Notizbuch.

Prosa

Er sitzt im Café und zieht immer wieder den Saum seines Pullovers über das Handgelenk. Spätestens nach dem nächsten Schluck von dem schalen Bier muss er die Prozedur wiederholen. Er bestellt sich noch einen doppelten Espresso und schaut der Kellnerin nach, wie sie am Nebentisch die Bestellung aufnimmt. Sie schiebt die Hüfte leicht zur Seite und stellt ihren Fuß etwas schräg auf den alten Teppichboden. Die Scheiben des Cafés sind schon ganz beschlagen. Genau wie seine Brille, als er an diesem Sonntagnachmittag – wie jeden Sonntag – das Café an der Straßenecke betrat. Heute ist es voller als sonst und an manchen Stellen haben Kinder mit ihren tapsigen Fingern Kringel und andere Schmierereien in das kondensierte Wasser gezeichnet. Das mag er nicht sonderlich. Er bevorzugt es seine Ruhe zu habe. Wenn sich mit dem ersten Schluck Bier, welches ihm lauwarm den Rachen hinunter läuft, seine innere Anspannung löst und sich ein seltenes Wohlgefühl in ihm ausbreitet. Ein Bier trinkt er. Immer. Mehr hält er für nicht angemessen und weniger geht beim besten Willen nicht, da er sich sonst nicht in der Lage sieht mit ihr zu sprechen. Er nippt noch ein weiteres Mal an dem bereits abgestanden Bier und lässt seinen Blick durch den winzigen Raum wandern. Gerade einmal sieben Tische haben entlang der bodentiefen Glasfront Platz. An der Seite hängen schwere Vorhänge, die ein bisschen was von der kalten Luft draußen abschirmen. Normalerweise hat er von dem einzigen Tisch an der Wand – seinem Stammplatz – einen perfekten Blick rüber zur Theke. Denn meistens steht sie dort und schreibt etwas in ein kleines, rotes Notizbuch. Sie fährt mit ihren manikürten Fingern den Ledereinband entlang, zieht den Stift hervor und beginnt zu schreiben. Heute nicht. Heute ist mehr los als sonst und es bleibt keine Zeit für das Notizbuch. Heute schreibt sie zwei Milchkaffee, eine Apfelsaftschorle und zwei Stück Käsekuchen auf einen dieser Kellnerinenblöcke. Dort, wo sonst ihr rotes Notizbuch liegt, stapelt sich nun dreckiges Geschirr. Wenn der Spüljunge es nicht schnell genug in die Küche schafft, raunzt sie etwas Unverständliches und verdreht theatralisch ihre Augen. Der Junge lacht dann. Heute ist alles anders und das passt ihm so gar nicht in den Kram. Denn heute hatte er eigentlich mit ihr sprechen wollen. Die ganze Nacht hatte er wachgelegen und mit Buchstaben jongliert bis daraus halbwegs passable Sätze wurden. Er hatte ja nicht ahnen können, dass das Café heute so gut besucht sein würde. Bestimmt, weil heute nach dem zähen Nebel die Sonne heraus kam. Es ist kalt, aber sonnig geworden gegen Mittag und so haben viele Sonntagasspaziergänger das Café als Einkehr genutzt. Es liegt strategisch günstig zwischen den Park und einem Spielplatz in einem alten, imposanten Eckhaus. Eigentlich ist das Café schon etwas in die Jahre gekommen. Ein miefiger Teppichboden auf dem alte Tische aus massivem Holz stehen. Der Besitzer betreibt das Café schon eine halbe Ewigkeit, noch bevor hier alles hip war, verkaufte er tagein tagaus den selbstgebackenen Kuchen seiner Frau Hedwig. Mehr weiss er über den Besitzer nicht. Und wie er so darüber nachdenkt, fällt ihm auf, dass er ihn schon länger nicht mehr angetroffen hat bei seinen sonntäglichen Cafébesuchen. Jedenfalls, so mutmaßte er muss es an dem Wetter liegen, dass hier heute so viel los ist und die Menschen – ausgezehrt von der Kälte – auf der Suche nach etwas Warmem sind. Denn für gewöhnlich ist hier, etwas abseits des Stadtkerns gerade an Sonntagen wenig los. Es ist kein Café, an dem man einfach so vorbeiläuft. Man muss es schon kennen. Und er kennt es. Gegenüber der langen Glasfront befindet sich das Herzstück des Cafés. Die Kuchentheke reicht vom einen bis zum anderen Ende des kleinen Raumes. Heute schneidet sie im Akkord Stücke aus den ganzen Torten, schiebt sie auf die Teller mit dem goldenen Rand und setzt bei manchen noch eine extra Portion Sahne obendrauf. Er holt tief Luft und versucht das Geplänkel der Kinder zu ignorieren. Seine Sonntage verbringt er seit einigen Wochen immer hier, in diesem Café seit er in das Haus schräg gegenüber eingezogen ist. Er hatte sie eines Abends tränenüberströmt aus dem Café laufen sehen. Sie setzte sich auf den Bordstein und umklammerte dieses kleine, rote Notizbuch. Er überlegt einige Sekunden, zog den Schlüssel wieder aus dem Schloss und ging zu ihr rüber. Warum sie denn weine, fragte er sie nachdem er eine Weile schweigend neben ihr gesessen hatte. „Ich weine nicht, das ist nur der Regen. Kannst du ihn nicht sehen?“, antwortete sie und der Klang ihrer Stimme hatte ihn vom ersten Ton an verzaubert. Er schaute gen Himmel, zögerte einen Moment, weil weit und breit kein einziger Tropfen zu sehen war und antwortete: „Wahrhaftig. Regen“. Eine halbe Ewigkeit saßen sie schweigend nebeneinander in diesem Regen, bis sie einfach aufstand und in der Dunkelheit verschwand. „Komm mich im Café besuchen“ hatte sie noch in die Nacht gerufen. Und so kam es, dass er nun jeden Sonntag in dem alten Café an der Straßenecke verbachte. Sonntags ist ihre Schicht. Der Lohn ist schlecht, aber das Trinkgeld gut – wenn er da nur an sein eigenes dachte. Er weiss nicht einmal ihren Namen, woher sie kommt, wo sie wohnt. Aber seit jenem Abend kommt er jeden Sonntag in dieses Café. Sie begrüßt ihn freundlich, manchmal auch mit einem Lächeln, das ihn bis ins Mark trifft. Er sucht Sonntag für Sonntag nach dem Funken in ihrem Gesicht, der ihm zu verstehen gibt, dass sie ihn wiedererkennt. Wisse, wer er ist. Aber ihr Gesicht bleibt hinter der Freundlichkeit emotionslos. Dann geht sie ihrer Arbeit nach. Und ist zu allen anderen genauso freundlich, wie zu ihm. Das stört ihn, weil er sie für sich allein haben will. Weil er es war, der ihr in jener Nacht beistand. Nachdem sie ihm seine Bestellung an den Tisch gebracht hat, schrieb sie etwas in ihr Notizbuch. Zu gerne hätte er erfahren, was in ihrem Kopf vorgeht, wenn sie gedankenverloren aus den bodentiefen Fenstern schaute, auf die trostlose Straße. Aber er brachte es nicht fertig und konnte nur nervös an seinem Bier nippen.

