen tragen und das Leben uns damit sagen will, ja, man! Tu es! Jetzt! Ganz nach dem Motto if you can dream it, you can do it? Wo zieht man die Grenzen? Muss man das überhaupt? Wird nicht alles, was man sich derat wahrhaftig vorstellen kann auch irgendwie zur Realität? Zur einer ganz eigenen, persönlichen Realität? Das Leben ist ja immer das, was man draus macht, oder?

Mit einem Satz hüpfe ich das Geländer herunter. Die leichte Brise hat – ganz klammheimlich, während ich meinen Gedanken nachhing, eine schwarze Gewitterwolke angeweht, die sich genau jetzt und genau über mir entleert. Dicke, schwere Tropfen prasseln auf mich herab. Während alle anderen Unterschlupf suchen, bleibe ich stehen. Geerdet, fest verwurzelt mit dem Boden unter meinen Füßen. Den Tatsachen. Ich schließe meine Augen, breite die Arme aus und lasse den Regen meine Gedanken reinigen. So befreiend. So beängstigend. Und alles, was nach dem Gewitter immer noch da ist, ist real, ja? Bist du noch da?

Und so vermischen sich Süß- und Salzwasser und die Realität wird manchmal zu Träumen. Oder war das andersherum? Wer weiss das schon genau…

 

© themagnoliablossom

Still.

Prosa

Mit dem ersten Schnee ist alles anders. Plötzlich und ohne Vorwarnung. Ein weißer Schleier legt sich schützend über die klaffende Wunde. Purpurne Tropfen auf reinem Weiß. Doch mein Körper ist nicht bereit für diese Kälte. Nicht die trockene Kälte, die zuweilen noch aushaltbar wäre, sondern diese fiese, nasse Kälte, die dir bis ins Mark zieht.

Die Armada von Kriegern, die vor ein paar Wochen noch so unaufhaltsam gekämpft hat, beugt sich der Kraft des Winters. Was vor ein paar Wochen noch laut und umtriebig war, ist nun still. In sich ruhend. Der Regen fällt prasselnd auf die Erde, doch der Schnee lautlos. Der Winter ist pur, ehrlich. Gnadenlos. Du hast den Regen nie gesehen, immer nur den Regenbogen. Aber jetzt schneit es und du bist nicht hier. Das Gras, das im Sommer ohnehin nie über die Sache wächst – der Schnee soll´s nun richten. Puderzuckerfein.

 

Doch da ist etwas, das nicht bedeckt werden möchte. Weder mit Gras noch mit Schnee und schon gar nicht im Regen ertränkt werden möchte. Da ist etwas von dir, ein Sinnbild, eine Illusion. Ein Funken einer romantisierten Vorstellung. Ich bin mir nicht sicher, ob sie diesen Winter überdauernd wird. Viele Winter hat sie schon standgehalten. Nahezu getrotzt. Gestrotzt. Vor Kraft. Immer und immer wieder. Im Sommer in den letzten Windungen des Gehirns versteckt und mit eiskaltem Bier aus dem Herzen gespült. Nur, um im Herbst wieder Einzug zu halten. Wie ein Nomade ziehst du von Ort zu Ort von Herz zu Kopf und wieder zurück. Der kühle Herbstwind stärkt dir den Rücken. Und plötzlich ist Winter und alle reden über das Wetter, aber der Winter – das bist du. Ein Gefühl, links in der Brust. Es schneit und ich atme Wolken in die eisige Nacht, die sich mit deinen vermischen. Zwei Welten unter einem Firmament. Kalter Atem aus noch kälteren Kehlen. Das Blut in den Adern gefriert. Hände, die sich nicht suchen, aber finden. Zögerlich, tastend nach Restwärme in lodernder Glut.

 

© themagnoliablossom

 

Sonntags.

Inspiration, Prosa

Klirrendes Geschirr, Tassen werden aufeinander gestapelt. Hier und da fällt ein Löffel zu Boden.

