Glasklar.

Prosa

Er starrt aus dem Fenster und nimmt einen kräftigen Schluck Rotwein aus dem angestaubten Glas. Dann wischt er sich mit dem Handrücken die Reste von den Lippen. Der purpurne Rebensaft verästelt sich sofort in seiner trockenen Haut. Er konnte regelrecht zusehen wie seine Haut das flüssige Rot nur so aufsaugte. Es ist, als ob man das Blut fliesen sehen könne, denkt er und nimmt noch einen weiteren Schluck. Denn Blut kann man nie zu viel haben. Gerade er, der in der Vergangenheit so viel davon verloren hatte. Erst hatte ihm jemand das Herz herausgerissen und es triefend und tropfend auf den Küchentisch gelegt und einige Tage später hatte er sich so heftig in den Finger geschnitten, als er versuchte die Scherben, die nun rund um dem Tisch verteilt lagen, aufzuräumen. Nur mit Mühe und Not hatte er es fertig gebracht das Herz wieder an die richtige Stelle zu bringen. Er hatte viel Kleber benutzen müssen, weil es in 1000 Teile zerfallen war und er die einzelnen Ecken und Kanten nicht wieder Eins zu eins aufeinander brachte. Aber jetzt, nach einer gewissen Weile und mit einigem an Rotwein als Blutersatzt funktioniert es fast wie davor. Auch wenn es immer noch ein bisschen schief in der Ecke hängt.

Er hatte ohnehin viel zu selten Rotwein getrunken in der letzten Zeit, stellt er überrascht fest und bewegt das Glas etwas hin und her, sodass er den Staub, der sich im Laufe der Monate auf dem feinen Glas abgesetzt hatte, besser sehen konnte. Er springt ihm sofort ins Auge, der Staub, denn er war ein sehr ordentlicher Mensch. Aber jetzt ist ihm das plötzlich alles egal. Früher hatte er die kristallenen Gläser fast täglich poliert. Zu dieser Zeit hatte er auch noch mehr Rotwein getrunken. Wenn er nach Hause kam, nahm er eine Flasche aus dem hölzernen Regal neben dem Küchenschrank, strich mit dem Daumen sanft über das Etikett ehe er die Flasche mit einem kräftigen Ruck vom Korken befreite. Dann hatte er einen guten Schluck in eines der blitzeblank polierten Kristallgläser aus dem Regal gegeben und gewartet. Denn ein guter Rotwein braucht Zeit. Allein die Trauben brauchen ja mehrere Monate, wenn nicht gar Jahre bis sie wirklich reif und genießbar sind. Manchmal ist sogar eine gesamte Ernte für die Tonne. Das kommt gar nicht mal so selten vor. Das braucht einfach alles seine Zeit. Auch dann, wenn der Wein bereits im Glas ist. Das war ihm immer wichtig. Nichts hasste er mehr, als das überstürzte Trinken eines Weines, der noch nicht genug Zeit gehabt hatte. So vergingen gut und gerne fünfunddreißig bis vierzig Minuten, ehe er das Glas zum ersten Mal an seine Lippen führte.

Wenn sich der samtige Geschmack dann in seinem Gaumen ausbreitete und sich gleichzeitig alles im Mund zusammen zog, war es für ihn eine Offenbarung. Der drückende Knoten, der sich hin und wieder in seiner Kehle breit gemacht hatte und manchmal bis auf die Größe eines Kartoffelknödels anwuchs, verschwand durch diese Prozedur auf wundersame Weise. Wie Butter in der Pfanne, dachte er. Zunächst warm und dann heiß. Ehe es dann plötzlich ganz kalt wurde. Im Herzen. Das war sein Ritual und das war so sehr er, dass ihm erst jetzt klar wird wie sehr er das vermisst hatte.

Er schaukelt den Gedanken noch eine Weile in seinem Kopf hin und her und versucht sich an das Gefühl zu erinnern. Er stellt sich eine Blumenwiese vor und riecht an Apfelbäumen, atmet den Duft von reifen Aprikosen und streicht mit dem Finger abermals über das Etikett. Aber es kommt nicht zurück. Seine Sinneszellen schaffen es einfach nicht die Reize zu übertragen. Und je mehr er darüber nachdenkt, umso weiter rückt das Gefühl in die Ferne. Der Eindruck entsteht doch im Kopf, sagt er sich und vielleicht liegt es ja genau daran. Was weiss er schon, was da zwischen Thalamus und Großhirnrinde passiert? Bei ihm irgendwie so gar nichts.