Heute aber sollte es anders sein. Er hat sich fest vorgenommen, mit ihr zu sprechen. Sie all das zu fragen, was ihm seit jener Nacht den Schlaf raubt. Wie konnte sie so tun, als kenne sie ihn nicht? Sie muss doch wissen, dass er es ist, der jeden Sonntag hier sitzt, um in ihrer Nähe zu sein. Nicht, weil er wollte. Er hatte keine Wahl. Er musste das tun. Mit einem Schwung stellt sie ihm den doppelten Espresso vor die Nase. Er wird ihn brauchen, da er ja die ganze Nacht kaum geschlafen hat. Immer wieder geht er vor seinem geistigen Augen den Text durch, denn er sich so schön hatte zurechtgelegt. Er zieht den Saum des Pullovers über sein Handgelenk und beobachtet sie, wie sie ein Stück Torte auf den Teller hievt. Heute ist ihm hier viel zu viel Trubel, da versteht man ja sein eigenes Wort nicht, dachte er und hält es für besser erst einmal abzuwarten. Auf einen Sonntag hin oder her käme es jetzt schließlich auch nicht mehr an. Stunden vergehen, die ihm wie Minuten vorkommen. Der Espresso ist kalt, die Kinder samt ihrer Eltern sind verschwunden – was bleibt sind die verschmierten Scheiben. Herzchen und Kringel. Als der letzte Gast das Café verlässt, weht ein eisiger Wind unter den Vorhängen hindurch. „Wir schließen um 18.00 Uhr“, ruft sie freundlich in seine Richtung während sie mit einem Küchentuch über die Kaffeemaschine reibt. Er nimmt seine Brille vom Tisch und schiebt sie sich auf die Nase. Jetzt oder nie, denkt er und geht auf sie zu. Im selben Moment kommt der Spüljunge mit einer Zigarette im Mundwinkel aus der Küche und bietet ihr auch eine an. Auf halbem Weg macht er kehrt, greift sich an den Kopf und tut so, als sei ihm gerade etwas Wichtiges eingefallen. Dabei war es ein stechender Schmerz, der ihn durchbohrt, weil ihr Lächeln so unfassbar schön ist, dass es ihm weh tut. Also verlässt er als gebeutelter Krieger das Schlachtfeld und summt leise love is a battlefield.

