Siesta im Gehirn.

Lyrik

Es kribbelt in meinen Beinen und ich kann dem Drang mich hinzulegen nur schwer widerstehen. Um mich herum all diese Menschen, die alles besser wissen und können und überhaupt. Selbst der Bus vor der Türe fährt im Rhythmus meines Herzschlags. Nur langsamer. Meine Augenlider sind ganz schwer, weil die Gedanken so fest drauf drücken. Von innen. Ich blinzle gegen die Sonne und sehe nur weiße Wolken. Dann gibt es einen ziemlich lauten Knall. Es knackt etwas, so als würde man ein Stück morsches Holz entzweien. Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne und die fallen jetzt nahezu lautlos auf die Erde. Je nach dem, wie der Wind gerade weht, tanzen sie sogar noch eine Weile durch die Luft. Winzige Teilchen. Federleicht. Herausgebrochen aus zentnerschweren Stücken. Der Boden ist weich, fast wie die alte Schaumstoffmatratze auf dem Speicher. Das Kribbeln breitet sich von den Füßen in meinem gesamten Körper aus und es kitzelt in meinen Haarspitzen. Es riecht nach Sommerregen, nassem Holz und ein bisschen faul. Ich höre Musik, die so dumpf klingt als sei ich unter Wasser. Ganz tief im Ozean. Azurblau. Luftblasen kämpfen sich an die Oberfläche. Meilenweit. Schäumende Gischt und geschlossene Rollläden. Siesta im Gehirn. Es klingelt an der Türe und noch bevor ich aufstehe, sehe ich die Erde unter meinen Fingernägeln und rieche das Salzwasser in meinen Haaren.

 

© Julia

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Golden.

Prosa

Auf knarrenden Dielen laufe ich hinein in den dunklen Flur. Links und rechts sitzen ein paar Menschen auf alten, dunkelgrünen Samtsofas und trinken Gin mit Tonic. Die Gesichter sind hinter den schweren Kristallgläsern nur als helle Schatten zu erahnen. Das schummrige Kerzenlicht hüllt ihre Mienen in ein geheimnisvolles Halbdunkel.

Ich schüttle meinen Regenschirm, um ihn von den letzten Tropfen zu befreien und ein bisschen auch, um mich meinem Unbehagen zu entledigen. Die dunklen Halbschatten quittieren meine Sprenkel-Aktion mit einer Mischung aus pikiert sein und müdem Lächeln. Der Boden ist jetzt gefährlich glatt und ich muss aufpassen, dass ich nicht ausrutsche.

Als ich um die Ecke biege, sitzt du bereits am Tisch. Der quadratische Raum ist genauso grün wie die Sofas am Eingang und die Wände sind golden. Es glitzert etwas. Aber vielleicht sind das auch deine Augen. Es ist ein schöner Tisch. Mitten im Geschehen, aber dennoch weit genug entfernt, um etwas Privatsphäre zu genießen. „Hallo“ sage ich und du drückst mir einen Kuss auf die Wange. Deine Lippen sind so zart, dass ich mehr als bereitwillig die Andere hinhalte.

Dann sitzen wir also auf ledernen Stühlen, zwischen Vorfreude und Nervosität gesellt sich ein infantiles Gekicher und ein Platz bleibt frei. Wir wissen beide nicht, wie wir ihn füllen sollen. Und wenn es nur der Abstand von einem zum anderen Tischende ist. Weil wir uns nicht entscheiden können, nimmt der Kellner einen Stuhl mit, weil andere sich anscheinend sehr wohl entscheiden können. Ich streiche etwas über die dunkle Schieferplatte und schaue direkt vorbei an deinen Augen. Dein dunkelblauer Anzug sitzt so perfekt, dass ich mich frage, ob du dich hast einnähen lassen. Seidiger Glanz auf dem allerfeinsten Garn. Ich ziehe einen abstehenden Faden aus meiner Bluse und fühle mich schäbig. Der Kellner kommt zum dritten Mal an den Tisch und ich weiss noch immer nicht, was ich will. Getränke wie „Sex on the Beach“ oder „Orgasm“ würden den Kloß in der Kehle nur hinreichend befriedigen, zumal es etwas Derartiges hier nicht auf der Karte gibt. Ich halte nach Einmal-Alles Ausschau, aber auch das suche ich vergeblich.