Er starrt aus dem Fenster und nimmt einen kräftigen Schluck Rotwein aus dem angestaubten Glas. Auch ein weiterer Schluck konnte nichts an der Tatsache ändern. Er lässt seinen Blick über den Tisch hinaus zum Fenster wandern. Die vielen, winzigen Regentropfen ergeben zusammen einen grauen Schleier vor seinem inneren Auge. Er kann gar nicht mehr klar sehen und ist sich nicht sicher, ob das an dem Staub oder an dem Regen liegt. Alles verschwommen. Vielleicht doch der Wein? Da fällt es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen. Glasklar. Als ob es nie eine andere Wahrheit gegeben hätte. Denn nicht ohne den Kopf kann man nicht richtig denken, sondern ohne das Herz. Er springt auf und läuft in die Küche um nachzusehen ob, sein Herz noch auf dem Küchentisch liegt.

 

© Julia

Advertisements

Spot.Light.

Prosa

Du zwickst mir mit deinem Daumen und Zeigefinger in die Nase und steigst mit Schuhen auf das dunkle Ledersofa. Immer in die Wunde, sage ich und nicht nur, weil du weisst, dass ich meine Nase zu groß finde. Auch weil du ansonsten sehr großzügig mit dem Salzsteuer umgehst, wenn es um klaffende Wunden geht. Ich hasse das, aber irgendwie machst du das auf eine so charmante Art und Weise, dass ich dir nicht böse sein. Es liegt immer auch ein Hauch Erkenntnis in deiner Wundbehandlung, wenn man das so nennen kann. Ein sanftes Ermahnen zur Reflexion. Mehr fühlen, in sich hinein und weniger denken. Das ginge nur, wenn man den Finger von der Wunde nehme und es auch mal so richtig ausbluten lasse, sagst du immer. Du liebst es, wenn ich schnaubend und wütend vom einen auf den anderen Fuß trete und nicht weiss, was ich dir als Antwort servieren soll. Mit Floskeln lässt du dich nämlich nicht abspeisen. Also stehst du auf diesem dunklen Ledersofa und lächelst von oben auf mich herab. Zuckersüß. Ich weiss, dass du am liebsten meine Hand nehmen und mich zu dir heraufziehen möchtest. Aber stattdessen prostest du mir zu und jeder nimmt wortlos einen großen Schluck aus dem noch viel größeren Glas. Du Wodka Tonic und ich Gin Tonic. Das knackende Eis ist neben dem bitteren Tonic die einzige Gemeinsamkeit. Dein Adamsapfel bewegt sich hastig auf und ab und in null Komma nichts ist der Wodka leer und das Eis schmilzt, weil die Luft so heiß ist. Hier und zwischen uns. Immer.

Du bewegst dich rhythmisch im Takt, das grelle Licht des Stroboskops blitzt immer wieder auf und ich sehe überall nur Hände, die in die Luft gerissen werden. Lachende Gesichter mit gläsernen Augen. Perfekte Mienen ohne Patina. Mir wird schwindlig und ich lasse mich auf das Ledersofa fallen. Mit einer bestimmten Geste schiebst du die Leute auf die Seite und setzt dich zu mir. „Na, Kleine. Alles okay?“, fragst du mich und streichst mit deiner Hand kaum spürbar über meinen Rücken. Ja, sage ich und überschlage meine Beine. Aber klein bin ich nicht, flüstere ich in dein linkes Ohr und zeige mit dem Kopf auf meine High Heels. 10 Zentimeter. Damit bin ich fast größer als du. Du lachst. So sehr, dass das ganze Sofa wackelt. Dann beugst du dich zu mir rüber und drückst mir einen Kuss auf den Hals. Genau in die Kuhle, wo der Hals in das Schlüsselbein übergeht. Sicher ist sicher. Ich bekomme eine Gänsehaut obwohl ich schwitze.

Warum ich das gemacht hätte, fragst du mich in dem Moment als der Bass kurz aussetzt. Effekthascherei. Aber du willst es wirklich wissen. Warum? Wie kann die Vergangenheit eine Rolle spielen bei etwas, das keine Zukunft hat? „Weil es den Zauber kaputt macht“, sagst du und deine Oberlippe berührt dabei ganz zufällig mein Ohrläppchen. Ich fühle mich schuldig, obwohl ich es nicht bin und sehe das Salz aus deinem imaginären Salzstreuer auf mich herab rieseln. Ich kann links abbiegen oder rechts. Ich kann auch einfach weiter geradeaus gehen. Aber wenn ich stehen bleibe, verstehst du, dann ist es so als würde ich aufhören zu atmen. Du sagst Dinge, die ich nicht hören will und im nächsten Atemzug Dinge, von denen ich nicht ahnen konnte, wie schön sie in meinen Ohren klingen würden. Also sitzen wir hier noch eine Weile zwischen wippenden Füßen und zuckenden Armen, zwischen Bass und Snare Drum und erklären uns die Welt. Eine Parallelwelt, die nur uns gehört. Wir fühlen den Beat und hören, wie das Blut durch unsere Körper rauscht. „Lass es ausbluten“, flüsterst du und legst deine Hand auf meine linke Brust.

