Golden.

Prosa

Auf knarrenden Dielen laufe ich hinein in den dunklen Flur. Links und rechts sitzen ein paar Menschen auf alten, dunkelgrünen Samtsofas und trinken Gin mit Tonic. Die Gesichter sind hinter den schweren Kristallgläsern nur als helle Schatten zu erahnen. Das schummrige Kerzenlicht hüllt ihre Mienen in ein geheimnisvolles Halbdunkel.

Ich schüttle meinen Regenschirm, um ihn von den letzten Tropfen zu befreien und ein bisschen auch, um mich meinem Unbehagen zu entledigen. Die dunklen Halbschatten quittieren meine Sprenkel-Aktion mit einer Mischung aus pikiert sein und müdem Lächeln. Der Boden ist jetzt gefährlich glatt und ich muss aufpassen, dass ich nicht ausrutsche.

Als ich um die Ecke biege, sitzt du bereits am Tisch. Der quadratische Raum ist genauso grün wie die Sofas am Eingang und die Wände sind golden. Es glitzert etwas. Aber vielleicht sind das auch deine Augen. Es ist ein schöner Tisch. Mitten im Geschehen, aber dennoch weit genug entfernt, um etwas Privatsphäre zu genießen. „Hallo“ sage ich und du drückst mir einen Kuss auf die Wange. Deine Lippen sind so zart, dass ich mehr als bereitwillig die Andere hinhalte.

Dann sitzen wir also auf ledernen Stühlen, zwischen Vorfreude und Nervosität gesellt sich ein infantiles Gekicher und ein Platz bleibt frei. Wir wissen beide nicht, wie wir ihn füllen sollen. Und wenn es nur der Abstand von einem zum anderen Tischende ist. Weil wir uns nicht entscheiden können, nimmt der Kellner einen Stuhl mit, weil andere sich anscheinend sehr wohl entscheiden können. Ich streiche etwas über die dunkle Schieferplatte und schaue direkt vorbei an deinen Augen. Dein dunkelblauer Anzug sitzt so perfekt, dass ich mich frage, ob du dich hast einnähen lassen. Seidiger Glanz auf dem allerfeinsten Garn. Ich ziehe einen abstehenden Faden aus meiner Bluse und fühle mich schäbig. Der Kellner kommt zum dritten Mal an den Tisch und ich weiss noch immer nicht, was ich will. Getränke wie „Sex on the Beach“ oder „Orgasm“ würden den Kloß in der Kehle nur hinreichend befriedigen, zumal es etwas Derartiges hier nicht auf der Karte gibt. Ich halte nach Einmal-Alles Ausschau, aber auch das suche ich vergeblich.

Im Prinzip ist es ja ganz einfach: Man hat eine Karte, in der man sich aus  dreihundertfünfundvierzig Cocktails einen aussucht. Das Problem ist jedoch, dass die alle ziemlich gut klingen. Und wenn man noch nie etwas von Gin-Espuma oder China-China Virana gehört hat, dann sollte man das vielleicht auch einfach mal probieren. Oder vertraut man auf die bewährten Klassiker? Mit Gin und Tonic kann man schließlich nicht viel falsch machen, wie die Herren am Eingang eindrucksvoll bewiesen haben. Hinlänglich bekannt, dass Altbewährtes aber auch niemals der Ort ist, an dem die Magie passiert. Oder doch?

Du überschlägst deine Beine und dein Knie berührt für eine Millisekunde das meine. Wer schon einmal an einen Elektrozaun gefasst hat, weiss wie sich das anfühlt. Der Champagner in meinem Drink ist quasi nur das Wasser in der Wanne und der Föhn gefährlich nahe. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck und lecke mir die pinken Zuckerkörner von den Lippen.

