Geschmolzene Butter.

Prosa

Es riecht nach geschmolzener Butter als ich meine Augenlider öffne. Die Türe ist genau einen Spalt weit auf, so dass ich dich vor dem Herd stehen sehe. Es gibt wenig, was mehr Wohlgefühl in mir auslöst als der Geruch von geschmolzenem Fett. Goldgelb in der Pfanne, riecht es nach Kindheit, Heimat und ganz viel Liebe. Was heute verteufelt wird, war früher das besondere Etwas. Die Zeiten ändern sich, denke ich mir und ich strecke einen Zeh unter der Bettdecke hervor. Das Herbstlicht blitzt zwischen den leichten Vorhängen hindurch und taucht dich ein wunderschönes Licht, fast golden – wie die Butter. Du trägst nur deine karierte Boxershorts und wenn du dich auf Zehenspitzen stellst, um an den Zucker ganz oben im Regal zu kommen wird aus deinen Waden eine Berglandschaft. Du schlägst vier Eier in eine Schüssel und gibst etwas von dem Zucker dazu. Als du bei dem Mehl angelangt bist, wirbelst du ein bisschen zu heftig mit deinem Schneebesen umher, sodass meine Sicht durch eine riesige Mehlwolke versperrt wird. Ich muss kichern, rolle mich auf die Seite und stelle mich schlafend. Nur ungern möchte ich dich bei deinen Vorbereitungen stören. Es zischt als der Teig langsam in die Pfanne gleitet. Mit einem Schwung versuchst du den Fladen zu wenden. Dein Oberarm spannt sich dabei so herrlich an, dass mir ganz warm wird. Ziischhhh – die zweite Kelle Teig findet ihren Weg in das heiße Fett. Es riecht so unglaublich gut, dass ich am liebsten sofort aufstehen möchte und davon naschen. Von dir. Du brühst Kaffee auf und streichst dir mit deiner Mehlhand durch die Haare. Hey, sag mal weisst du eigentlich, wie schön du  bist, denke ich mir noch  – ganz benebelt von all den Gerüchen – sage ich aber dann doch nicht. Du gießt Ahornsirup über den in Fett gebackenen Teig und ich habe noch nie solch schöne Pfannenkuchen gesehen. Ich schnappe mir die Croissants und setze mich im Schneidersitz auf das Bett. Voller Mehl und mit Sirup um den Mund stellst du das Tablett auf den kleinen blauen Tisch. Du machst eine Kunstpause und drehst dich mit einem Ruck zu mir, wirfst mich in die Laken zurück und drückst mir einen Kuss auf den Mund. Ich bekomme kaum Luft zwischen all dem Mehl, aber es ist das Süßeste, was ich je probiert habe. Vielleicht liegt das an dem Ahornsirup. Vielleicht aber auch an dir. Ich tauche mein Croissant in die geschmolzene Butter und dann essen wir Kohlenhydrate mit Kohlenhydraten und Fett. Einfach so. Und das ist das Schönste, was ich seit langem gemacht habe.

 

© Julia

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Ferienende.

Kolumnen

Die letzten Tage sieht man sie wieder vermehrt. Die Kondensstreifen, die die großen Flieger hinter sich herziehen. Wilde Muster in Weiß, vor strahlendem Blau. In gefühltem Sekundentakt sehe ich Flugzeuge starten und landen, muss hier und da etwas blinzeln, wenn sich die Sonne in den schrägen Tragflächen spiegelt. Ich male mir immer aus, wohin sie fliegen. Überlege, wo Norden und wo Süden ist und welches Ziel diese Flieger haben könnten. Welche Menschen da drin sitzen, zu wem sie mit klopfendem Herzen fliegen und wen sie schon jetzt vermissen, kurz nach dem der Gate geschlossen wurde. Die großen Flieger, die einem eine grenzenlose Freiheit vorgaukeln. Alles möglich. Alles nur einen Fingerschnipp entfernt. Oder einmal Augen zu, Karte durch am Ticketschalter.

