Irgendwo dazwischen.

Prosa

Der Hosenbund schneidet unangenehm in das weiche Fleisch, es tut außen weh, aber auch innen. Weil es zu viel ist, von allem. Weil sich jeder Tag nach Kater anfühlt und es so heftig pocht im Kopf. Und manchmal auch im Herzen. Weil die kurzen Tage in lange Nächte übergehen, klammheimlich und noch bevor die dritte Flasche Rotwein geleert ist, aber die Lippen schon ganz blau sind. Weil das Herz mal wieder übergelaufen ist und sich das Blut in den trockenen Hautfalten ausbreitet und festsetzt. Da hilft dann auch kein Schrubben und Bürsten mehr. Die Haut durstet nach dem Blut wie die Erde nach einem Sommer ohne Regen und saugt es förmlich in sich auf. Winzige Verästelungen auf dem Handrücken und zwischen Daumen und Zeigefinger. Wenn man nicht aufpasst, auch zwischen den Armen, links in der Mitte. Das geht relativ schnell und in solch einem Falle kann man auch recht wenig tun. Man muss das einfach aushalten. Weil Blut und Wasser immer ihren Weg finden. Tropfend und kriechend. Blitzschnell. Und man noch Wochen danach das Blut aus den Fliesen kratzt.

Wenn auf nichts alles folgt und auf alles nichts, verpasst man manchmal den richtigen Moment und bleibt mittendrin stehen. Man versumpft in einer Parallelwelt mit blutverkrusteten Fugen und mit dem guten Rotwein getränkten Parkettboden. Der Zug in den Süden ist bereits abgefahren und der nach Norden hat wegen akutem Schneefall Verspätung. Es bliebe noch der nach Osten oder Westen. Beide fahren erst übermorgen. Also steht man am verlassenen Bahnsteig mit seinem gepackten Köfferlein und hält Ausschau nach Zügen, die nicht fahren. Und steht irgendwo zwischen Nord und Südwest, zwischen gestern und übermorgen und sucht vergeblich nach dem Heute. Irgendwo dazwischen.

 

© Julia

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Siesta im Gehirn.

Lyrik

Es kribbelt in meinen Beinen und ich kann dem Drang mich hinzulegen nur schwer widerstehen. Um mich herum all diese Menschen, die alles besser wissen und können und überhaupt. Selbst der Bus vor der Türe fährt im Rhythmus meines Herzschlags. Nur langsamer. Meine Augenlider sind ganz schwer, weil die Gedanken so fest drauf drücken. Von innen. Ich blinzle gegen die Sonne und sehe nur weiße Wolken. Dann gibt es einen ziemlich lauten Knall. Es knackt etwas, so als würde man ein Stück morsches Holz entzweien. Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne und die fallen jetzt nahezu lautlos auf die Erde. Je nach dem, wie der Wind gerade weht, tanzen sie sogar noch eine Weile durch die Luft. Winzige Teilchen. Federleicht. Herausgebrochen aus zentnerschweren Stücken. Der Boden ist weich, fast wie die alte Schaumstoffmatratze auf dem Speicher. Das Kribbeln breitet sich von den Füßen in meinem gesamten Körper aus und es kitzelt in meinen Haarspitzen. Es riecht nach Sommerregen, nassem Holz und ein bisschen faul. Ich höre Musik, die so dumpf klingt als sei ich unter Wasser. Ganz tief im Ozean. Azurblau. Luftblasen kämpfen sich an die Oberfläche. Meilenweit. Schäumende Gischt und geschlossene Rollläden. Siesta im Gehirn. Es klingelt an der Türe und noch bevor ich aufstehe, sehe ich die Erde unter meinen Fingernägeln und rieche das Salzwasser in meinen Haaren.

 

© Julia

Watteweich.

Prosa

Ich liege auf der Erde und schaue in den Himmel. Das Gras ist noch ein bisschen feucht von dem Gewitter gestern, aber trotzdem angenehm warm von der Sonne heute. So ist da ja, nach dem Regen kommt immer die Sonne, oder? Die Welt zieht über meinem Kopf vorbei. Meine kleine, große Welt, denke ich und muss etwas schmunzeln. Die Wolken wiegen sich einen Hauch schneller als sonst im Wind. Watteweiße Fetzen verbinden sich zu Engelsflügeln oder Lungen – such dir was aus. Manchmal werden auch Einhörner draus. Oder kleine Herzen. Man muss nur ganz genau hinsehen.  Ich wünsche mir, wie ein Flugzeug durch die Wolken fliegen zu können. Watteweich. Die Kondensstreifen verblassen allmählich und ich frage mich, ob unsere Liebe auch einfach verblassen kann? Nach all den Jahren? Einfach so. Ganz klammheimlich. Ungefragt. Und es gibt ja schließlich auch so viele Flugzeuge. Ich atme tief ein, um mit selbiger Stärke auszuatmen und alle Wolken über meinem Kopf weg zu pusten. Ich mag das. Ich mag, wie sich die Wolken immer wieder neu zusammensetzten, sich verbinden, ja ineinander verschmelzen. Einswerden. Und dann, wenn die Wolkendecke dicht genug ist, bricht die Sonne sie auseinander. Das schräg einfallende Licht ist ganz besonders schön und gibt die Sicht auf ein strahlendes Blau frei. Die Wolken tun das einfach so. Die haben keine Angst vor neuen Mustern. Völlig selbst- und lautlos sind sie immer in Bewegung. Und erfinden sich immer wieder neu. Immer anders. Immer schön. Und weisst du, manchmal glaube ich du bist eine Wolke. Hier und da. Und noch weiter. Wie sieht die Welt denn von da oben aus? Ich kneife die Augen zusammen und lasse den Wind meine Tränen trocknen. Was sind Wolkenbilder ohne Wind? Und manchmal, wenn ich hier im Gras liege und die Wolken beobachte, frage ich mich, ob du denselben Himmel siehst wie ich.

 

© themagnoliablossom

Ein Ort.

Inspiration, Lyrik

Wollen wir uns vielleicht irgendwo treffen? Irgendwo, wo die Sonne zwischen den Blättern hervorblitzt, wo Grün und Blau Cyan ergeben und der Himmel die Erde berührt.

Dort, wo sich das Dunkle mit dem Hellen vermischt und der brennende Feuerball am Horizont in unendliche Tiefen versinkt. Wo Umrisse Gestalten nur erahnen lassen und unscharfe Schatten von stechenden Augen durchbrochen werden. Wo Sehnsucht und Wehmut verschmelzen, eins werden. Im Hier und Jetzt und heute und morgen. Wo es im Herzen sticht und im Bauch kribbelt.

Dort, wo Licht und Schatten ein beeindruckendes Pas de Deux tanzen. Wo die Sonne versucht mit den Sternen zu konkurrieren. Ein Akt der Unmöglichkeit, wissen Traumtänzer.

Dort, wo sich Fuchs und Hase nicht einfach nur gute Nacht sagen, sondern sich begegnen. Und Nacht für Nacht gemeinsam nach den Sternen greifen. Immer und immer wieder.

Kennst du einen solchen Ort? Ich werde dort auf dich warten.

 

© Julia