Im Prinzip ist es ja ganz einfach: Man hat eine Karte, in der man sich aus  dreihundertfünfundvierzig Cocktails einen aussucht. Das Problem ist jedoch, dass die alle ziemlich gut klingen. Und wenn man noch nie etwas von Gin-Espuma oder China-China Virana gehört hat, dann sollte man das vielleicht auch einfach mal probieren. Oder vertraut man auf die bewährten Klassiker? Mit Gin und Tonic kann man schließlich nicht viel falsch machen, wie die Herren am Eingang eindrucksvoll bewiesen haben. Hinlänglich bekannt, dass Altbewährtes aber auch niemals der Ort ist, an dem die Magie passiert. Oder doch?

Du überschlägst deine Beine und dein Knie berührt für eine Millisekunde das meine. Wer schon einmal an einen Elektrozaun gefasst hat, weiss wie sich das anfühlt. Der Champagner in meinem Drink ist quasi nur das Wasser in der Wanne und der Föhn gefährlich nahe. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck und lecke mir die pinken Zuckerkörner von den Lippen.

Fast ein Jahr ist es her, dass ich den Klang deiner Stimme in meinen Ohren gehört habe. Und noch immer ist das deine Lieblingsmusik. Während du redest und erzählst bin ich fasziniert von deinem Einstecktuch, oder dem Muskel darunter, der bei jedem Schluck aus dem schweren Kristallglas zuckt. Mir wird etwas heiss und du legst dein kaltes Herz auf den Tisch. Es knackt, weil die Luft gefriert. Ich weiss wie der Hase läuft, sage ich und wünschte, ich wüsste es nicht. Wenn du Champagner bestellst und Maraschino Likör bekommst, läuft irgendetwas falsch. Und zwischen all dem Art Déco komme ich mir wie ein Ikearegal vor und muss an Carrie denken.

Weil zwei zu wenig und vier zu viel sind, gehen wir nach genau drei Drinks. Du fischst einen 100 Euro Schein zwischen all den Fünfzigern und denen mit noch mehr Nullen hervor. Stimmt so. Du bist der Lilafarbene untern den Goldenen. Jackpot. Ich vergesse mit Absicht meinen Schirm und hake mich bei dir unter. Muskelberge unter feinem Gewand. Regentropfen perlen genauso ab wie Gefühle. Und wenn es für jeden Topf einen Deckel gibt, bin ich eine Teflonpfanne, denke ich mir und noch bevor ich Luft holen kann, spüre ich deine zarten Lippen auf meinen. Später auch auf denen in meinem Gesicht.

 

© Julia

Löwenherz.

Prosa

Für einen Abend im Frühling ist es nicht besonders mild. Aber auch nicht besonders kalt. Irgendwas dazwischen. Der Typ hinter der Bar schiebt zwinkernd zwei Flaschen Bier über den Tresen. „Da bist du also“, sage ich und proste dir zu. Der kühle Hopfensaft rinnt wohltuend die Kehle hinab. Du lächelst und es fühlt sich nach so langer Zeit wie immer an. Als hätten diese sechs Jahre nicht stattgefunden. Einfach übersprungen. Wir reden seit Stunden über ein Leben, das nicht unseres ist. Buchstaben reihen sich aneinander und werden zu ernsthaften Worten. Erwachsen geworden sind wir. Irgendwie. Trunken und taumelnd in Erinnerungen stelle ich fest, dass dein Herz gar nicht so kalt ist wie das Bier in meiner Hand. Sag mal, können wir nicht einfach Stopp drücken und zum Anfang zurückspulen?

Du erzählst mir von diesem dunkelgrünen Jeep mit hochklappbaren Türen. Deinen Touren durch die Welt. Den Bergen und Seen. Der Sonne und dem Regen. Und ich möchte dir für immer zuhören. Deinen Geschichten lauschen von Kämpfen mit Löwen, von der Wildnis und von deinen Narben. Weil deine Stimme für immer Musik in meinen Ohren ist. Weil in deiner Brust ein Löwenherz schlägt. Ich weiss das, weil ich es schon einmal von innen gesehen habe. Rot und weich. Zerbrechlich wie ein Straußenei. Aber nachts sind alle Katzen schwarz. Du bist der Held deiner ganz persönlichen Safari und selbst Sandstürme gehen spurlos an dir vorbei, mag man meinen. Aber ich weiss es besser. Und manchmal möchte ich einfach dein Herz in die Hand nehmen und es an einen sicheren Ort tragen. Dabei bin ich das Löwenbaby, das mit einem sanften Nackenbiss in Sicherheit gebracht werden muss. Bleibst du hier, bis der Morgen graut?