Als ich wieder atmen kann, stehe ich draußen an eine raue Hausmauer gelehnt. Mein Hintern ist kalt und mein Herz auch. Du hast deine Arme um meine Schultern gelegt und das Licht der Straßenlaterne sticht fies in die an Dunkelheit gewohnten Augen. Alles scheint hell erleuchtet. Auch das, was man nicht sehen möchte. Es ist, als würde dieses Licht uns durchleuchten, wie Röntgenstrahlen. Und so stehen wir angezogen voreinander und sind doch nackt. Ausgeblutet. Du hauchst mir einen Kuss auf meine Lippen, der so zart ist wie deine Wimper, die ich dir von Wange streiche. Fünf Sekunden, vielleicht auch zehn. Eine Ewigkeit. Mit geschlossenen Augen wird das grelle Licht zum Sternenhimmel. Und da ist er wieder, der Zauber.

 

© Julia

11,2 ° C

Prosa

Ich sitze am Küchentisch und knibble etwas Haut seitlich von meinem Daumennagel. Ein Zeichen, dass es wieder Herbst ist. Dazu brauche ich nicht einmal raus zu gehen, um all die Blätter auf den Straßen zu sehen und all die Menschen mit ihren dicken Schals. Ich weiss das, weil ich es spüre. Nicht nur, weil die Luft anders riecht und ich wieder mit Bettsocken schlafen muss. Nein auch, weil diese verdammte Nagelhaut wieder so trocken ist. Da kannste cremen wie du willst, die ist einfach so staubtrocken. Wie ein Sandsturm in der Wüste, plötzlich da, obwohl du vor gerade einmal drei Wochen in Flipflops durch die grüne Oase gelaufen bist. Die Zeit ist einfach gnadenlos. Drei Wochen im Sommer sind drei Wochen. Aber im Übergang von Sommer zu Herbst, dieser undefinierbaren Zwischenjahreszeit, entsprechen drei Wochen drei Monaten. Die Zeit rast, oder es kommt einem nur so vor, weil sie im Sommer ja immer still steht. Sie rast und mit ihr die Gedanken, die in jede noch so verästelte Vene strömen. Ehrlicherweise hat man nach dem Sommer auch gar keine Lust mehr, auf jeder Welle zu surfen. Und es gibt auch kein kühles Bier mehr, mit dem man aufkommende Gedanken hätte hinunter spülen können. Es gibt nur kühle Luft, davon aber reichlich und die trocknet alles aus, nicht nur die Haut auch das Herz, welches vor ein paar Wochen noch purpurrot und saftig pumpte als gäbe es kein Morgen. Barfuss und mit dem Herz in der Hand nach Hause tanzen, bis die Wolken lila sind. Aber natürlich gibt es immer ein Morgen. Und heute sieht dieses Morgen schrumpelig und vertrocknet aus. Es ist wieder diese Zeit, in der die Realität so knallhart auf den Küchentisch klopft, dass mein Tee verschüttet als hellbraunes Rinnsal auf die weißen Fliesen tropft. Und wenn du nicht aufpasst, mit deinen Wollsocken, dann bist du schneller ausgerutscht als dir lieb ist.

Der Herbst ist so fies, weil er so gnadenlos ehrlich ist. So pur und irgendwie auch echt. Denn mit all den Blättern fällt auch meine Maske. Und deine. Die Wahrheit ist ja manchmal so verrückt, dass sie keiner glaubt. Vielleicht, weil wir vernebelt sind von all dem Weichspüler in unseren Acne Schals oder weil wir lieber Lügen glauben, so lange sie sich gut anfühlen.

Weisst du, die Sache ist ja die, dass du nicht da bist, wenn es Herbst wird. Dass du immer hier bist und dort, aber nie da. Wenn das Kissen neben mir kalt ist und mein Herz bis zum Hals schlägt. Da hast du leicht reden, denn Herbst ist ja nicht nur ein Gefühl, sondern real. Denn nur Sommer ist, was in deinem Kopf passiert. Und hier passiert gerade gar nichts, außer der Tatsache, dass lauwarmer Tee von meinem Küchentisch tropft und fast gefriert bevor er den Boden erreicht, weil die Luft so kalt ist. Weil zwischen Wollpullover und Flatterkleidchen immer noch ein Spalt breit Platz ist. Weil meine Türe immer noch einen Spalt weit offen steht. Du blockierst den Durchgang, verstehst du das? Im Sommer ist so ein bisschen Durchzug zuweilen ja noch ganz angenehm, aber jetzt, im Herbst kann solch einen eisigen Windhauch wahrhaftig niemand gebrauchen.

