London Calling.

Inspiration, Lifestyle

Ich schiebe meinen Koffer umständlich das Gate entlang. Diese ebenerdigen Rolltreppen waren noch nie meins. Am Ende des unterirdischen Gangs gibt es drei Aufzüge zu vier Plattformen. Abgesehen von dem Sandwich im Flugzeug hatte ich nichts gegessen und mir ist etwas flau im Magen. Es ist ja nicht so, dass ich noch nie alleine geflogen wäre. Irgendwohin. Nicht auf die Nase. Das nämlich schon öfter.

Es ertönt ein lauter Gong. Platform Three. Weil alle aussteigen, steige ich auch aus. Obwohl der Weg zur Quelle ja immer gegen den Strom führt, laufe ich der Masse nach. Am Ende gibt es zwei Gleise für zwei Züge. Einer, der aus der Stadt rausführt und der andere, der die Menschen in die Stadt transportiert. Das mag ich an England. Dieses uralte U-Bahn-System. Für jemanden, der trotz Navigationsgerät in die falsche Richtung (immer!) läuft, ist das sehr angenehm.

Als ich mir ein Ticket kaufen möchte, spricht mich eine ältere Dame an, die locker als Queen Elisabeth hätte durch gehen können. „Möchten Sie in die Stadt fahren, junge Dame?“. Ich übersetzte das you als Sie wobei es getrost ein Du hätte sein könnte, so nett und vertraut wie das aus ihrem Mund klingt. Ich entscheide mich aber bewusst für Sie, weil alles andere nicht Queen-Elisabeth-Style gewesen wäre. Ich nicke also heftig und bekomme ein Ticket in die Hand gedrückt. „Das ist ein Tagesticket. Damit können Sie noch den ganzen Tag fahren. Ich fliege jetzt nämlich nach Paris und werde es nicht mehr brauchen“. Oh, das ist aber nett, sage ich und freue mich wie ein Schnitzel. Sowieso sind hier alle so nett. Wobei nett im Vergleich zu lovely nur verlieren kann. Aber liebreizend oder herzallerliebst sagt ja heutzutage kein Mensch mehr. Schade, eigentlich, denke ich. Wir plaudern noch ein Weilchen und wünschen uns dann gegenseitig einen lovely day. Entgegen aller Oberflächlichkeit war diese Begegnung tatsächlich lovely. Ich passiere das Drehkreuz und spüre ein leichtes Bauchkribbeln.

Der Zug rattert aus dem Tunnel heraus und ich muss meine Augen etwas zusammenkneifen, weil die Sonne zwischen den Bäumen direkt in mein Gesicht scheint. Dahinter diese typischen, englischen Reihenhäuser. Manche mit winzigen Dachterrassen und ganz viel Grün. Ich nehme die Kopfhörer aus dem Ohr und bin einfach nur glücklich.

Da konnte ich ja noch nicht ahnen, wie sehr ich mich verlieben würde. Ganz nach dem Motto, 1000 mal berührt und nix passiert. 1001 mal und es zoom gemacht. Und wie.

 

| Sommersethouse

Nur wenige Gehminuten von dem umtriebigen The Strand zwischen One Aldwych und Waterloo Bridge verbirgt diese kleine Oase der Ruhe. Und Strand hat hier nichts mit Sand und Palmen zutun, sondern bezeichnet den Straßenabschnitt, der die City of London mit Westminster verbindet. Die typisch roten Doppeldeckerbusse reihen sich geduldig zwischen den Black Cabs ein (Übrigens: immer ein Black Cab heran winken, die sind nicht nur schöner, sondern auch die offiziellen Taxis mit Lizenz). Mit zahlreichen Geschäften und Hotels herrscht hier eine bunte Mischung aus Touristen, Geschäftsleuten und Obdachlosen. Die neben den stoisch dreinblickenden Butler vor den Luxushotels ein skurriles (Stadt-) Bild abgeben.

Zugegeben, den Eingang zum Innenhof des Sommersethouse muss man ein bisschen suchen. Schon beim Betreten des dunklen Gangs erschleicht einem das Gefühl von Ruhe und der Lärm der Stadt rückt mit jedem Schritt mehr in die Ferne.

Hier scheint die Sonne im Frühling und Herbst besonders lange, sodass man auch zu späterer Stunde noch ein paar Strahlen (für den typisch englischen Glow, den hier alle haben – jeglichem blass oder krebsrot Klischee zum Trotz) einfangen kann. Vielleicht liegt das aber auch an der sympathischen Art des Daydrinkings. Well…

Tipp: Sich vom hübschen Barista im Fernandez & Wells einen vorzüglichen Flat White zaubern lassen und in Ruhe Leute gucken. Man darf sich dabei gerne wie Keira Knightley fühlen, die sich hier als Herzogin von Ralph Finnes hat küssen lassen. Perfekte (Film-) Kulisse. Bei Regen unbedingt in die kleine, aber feine Buchhandlung nebenan gehen und sich inspirieren lassen und ein paar Mitbringsel besorgen.

Inspiration ist ein gutes Stichwort: Das Sommersethouse ist Zentrum für Bildende Künste und es gibt immer wechselnde Ausstellungen. Was natürlich auch entsprechend stylische Menschen magisch anzieht. Wer sich den kreativen Londoner Style abgucken will, dann hier.

Im Ostflügel des Gebäudes residiert das Kings College, d. h. Man kann wunderbar Cool Kids beobachten.

 

| Theatres / The long list

London ist für seine umfangreiche Theaterlandschaft bekannt. Von klassisch bis modern bis hin zu Indie-Produktionen ist alles dabei. Kunst und Kultur können sie, die Briten.

Wer bei Theater an schicki-mickie und das Kleine Schwarze denkt, irrt. Der Engländer nimmt den Ausdruck come as you are in diesem Fall wortwörtlich. Jeans, T-Shirt und die Tüte mit der Shopping-Ausbeute. Den Sprakling Rosé bestellt man per App und lässt ihn sich in der Pause an den Platz bringen #smart. Die Stimmung steigt, es wird angefeuert und mitgesungen. Go, Girl. So ganz anders als bei einem typischen Theaterabend in Deutschland. Das hat mir sehr gut gefallen. Dieses Involvement. Und überhaupt.

The Savoy Theatre, Prince Edward, Apollo, Royal Albert Hall – die Liste der Theaterlandschaft in London ist lang.

Das Savoy ist das prestigereichste und opulenteste Hotel Londons. Nur ein paar (viele) Treppenstufen unter der Erde in Richtung Flussbett der Themse befindet sich das kleine, feine Theater mit roten Samtsesseln und einer winzigen Empore. Auf dem Weg zur Toilette kann man sich hier schon mal verirren, so verwinkelt sind die unterirdischen Gänge.