Gerade als die Türe hinter ihm ins Schloss fällt beginnt es zu regnen. Er amüsiert sich über die kitschige Ironie des Schicksals und überquert die Straße, um nach Hause zu gehen. Als er mitten auf der Straße steht, ruft jene zauberhafte Stimme seinen Namen. Es gefriert ihm das Blut in seinen Adern und er muss die Luft anhalten. Ist das ein Traum? „Stefan, ich wollte dir noch etwas geben“, sagt sie und drückt ihm das kleine, rote Notizbuch in die Hand. „Dachtest du ernsthaft, mir ginge es nicht genauso?“. Und dann lacht sie. Ein schallendes Lachen, das bis ins Mark erschüttert und dessen Echo lange nachhallt. Er bleibt wie angewurzelt stehen und kann bloß wortlos zusehen, wie sie wieder in dem Café verschwindet. Regungslos schaut er auf das rote Notizbuch in seinen Händen und kann es nicht fassen. In diesem Moment kommt ein Lastwagen in einem Affenzahn um die Ecke gebogen. Erst wird es ganz hell und dann ganz warm. Das Notizbuch hat er fest an sich gedrückt, in Höhe seines Herzens, als man ihn findet.

 

© Julia

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Lichtermeer.

Prosa

Mit einem Schwung setzte sie sich auf die Fensterbank. Sie trug nichts als ihre Unterwäsche und diese bezaubernde Lächeln. „Na, los“, sagte sie, „komm“. Verschwörerisch beugte sie sich leicht nach vorne und dabei löste sich eine Strähne aus ihrem perfekt unperfekten Dutt. „Los, komm schon her“. Sie lachte. Es war ein Lachen, das vom Ohr direkt ins Herz wanderte. Mit einem klitzekleinen Umweg über den Kopf – nur, um dort alles durcheinander zu bringen. Es war ihr kristallklares Lachen, dass ihn direkt ins Mark traf, sein Herz zum Pochen brachte und ihm gleichzeitig die Luft zum Atmen nahm. Er war verliebt. Ist es noch immer. So viel steht fest. Bedauerlicherweise ergab sich bisher noch nicht der richtige Moment, um ihr das zu sagen. So ist er. Ein wahrer Perfektionist. Er hatte sich alles haarklein ausgemalt – wie es sein würde, welches Hemd er trüge und welche S-Bahn die günstigste wäre, um auf dem Hinweg noch einen Brief zur Post zu bringen. Stundenlang hatte er an dem perfekten ersten Satz gefeilt. Ein Satz, der ihrer Vollkommenheit gerecht würde. Aber bisher war es einfach noch nicht soweit. Diese Warterei trieb ihn schier in den Wahnsinn und mit jedem Treffen schmerzte ihn sein Herz mehr. Er wusste was sie tat, wenn er nicht bei ihr war. Wenn er sie nicht hatte beschützen können. Vor sich selbst. Und überhaupt. Er hätte es sich eigentlich von vorne herein denken können. So eine Frau. Mit ihm. Das war utopisch. Sie mit ihrer überirdischen Schönheit. Und er, der kleine Architekt, der seit Jahren die schlechtbezahlte Stelle bei dem Versogungsunternehmen inne hat. Aber er hat Träume. Große sogar. Und Pläne. Das ist schließlich sein Job. Und weil er wusste, wie sehr sie das Meer liebte, hat er für sie ein Strandhaus entworfen. Es trägt ihren Namen. Das hatte er einmal in einem Kriminalfilm gesehen, dass im Süden die Häuser immer Namen tragen. Casa Isabel. Oder Auberge Chez Marie. Nur für sie beide. Und drei Kinder. Vielleicht auch vier. Irgendwann würde er ihr all die Entwürfe zeigen. Bald.