Das Thermometer zeigt 11,2 ° C und das ist Sommer im Vergleich zu der Kälte im Herz. Aber es sind auch 11, 2 ° C vom Gefrierpunkt entfernt und wenn wir dein und mein Herz zusammen tun, dann kommt dabei vielleicht so etwas wie Herbst heraus.

Ich drücke meine Nasenspitze an das kalte Küchenfenster und male mit dem Zeigefinger ein Herz in das kondensierte Nass. Die Tür fällt ins Schloss und ich spüre einen kühlen Windhauch in meinem Nacken.

 

© Julia

Golden.

Prosa

Auf knarrenden Dielen laufe ich hinein in den dunklen Flur. Links und rechts sitzen ein paar Menschen auf alten, dunkelgrünen Samtsofas und trinken Gin mit Tonic. Die Gesichter sind hinter den schweren Kristallgläsern nur als helle Schatten zu erahnen. Das schummrige Kerzenlicht hüllt ihre Mienen in ein geheimnisvolles Halbdunkel.

Ich schüttle meinen Regenschirm, um ihn von den letzten Tropfen zu befreien und ein bisschen auch, um mich meinem Unbehagen zu entledigen. Die dunklen Halbschatten quittieren meine Sprenkel-Aktion mit einer Mischung aus pikiert sein und müdem Lächeln. Der Boden ist jetzt gefährlich glatt und ich muss aufpassen, dass ich nicht ausrutsche.

Als ich um die Ecke biege, sitzt du bereits am Tisch. Der quadratische Raum ist genauso grün wie die Sofas am Eingang und die Wände sind golden. Es glitzert etwas. Aber vielleicht sind das auch deine Augen. Es ist ein schöner Tisch. Mitten im Geschehen, aber dennoch weit genug entfernt, um etwas Privatsphäre zu genießen. „Hallo“ sage ich und du drückst mir einen Kuss auf die Wange. Deine Lippen sind so zart, dass ich mehr als bereitwillig die Andere hinhalte.

Dann sitzen wir also auf ledernen Stühlen, zwischen Vorfreude und Nervosität gesellt sich ein infantiles Gekicher und ein Platz bleibt frei. Wir wissen beide nicht, wie wir ihn füllen sollen. Und wenn es nur der Abstand von einem zum anderen Tischende ist. Weil wir uns nicht entscheiden können, nimmt der Kellner einen Stuhl mit, weil andere sich anscheinend sehr wohl entscheiden können. Ich streiche etwas über die dunkle Schieferplatte und schaue direkt vorbei an deinen Augen. Dein dunkelblauer Anzug sitzt so perfekt, dass ich mich frage, ob du dich hast einnähen lassen. Seidiger Glanz auf dem allerfeinsten Garn. Ich ziehe einen abstehenden Faden aus meiner Bluse und fühle mich schäbig. Der Kellner kommt zum dritten Mal an den Tisch und ich weiss noch immer nicht, was ich will. Getränke wie „Sex on the Beach“ oder „Orgasm“ würden den Kloß in der Kehle nur hinreichend befriedigen, zumal es etwas Derartiges hier nicht auf der Karte gibt. Ich halte nach Einmal-Alles Ausschau, aber auch das suche ich vergeblich.

Im Prinzip ist es ja ganz einfach: Man hat eine Karte, in der man sich aus  dreihundertfünfundvierzig Cocktails einen aussucht. Das Problem ist jedoch, dass die alle ziemlich gut klingen. Und wenn man noch nie etwas von Gin-Espuma oder China-China Virana gehört hat, dann sollte man das vielleicht auch einfach mal probieren. Oder vertraut man auf die bewährten Klassiker? Mit Gin und Tonic kann man schließlich nicht viel falsch machen, wie die Herren am Eingang eindrucksvoll bewiesen haben. Hinlänglich bekannt, dass Altbewährtes aber auch niemals der Ort ist, an dem die Magie passiert. Oder doch?

Du überschlägst deine Beine und dein Knie berührt für eine Millisekunde das meine. Wer schon einmal an einen Elektrozaun gefasst hat, weiss wie sich das anfühlt. Der Champagner in meinem Drink ist quasi nur das Wasser in der Wanne und der Föhn gefährlich nahe. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck und lecke mir die pinken Zuckerkörner von den Lippen.