 

Viele Restaurants bieten zudem günstige Pre- and After Theatre Menüs an. Einfach mal gucken.

Fun Fact: Der Court des Savoy ist der einzige Platz in ganz England, wo auf der rechten Seite gefahren wird – damit die Black Tabs bequem wenden können, sagt man. Außerdem wurde der Eisbecher Pfirsich Melba in einer der sieben Küchen des Savoys erfunden.

Tipp: Nach der Vorstellung den offiziell-inoffiziellen Hinterausgang (am Themse-Ufer) nehmen und mit den Darstellern ein Pläuschchen halten. Herrlich nahbar. Und Small Talk auf eine schöne Art.

 

| Tea Time 

Dieser Five O´Clock Tee ist eine feine Sache, wenn zwischen dem feudalen full English Breakfast (nach dem man eigentlich für fünf Tage und drei Bergwanderungen satt ist) und dem Bagel zum Lunch doch noch ein Hüngerchen vor dem Dinner aufkommt.

Ofenwarme Scones, die beim Auseinanderbrechen herrlich dampfen und nach frischer Hefe duften. Einen (großen!) Klecks Clotted Cream und Marmelade drauf. Himmlisch. Beim Tee verstehen die Engländer allerdings keinen Spaß. Am besten vom Kellner (Tee Sommelier) beraten lassen. Ein Tradition, an die ich mich gewöhnen könnte.

Wer´s etwas opulenter mag bestellt einen kompletten Afternoon Tea z. B. Brasserie Max / Covent Garden Hotel. Und bekommt wirklich alles, was das Herz begehrt. Von süß bis herzhaft inklusive einem Glas Champagner. Das Lächeln des Kellners gibt´s gratis. ca. 28,- p. P.

Mit der Picadilly Line bis Covent Garden fahren und die Treppen zur Oberfläche nehmen. Dann geht das auch mit den Scones klar. Diese Station ist die älteste in London und genau 193 Stufen führen über eine steile Wendeltreppe an die Oberfläche (das entspricht 15 Stockwerken). Nicht umsonst steht der Hinweis, die Treppe nur im Notfall zu benutzen.

Der Aufzug wurde erst nachträglich gebaut. Achtung: Ticket schon im Aufzug bereit halten. Es geht quasi nahtlos zu den Drehkreuzen.

 

| Covent Garden 

Die bereits im 17. Jahrhundert gegründeten Hallen mit dem schönen Glasdach, die an einen alten Bahnhof erinnern, bieten alles was das Herz begehrt und sind mehr als Instagram tauglich. Hier geben sich Chanel und Laudrée die Klinke in die Hand, an machen Tagen gibt es auf dem Trödelmarkt tolle Einzelstücke zu entdecken.

Zur Stärkung: Ein Walnussbrot mit Avocado bei Le Pain Qotidienne oder einen Burger bei Shake Shake essen.

Tipp: Covent Garden ist der einzige Ort in London, auf dem Straßenkunst erlaubt ist. Am Wochenende geben Singer-Songwriter (und Musikstudenten) auf der Piazza Konzerte und sorgen für Gänsehautfeeling.

Unbedingt auch die kleinen Straßen rund um Covent Garden erkunden. Wegen: Sehr schön. Und weniger touristisch.

In der Floralstreet ein Kanelbuar (Cinnamon Bun) bei Bageriet essen – so zuckersüß wie der (schwedische) Barista. #forreal

Wer eher auf (Nah-) Verkehr steht, sollte einen Blick in das London Transport Museum werfen, welches sich direkt neben den Markthallen befindet.

 

| SOHO 

Zwischen Hipstern und Bürohengsten herrscht hier tatsächlich ein bisschen mutlikulturelles New York Feeling.

Mittwoch bis Freitag gibt es den Food Markt Street Food Union in der Ruper Street. Von Kimchi über Burritos, Falafel und Burger gibt es es hier vor allem eines: Fast nur Einheimische.

Tipp: Das Lieblingsessen einpacken und in den gegenüberliegenden St. Anne´s Churchyard Garden ins Gras setzten. Glücklich sein.

Fun Fact: Soho der Schauplatz der Dreigroschenoper von Bertold Brecht.

Weiter geht’s über die Brewer und Beak Street auf die Carnaby Street. Metzger und Brauer findet man hier mittlerweile eher keiner mehr, Bier hingegen schon. Nämlich in den vielen, winzigen und mega sympathischen Pubs.

Nach dem Bier ist vor dem Frühstück. Nach dem obligatorischen Foto des Welcome-to-Carnaby-Street im Kingly Court eine Acai Bowl essen oder beim Yoga entspannen. Wer´s deftiger mag. Gute Steaks gibts bei Flat Iron.

Nach ein paar Gehminuten über die Great Malborough Street – und das hat nichts mit Zigaretten zu tun. Sehr wohl aber mit Freiheit, die man an der Ecke Kingly Street / Little Marlborough Street erreicht. Das wunderschöne Fachwerkhaus beherbergt das Kaufhaus Liberty. Harrods kann ja jeder. Außerdem kann man hier auf knarrenden, alten Wendeltreppen wunderbar Windowshopping betreiben und sich ein bisschen wie Carrie fühlen. Im 2. Stock gibt es ein kleines, verstecktes Café. Ich empfehle: Augen zu, Karte durch.

 

| Monmouth Street / Seven Dials

Diese kleine, feine Straße ist so typisch urig englisch mit all den Black Cabs, den Barber Shops und den kleinen Boutiquen, das es fast schon ein bisschen Pariser Flair hat. Im Norden durch die Shaftesbury Avenue und im Süden durch Shelton- und Towerstreet begrenzt und wo sich Mercer-  und Earlham Street kreuzen, befindet man sich im Herzen des sogenannte Seven Dials. Und das ist der Ort, wo die Magic passiert. Aufführungen im Cambridge Theatre, Portugiesische Spezialitäten naschen, Shoppen (z. B. Club Monaco oder Pop Boutique, Vintage von 1950 – 1990), Coco de Mer #sexytime. Gucken, Stauen und nachmittags (!) ein Pint im Crown & Anchor trinken.

Bei Rococo Chocolates was für die Lieben daheim mitnehmen. Oder besser gleich selbst essen. Eine wahre Freude ist auch das Freud Café. Und schön ist es auch hier.

 | St. James Park

Weil Hyde Park einfach jeder kann. Der kleine Bruder aber mindestens genau so schön ist. Den Eingang über die Downing Street nehmen und noch bisschen Kultur gucken. Mit einem Eis in der Hand die Enten füttern (nicht!) und am See entlang Richtung Norden laufen – so kommt man am Institute of Contemporay Art vorbei und kann am am Trafalgar Square (neben ganz viel Verkehr) auch noch The National Gallery besuchen.