Die Nächte sind immer so kurz und ein Morgen haben wir nicht. Du bist weg und ich bin hier und manchmal bin ich weg und du hier. Ich lasse eine Münze durch den schmalen Schlitz fallen und drücke den schmierigen Hörer fester an mein Ohr. Weitere fünf Minuten knackendes Rauschen, das durch gleichmäßigen Atem unterbrochen wird. Ich brauche eine Stunde um hallo zu sagen und für all die Münzen, die in meiner schweißnassen Hand kleben bekommen wir nicht einmal eine Sekunde zum Reden.

Aber wenn wir das jetzt hier nicht zusammen durchziehen, wie können wir dann leben? Können wir dann überhaupt atmen? Mit all dem Sand in der Lunge? Wir können uns nicht zurücklassen. Straußeneier haben kein Verfallsdatum. Weisst du, ich war in so vielen Zoos und habe sämtliche Tierarten auf verschiednen Kontinenten beobachtet nur um festzustellen, dass Löwen meine Lieblingstiere sind.

Und nun brennt die Sonne klar und heiß in mein Gesicht, dass der Schweiss nur so rennt und ich zwischen all der Hitze nicht merke, dass es Tränen sind, die im sandigen Boden verpuffen. Bevor hier Herzen in Flammen aufgehen – lass uns mit deinem Jeep in die Wüste fahren und den Sand alles ersticken bevor wir Fata Morgana sagen können.

Und wenn ich dich noch einmal umarmen könnte – mit Haut und Löwenhaar – ich würde dich nicht mehr loslassen. Das ist ein Versprechen. Weil ich nicht mehr ohne dich sein kann. Du bist die Safari meines Lebens.

 

© Julia

Herzenhimmel.

Lyrik

Manchmal, wenn der Wind ganz sanft durch die Felder weht und das Grün leise zur Melodie tanzt. Wenn die Sonne ganz tief steht und es ein bisschen in der Nase kitzelt. Wenn es noch warm ist, aber nicht zu heiß. Wenn es nach Himbeeren riecht. Und Aprikosen. Zwischen all dem Lavendel. Wenn alles bunt ist und man sich einfach ein bisschen Schwarz wünscht. Oder grau. Wegen der Balance. Ein Drahtseilakt.

Wenn der Lärm in meinem Kopf immer leiser wird. Und das Vorbeiziehen der Wolken das einzige Geräusch ist, in dessen Klang ich mich verliere. Weil der Himmel mit dem Horizont verschmilzt. Und ich spüre wie sich die Erde dreht. Ganz langsam. Dann, wenn all das so ist, wie jetzt in diesem Moment, dann denke ich an dich. Ich spüre deine Umarmung, die mich wie ein zarter Windhauch umhüllt. Vielleicht ist es auch dein Atmen in meinem Nacken. Oder tatsächlich der Wind. Wenn ich mein Herz schlagen spüre und es vielleicht deins ist. Ein Herzenhimmel.

Es ist ein faszinierende Spiel von Licht und Schatten, von Düften und Gerüchen, Wärme und ein bisschen Melancholie. Dieser Ort ist meine Droge. Ich möchte ihn konservieren. Einpacken und mitnehmen. Immer wieder konsumieren. Und du, du bist all das und das ist manchmal so schrecklich schön, dass es weh tut. Weisst du das eigentlich?

 

© themagnoliablossom

Flamingo.

Prosa

Du schiebst mich unsanft unter das Vordach und drückst meine Hände gegen die Hauswand. Ich kann deinen Atem riechen und deinen Herzschlag fühlen. Es sind nur Millimeter zwischen uns. Die Luft ist so unfassbar heiß, dass die Regentropfen auf unserer Haut verpuffen. Wenn es blitzt, sehe ich für einen kurzen Moment das Funkeln in deinen Augen. Beim Donner zucke ich zusammen und du drückst meine Hände ein bisschen fester. Ich nehme an, du tust das, um mich zu beschützen aber mich muss man nicht beschützen.