Fast ein Jahr ist es her, dass ich den Klang deiner Stimme in meinen Ohren gehört habe. Und noch immer ist das deine Lieblingsmusik. Während du redest und erzählst bin ich fasziniert von deinem Einstecktuch, oder dem Muskel darunter, der bei jedem Schluck aus dem schweren Kristallglas zuckt. Mir wird etwas heiss und du legst dein kaltes Herz auf den Tisch. Es knackt, weil die Luft gefriert. Ich weiss wie der Hase läuft, sage ich und wünschte, ich wüsste es nicht. Wenn du Champagner bestellst und Maraschino Likör bekommst, läuft irgendetwas falsch. Und zwischen all dem Art Déco komme ich mir wie ein Ikearegal vor und muss an Carrie denken.

Weil zwei zu wenig und vier zu viel sind, gehen wir nach genau drei Drinks. Du fischst einen 100 Euro Schein zwischen all den Fünfzigern und denen mit noch mehr Nullen hervor. Stimmt so. Du bist der Lilafarbene untern den Goldenen. Jackpot. Ich vergesse mit Absicht meinen Schirm und hake mich bei dir unter. Muskelberge unter feinem Gewand. Regentropfen perlen genauso ab wie Gefühle. Und wenn es für jeden Topf einen Deckel gibt, bin ich eine Teflonpfanne, denke ich mir und noch bevor ich Luft holen kann, spüre ich deine zarten Lippen auf meinen. Später auch auf denen in meinem Gesicht.

 

© Julia

Doppio.

Prosa

Du nippst an deinem Rotwein und lächelst mir stumm über den Glasrand hinweg entgegen. Es ist eines dieser Lächeln, bei denen deine Augen funkeln und von denen ich weiss, dass es kein gutes Ende nehmen wird. Ein Lächeln, das so wunderschön ist – nicht nur, weil deine Zähne wie glitzernde Diamanten in Reih und Glied zum Vorschein kommen – sondern und vor allem, weil ich bei deinem verschmitzten Grinsen unweigerlich ein Kribbeln in meinem Bauch verspüre und am liebsten quer über den Tisch springen möchte, um dich zu küssen. Stattdessen proste ich dir zu, schneide ein Ministückchen von meinem Rinderfilet ab und versuche mir nichts anmerken zu lassen. Mein Tischnachbar erzählt irgendetwas von Netflix und davon hatte ich noch nie eine Ahnung. Deshalb bin ich dankbar, dass die Frage nach meiner Lieblingsserie von der aufmerksamen Kellnerin und dem erneuten Nachgießen des flüssigen Rot unterbrochen wird. Ich überschlage meine Beine und mein Knie berührt dabei ganz zufällig deines – eine Elektrizitätswerk ist nichts gegen die Spannung zwischen uns. Ich bin mir nicht sicher, ob es an dem Wein liegt oder daran, dass das hier eigentlich nicht sein darf. Zumindest nicht so und nicht hier und nicht jetzt. Der Puderzucker auf dem Kaiserschmarrn ist so süß, dass ich ihn mit einem Espresso doppio herunterspülen muss. Auf der Toilette lasse ich mir eiskaltes Wasser über das Handgelenk laufen, weil ich von all dem Koffein ins Schwitzen gerate. Mir ist das hier alles zu österreichisch, zu süß und überhaupt viel zu heiß.

Ist das jetzt ein Zufall, dass du im selben Taxi sitzt, das uns den steinigen Weg zurück ins Hotel bringt? Und wenn ja, ist es auch Absicht, dass du mich ignorierst? Ich spiele das Spiel mindestens genauso gut wie du, denke ich mir noch und spüre beim Aussteigen deine Hand an meiner Hüfte. Und wieder dieses Grinsen. Himmelherrgott. Und steht man da und erzählt sich, dass das Wetter sonst immer besser war, aber der Ort ja schließlich nichts für den Regen könne und wie hervorragend der Wein zum Essen gepasst hat. Ich nicke und kaue auf meiner Unterlippe. Weil es plötzlich so kalt ist und ein bisschen aus Verlegenheit. Man kann ja nicht alle verabschieden und dann einfach so allein zu zweit in der Lobby herumstehen. Wie sähe das denn aus, denke ich mir noch und sehe dich nach meiner Hand greifen noch bevor ich meine wegziehen kann. Im Aufzug küsst du mich nicht, was es nur noch schlimmer macht. Ernsthaft. Das Wasser hat angenehme achtundzwanzig Grad und trotzdem zittere ich ein bisschen als ich zu dir in das Becken gleite. Ich traue mich nicht auszuatmen, weil das enorme Wellen auf dem spiegelglatten Wasser auslösen würde. Und wer will nachts um drei schon eine große Welle riskieren. Es ist ein bisschen kitschig, dass der Vollmund durch das riesige Panoramafenster hineinscheint und die Sterne die Wasseroberfläche in ein Lichtermeer verwandeln, aber ausatmen muss ich nicht mehr. Du küsst mich so leidenschaftlich, das mir die Luft wegbleibt. Wasser und Strom war noch nie eine gute Idee. Denke ich mir noch und finde es an und für sich ganz schön schön.