 

| Neil´s Yard

Es gibt Orte, die schreien ganz laut. Hier! Jetzt! Mach ein Foto! Weil man das bereits in diversen Magazinen gelesen hat oder auf Instagram gesehen hat. Und dann gibt es Neil´s Yard. Der genau das tut, aber auf so eine zauberhafte Art und Weise. Weil man gar nicht anders kann, wenn man durch die dunkle, unscheinbare Einfahrt gegangen ist. Weil einem sofort das Herz aufgeht. Und weil kein Foto dem auch nur annähernd gerecht werden würde. Bei Neil und mir war es Liebe auf den ersten Blick. Denn auch dieser Neil hat ein Herz aus gold. Gerade einmal 60 Meter misst dieser entzückende Innenhof, der von Kosmetik über Pizza und einem ausgezeichneten Käsefachhandel (!) alles bietet und nichts als ein Gefühl einer wolligen Umarmung hinterlässt.

Am Abend bei Kerzen und Lampions eine der Riesenpizzen bestellen. Hier trifft sich abends das urbane Volk zum Teilen und Genießen, bevor es in die Pubs geht. Herrlich unaufgeregt.

Zum Lunch oder für ein Stück Kuchen unbedingt im Wild Food Café vorbei schauen. Allein der Aufgang über die dunkelblaue Wendeltreppe ist ein Erlebnis.

Ziemlich gutes Porridge gibt es bei 26 Grains. Ausgang Monmouth Street (Achtung, Lieblingsstraßen-Potential) nehmen und auf einen Flat White Monmouth Coffee Company vorbeischauen. Die Franzbrötchen sind auch nicht von schlechten Eltern.

 

Hach, hab ich schon erwähnt, dass ich verliebt bin?

Loads of love ❤

 

 

© Julia

 

 

Was sonst noch so ging:

 

 

 


 

11,2 ° C

Prosa

Ich sitze am Küchentisch und knibble etwas Haut seitlich von meinem Daumennagel. Ein Zeichen, dass es wieder Herbst ist. Dazu brauche ich nicht einmal raus zu gehen, um all die Blätter auf den Straßen zu sehen und all die Menschen mit ihren dicken Schals. Ich weiss das, weil ich es spüre. Nicht nur, weil die Luft anders riecht und ich wieder mit Bettsocken schlafen muss. Nein auch, weil diese verdammte Nagelhaut wieder so trocken ist. Da kannste cremen wie du willst, die ist einfach so staubtrocken. Wie ein Sandsturm in der Wüste, plötzlich da, obwohl du vor gerade einmal drei Wochen in Flipflops durch die grüne Oase gelaufen bist. Die Zeit ist einfach gnadenlos. Drei Wochen im Sommer sind drei Wochen. Aber im Übergang von Sommer zu Herbst, dieser undefinierbaren Zwischenjahreszeit, entsprechen drei Wochen drei Monaten. Die Zeit rast, oder es kommt einem nur so vor, weil sie im Sommer ja immer still steht. Sie rast und mit ihr die Gedanken, die in jede noch so verästelte Vene strömen. Ehrlicherweise hat man nach dem Sommer auch gar keine Lust mehr, auf jeder Welle zu surfen. Und es gibt auch kein kühles Bier mehr, mit dem man aufkommende Gedanken hätte hinunter spülen können. Es gibt nur kühle Luft, davon aber reichlich und die trocknet alles aus, nicht nur die Haut auch das Herz, welches vor ein paar Wochen noch purpurrot und saftig pumpte als gäbe es kein Morgen. Barfuss und mit dem Herz in der Hand nach Hause tanzen, bis die Wolken lila sind. Aber natürlich gibt es immer ein Morgen. Und heute sieht dieses Morgen schrumpelig und vertrocknet aus. Es ist wieder diese Zeit, in der die Realität so knallhart auf den Küchentisch klopft, dass mein Tee verschüttet als hellbraunes Rinnsal auf die weißen Fliesen tropft. Und wenn du nicht aufpasst, mit deinen Wollsocken, dann bist du schneller ausgerutscht als dir lieb ist.

Der Herbst ist so fies, weil er so gnadenlos ehrlich ist. So pur und irgendwie auch echt. Denn mit all den Blättern fällt auch meine Maske. Und deine. Die Wahrheit ist ja manchmal so verrückt, dass sie keiner glaubt. Vielleicht, weil wir vernebelt sind von all dem Weichspüler in unseren Acne Schals oder weil wir lieber Lügen glauben, so lange sie sich gut anfühlen.

Weisst du, die Sache ist ja die, dass du nicht da bist, wenn es Herbst wird. Dass du immer hier bist und dort, aber nie da. Wenn das Kissen neben mir kalt ist und mein Herz bis zum Hals schlägt. Da hast du leicht reden, denn Herbst ist ja nicht nur ein Gefühl, sondern real. Denn nur Sommer ist, was in deinem Kopf passiert. Und hier passiert gerade gar nichts, außer der Tatsache, dass lauwarmer Tee von meinem Küchentisch tropft und fast gefriert bevor er den Boden erreicht, weil die Luft so kalt ist. Weil zwischen Wollpullover und Flatterkleidchen immer noch ein Spalt breit Platz ist. Weil meine Türe immer noch einen Spalt weit offen steht. Du blockierst den Durchgang, verstehst du das? Im Sommer ist so ein bisschen Durchzug zuweilen ja noch ganz angenehm, aber jetzt, im Herbst kann solch einen eisigen Windhauch wahrhaftig niemand gebrauchen.

Das Thermometer zeigt 11,2 ° C und das ist Sommer im Vergleich zu der Kälte im Herz. Aber es sind auch 11, 2 ° C vom Gefrierpunkt entfernt und wenn wir dein und mein Herz zusammen tun, dann kommt dabei vielleicht so etwas wie Herbst heraus.

Ich drücke meine Nasenspitze an das kalte Küchenfenster und male mit dem Zeigefinger ein Herz in das kondensierte Nass. Die Tür fällt ins Schloss und ich spüre einen kühlen Windhauch in meinem Nacken.

 

© Julia

Siesta im Gehirn.