Fast ein Jahr ist es her, dass ich den Klang deiner Stimme in meinen Ohren gehört habe. Und noch immer ist das deine Lieblingsmusik. Während du redest und erzählst bin ich fasziniert von deinem Einstecktuch, oder dem Muskel darunter, der bei jedem Schluck aus dem schweren Kristallglas zuckt. Mir wird etwas heiss und du legst dein kaltes Herz auf den Tisch. Es knackt, weil die Luft gefriert. Ich weiss wie der Hase läuft, sage ich und wünschte, ich wüsste es nicht. Wenn du Champagner bestellst und Maraschino Likör bekommst, läuft irgendetwas falsch. Und zwischen all dem Art Déco komme ich mir wie ein Ikearegal vor und muss an Carrie denken.

Weil zwei zu wenig und vier zu viel sind, gehen wir nach genau drei Drinks. Du fischst einen 100 Euro Schein zwischen all den Fünfzigern und denen mit noch mehr Nullen hervor. Stimmt so. Du bist der Lilafarbene untern den Goldenen. Jackpot. Ich vergesse mit Absicht meinen Schirm und hake mich bei dir unter. Muskelberge unter feinem Gewand. Regentropfen perlen genauso ab wie Gefühle. Und wenn es für jeden Topf einen Deckel gibt, bin ich eine Teflonpfanne, denke ich mir und noch bevor ich Luft holen kann, spüre ich deine zarten Lippen auf meinen. Später auch auf denen in meinem Gesicht.

 

© Julia

Löwenherz.

Prosa

Für einen Abend im Frühling ist es nicht besonders mild. Aber auch nicht besonders kalt. Irgendwas dazwischen. Der Typ hinter der Bar schiebt zwinkernd zwei Flaschen Bier über den Tresen. „Da bist du also“, sage ich und proste dir zu. Der kühle Hopfensaft rinnt wohltuend die Kehle hinab. Du lächelst und es fühlt sich nach so langer Zeit wie immer an. Als hätten diese sechs Jahre nicht stattgefunden. Einfach übersprungen. Wir reden seit Stunden über ein Leben, das nicht unseres ist. Buchstaben reihen sich aneinander und werden zu ernsthaften Worten. Erwachsen geworden sind wir. Irgendwie. Trunken und taumelnd in Erinnerungen stelle ich fest, dass dein Herz gar nicht so kalt ist wie das Bier in meiner Hand. Sag mal, können wir nicht einfach Stopp drücken und zum Anfang zurückspulen?

Du erzählst mir von diesem dunkelgrünen Jeep mit hochklappbaren Türen. Deinen Touren durch die Welt. Den Bergen und Seen. Der Sonne und dem Regen. Und ich möchte dir für immer zuhören. Deinen Geschichten lauschen von Kämpfen mit Löwen, von der Wildnis und von deinen Narben. Weil deine Stimme für immer Musik in meinen Ohren ist. Weil in deiner Brust ein Löwenherz schlägt. Ich weiss das, weil ich es schon einmal von innen gesehen habe. Rot und weich. Zerbrechlich wie ein Straußenei. Aber nachts sind alle Katzen schwarz. Du bist der Held deiner ganz persönlichen Safari und selbst Sandstürme gehen spurlos an dir vorbei, mag man meinen. Aber ich weiss es besser. Und manchmal möchte ich einfach dein Herz in die Hand nehmen und es an einen sicheren Ort tragen. Dabei bin ich das Löwenbaby, das mit einem sanften Nackenbiss in Sicherheit gebracht werden muss. Bleibst du hier, bis der Morgen graut?

Die Nächte sind immer so kurz und ein Morgen haben wir nicht. Du bist weg und ich bin hier und manchmal bin ich weg und du hier. Ich lasse eine Münze durch den schmalen Schlitz fallen und drücke den schmierigen Hörer fester an mein Ohr. Weitere fünf Minuten knackendes Rauschen, das durch gleichmäßigen Atem unterbrochen wird. Ich brauche eine Stunde um hallo zu sagen und für all die Münzen, die in meiner schweißnassen Hand kleben bekommen wir nicht einmal eine Sekunde zum Reden.

Aber wenn wir das jetzt hier nicht zusammen durchziehen, wie können wir dann leben? Können wir dann überhaupt atmen? Mit all dem Sand in der Lunge? Wir können uns nicht zurücklassen. Straußeneier haben kein Verfallsdatum. Weisst du, ich war in so vielen Zoos und habe sämtliche Tierarten auf verschiednen Kontinenten beobachtet nur um festzustellen, dass Löwen meine Lieblingstiere sind.