 

© themagnoliablossom

Wachsweich.

Lyrik

Weisst du was? Ich denke ganz schön oft an dich. Was heisst bei dir denn schon oft, würdest du sagen und mit den Augen rollen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Sehr sogar. Ich würde nicken und sagen viel zu oft. Mit Weinen ist das ja häufig so, dass sie nur im Urlaub besonders gut schmecken. Kauft man sich eines der Fläschchen für Zuhause schmeckt der Rebensaft – dort angekommen – nicht mehr nach Sommer, nach Lavendel oder nach Sand unter den Füßen. Und schon gar nicht nach grenzenloser Freiheit. Das Kribbeln im Bauch ist irgendwie auch weg und der Rotwein hinterlässt nichts als blaue Zähne und einen pelzigen Geschmack auf der Zunge. Weisst du, die Sache ist die, dass mir dieser Rotwein immer noch ziemlich gut schmeckt – obwohl ich eigentlich keinen Rotwein trinke. Ich mag nämlich lieber Weißen. Wegen der goldenen Farbe, wenn man das Glas in die Sonne hält und den Zähnen. Auch wenn das alles irgendwie so gar nicht passt, trinke ich diesen Rotwein und denke an dich.

An deinen bemalten Oberkörper und deine Sommersprossen. Wie du Eier in der Pfanne brätst, obwohl du viel lieber Frühstückseier magst. Wachsweich. Wenn die Sonne schräg durch das Küchenfenster fällt und sich eine Strähne aus deinem Dutt herausgelöst hat. Deine Haut in dem zarten Morgenlicht so warm und weich aussieht, dass ich sofort von meinem Stuhl aufstehen möchte und sie berühren. Mit meinem Finger über deine zarten Lippen fahren und kichern, weil dein Bart etwas kratzt. Stattdessen ziehe ich meinen Bademantel etwas fester um meine Hüften und schaue dich an. Wie du da stehst in dieser weiten Hose und ohne Hemd. Das tust du immer. Und dann streust du etwas Salz gekonnt mit Zeigefinger und Daumen über die Eier. Während ich hier so sitze und dich beobachte, stumm lächelnd und irgendwie zufrieden, tanzen die Staubkörnchen in dem diffusen Sonnenlicht zum Beat deiner Lieblingsplatte. Und dann, ganz plötzlich verfängt sich eines dieser Staubkörner unter der Nadel und die Platte kratzt.

 

© themagnoliablossom

Zauberhand.