Lyrik

Es kribbelt in meinen Beinen und ich kann dem Drang mich hinzulegen nur schwer widerstehen. Um mich herum all diese Menschen, die alles besser wissen und können und überhaupt. Selbst der Bus vor der Türe fährt im Rhythmus meines Herzschlags. Nur langsamer. Meine Augenlider sind ganz schwer, weil die Gedanken so fest drauf drücken. Von innen. Ich blinzle gegen die Sonne und sehe nur weiße Wolken. Dann gibt es einen ziemlich lauten Knall. Es knackt etwas, so als würde man ein Stück morsches Holz entzweien. Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne und die fallen jetzt nahezu lautlos auf die Erde. Je nach dem, wie der Wind gerade weht, tanzen sie sogar noch eine Weile durch die Luft. Winzige Teilchen. Federleicht. Herausgebrochen aus zentnerschweren Stücken. Der Boden ist weich, fast wie die alte Schaumstoffmatratze auf dem Speicher. Das Kribbeln breitet sich von den Füßen in meinem gesamten Körper aus und es kitzelt in meinen Haarspitzen. Es riecht nach Sommerregen, nassem Holz und ein bisschen faul. Ich höre Musik, die so dumpf klingt als sei ich unter Wasser. Ganz tief im Ozean. Azurblau. Luftblasen kämpfen sich an die Oberfläche. Meilenweit. Schäumende Gischt und geschlossene Rollläden. Siesta im Gehirn. Es klingelt an der Türe und noch bevor ich aufstehe, sehe ich die Erde unter meinen Fingernägeln und rieche das Salzwasser in meinen Haaren.

 

© Julia

All that glitters ain´t gold.

Kolumnen

Man sagt ja immer, man finde sie nur einmal im Leben. Die ganze große Liebe. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich sie schon längst gefunden. Nur war mir das lange gar nicht so klar. Denn obwohl ich im April geboren bin und es recht locker mit uns beiden angefangen hat, kann ich mittlerweile behaupten, dass es tatsächlich Liebe ist. Also, so richtig.

Wenn deine zarten Strahlen zum ersten Mal sanft meinen ganzen Körper berühren, wenn es in der Nase kitzelt und die Haut diesen unverwechselbaren Sommergeruch aufweist, ja, dann verliebe ich mich jedes Jahrs auf´s Neue in dich. Die warme Haut mit eiskaltem Wasser kühlen und dabei zusehen, wie die Perlage in der Sonne verdampft. Und ein Windhauch, der immer ein bisschen kitzelt. Blinzelnd Pommes Schranke essen und nochmal abkühlen. Seit dreißig Jahren wird das nie langweilig. Weil du immer wieder anders bist, immer du, aber trotzdem immer neu. Nuancen und Facetten. Einzigartig wie die Küstenabschnitte einer Insel. Lauwarmen Sand zwischen den Zehen und Wind im Haar. Salzkristalle und der Duft von Oelander. Eiskalter Weißwein oder Rosé – festlegen lässt du dich nur ungern. Manchmal bin ich tatsächlich etwas traurig, dass du andere Regionen mehr liebst als die meine. Ich bin echt großzügig und teile gerne, aber trotzdem. Ich lebe in einer Altbauwohnung und ich friere quasi immer. Ich friere im Frühling, im Herbst und im Winter sowieso (ich bin ein Mädchen, ich darf das). Aber im Sommer, da mag ich nicht frieren. Echt nicht. Ich liebe es, wenn es so richtig heiß ist. Wenn der Asphalt in der sengenden Hitze glänzt – auch wenn ich natürlich weiss, dass nicht alles gold ist was glänzt. Aber wenn ich dann abends frisch geduscht auf meiner Couch liege, die Haut noch leicht feucht ist und der Vorhang im Wind zwischen den Kerzen tanzt, bekommt das bloße Sein eine völlig neue Dimension und mein Wein schmeckt immer so gut wie im Urlaub. Und jeder weiss, dass der Wein im Urlaub immer am besten schmeckt. Egal wie viele Kartons man mit nach Hause nimmt. Weil Weintrinken halt auch einfach ein Gefühl ist. Oder draußen, weil die ganze Stadt lebt. Das Leben im Freien stattfindet. Überall. Ich liebe diesen subtilen Geräuschteppich aus klirrenden Gläsern, zirpenden Grillen, Stimmen und knackenden Eiswürfeln.

Ja, immer Sommer da ist diese Leichtigkeit. Die Zeit vergeht langsamer und manchmal bleibt sie sogar ganz stehen. Manche sagen ja, man lebt in einer Blase, oder nennen es Sommerloch. Es passiert nicht viel, aber das was passiert, macht glücklich. Zumindest mich. Man mag es naiv nennen, aber wenn ich von den Sonnenstrahlen, die morgens durch mein Rollo blitzen, wach werde, ist es ein guter Tag. Wenn die Luft noch so frisch ist und die Vögelzwitschern. Ein Gefühl, das alles möglich ist. Ich muss es nur tun. Pläne schmieden und Luftschlösser bauen so hoch wie die Wellen vor Hossegor. Wenn ich dann abends am Strand sitze und zuschaue, wie die Sonne das Meer küsst, ist das für mich ein #magicmoment. Ich will nicht sagen, dass ich in den anderen Jahreszeiten nicht glücklich bin, im Gegenteil, aber im Sommer bin ich es immer. Selbst, wenn ich es nicht bin. Got it? Here comes the sun and it´s all right. 

Im Sommer ist einfach alles besser. Nicht nur das Obst. Oder die Tomaten von heimischen Feldern. Wenn man da ein bisschen Basilikum und Öl drauf tut. Heaven. Die Haare glänzen und die Haut strahlt. Pickelchen hat nur mein Kaktuseis.

Vielleicht ist es auch das pure Glück, das aus jeder Pore trieft. Und selbst wenn es nur das ist. Das ist doch eine ganze Menge.

■ *

 

© Julia

 

*q. e. d. (steht für: quod erat demonstrandum, lateinisch für: was zu beweisen war, Abschluss einer Beweisführung in Mathematik und Philosophie).

Volver.

Inspiration

Miguel lerne ich am Yachthafen kennen. Oder er mich. Nach einem kurzen, aber umso heftigeren Regenschauer setze ich mich auf die Stufen der Treppe, die das Barrio Alto mit dem Hafen verbindet. Die Sonne brennt plötzlich so heiß vom Himmel, dass ich die Feuchtigkeit auf meiner Haut verdampfen sehe. Ich schließe die Augen und lasse mit den warmen Wind um die Nase wehen. Nach dem Regen kommt die Sonne. Immer und immer wieder und manchmal auch innerhalb von Minuten. Die Angestellten der Schönen & Reichen wischen die letzten Regentropfen von den weißen Liegen an Board und stellen Champagnerflaschen für den Aperitif bereit. Es duftet herrlich nach frisch gegrilltem Fisch und Zitrone. Die Eiswürfel knacken in den Gläsern und ich schiebe mein Rad weiter am Ufer entlang. Miguel liegt auf einer Bank, die Füße lässig auf sein Fahrrad gestützt. „Ich komme gerade von der Arbeit“, wird er mir gleich erzählen, nachdem er mich ein bisschen mit seinem Fahrrad verfolgt hat. „Hier scheint die Sonne abends besonders lange und es kommen nur wenige Touristen. Perfekt, um den (Arbeits-) Tag ausklingen zu lassen. Miguel spricht mich auf Englisch an, weil ich – wie er findet – englisch aussehe. Erklären kann er mir das nicht. Aber er könne auch ein bisschen Deutsch. Ich muss lachen und wird kaufen uns ein eiskaltes San Miguel für einen Euro und setzen uns auf die Steine am Meer. Die sind noch ganz warm von der Sonne.