Er hätte es sich denken können, dass sie all das früher oder später mit ihren zarten Füßen treten würde. Aber er wollte es nicht hören. Er wollte die Blicke der Leute nicht sehen, die Augenpaare, die förmlich in seinen Rücken stachen. Für ihn gibt es nur sie beide. Jetzt und immer. Seine Welt ist nun einmal so ausgelegt. „Hallo, träumst du oder was?“. Ihre Stimme reißt ihn jäh aus seinen Gedanken. Er blinzelt und ist sich nicht sicher, ob das an dem Neonlicht, welches vom Hotel gegenüber schräg an ihrer Silhouette vorbei ins Zimmer dring, liegt oder an ihrer Schönheit. Er schiebt das weiße Laken zur Seite und fährt sich schlaftrunken durch die Haare. Der Ausblick aus diesem Hotelzimmer ist atemberaubend. Siebter Stock. Lange hatte er recherchiert, ehe er ihr die gemeinsame Reise vorschlug und war sehr erleichtert, dass sie sofort ja sagte. Und jetzt sitzt sie hier auf dieser Fensterbank mit nichts als ihrer Unterwäsche und ihrem bezaubernden Lächeln. Perfekter hätte es für ihn nicht sein können. Er geht zwei Schritte auf sie zu und spürte den warmen Wind, der durch das geöffnete Fenster ins Zimmer drang. Dahinter die Stadt. Ein Lichtermeer. Tausend winzige Punkte verschwimmen zu einem einzigen hellen Teppich. Er würde sie tragen. Beide. Er legt seine Hand in ihren Nacken und küsst sie. Er dachte an das Haus am Strand, seinen Chef und all die Leute. Er hatte das nicht gewollt. So nicht. Und vielleicht war es auch einfach nur der Wind. Aber in diesem Moment rutschte sie von der Kante der Fensterbank. Und sie flog. Hinein in das Meer aus tausend Lichtern.

 

© themagnoliablossom

Du bist so anders.

Kolumnen

Gründe Angst zu haben, gibt es viele. Manche Menschen verspüren ein beklemmendes Gefühl, wenn sie ihr Smartphone zu Hause vergessen. So manch einer soll schon auf die Idee gekommen sein, tatsächlich etwas zu arbeiten, vor lauter Langeweile. Andere haben vor Feiertagen Angst und kaufen – just in case – mal den halben Supermarkt leer. Und wäre das nicht so trostlos, käme man aus dem Lachen ja gar nicht mehr heraus. Wieder andere haben Angst um ihr Leben. Was wirklich schlimm ist. Damit meine ich nicht nur ganz aktuell die Flüchtlinge, die zuweilen in Deutschland stranden, sondern auch die Menschen hier, die Angst um ihr Kulturerbe und ihr Land haben. Die Angst sitzt tief. Gefährlicherweise entsteht diese Urangst in einem primitiven Teil des Gehirns, das keinen Hochschulabschluss hat, erklärt Borwin Bandelow, Angstforscher an der Universität Göttingen, und diese Ängste lassen sich nur schwer durch die intelligenteren Teile des Gehirns steuern. Es ist die Angst vor dem Ungewissen, dem Fremden. Es ist die Angst, nicht zu wissen was auf einen zukommt. Wie man sich fühlen könnte oder gar handeln sollte. Diese Fremdenangst entsteht aus einer Mischung aus Urängsten und rationalen Überlegungen, manifestiert Bandelow.

Individualität, my ass!

Aus dieser Ungewissheit heraus entstehen Vorurteile. „Die sind so“. Die Deutschen, die Briten, die Männer, die Frauen. Genauso wenig sind die so, wie alle Deutschen Tracht tragen. Ich lebe zwar in Bayern und hier tragen wirklich viele Menschen auch jenseits der Wiesn Drindl und Lederhosn, dennoch ist das keine Allegorie für ein gesamtes Land. Wir urteilen (vor-)schnell über Menschen. Über deren Lebensweise oder deren Aussehen. Alles, was nicht in unser selbstoptimiertes Bild passt, wird als Resonanzkörper ausgeschlossen. Warum? Bei Treffen im Freundeskreis spalten sich die Lager schnell. Egal, ob Feminismus (Geeezus!), die Rolle Griechenlands oder ganz aktuell bei dem Thema Flüchtlinge. Ja, selbst Helmut Schmidt polarisiert(e). Man ist entweder dafür oder dagegen. Es scheint nur entweder oder zu geben. Pro oder contra. Schwarz oder weiss. Dabei ist grau doch auch schön. Oder bunt.