Ein knackendes Geräusch, wenn der Siebträger in die Maschine einrastet.

Ein Röcheln, wenn heißer Dampf die Milch zu einem Meer aus fluffigen Wolken verwandelt.

Der Duft, der sich allmählich im Raum ausbreitet, wenn das flüssige Gold über das Silber in die Tasse fließt.

Eine perfekte Symbiose aus schwarz und weiss.

Das wohlige Gefühl, das sich über die Lippen in meinem ganzen Körper ausbreitet und meine Sinne benebelt.

Jeder Schluck ein Stück Heimat, im Herz.

bald neu

Süchtig

Prosa

Manchmal sind Grenzen hart, aber manchmal verschwimmen sie auch. Grenzen zwischen Freude und Leid und dessen, was real ist und was Fiktion. Ein großer Schuss Milch im schwarzen Kaffee. Das gibt immer so schöne Muster. Mini Kumuluswolken, gefangen in einer viel zu kleinen Tasse. Bis jemand mit dem großen Löffel kommt und umrührt. Dann ist das Ganze eher eine bräunlich trübe Angelegenheit. Keine scharfe Begrenzung zwischen unschuldigem Weiß und schwarzem Schwarz. Ich mag Grenzen und noch viel lieber mag ich es, wenn sie sich auflösen. Zum Beispiel zwischen dir und mir. Die Wand zwischen unseren Zimmern. Manchmal lege ich mein Ohr auf die kalte Mauer und wenn ich meine Augen schließe, höre ich dich atmen. Ich spüre das Echo meines Herzschlages und drücke meinen Körper fester an das Gemäuer. Ich will mich hindurchpressen, zu dir schweben und mich neben dich legen. „Weisst du, man kann nicht immer alles kontrollieren“, hast du einmal zu mir gesagt. Und kurz bevor der Boden auf meiner Seite der Wand zu einem klaffenden Loch aufreißt, hebe ich ab. Mucksmäuschenstill ist es. Lautlose Schritte in der Luft. Eins, zwei immer einen Fuß vor den anderen. „Komm her, leg dich zu mir“, höre ich dich sagen. Jetzt noch drei. Dann bin ich bei dir.

Langsam lasse ich mich auf das Bett gleiten. Müde, vom Nichtstun und vom Fliegen. Du nimmst meine Hand und dann liegen wir in diesem Bett aus Wolken. Wie zwei Junkies. Gebettet auf Rosen zwischen Träumen und der Sehnsucht nach etwas ganz Großem vergessen wir die Dornen. Wir träumen von Sonnenuntergängen am Meer, von Dachterrassen und dem Geruch von Regen auf flirrendem Asphalt. Wir sind süchtig. Süchtig nach dem Wind und dem Regen auf warmer Sommerhaut. Das Geräusch, wenn der Wind durch das Weizenfeld zieht und das Gefühl von Gänsehaut. Wir radeln eine endloslange Allee entlang. Immer schneller. Du bist so schön – im Licht der Sonnenstrahlen, die zwischen den einzelnen Bäumen hindurchscheinen und im Sekundentakt Schatten auf dein Gesicht zaubern. Hell dunkel. Hell dunkel. Hell dunkel. Immer im Wechsel. Mein Herz klopft so laut, dass ich taub werde. Wir springen von den Rädern und lassen sie einfach so in das Gras fallen. Die Reifen drehen sich noch eine Weile weiter. Aber da hast du mich schon längst geküsst, noch bevor die Sonne hinter dem Hügel verschwindet und die Grillen anfangen zu zirpen.

Ja, wir sind süchtig. Und du bist meine Droge. Und ich bin deine. Wie zwei Junkies liegen wir hier und jetzt. Gebettet auf Rosen zwischen Träumen und der Sehnsucht nach was ganz Großem und vergessen die Dornen.

 

© Julia