Während die Sonne am Horizont verschwindet und den Himmel in irgendetwas zwischen dunkelorange und hellpink verfärbt, erzählt mir Miguel von seiner Arbeit. „Ich arbeite am Flughafen. Wie fast jeder hier. Viel mehr gibt es ja nicht“, sagt er etwas abwertend, meint es aber nicht so. Er mag das einfache Leben hier. Er hat studiert und kam wieder zurück in seine Heimat, auf „mi islita“, wie er Mallorca liebevoll nennt. Und bei weitem kann man sich schlimmeres vorstellen, als den Feierabend am Meer zu verbringen. Ich summe „La isla bonita“ von Madonna an und jetzt muss Miguel lachen. Miguel erzählt mir aber auch, dass es ohne die zahlreichen Touristen recht öde wäre. Alles dreht sich um den Tourismus. „Hast du gesehen, wie die Küsten zugebaut sind, als du hergeflogen bist?“, fragt er mich und ich kann mich gar nicht richtig erinnern. „Zwei, dreihundert Meter vom Strand weg und dann nichts. Dabei ist es im Landesinneren so schön. Das wollen die aber nicht sehen“. Mit „die“ meint er die Touristen. Miguel ist klug genug, um nicht alle über keinen Kamm zu scheren, aber das Gros sei so. Am nächsten Tag will er mir Pilar vorstellen, die in einer der Betten-Burgen unten an der Playa arbeitet.

Yachthafen Palma

 

Ortswechsel: Ich strecke meinen großen Zeh in türkisblaues, kristallklares Wasser und wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen ich sei in der Karibik oder auf den Malediven. Der Sand ist puderzuckerfein und so weiß wie die herrlich bequemen balinesichen Betten, auf denen ich es mir gleich gemütlich machen werde. Ein weißes Tuch, das vor ungewollten Blicken schützen soll — oder vielleicht auch nur vor dem Wind — flattert grazil in ebendiesem und bildet einen tollen Kontrast zu dem Gerüst aus dunklem Holz. Ich nehme meine Sonnenbrille ab, um mich zu vergewissern, dass die Farben auch in echt so krass schön sind. Sind sie. Und ich fühle mich ein bisschen wie in der Raffaelo Werbung. Hach. Während ich mir noch die imaginären Kokosraspeln von den Lippen streiche, eilt auch schon Rodrigo herbei. Natürlich sind solche unfassbar schönen und bequemen Himmelbetten mit Me(h)erblick nicht ganz günstig, aber jeden einzelnen Cent wert, wie sich später herausstellen wird. Rodrigo ist einer der wenigen, der nicht sofort ins Englische wechselt, wenn mein spanischer Gedanke etwas länger braucht, ehe er zu einem vollständigen Satz wird. Was auch daran liegt, das Rodrigo kein Englisch spricht. Fünf bis sechs Monate arbeitet er hier unter der mallorquinischen Sonne, den Rest des Jahres verbringt er in seiner Heimat Kolumbien. Rodrigo trägt ein weißes T-Shirt und etliche Tattoos zieren seinen muskulösen Unterarm. Durch seine blau-verspiegelte Sonnenbrille kann ich seine Augen nur erahnen. Wenn er spricht, verschluckt er die letzten Silben immer etwas und erinnert mich dabei ein bisschen an diese coolen Reggaeton Sänger aus dem Musikfernsehen. Die Arbeit hier ist gut, erzählt er mir, „man braucht keine Vorkenntnisse. Eigentlich überhaupt keine Kenntnisse“. Und ich weiss nicht, ob ich das gut oder traurig finden soll.

Karibik im Kopf

Wenn es windig ist, was an diesem Küstenabschnitt relativ häufig vorkommt, bleiben die Touristen fern. „Die mögen das nicht“, sagt er und dabei blitzt immer wieder eines der drei Piercings in seiner Zunge hervor. Dafür erwachen die Mallorquiner aus ihrer Siesta und hissen die Segel ihrer Boote. Ich schaue dem Spektakel gerne zu, Rodrigo ist langweilig. „Keine Touristen, keine Arbeit und es ist erst 15 Uhr“. Sein Zeitgefühl tickt völlig anders. Als ich ihn frage, was er denn in den verbleibenden Monaten in Kolumbien macht antwortet er mit einem breiten Grinsen „nada“. Er erzählt mir, dass 1000 Euro hier, in Kolumbien in etwa 3000 EURO wert seien – wegen dem Umrechnungskurs, sagt rund gestikuliert dabei vielversprechend mit seiner Hand. „Es ist gute Arbeit und gutes Geld“, und wieder blitzt das Metall in seiner Zunge hervor. Abends fährt er mit seinem BMX nach Palma in die Stadt. Dort lebt er während der Sommermonate in einer kleinen Wohnung.

„Mi casa es tu casa“ R.

Am nächsten Morgen lerne ich Pilar kennen. Ihre haselnussbraunen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Sie trägt eine beige Hose und eine weiße Bluse mit perfekt gestärktem Kragen. „Das ist meine Arbeitskleidung“, sagt sie schulterzuckend, weil ich sie wohl etwas zu lange gemustert habe. Pilar ist 28 Jahre alt und arbeitet in einem Hotel direkt am Strand. Ich erzähle ihr, von der Pferdekutsche mit der ich die Straßen Palmas erkundet habe, dem unfassbar guten Café con leche in einem Café mit drei Tischen, das ich in den verwinkelten Gassen der Stadt nie wieder finden würde, von dem kalten Bier mit Miguel am Hafen und dem weißen Sandstrand. Pilar schmunzelt und aus ihren Lippen ertönt ein langgezogenes „Pues.“ „Du hast das schöne Palma gesehen. Palma das wir lieben.“ Und mit wir meint sie die Einheimischen. Die Mallorquiner. Zwischen den Zeilen schwingt ein Lebensgefühl mit, das ich auch bei Miguel gespürt habe. Ein Hauch Melancholie, unglaublich viel Laissez-Fair, ein großes Freiheitsgefühl – was am Meer ja irgendwie immer so ist und die ganz große Sehnsucht. Ein bisschen wie der traurig-schöne Fado in Portugal.