Es war nur ein Blick und ein kurzes Hallo. Dahin gesagt. Fast gerotzt. Kurz. Angebunden. Sowieso. Immer. Big Business. Deine Zuneigung getarnt als Ablehnung. Es sind Augenpaare, die sich immer wieder suchen und finden. Zwischen all den schönen Menschen in noch schöneren Kleidern. Wie Flamingos stehen sie da und klammern sich an ihren Drinks fest. Ein angenehmer Geräuschteppich wabert über die Terrasse. Die Big Band beginnt zu spielen, ich lehne mich an das Geländer, nippe an meinem Weißwein und spüre wie sich Entspannung in mir ausbreitet. Du läufst zufällig an mir vorbei und beachtetest mich zufällig nicht. Die Entspannung wandelt sich in eine angenehme Spannung, die – in Kombination mit dem Wein ein süßes Kribbeln im Bauch verursacht. Es ist dieses alte, abgedroschene Spiel, das ich so sehr hasse und liebe zugleich. Es ist dieses fürchterliche Balzgehabe, zu dem mein Kopf nein, aber mein Körper ja sagt.

Ich stehe an der Bar und bestelle mir einen Drink. Ein Windhauch streicht mir über den Rücken und ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass du hinter mir stehst. Ein bisschen Small Talk mit all den Flamingos. Eine zufällige Berührung  hier und da, einmal zu lange ausatmen. In meinen Nacken. Gänsehaut trotz der Hitze. Wir wollen alleine zu zweit sein. Und noch nie kam ein Gewitter zu einem besseren Zeitpunkt. Während die Flamingos unter Geschrei herumstaksen wie aufgescheuchte Hühner nimmst du meine Hand. „Los. Lauf“, sagst du und ehe ich begreife was ich tue, rennen wir Hand in Hand durch den Sommerregen.

Und nun stehen wir unter diesem Vordach. Klitschnass. Durchgeweicht. Bis ins Herz. Vielleicht war es die laue Sommernacht, die uns entfesselte. Vielleicht war es auch einfach nur der Wein. Aber in diesem Kuss entlädt sich alles, was jemals elektrische Ladung besessen hat. Du drückst deinen schweren, nassen Körper auf mich während deine Zunge sanft über meine Oberlippe fährt. Es geht um nichts außer diesem Kuss, der sich mit dem mächtigen Gewitter battelt. Laut und leise. Hell und Dunkel. Sanft und hart. Direkt über uns. Hier. Und jetzt. Unserer eigener Stromkreislauf.

 

© themagnoliablossom

Wenn du wüsstest.

Lyrik

Wenn du wüsstest, wie schön du bist. Wenn im Schlaf deine Augenlider zucken, weil du im Traum gegen Löwen kämpfst. Wenn sich deine Nackenhaare kräuseln und in meinem Atem tanzen, weil ich so nah bei dir liege. Wenn du wüsstest, dass dein leises Schnarchen in meinem Ohr das schönste Symphonieorchester der Welt ist. Wenn du wüsstest, wie schön es ist, wenn sich dein Burstkorb mit jedem deiner Atemzüge hebt und sich beim Ausatmen eine kleine Kuhle seitlich an deinem Bauch bildet. Ich fahre die Konturen mit meinem Finger nach. Du zuckst zusammen und ich sehe deine Gänsehaut. Und als ob es ansteckend sei, ist auch meine Haut mit winzigen Pünktchen übersäht. Ich wünschte ich könnte durch deine Haut in dich hinein kriechen, noch näher an dich heran. Deinen Duft in mir aufsaugen. Konservieren. Ich wünschte ich könnte in deine Träume hereinspringen wie in eine Wolke und gemeinsam mit dir gegen den Löwen kämpfen. Deine Hand in meiner. Zusammen. Unbesiegbar. Wenn du wüsstest, wie schön das ist.

 

© themagnoliablossom

 

Apfel. Kern.

Prosa

Manchmal zähle ich die Karos auf meiner Bettwäsche. Einhundertdreiundsechzig. Ohne das Kissen. Ich weiss nicht, ob dabei mittlerweile Monate oder Jahre vergangen sind. Wenn ich unten angelangt bin, fange ich oben wieder an. Das Leben ist ja so. Es geht immer weiter. Irgendwie. Dieses Irgendwie hat nur noch niemand so richtig definiert. Was relativ doof ist, weil es ja genau darauf ankommt.

Durch das geöffnete Fenster weht ein eisiger Wind. Ich sauge die klare Luft förmlich in mich hinein. Als ob sie die Fähigkeit besäße, mich zu reinigen. Zu befreien. Von dem Ballast. In mir. Als ob ich all das mit einem Atemzug loswerden könnte. Ein irrer Gedanke. Alles bleibt. Und ein Stechen in der Lunge gibt´s obendrauf. Gratis.