Und nun brennt die Sonne klar und heiß in mein Gesicht, dass der Schweiss nur so rennt und ich zwischen all der Hitze nicht merke, dass es Tränen sind, die im sandigen Boden verpuffen. Bevor hier Herzen in Flammen aufgehen – lass uns mit deinem Jeep in die Wüste fahren und den Sand alles ersticken bevor wir Fata Morgana sagen können.

Und wenn ich dich noch einmal umarmen könnte – mit Haut und Löwenhaar – ich würde dich nicht mehr loslassen. Das ist ein Versprechen. Weil ich nicht mehr ohne dich sein kann. Du bist die Safari meines Lebens.

 

© Julia

Und plötzlich war es drei.

Hallo. Hello. Hej. Hola. Salut., Inspiration

Und dann sitze ich an diesem Aprilabend, der gewöhnlicher nicht sein könnte mitten in London im schönsten Hinterhof, den ich je gesehen habe. Einfach so einen Flug gebucht und ein Hotel, bei dessen Bezahlung es mich tatsächlich ein bisschen geschmerzt hat, aber das Gefühl jetzt hier zu sein, ist für kein Geld der Welt zu kaufen. Honestly. Mit einem leichten Kribbeln im Bauch und einem viiiiiel zu schweren Koffer bin ich in den Flieger gestiegen, ohne England überhaupt wirklich zu mögen. Aber irgendetwas war da. Und ist da immer noch. Diesem Gefühl zu vertrauen fühlt sich gut an. Und tatsächlich und wahrhaftig ist hier so ziemlich alles ziemlich lovely. Am Flughafen ein Tagesticket mit dem Worten „have a lovely day, Darling“ in die Hand gedrückt bekommen. Selbstredend, dass ich meinen Koffer keine einzige Treppe hochgetragen habe. Und nach all den Jahren, in denen ich so viele, schwere Gedanken mit mir herumschleppt habe, fühlt sich das mehr als nur befreiend an. Oben angekommen blinzle ich der Sonne entgegen und bin stolz wie Bolle, auf mein Gefühl gehört zu haben – und nicht nur, weil das immer auf meinen Teebeuteln steht. Manche Dinge lassen sich nicht erklären und manche Dinge sind einfach, wie sie sind. Und ganz plötzlich einfach ganz schön schön. Aber eine Sache steht in den Stein gemeißelt, der zuweilen auf meinem Herzen lag – Mut wird immer belohnt. Immer. Und nun sitze ich hier mit Michael aus Australien und Lola, die ich beide erst seit ein paar Stunden kenne, in diesem Hinterhof, der schöner nicht sein könnte, zwischen Kerzen und Weinflaschen. Zwischen Pizzastücken und Oliven. Und obwohl es recht frisch ist, ist mir ganz warm um´s Herz. Ich bin genau am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. Und das ist so ein unfassbar schönes Gefühl, dass es fast wehtut. So oder so ähnlich muss es sich für meine Eltern angefühlt haben, als sie vor ziemlich genau 30 Jahren einen Baum gepflanzt haben. Anlässlich meiner Geburt. Ein Magnolienbaum war das.

Cheers to me. Morgen. Und überhaupt.

Patina.

Prosa

Dein linkes Augenlid zuckt etwas – wie immer, wenn du nicht weiss was du sagen sollst. Aber ganz viel sagen möchtest. Von innen heraus. Schweigen wird dann zu einer Option, die dir zumindest kurzfristig Linderung verschafft. Diese ganzen chemischen Prozesse – manche sagen auch Gefühle dazu – waren noch nie deins. Lieber gehst du ein bisschen Holz haken, wenn es etwas pikst in der Brust. Das ist ziemlich praktisch, denn nach ein paar Stunden ackern mit dem Beil geht dieses Piksen auch gut und gerne als Muskelkater durch. Du hast gern die Kontrolle, über alles und jeden und am allerliebsten über dich selbst. Dein Körper ächzt und krächzt, dein Herz pumpt so sehr, dass selbst du dessen Existenz nicht leugnen kannst. Tropfnass sitzt du da und dein Auge zuckt und zuckt und bei all dem Schweiß fallen auch die Tränen nicht auf, die sich klammheimlich unter seine Artgenossen gemischt haben. Ich kaufe einen großen Seifenkanister und versuche den Boden zu reinigen auf dem du deine Spuren hinterlassen hast, denn Blut und Wasser schwitzen ist eben doch nicht nur eine Redewendung. Der weiße Lappen saugt sich voll mit der roten Flüssigkeit und ich schrubbe und schrubbe, aber der Abdruck will nicht verschwinden. Wie reingebrannt. Die Sonne hat das Holz drum herum gegerbt und nur die Stelle, auf der du zusammengesunken und tropfnass gekauert bist, bleibt hell zurück. Es ist wie, wenn du ein Möbelstück nach Jahren von seinem gewohnten Platz verschiebst. Dann knarrt nicht nur der Dielenboden ganz fürchterlich, sondern dann bleiben da auch immer diese hellen Streifen zurück. Du bist mein heller Streifen. Aber man kann Möbel natürlich nicht für immer an ein und demselben Ort stehen lassen. Irgendwann muss man sie auch mal verrücken – und sei es nur um zu putzen, oder die Nachbarn zu ärgern. Ich fahre mit dem Finger über das helle Holz und bin überrascht wie glatt es an dieser Stelle ist. Als wäre der Boden das perfekte Pendant zu dir. Denn wenn man ein bisschen, nur ganz minimal, an der Oberfläche kratzt, dann spürt man die unebene, wunderschöne Patina zwischen all den Splittern. Dann möchte ich dich so gerne umarmen. Mit all deinen Sorgen und Ängsten, die dich wie ein unsichtbarer Kokon umhüllen. So richtig fest, weisst du. Aber dafür sind meine Arme viel zu kurz.