In den verwinkelten Gassen lebt die Melancholie

Pilar nimmt mich mit in den Speisesaal, in dem gerade das Frühstück serviert wird. Für ein Hotel mit 240 Betten sieht dieser wirklich ansprechend aus. „Wir haben erst letztes Jahr renoviert“, ruft Pilar mit einem Tablett in der Hand und stellt mir einen Café con leche auf den dunkelbraunen Holztisch mit beiger Leinenserviette. Ein bisschen habe ich Gänsehaut, weil die Klimaanlage hier drinnen ganz gute Arbeit leistet. Ich rühre verträumt in meinem Kaffee und schaue durch eine streifenfrei polierte Glasfront auf die spiegelglatte Oberfläche des Pools. Gar nicht mal so übel. „Gleich geht es los, das große Fressen“, zwinkert mir Pilar zu. Tatsächlich stürmen immer mehr der Hotelgäste den Frühstücksraum, der gleichzeitig auch Mittagsessensraum und Abendessenraum ist. Ich beginne zu verstehen, wie beengt Pilars Arbeitsplatz ist und warum sie das Meer so liebt. Freundlich begrüßt sie jeden Gast. Manche sogar mit Namen. Räumt Teller von Tischen, die noch so voll sind, um eine vierköpfige Familie satt zu bekommen. Diese „Reste“ landen im Müll. „Die Augen sind immer größer als der Hunger“, sagt Pilar während sie Rührei und zwei Scheiben Brot in einen Behälter aus dunklem Plastik schiebt. „Gerade bei All-inklusive langen die Leute so richtig zu. Wollen alles probieren und können am Ende gar nicht alles essen“. Manchmal gibt es auch Themenabende im Hotel. Dann streift sich Pilar ein schwarzes Gewand mit einem roten Stoffgürtel, den sie auf Höhe ihrer Hüfte knotet, über, um das Japan-Feeling zu unterstützen. Wir müssen beide lachen, als sie mir ein Foto von sich und einem Gast in diesem Aufzug zeigt. Pilar hat ein schönes Lachen. Keine Spur von Verdruss oder gar irgendeine Form von Wut. Tagein tagaus räumt sie halbvolle Teller von den Tischen, um diese nur Minuten später wieder erneut einzudecken. Morgens. Mittags. Und abends. Dann geht sie nach Hause. Morgen früh müssen nämlich wieder Tassen und Teller auf Tische gestellt werden. Aber dazwischen, zwischen all den Tassen und Tellern passiert das, was sie „actidud frente a la vida“ nennt, was so viel wie Lebensgefühl heisst. Und genau das will sie mir jetzt zeigen. Pilar knöpft ihre weiße Bluse auf und hängt sie neben das Japan-Gewand, „für morgen“, sagt sie augenzwinkernd. Dann schlüpft sie eine Jeansshorts und wirft mir einen Helm entgegen. ¡Arriba!

Something old and something yellow

 

Wir fahren auf einem alten Roller, der nur so knattert und knarzt in der gerade einbrechenden Dunkelheit über die Küstenstraße nach Palma. Von rechts weht mir die warme Luft aus der Stadt entgegen, von links eine kühle Brise vom Meer und von vorne der Duft von Pilars Parfüm, die so rasant wie gefühlvoll in jede Kurve der verwinkelten Straße fährt. Vorbei an einem kleinen Hafen mit Fischerbooten, die gefährlich im Wind wanken. Den alten Herren, die auf Plasitkstühlen auf der Veranda sitzen wie die Hühner auf der Stange, Zigarren rauchen und schon ganz blaue Lippen vom Vino Tinto haben und dabei so unfassbar glücklich aussehen. Vorbei an einer wunderschönen Finca auf einem Felsvorsprung direkt am Meer. Die Frau hinter dem gelben Tor, von dem die Farbe schon etwas abgeblättert ist nickt mir lächelnd zu. Es riecht nach Salz, nassem Holz und ein bisschen fischig. Es riecht nach tanzenden Herzen und schäumender Gischt. Nach heißem Asphalt nach einem Sommergewitter und nach Oleander. Mit diesem Gefühlsoverload from head to toe manövriert Pilar den Roller durch eine gefährlich enge Gasse. „Gleich sind wir da“ sagt sie gegen den Fahrtwind und ich bin nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe. Klapprige Fensterläden nur einen fingerbreit von meinem Arm entfernt. Halbgeöffnete, gußeiserne Tore, die den Blick in die wunderschönsten Hinterhöfe freilegen. Oasen, mitten in der Stadt. Aus jeder Bodega ein fröhliches ¡Hola, Pilar! Qué tal? 

Radom Bodega in Palma – Pilar kennt jede(n)

Palmen, die aus Häusern wachsen, klirrende Gläser und Gitarrenklänge verschwimmen hinter einem angenehmen Teppich aus Stimmengewirr. Esto es. Nachdem wir zwanzig Minuten gefühlt nur bergauf gefahren sind, führt mich Pilar jetzt ein paar Stufen nach unten. Irgendwo in einen Hinterhof. Zwischen den Hauswänden blitzt gülden die Kathedrale hervor und hinter den zwei Palmen glitzert der Mond im Meer. Hach. Ich werde ganz vielen lächelnden Menschen vorgestellt, die alle wild durcheinander plappern. Und ich bin froh, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippt und mir ein Glas eiskalten Prensal Blanc in die Hand drückt. Hola, Miguel, sage ich und grinse dabei wie ein Honigkuchenpferd.

Where magic happens

Hinter einem winzigen Fenster mit weißen Fensterläden schneidet jemand hauchdünne Tranchen von einem Seranoschinken, der so groß ist wie mein Oberschenkel. Es duftet nach geröstetem Brot und Knoblauch. Es zischt, als jemand einen ganzen Fisch auf den kleinen Grill in der Ecke wirft. Dieser jemand ist natürlich ein Mann und hat den Fisch selbst gefangen. Mit bloßer Hand. „Hola Guapa“, sagt Rodrigo und das „g“ hört sich wieder wie ein „w“ an und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

Und dann sitzen wir alle zusammen auf klapprigen Holzstühlen, essen Pa amb oli und trinken mallorquinschen Weißwein. Manchmal kann man Happiness eben doch essen. Ich glaube, ich kann das Meer in der Ferne rauschen hören, aber vielleicht ist das auch nur das Glück, das durch meinen Körper strömt.

 

© Julia

 

Her mit dem schönen Leben!

Backyards I love

La Seu de Palma

Schattenspiele & sattes Grün

#desicions

Dieses Seil bietet Schutz vor dem gefährlichen Felsvorsprung. Obacht!