Ich habe da eine Allergie.

Irgendwie haben wir eine Allergie gegen alles Andersartige entwickelt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, jaja. Der Schweinehund ist aber immer nur so groß, wie die Disziplin klein ist. Oder? Wir handeln nach bestimmten Verhaltensmustern, die wir irgendwann einmal erlernt haben. Das mag zum einen vielleicht kulturelles Erbe sein, oft ist es aber konditioniertes Verhalten und in vielem machen wir es uns auch schlichtweg zu einfach. Meine Freundin A. hat glasklare Vorstellungen von ihrem Traummann. Groß muss er sein („unter 1,83 m geht da nix“), dunkle Haare muss er haben und Tattoos. Eh klar. Wer im Glashaus sitzt… Es gab da mal einen kleineren, blonden. Der war ziemlich nett, fand ich. Sie hat ihn mit beharrlicher Vehemenz ignoriert. Der Arme…

„Lieber leben wir in unserer perfekten Traumwelt – ein Konstrukt aus Sehnsucht und Realitätsflucht – und warten auf die Traumprinzessin oder den Traumprinzen“

Wir folgen immer wieder unseren Mustern und Verhaltensweisen und meinen, wenn wir uns auf einen bestimmten Typ Mensch beschränken, kann alles nur gut werden. Denn den kennen wir. Da wissen wir, was auf uns zukommt. Wissen, wie wir agieren können. Zwar ist nicht alles super toll, aber zumindest auch nicht super scheisse. Dabei machen wir uns häufig selbst was vor. Den Typ gibt es nicht. Wir schaffen es nur selten, über den Tellerrand hinauszuschauen und neue Wege zu gehen. Die ersten Spuren im Schnee – war das als Kind nicht das Allerschönste? Jetzt, als Erwachsene verlassen wir die ausgetretenen Pfade nur selten. Wenn sich doch mal einer wagt, zeigen wir mit dem Finger auf ihn, als sei er ein Aussätziger. Ein Andersartiger. Sind wir überhaupt noch fähig, die Vielfalt und ihre unerschöpfliche Inspiration zu erkennen? Ich finde, wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, nur akzeptiert und anerkannt zu sein, wenn man möglichst gleich, ähnlich oder angepasst ist. Die herbe Enttäuschung kommt nämlich oftmals dann, wenn man erkennt, dass die, die zunächst so ähnlich erscheinen so komplett anders sind. Sind wir doch ein bisschen großzügiger. Mit uns selbst, aber vor allem auch mit anderen und deren Anderssein. Empathie statt Egoismus.

Ein Konstrukt aus Sehnsucht und Realitätsflucht. Aber was ist mit dem Herz auf dem OP-Tisch?

Auf Instagram haben diejenigen die meisten Follower, die tagtäglich massenkonformes, perfekt editiertes Bildmaterial hochladen. Individualität? Fehlanzeige! Identifizieren wir uns nur (noch) mit Clowns unser Selbst? Sind wir zu kleinen Narzissten geworden, die keine Götter neben sich dulden? Wir sind geizig und das nicht nur mit unseren Gefühlen, sondern auch mit dem Interesse an Anderen. Ziehen uns lieber in unhaltbare Mingle-Ringle*- Amusements zurück, anstatt mal richtig blank zu ziehen. Das nackte Herz auf den kalten OP-Tisch legen. Da darf dann schon mal Blut fließen. Lieber leben wir in unserer perfekten Traumwelt – ein Konstrukt aus Sehnsucht und Realitätsflucht – und warten auf die Traumprinzessin oder den Traumprinzen. Den es so per se wahrscheinlich nur in unserem Kopf gibt. Manchmal wissen wir das auch. Insgeheim. Können aber trotzdem nicht anders. Vielleicht ein bisschen aus (Selbst-) Schutz für das Organ links in der Brust. Und aus Gründen. Und manchmal, macht uns das ganz schön einsam. Würden wir einfach einmal die Scheuklappen abnehmen und links und rechts am Wegesrand ein bisschen grasen, anstatt nur vorbei zu galoppieren, würden wir in vielen Fröschen einen Prinzen oder gar eine Prinzessin erkennen. Vielleicht muss man einfach mal mehr innehalten, mehr den Bauch entscheiden lassen als sich ständig von diesem Kopf, der eh immer alles besser weiss, reinpfuschen zu lassen. Vielleicht wären und sind wir dann vor allem eines: Glücklich. Und bunt. Jawohl.