Die Sache ist ja die, dass sich die Welt immer weiter dreht und es immer wieder eine neue Zukunft gibt. Zukunft – das ist das, was in meinem Kopf passiert während ich die Karos zähle. Es ist ein schlechter Remix deines Lieblingssongs. Der letzte Schluck Kaffee, der immer kalt ist. Und die Tatsache, dass die Bolognese das einzige ist, was aufgewärmt irgendwie besser schmeckt. Ich weiss das. Natürlich. Aber es ist der Gaumenkitzel, der süße Nachgeschmack dieser Droge namens Realitätsflucht. Es sind jene Momente oder Jahre, in denen ich Karos zähle und dem Stechen in der Lunge ein wohliges Gefühl weicht. Ein Gefühl in dem alles möglich ist. Früher haben wir immer geglaubt, uns wüchse ein Apfelbaum im Bauch, wenn wir versehentlich einen Kern verschluckt haben. Stundenlang haben wir nichts getrunken, in dem irrwitzigen Glauben, dem Sprössling damit den Garaus zu machen. Heute trinken wir tagelang, um alles aus uns heraus zu spülen und wünschen uns eine weiße Leinwand auf die wir all unsere Sehnsüchte projizieren können.

Und trunken von all den Visionen, wächst manchmal aus einem Apfelkern eben doch ein Baum.

 

© themagnoliablossom

Dein Duft.

Prosa

Manchmal ertrage ich es nicht, in einem Raum zu sein. Mit dir. Deinen Atem zu inhalieren, dich in mir aufzusaugen. Dich zu spüren, mich einnehmend, ausfüllend. Ganz und gar.

Ich ertrage es nicht, dass du rein physisch gut zwei, vielleicht auch drei Meter von mir entfernt bist, aber deine ganze Gestalt, jede einzelne deiner Zellen in mir ist. Mit jedem Atemzug nehme ich mehr und mehr von dir auf. In mir. Du.

Zwei Menschen in einem Raum, die Welt herum vergessend. Getrennte Körper. Die Seelen vereint. Eine funkelnde, imaginäre Linie verbindet die verborgenen Wünsche. Gedanklich. Aneinander gereiht. Leidenschaft sprüht durch Glutaugen. Die Schlinge zieht sich immer enger. Gefährlich knisternd. Verboten.

Dein Duft, liegt in der Luft. Und nimmt mir die Luft. Zum Atmen.

Ein Loch in die Luft starren 256/365

Die Luft. Zwischen uns.

 

© themagnoliablossom

Süchtig

Prosa

Manchmal sind Grenzen hart, aber manchmal verschwimmen sie auch. Grenzen zwischen Freude und Leid und dessen, was real ist und was Fiktion. Ein großer Schuss Milch im schwarzen Kaffee. Das gibt immer so schöne Muster. Mini Kumuluswolken, gefangen in einer viel zu kleinen Tasse. Bis jemand mit dem großen Löffel kommt und umrührt. Dann ist das Ganze eher eine bräunlich trübe Angelegenheit. Keine scharfe Begrenzung zwischen unschuldigem Weiß und schwarzem Schwarz. Ich mag Grenzen und noch viel lieber mag ich es, wenn sie sich auflösen. Zum Beispiel zwischen dir und mir. Die Wand zwischen unseren Zimmern. Manchmal lege ich mein Ohr auf die kalte Mauer und wenn ich meine Augen schließe, höre ich dich atmen. Ich spüre das Echo meines Herzschlages und drücke meinen Körper fester an das Gemäuer. Ich will mich hindurchpressen, zu dir schweben und mich neben dich legen. „Weisst du, man kann nicht immer alles kontrollieren“, hast du einmal zu mir gesagt. Und kurz bevor der Boden auf meiner Seite der Wand zu einem klaffenden Loch aufreißt, hebe ich ab. Mucksmäuschenstill ist es. Lautlose Schritte in der Luft. Eins, zwei immer einen Fuß vor den anderen. „Komm her, leg dich zu mir“, höre ich dich sagen. Jetzt noch drei. Dann bin ich bei dir.