Für jeden Flieger der startet, gibt es auch einen der landet. Pünktlich zum Ferienende hier in Bayern sind das ganz schön viele. Aus und vorbei das schöne Leben am Strand unter Plamen. Vorbei sind die Tage, an denen man sich zwischen Kaffee oder Tee zum Frühstück und Wein oder doch lieber einen Cocktail zum Abendessen entscheiden mussten – und das eine tagesfüllende Aufgabe war. Aufstehen ohne Wecker, von schräg einfallenden Sonnenstrahlen sanft geweckt werden #slowmorings. Zwischen Lesen, schwimmen und ein bisschen Wandern ist nicht viel passiert. Jeder Tag fühlte sich wie Sonntag und Weihnachten zusammen an. Man hatte nichts vor. Und morgen auch nicht. Und am Tag nach morgen auch nicht. Hach, ja sweet life. Das Ende kommt da irgendwie immer ganz plötzlich. Die Rückkehr in den Arbeitsalltag schier unmöglich. Vor drei Wochen war ich noch so motiviert, hatte Ideen, Pläne und mein Tag hätte mehr als 24 Stunden benötigt, um all das zu verwirklich. Ich hatte einen richtigen Lauf. Da konnte mir nicht einmal der miese Sommer einen Strich durch die Rechnung machen. Ha! Gummistiefel for the win. Und nun? Laufen die Erstklässler mit ihren viel zu großen Schultüten aufgeregt umher und bei mir ist irgendwie der Drive weg. Was ist passiert in jenen drei Wochen, Nichtstun, entschleunigen, faul sein? Ist das ein bisschen ausgeartet?  Hat man da die Kontrolle verloren? Und die Kreativität gleich mit? Oder kratzt da was ein bisschen am eigenen Ego, weil der Laden ja scheinbar ganz wunderbar ohne einen selbst lief? Huch! Post-Holiday-Blues, nennen das die Forscher und raten zu softem Einstieg, to-do Listen und die Mittagspause mit den Kollegen zu verbringen. Ich spüre schon jetzt, wie der Kortisolspiegel in meinem Blut steigt. Zurück im Büro wartet das volle Postfach, 1004 unbeantwortet Mails und der Kaffee schmeckt auch irgendwie schal. Zäh wie Kaugummi vergehen die Stunden und das Blatt ist immer noch weiß.

Aber vielleicht liegt es gar nicht am Urlaub, oder der Rückkehr aus diesem. Vielleicht hat man davor einfach schon alle Energie und Kreativität aufgebraucht, sodass sich der Körper jetzt lautstark seine Pause einfordert? Vielleicht sind nämlich Kreativpausen gar nicht so schlimm, sondern viel mehr kreative Pausen. Und ganz vielleicht bauen wir in unseren Alltag ein paar happy moments ein und setzten auch hier vermehrt auf kleine Auszeiten. Klingt doof, is aber so. Denn schließlich ist nicht Urlaub unser Leben, sondern das, was dazwischen passiert und das, sollte mindestens genauso schön sein – wenn nicht gar besser.

 

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.

Das wusste schon Erich Kästner. Und der muss es ja wissen.

 

© Julia

Honigblond.