 

© themagnoliablossom

Zauberhand.

Lyrik

Es klopft an der Türe und durch den Spion sehe ich, dass du auf deiner Unterlippe kaust. Das machst du immer, wenn du nervös bist. „Mach auf, ich weiss, dass du da bist“. Ich halte die Luft an und drücke schnell einen Daumen auf die Öffnung in der Türe. Ich bin nämlich entgegen aller physikalischen Gesetze der felsenfesten Überzeugung, dass diese Türspione nicht nur in eine Richtung funktionieren. „Jetzt mach schon auf, ich kann dich sehen“, bestätigt mich nun einmal mehr in meiner Annahme. Du hast dir schon immer einen Spaß daraus gemacht. Was habe ich an, frage ich durch das dunkle Holz hindurch, um mich zu vergewissern, dass du mich eben nicht sehen kannst. Graue Hose und den rosa Pulli mit den Sternen drauf, hallt es mir entgegen und jetzt mach schon auf. Ich schwöre, dass mein Herz für eine Millisekunde aufgehört hat zu schlagen. Ich blicke abwechselnd auf den Spion, auf den ich immer noch meinen Daumen presse und an mir herunter. Ich sehe Sterne und bevor ich ernsthaft an meinem Intellekt zweifle sage ich: Das weisst du nur, weil heute Sonntag ist und ich sonntags immer den Pulli mit den Sternen trage, antworte ich trotzig. Mein Daumen ist schon ganz weiss und ich wage doch nochmal einen kurzen Blick und beuge mich ganz langsam zu dem winzigen Guckloch vor. Da stehst du. In deiner dunkelblauen Jeans und dem grauen Pulli. Die Hände hast du in den Taschen vergraben und ein paar Löckchen kräuseln sich unter deiner Wollmütze hervor. Ich habe mit allem und jedem gerechnet – nur nicht mir dir. Du bist so schön. Wenn ich ehrlich bin, das Schönste, das ich heute gesehen habe. Und an einem verkaterten Sonntag ist das nicht einmal gelogen. Und überhaupt. Ich atme hörbar theatralisch aus und öffne die Türe nur einen Minispalt weit. Du schiebst deine linke Hand durch die Öffnung und umklammerst den Falz, ohne die Schwelle zu übertreten. Ich fahre mit dem Zeigefinger über deine Knöchel. Unsere Hände verknoten sich und ich ziehe dich sanft in die Wohnung. Dann stehen wir da eine Weile schweigend im Flur. Mit verknoteten Händen. Und ich mit verknoteten Haaren. Als das Licht im Treppenhaus erlischt spüre ich deine Lippen auf meinen. Du trittst mit einem Bein gegen die Türe und der Knall hallt noch ein bisschen nach. Ich schmecke Zitrone, Sommer und das Salz aller Ozeane. Ich habe dir etwas mitgebracht, flüsterst du in mein Ohr. Meine Hände wandern hastig über deinen Körper auf der Suche nach einer Schachtel oder irgendetwas, worin du hättest etwas einpacken können. Doch ich finde nichts. Dabei weiss ich nicht einmal wonach ich genau suche. Du ziehst deinen Pulli aus und beginnst dein Hemd aufzuknöpfen. Hier schau, sagst du und streifst den Ärmel über die Schulter. Auf deiner linken Brust ist mit Kuli eine kleine Schleife gemalt. Etwas krakelig, aber deutlich zu erkennen. Du greifst nach meiner Hand und legst sie auf dein Herz. Für dich, sagst du.

Und mit einem Mal lösen sich wie von Zauberhand alle Knoten. Auch die in meinen Haaren.

 

© themagnoliablossom

 

Wortheldin.