Langsam lasse ich mich auf das Bett gleiten. Müde, vom Nichtstun und vom Fliegen. Du nimmst meine Hand und dann liegen wir in diesem Bett aus Wolken. Wie zwei Junkies. Gebettet auf Rosen zwischen Träumen und der Sehnsucht nach etwas ganz Großem vergessen wir die Dornen. Wir träumen von Sonnenuntergängen am Meer, von Dachterrassen und dem Geruch von Regen auf flirrendem Asphalt. Wir sind süchtig. Süchtig nach dem Wind und dem Regen auf warmer Sommerhaut. Das Geräusch, wenn der Wind durch das Weizenfeld zieht und das Gefühl von Gänsehaut. Wir radeln eine endloslange Allee entlang. Immer schneller. Du bist so schön – im Licht der Sonnenstrahlen, die zwischen den einzelnen Bäumen hindurchscheinen und im Sekundentakt Schatten auf dein Gesicht zaubern. Hell dunkel. Hell dunkel. Hell dunkel. Immer im Wechsel. Mein Herz klopft so laut, dass ich taub werde. Wir springen von den Rädern und lassen sie einfach so in das Gras fallen. Die Reifen drehen sich noch eine Weile weiter. Aber da hast du mich schon längst geküsst, noch bevor die Sonne hinter dem Hügel verschwindet und die Grillen anfangen zu zirpen.

Ja, wir sind süchtig. Und du bist meine Droge. Und ich bin deine. Wie zwei Junkies liegen wir hier und jetzt. Gebettet auf Rosen zwischen Träumen und der Sehnsucht nach was ganz Großem und vergessen die Dornen.

 

© Julia

Nichts als Worte.

Inspiration, Prosa

Worte. Nichts als Worte. Gesprochen und niedergeschrieben als wahrgewordene Gedankenfetzen, genährt von Erinnerungen. Gelebtes. Erfühltes. Gedachtes.

Worte. Nichts als Worte.

Gedanken in meinem Kopf bilden riesige Berge, die Worte klettern hoch – triefend vor Schweiß ob der Anstrengung. Nur mühsam schaffen sie es über die Zunge, ehe sie den Gipfel erreichen. Keuchend. Erleichtert. Befreit. Sie hallen in den leeren Raum, sie schwirren durch die Luft und ich spüre, wie sie sich in dein Herz bohren noch bevor sie dein Ohr erreichen.

Ich habe viel gesagt und ich habe immer noch nicht genug gesagt. Kann man denn jemals genug sagen? Bereuen wir am Ende nicht eher die Worte, die wir nicht sagen anstelle derer, die wir gesagt haben?

Worte nichts als Worte.

Ich höre dich denken, lauter als meinen eigenen Herzschlag. Und ich verliere den Glauben. Den Glauben an das Wort. Sind es doch jene Worte, die das Innerste nach außen tragen. Das Herz auf der Zunge. Aus Gedanken werden Luftschlösser gebaut. Gedanken objektivieren sich zu Worten. Und wenn wir sie aufschreiben, dann stehen sie da. Bis ich das Blatt verbrenne und sich die Worte zu Staub materialisieren. Ist das der Kreislauf? Funktioniert das so? Aber wohin gehen sie denn dann, die Worte? Fliegen sie durch das Universum, bis ein verlorenes Herz sie aufsaugt als wären es die eigenen? Die eigenen Gedanken, in Worten eines anderen. Ich atme deinen Atem ein. Ich bin du und du bist ich. Eins. Für diesen Moment.

Wieso dauert es nur einen Bruchteil von Sekunden, bis das gesprochene Wort durch das Ohr in den Körper dringt und warum so verdammt lange, bis es wieder raus ist, aus dem Herzen? Ein ewiger Kreislauf. Das Blut strömt und pulsiert in den Adern. Deine Worte steigen auf die Blutkörperchen und fahren mit. Immer zu im Kreis in meinem Körper. Deine Worte in meinem Körper.

Manchmal wünschte ich, ich würde sie nicht hören, deine Worte. Stellte mir vor ich tauchte ab, ganz tief in kristallklares Wasser, das unten immer trüber wird. Am Ende ist immer alles trüb. Ich sehe die Luft aus meinen Lungen entweichen. Blub. Blub. Blubblub. Winzige Luftblasen steigen an die Oberfläche. Ich ziehe mit und ringe nach Atem. Ich wünschte, meine Blutkörperchen führen allein durch meine Adern ohne den Ballast deiner Worte.

Aber irgendjemand muss sie ja sagen. Die Worte, die keiner hören will. Du schlägst Wurzel und ich will fliegen. Höher. Weiter. So, wie die Funken des Papiers, wenn ich deine Worte verbrenne. Und sie wieder als Gedanken durch den Himmel fliegen. Vielleicht ist das der Kreislauf und vielleicht muss das so sein.

 

© themagnoliablossom