Blumen. Immer schön.

Pilars working space

Manchmal ist der Weg steinig & schwer

Looking up

Sundowner with a view

Radln all along the shore

Shabby chic

Life is better at the beach

Café con leche

Ride it, my pony

Hinterlands

Ciao

 

* Vuelvo. Cierto.

 

Halb. Leer.

Inspiration, Kolumnen

Und dann bin ich einfach los geradelt. Entlang am Meer, vorbei an steilen Küsten und schroffen Felsen. Über klapprige Brücken durch versteckte Buchten. Über Stock und Stein. Und manchmal auch über gestrandete Herzen. Dort hin, wo die Menschen weniger werden und der Wind stärker. Ich trete in die Pedale. Fester und schneller und hinter jeder Kurve vermute ich den Fels in der Brandung. Doch es sind nur ein paar angeschwemmte Algen. Verknotet und verworren. Wie meine Haare bei all dem Wind. Und auch innen drin. Eher Kaugummi als Gummitwist. Aber es gibt kein zurück, denn mein Fahrrad besitzt keinen Rücktritt. Es geht ja immer nur vorwärts. Gegen den Wind. Also trete ich weiter. Die Gischt klatscht mir ins Gesicht und meine Wangen brennen. Warum ist das Meer so beständig? Die Wellen kommen und gehen und bilden einen angenehmen Geräuschteppich, der mich sanft umarmt. Die Stimmen in meinem Kopf werden leiser und mein Herz pumpt im gleichen Rhythmus Blut durch meinen Körper wie es Wellen an den Strand spült.

Es wird schlagartig dunkel und dicke Wolken schieben sich vor den Horizont. Vielleicht habe ich auch einfach nur die Zeit vergessen, bei all dem Sand der durch meine Finger rinnt. Und dann fängt es mitten auf der Sonneninsel an zu regnen. Erst nur ein bisschen, also fahre ich weiter entlang am Meer, das nun irgendwie so gar nicht mehr ruhig ist. Später werden die Reste der Mascara dunkle Striche in meinem Gesicht hinterlassen. Meine Hose klebt unangenehm auf meiner Haut und bei jedem Tritt knatscht es in meinen Schuhen. Unter ein paar dürftig zusammengehämmerten Holzbalken zwischen denen es nur so tropft und flattert finde ich Unterschlupf. Denn es hat sich eingeregnet. Links, rechts, über ja sogar unter mir nichts als graue Regenwolken. Ich sitze hier fest und habe nichts zu tun. Selbst wenn ich wollte. Kein Handy, kein Internet, kein Buch ja nicht einmal den Luxus von Stift und Papier. Meine Hauptbeschäftigung ist es, dem Regen beim Fallen zuzuschauen. Also sitze ich hier und tue nichts außer denken und selbst das ist zu viel. Was irgendwie befreiend ist. Und gut. Weil man Dinge ja auch einfach mal hinnehmen muss. Wie sie kommen und wie man sie nicht ändern kann. Anstatt machtlos zu sitzen und zu schauen was passiert machtvoll akzeptieren, dass überhaupt irgendetwas passiert. Denn nichts ist doch schlimmer als gar nichts. Zum Bespiel die flache Linie auf dem EKG.

Wenn alle anderen das Lager bereits verlassen haben und man selbst sitzen bleibt. Weil dieses Nichtstun und nichts denken so unfassbar gut tut. Weil es befreit von all den Konten in den Leitungen, die man so hat. Eine Lethargie der Gedanken. Eine Aneinanderreihung von Sekunden, die schöner nicht sein könnten. Eine Leere, die zu einer Erfüllung wird. Und dann sind zwei Stunden rum, was immerhin hundertzwanzig Minuten sind. Siebentausendzweihundert Sekunden und man sitzt. Man sitzt. Harrt aus. Wird eins mit dem Holz auf dem man sitzt und hofft insgeheim, dass etwas von dessen Patina abfärbt. Nur ein Hauch Nostalgie. Und etwas von dieser beständigen Beharrlichkeit. Alles einfach mal hinzunehmen. Und dann spürt man auf einmal so ein unfassbares Glück. Eine Wärme, die sich vom Bauch heraus im gesamten Körper ausbreitet. Von den Zehenspitzen bis zu den Augenbrauen. Und man weiß gar nicht woher das alles kommt und wo das alles hin soll. Es tropft und quillt nur so wie die Regenrinne nach dem heftigen Gewitter.

Aber wenn es schon mal da ist, dieses Gefühl, bittet man es herein. Wie man das halt so macht, wenn ungebetene Gäste so laut vor der eigenen Türe poltern. Vielleicht einen Keks zum Tee? Manchmal will man nämlich gar nicht glücklich sein. Sondern sich suhlen in einem Gefühl zwischen Weltschmerz und Wurzelbehandlung. Einfach so. Möchte man den Halb-Voll-Gläsernen einen Schluck aus ihrem Glas stibitzen. Oder zwei.

Und während man da so sitzt, schwitzt und sich nicht sicher ist, ob es vielleicht doch der Regen ist, realisiert man, dass alles irgendwann vorbei ist. Auch das Gute. Und manchmal auch einfach nur der Regen.

 

© Julia

Zu selten.

Lyrik

Ich habe dieses Jahr viel zu selten Kleider getragen, zumindest im Verhältnis zu der Zeit, in der ich lange Hosen trug. Und Pullover. Ganz zu schweigen von Schals und Jacken. Man sitzt und wartet, hofft, dass es Sommer wird. Als ob dann alles anders sei, als ob das Leben davon abhinge, dass die Sonne scheint. Tut es auch. Zumindest ein bisschen. Also sitzt man weiter oder steht und geht, strebt und lebt dieses Leben, was man nun einmal hat. Ein Geschenk. Hofft auf diese eine Jahreszeit, in der das Leben eine gewisse Leichtigkeit erfährt, die den grauen Stellen im Herzen die Daseinsberechtigung raubt. In der es sich anfühlt als ginge man permanent auf Wolken in Watte gepackt und in einer in der Sonne glänzenden Seifenblase. Die Zeit scheint still zu stehen, für diesen einen kurzen Moment – auch wenn er Tage andauert, manchmal auch Wochen. Man riecht und schmeckt das Salz auf der Haut viel zu selten. Kostet die Süße der Aprikosen, atmet den Duft von Lavendel und fängt den Wind mit den Haaren. Alles viel zu selten. Sonnenuntergänge am See, sengende Hitze und eiskalter Wein, der das Brennen in der Kehle löscht. Schlafen unter Sternen, die zum Greifen nah sind – ein Gefühl wie im Traum, nur in echt. Zerzauste Haare, sich suchende Hände und trockene Lippen.