 

 

© themagnoliablossom

 

*Ringle: Jmd., der zu hohe Erwartungen an die (romantische) Liebe hat und deshalb Single ist.

 

 

 

Der Bügler.

Prosa

Sanft gleitet das Bügeleisen über den Kragen meiner Bluse. Wie von Zauberhand verschwinden die winzigen Knitterfältchen. Das heiße Eisen kuriert das Schleudertrauma, das das Stück Stoff erlitten hat. Manchmal vergesse ich es nämlich in der Waschmaschine. Dann liegt das da ein paar Stunden oder manchmal auch Tage. Nass, zerknittert, zurückgelassen. Einsam und vergessen. Ein elendes Dasein.

Und dann kommt da jemand und gibt ihm ein klitzekleines bisschen Wärme, streicht behutsam über die Ecken und Kanten. Die Anspannung löst sich, die knittrige Oberfläche wird wieder ganz eben und glatt. Das wollen wir doch, oder? Dass alles ebenmäßig ist. Makellos. Nahezu perfekt. Du bist es. Aber nur an der Oberfläche und auch nur fast. Wenn man hier und da ein bisschen kratzt und es dazuhin noch regnet, dann bröckelt sie ganz schön, die Fassade. Aber irgendwie ist da immer jemand, der hinter dir herläuft und die Splitter aufsammelt, die du hinterlässt und sie auf wundersame Weise wieder zusammenflickt. Eine knarzige Oberfläche, ein vages Gerüst, gebaut aus Bruchstücken. Du weisst das, aber du bist ein guter Bügler. Denn deine Oberfläche erstrahlt immer in dieser schrecklich schönen Ebenmäßigkeit, die mir zuweilen Angst bereitet. Denn ich kann mir nicht einmal die Nägel lackieren, ohne zu patzen.

Genau das gefiel dir. Dass der Pinsel immer einen Hauch neben der Spur war, kaum merklich, aber wahr. Keine Geduld, dem Lack die Zeit zu geben, die er für einen perfekten Auftrag benötigt hätte. Immer direkt aus der Mitte, links. Das Herz schneller als der Verstand, hast du immer gesagt. Das kann sehr schön sein. Aber auch sehr gefährlich. Das weiss ich. Du warst der Meinung, dass mir diese Nuance an Unbeholfenheit etwas Ehrliches, Authentisches verlieh. Eine gewisse Grazie, die dir den Verstand raubte.

Ich frage mich, ob jemand dessen Oberfläche immer so fürchterlich glatt ist, das überhaupt beurteilen kann. Die Knoten und die Windungen. Verwoben. Miteinander. Verknotet. Verworren. Ganz tief, innendrin. Aber wenn du sagst, dass du bei mir und mit mir du sein kannst, ist es das, was mich ein bisschen stolz macht. Wenn meine Imperfektion auf dich abfärbt, dich weich zeichnet, deine Konturen verwischt, die Grenzen auflöst, uns verbindet und du als verknotetes Etwas vor mir stehst. Ganz pur, nur du. Nackt. Das faltenfreie Korsett abgestreift und feinsäuberlich auf einen Kleiderbügel gehängt. So willst du sein, aber du kannst es nicht. Nur mit mir, an deiner Hand. Wieso bist du hier und ich dort. Fort. Über den Bergen. Nicht bei den sieben Zwergen. Ich beiße in den (sauren) Apfel und er bleibt mir im Halse stecken. Manchmal nimmst du mir die Luft zum Atmen, weisst du das? Immer findest du einen Weg in mein Labyrinth aus wirren Gedanken. Nistest dich ein, für Tage, manchmal auch Wochen. Ziehst die Fäden ein bisschen enger, nur um dir dann dein gebügeltes Hemd von der Stange zu nehmen und deinen geschundenen Körper in diese unerträgliche Perfektion zu hüllen.

Deine Augen sehen so traurig aus, wenn sich unsere Hände in Zeitlupe voneinander lösen. Wenn du zurück in deine Welt kehrst, in deinen goldenen Käfig. Dann sitze ich vor der Wachmaschine und schaue dem Stück Stoff hinter dem Bullauge zu. Ich sehe seelenruhig zu, wie es ein Schleudertrauma erleidet. Und nass und zerknittert in den Schaumresten liegen bliebt. Ein elendes Dasein.

Und manchmal sitze ich da und frage mich, wie ich bloß all die Falten und Knitter aus meiner Bluse bekommen soll. Denn ich besitze gar kein Bügeleisen.

 

© Julia