Prosa

Er zog die Türe hinter sich zu und lies sich mit einem Rums auf das Sofa fallen. So gut es auch nur ging, versuchte er die zerknüllten Din A4 Blätter, die überall verstreut auf dem Boden lagen, zu ignorieren. Es war waren mittlerweile so viele Papierstücke zusammen-gekommen, dass man den gefliesten Boden darunter nur noch erahnen konnte. Schade eigentlich, dachte er, denn es ist ein sehr schöner Boden. Winzige, bunte Fliesen – Stück für Stück zusammengefügt. Ein wunderschönes Mosaik. Was für eine Heidenarbeit das gewesen sein muss. Solche eine Geduld aufzubringen, um diese filigranen Teilchen millimetergenau aneinanderzulegen, sah er sich nicht im Stande. Schon drei Mal nicht, wenn etwas derart Schönes dabei herauskommen soll. Man achtet ja viel zu selten auf die kleinen Dinge des Lebens, ruft er sich in Erinnerung. Heutzutage. Aber eigentlich auch schon immer. Er ließ seinen Blick zum Fenster schweifen, wo eine Taube sich über die Reste seines Frühstücks hermachte. Manchmal rauchte er zu seinem morgendlichen Kaffee eine Zigarette am geöffneten Fenster.  Und manchmal vergaß er seinen Frühstücksteller auf dem Fensterbrett. So wie heute Morgen. Der Tauberich stelzte von einem Fuß auf den anderen, legt den Kopf schief und pickte hier und da noch etwas auf dem Teller herum, ehe er wieder davon flog. Ein Leben hat der. Einfach davon fliegen können, wann immer einem der Sinn danach steht und bleiben, wo immer es einen hält. Der Gedanke gefiel ihm. Dann könnte er, wenn die Sehnsucht wieder einmal Überhand nehmen sollte, zu ihr fliegen. Bloß, um zu Gucken. Sich federfüßig auf ihrem Fensterbrett niederlassen und sich dem konspirativen Gefühl des Voyeurismus hingeben. Nur für einen kurzen Moment. Seine Synapsen liefen auf Hochtouren, als er sich den Gedanken an sie erlaubte. Oft tat er das nicht, aber wenn, dann empfand er es als könne man Schönheit fühlen. Er dachte an ihre weiche, weiße Haut. Wie Milch. Oder Porzellan. Oder beides. Da konnte er sich jetzt nicht festlegen. Der Duft, der den gesamten Raum überströmte, wenn sie das Haargummi aus dem Zopf löste und ihre honigblonden Haare sanft über ihre Schultern fielen. Himmelherrgott. So schön. Er musste die Augen schließen, um dieses Gefühl vollends auskosten zu können. Es ist ihm unbegreiflich, wie ein menschliches Wesen von einer solchen Schönheit heimgesucht werden konnte. Das Leben ist ungerecht, dachte er und blickte auf seine Knie, die schlaksig in den zerschlissenen Jeans hingen. Eine Weile noch saß er so da und hing dem Gedanken nach, wahrhaftig zu ihr, der Honigblonden, zu fliegen, um es sich auf ihrem Fensterbrett gemütlich zu machen. Dachte der Tauberich auf seiner Fensterbank auch so über ihn, wenn dieser so dröge auf einem Fuß stand und gurrte? Vielleicht war die Taube eine reinkarnierte Ex-Freundin. Oder der Junge vom Haus nebenan, den er früher gehänselt hatte. Er dachte an Karma und schüttelte etwas zu hastig den Kopf, um den Gedanken schnell aus dem solchen zu verbannen. Natürlich wusste er bereits, hier und jetzt auf seinem Sofa sitzend, was ihn dort erwarten würde – dazu müsste er nicht eigens hinfliegen, selbst wenn er die Fähigkeit besäße. Er gestand sich jedoch ein, dass der Gedanke des heimlichen Beobachtens ihm einen völlig neuen Reiz offenbarte. Er knubbelte etwas Haut von seinem Daumen und schaukelte den Gedanken noch eine Weile in seinem Kopf umher, ehe er aufstand und die fünf Schritte zum Fenster ging. Er atmete tief ein und presste die Luft zwischen seinen geschlossenen Lippen hervor. Es hätte durchaus schlimmer kommen können. Immerhin stand er zwischen jenen vier Wänden, die er sein Eigen nennen durfte. Nein, eigentlich konnte er wahrlich stolz sein. Er nahm ein weiteres DIN A4 Blatt vom Stapel.

Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Schrieb er in großen Lettern. Ihn erschlich ein Gefühl der Scham ob dieser abgedroschenen Worte. Er stellte den Teller beiseite, nahm das gelbe Feuerzeug vom Sims und zündete das geschriebene Wort an. Dem unweigerlichen Drang milde zu lächeln konnte er nicht widerstehen, was ihn sehr erfreute.

Ende.

 

© Julia

 

Halb. Mond.

Prosa

Du legst deinen Kopf leicht schief und schaust mich über den Rand deiner aufgeschlagenen Zeitung an. Ich sehe von meiner Seite des Tisches nur eine hochgezogene Augenbraue. „Reichst du mir mal die Marmelade, bitte?“, sagst du, ohne den Blick von den gedruckten Buchstaben abzuwenden. Ich lecke mir den Rest Milchschaum von den Lippen und lasse meinen Blick schweifen. Vorbei an der Zeitung, die ich nur als Buchstabensalat wahrnehme. Schwarz und weiss. Dein nackter Oberkörper, mit all der Farbe und noch mehr Buchstaben durchbricht das Grau. Deine Füße stecken in dicken Wollsocken – schließlich ist es Winter. All das. So schön. Hier und jetzt. Während ich den Gummibund deiner dunkelblauen Boxershort betrachte, reisst mich ein Rascheln aus meinen Gedanken, die so kitschig sind, dass mir übel wird. Du hast die Zeitung auf den Tisch gelegt und dabei hat sich eine Strähne aus deinen zum Dutt frisierten Haaren gelöst. „Halloooo, die Marmelaaaadeee, Madame! Träumst du?“. Ich greife nach dem Marmeladenglas und laufe auf deine Seite des Tisches. „Ja, von dir“, höre ich mich sagen während ich dir Croissant-Krümel von der Oberlippe streiche.

 

 

© themagnoliablossom