Alles viel zu selten.

© Julia

Watteweich.

Prosa

Ich liege auf der Erde und schaue in den Himmel. Das Gras ist noch ein bisschen feucht von dem Gewitter gestern, aber trotzdem angenehm warm von der Sonne heute. So ist da ja, nach dem Regen kommt immer die Sonne, oder? Die Welt zieht über meinem Kopf vorbei. Meine kleine, große Welt, denke ich und muss etwas schmunzeln. Die Wolken wiegen sich einen Hauch schneller als sonst im Wind. Watteweiße Fetzen verbinden sich zu Engelsflügeln oder Lungen – such dir was aus. Manchmal werden auch Einhörner draus. Oder kleine Herzen. Man muss nur ganz genau hinsehen.  Ich wünsche mir, wie ein Flugzeug durch die Wolken fliegen zu können. Watteweich. Die Kondensstreifen verblassen allmählich und ich frage mich, ob unsere Liebe auch einfach verblassen kann? Nach all den Jahren? Einfach so. Ganz klammheimlich. Ungefragt. Und es gibt ja schließlich auch so viele Flugzeuge. Ich atme tief ein, um mit selbiger Stärke auszuatmen und alle Wolken über meinem Kopf weg zu pusten. Ich mag das. Ich mag, wie sich die Wolken immer wieder neu zusammensetzten, sich verbinden, ja ineinander verschmelzen. Einswerden. Und dann, wenn die Wolkendecke dicht genug ist, bricht die Sonne sie auseinander. Das schräg einfallende Licht ist ganz besonders schön und gibt die Sicht auf ein strahlendes Blau frei. Die Wolken tun das einfach so. Die haben keine Angst vor neuen Mustern. Völlig selbst- und lautlos sind sie immer in Bewegung. Und erfinden sich immer wieder neu. Immer anders. Immer schön. Und weisst du, manchmal glaube ich du bist eine Wolke. Hier und da. Und noch weiter. Wie sieht die Welt denn von da oben aus? Ich kneife die Augen zusammen und lasse den Wind meine Tränen trocknen. Was sind Wolkenbilder ohne Wind? Und manchmal, wenn ich hier im Gras liege und die Wolken beobachte, frage ich mich, ob du denselben Himmel siehst wie ich.

 

© themagnoliablossom

Quarantäne.

Prosa

Du platzt einfach so in meine Träume. Herein. Manchmal auch mitten am Tag. Mir nichts dir nichts. Schleichst du dich in meinen Körper und trampelst die zarten Pflänzchen, die auf den ausgetretenen Pfaden wachsen, nieder. Manchmal ist es bloß ein Duftmolekül, das durch meine Nase seinen Weg in mein Herz findet, weil die Filterfunktion im Gehirn nicht richtig funktioniert. Ein, zwei Takte dieses Songs – klammheimlich in den Ohrhärchen verfangen. Manchmal ist auch einfach nur ein irrwitziger Gedankenfetzen, der sich aus der Quarantäne heraus in aktive Gehirnareale verirrt.

Und manchmal ist es einfach ein bisschen zu viel von all dem.  Auf einmal. Denn die Sache ist ja die, dass von außen betrachtet, die Hülle makellos scheint. Und der Lidstrich perfekt ist. So perfekt er mit zittriger Hand eben gezogen werden kann. Aber innen, meine Lieber, so ganz tief innendrin – da sieht es aus wie ein zerfetztes Kissen. Bloß, dass es mein Herz war, das in tausend und abertausend Splitter zerbrochen ist.  Der reißende Fluss aus meinen Augen hat die spitzen Kanten mit der Zeit abgemildert. Und tatsächlich tut es auch gar nicht mehr weh. Vielleicht, weil alle Tränen aufgebraucht sind, oder ich abgestumpft. Wie die Messer in der Küchenschublade, die du immer mal schleifen wolltest.  Ich schaue aus dem Fenster und sehe die Menschen draußen in der Sonne. Lachend. Mit ihren runden Sonnenbrillen auf der Nase. Ich friere ein bisschen und halte mir meine Kaffeetasse ans Ohr, damit ich das Meer rauschen höre doch alles was ich bekomme ist Salzwasser.

Vielleicht bräuchte es einen Ozean Süßwasser, um die scharfkantigen Splitter in Kieselsteine und dann, irgendwann in weichen Sand zu verwandeln. Sand, der mir dann einfach so durch die Hände gleitet und vom Winde verweht wird. Vielleicht ist das auch so.

 

© Julia

 

Beat.

Kolumnen, Prosa

Mit zittrigen Fingern tippe ich die Zahlen in das Display. Eine nach der anderen. Wie oft habe ich diese Zahlen schon getippt. Jene Zahlen, die in exakt dieser Reihenfolge eine Verbindung zu dir herstellen. Es ist schon verrückt, denn wenn ich zum Beispiel zuerst die drei wähle und dann die vier, komme ich bei einem Stefan raus. Obwohl es immer noch dieselben Zahlen sind. Nur die Reihenfolge ändert sich. Ich weiss das, weil ich es schon sehr oft ausprobiert habe. (Sorry, Stefan). Ein bewusst unbewusster Zahlendreher. Weil ich nicht wusste, was ich sagen würde, wärst tatsächlich du am anderen Ende der Leitung. Der Wind weht mir die Haare ins Gesicht und ich versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlt deine Stimme zu hören. Das Gefühl, wenn sich deine Stimmbänder heben und senken und der Klang dessen durch meine Ohren einen Weg in meinen Körper findet. Als wärst du dort nicht lange genug gewesen. Himmelherrgott was stelle ich mich an. Ich schließe die Augen, den Finger noch immer fest auf dem Wählen-Button gedrückt. Ich kann ihn nicht loslassen. Denn das würde bedeuten, dass ich dich tatsächlich anrufe. Ohne Zahlendreher. In den Filmen ist das immer so lässig-cool, wenn man nach Jahren einfach mal anruft und fragt, wie es denn so geht. Jetzt ist es das irgendwie nicht. Du nimmst viel zu schnell ab und ich kann den Schweiß in deinen Handinnenflächen fühlen. Du fragst, ob ich auf einem Konzert sei – dabei ist es mein Herzschlag, den du hörst. Was sind Tage, Monate oder Jahre? Aneinandergereihte Zahlen. In irrwitzigen Kombinationen. Aber am Ende doch nur Zahlen. Für die Musik ist die Reihenfolge entscheidend. Und wir tanzen zum selben Beat. Hier und jetzt. Und immer. Eine Weile atmen wir synchron in den Hörer und manchmal ist Schweigen einfach das allerschönste Gespräch.

© themagnoliablossom