Inspiration

„Heute bin ich eine andere als gestern und morgen passe ich vielleicht schon nicht mehr in die Schuhe von heute“

Ich habe es mir auf Dominiks Couch gemütlich gemacht und ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert – was dabei raus kam, könnt ihr hier lesen.

Happy Sunday ❤

Grenadine.

Prosa

Ich sitze im Schneidersitz vor dem Fenster und pule die Fusseln von meinem Wollpullover. Manche Dinge kann man ganz einfach abstreifen. Kleidung, Manieren oder eben Fusseln. Dein Geruch hingegen steckt ganz tief in meiner Nase. Ich beiße immer wieder in das Stück Zitrone in meinem Tee, obwohl mir jedes Mal die Gesichtszüge entgleisen aufgrund der Säure. Überhaupt mag ich süß viel lieber als sauer. Oder scharf. Mitohne. Immer. Du.

Wenn der Wind aus Südwest weht, drücke ich mein Ohr ganz fest auf deine linke Brust und lausche dem Konzert der Bässe. Unter all den Muskeln und Haaren schlägt tatsächlich ein Herz und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass es das nur mich tut. Für uns. Für diesen einzigen Moment Ewigkeit.

Die Jahre vergehen, aus Rosa wird Rot und alles bekommt mehr Farbe. Die Bäume mehr Ringe und die Linien um unsere Augen werden tiefer. Ich solle nicht in der Vergangenheit leben, sagen sie. Aber was ist, wenn du meine Zukunft bist? Wenn du alles bist, was dieser jämmerlichen Anhäufung von Zellen einen Sinn gibt? Nicht, weil ich mir das so ausgesucht hätte, sondern weil es so ist. Verstehst du, wie das unangenehme Stechen, wenn man zu hastig ein Getränk mit zu viel Kohlensäure trinkt. Ein kurzer, fieser Schmerz, der dir die Luft zum Atmen nimmt und sich bis in den Magen ausbreitet. Bloß Millisekunden – dann ist es vorbei. Und du wirst es immer wieder tun, weil der Mensch ja nun mal trinken muss. Und sind es nicht immer die Sekunden im Leben, die es zu dem machen, was es ist. Aneinandergereihte Entscheidungen, Zufälle – vielleicht alles ein perfider Plan? Wer weiss das schon. Hat man denn überhaupt eine Wahl? Ich hätte links abbiegen können. Dann hätte es dieses kleine Lächeln nicht gegeben. Diese zwei Sekunden, nach denen nichts mehr so ist wie es war oder sein wird. Und immer wenn ich die Liebeskarte ziehe, ist dein Antlitz darauf zu sehen – dabei führen so viele Wege nach Rom. Die staubige Landkarte liegt seit Jahren verknittert im Handschuhfach. Es fühlt sich immer noch so an, als ob die beste Zeit unsere war. Deine Hand auf meinem Knie und warmen Wind in den Haaren. Der hat sich ganz fies in den Gehirnwindungen verfangen und heute beschlägt meine Brille, weil meine Gedanken so heiß laufen.

Und dann esse ich mitten im tiefsten Winter diese ökologisch völlig inkorrekten Heidelbeeren, um wenigstens ein bisschen etwas von dem verblassten Gefühl einfangen zu können und dann schmecken sie mir nicht einmal. Weil keine Zeit für Romantik bleibt, weil du gelernt hast dem Wind zu trotzen auch wenn dir dieser verdammte Spiri-Tee sagt, du sollst auf dein Gefühl vertrauen und du es aber partout nicht finden kannst zwischen all den Splittern. Dann sitze ich mit roten Granatapfel Spritzern auf meinem weißen T-Shirt da, was eigentlich deins ist. Und stelle fest, dass es mein Herz ist, das übergelaufen ist. Keine Spuren des Liebesapfels. Ich eile auf den Balkon, weil es nur so quillt und spritzt und die Sauerei will ja auch immer keiner aufwischen. Purpurne Tropfen auf weißem Schnee. Schneewittchen. Ist die nicht an einem Apfel erstickt? Weisst du, ich vermisse dich manchmal so sehr, dass ich das Gefühl habe zu ersticken, obwohl ich keine Äpfel esse. Nicht im Winter und auch sonst nicht. Aber das Gefühl von dem warmen Wind in meinen Haaren, das werde ich nicht los. Und immer wenn der Wind aus Südwest weht, drücke ich mein Ohr ganz fest auf deine linke Brust und lausche dem Konzert der Bässe. Unter all den Muskeln und Haaren schlägt tatsächlich ein Herz und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass es das nur mich tut. Für uns. Für diesen einzigen Moment Ewigkeit.

 

© themagnoliablossom