Lyrik

Es klopft an der Türe und durch den Spion sehe ich, dass du auf deiner Unterlippe kaust. Das machst du immer, wenn du nervös bist. „Mach auf, ich weiss, dass du da bist“. Ich halte die Luft an und drücke schnell einen Daumen auf die Öffnung in der Türe. Ich bin nämlich entgegen aller physikalischen Gesetze der felsenfesten Überzeugung, dass diese Türspione nicht nur in eine Richtung funktionieren. „Jetzt mach schon auf, ich kann dich sehen“, bestätigt mich nun einmal mehr in meiner Annahme. Du hast dir schon immer einen Spaß daraus gemacht. Was habe ich an, frage ich durch das dunkle Holz hindurch, um mich zu vergewissern, dass du mich eben nicht sehen kannst. Graue Hose und den rosa Pulli mit den Sternen drauf, hallt es mir entgegen und jetzt mach schon auf. Ich schwöre, dass mein Herz für eine Millisekunde aufgehört hat zu schlagen. Ich blicke abwechselnd auf den Spion, auf den ich immer noch meinen Daumen presse und an mir herunter. Ich sehe Sterne und bevor ich ernsthaft an meinem Intellekt zweifle sage ich: Das weisst du nur, weil heute Sonntag ist und ich sonntags immer den Pulli mit den Sternen trage, antworte ich trotzig. Mein Daumen ist schon ganz weiss und ich wage doch nochmal einen kurzen Blick und beuge mich ganz langsam zu dem winzigen Guckloch vor. Da stehst du. In deiner dunkelblauen Jeans und dem grauen Pulli. Die Hände hast du in den Taschen vergraben und ein paar Löckchen kräuseln sich unter deiner Wollmütze hervor. Ich habe mit allem und jedem gerechnet – nur nicht mir dir. Du bist so schön. Wenn ich ehrlich bin, das Schönste, das ich heute gesehen habe. Und an einem verkaterten Sonntag ist das nicht einmal gelogen. Und überhaupt. Ich atme hörbar theatralisch aus und öffne die Türe nur einen Minispalt weit. Du schiebst deine linke Hand durch die Öffnung und umklammerst den Falz, ohne die Schwelle zu übertreten. Ich fahre mit dem Zeigefinger über deine Knöchel. Unsere Hände verknoten sich und ich ziehe dich sanft in die Wohnung. Dann stehen wir da eine Weile schweigend im Flur. Mit verknoteten Händen. Und ich mit verknoteten Haaren. Als das Licht im Treppenhaus erlischt spüre ich deine Lippen auf meinen. Du trittst mit einem Bein gegen die Türe und der Knall hallt noch ein bisschen nach. Ich schmecke Zitrone, Sommer und das Salz aller Ozeane. Ich habe dir etwas mitgebracht, flüsterst du in mein Ohr. Meine Hände wandern hastig über deinen Körper auf der Suche nach einer Schachtel oder irgendetwas, worin du hättest etwas einpacken können. Doch ich finde nichts. Dabei weiss ich nicht einmal wonach ich genau suche. Du ziehst deinen Pulli aus und beginnst dein Hemd aufzuknöpfen. Hier schau, sagst du und streifst den Ärmel über die Schulter. Auf deiner linken Brust ist mit Kuli eine kleine Schleife gemalt. Etwas krakelig, aber deutlich zu erkennen. Du greifst nach meiner Hand und legst sie auf dein Herz. Für dich, sagst du.

Und mit einem Mal lösen sich wie von Zauberhand alle Knoten. Auch die in meinen Haaren.

 

© themagnoliablossom

 

Kissen für vier.

Prosa

Mit pochendem Herz liege ich in diesem Bett, das nicht meines ist und spüre mit jedem Atemzug wie das Blut durch meinen Körper gepumpt wird. Obwohl dein Zimmer unter meinem liegt, höre ich deine leisen Schritte über mir. Ich liege allein in einem Bett für zwei mit Kissen für vier. Das ist das Tolle an Hotels. Es gibt immer genug Kissen, mit denen du alles erdrücken kannst. Und seien es nur die aufkommenden Gefühle. Im Keim erstickt. Lautlos.

Der Bund der Strapse schneidet etwas in das Fleisch, weil sie den ganzen Abend an meinen Beinen hingen, wie du an meinen Lippen, aber es ist zu spät darüber nachzudenken, mich diesen zu entledigen. Es klopft an der Türe und plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich bloß pinkeln muss, oder tatsächlich etwas Bauchkribbeln habe. Ich öffne die Türe nur einen Spalt und sehe den Wassertropfen, der von deinen dunklen Locken auf den weißen Bademantel tropft. Ein toller Kontrast. Genau wie du. Mit einem Lächeln bitte ich dich herein und du hauchst mir einen Kuss auf die Stelle zwischen Hals und Schulter, genau in diese kleine Kuhle. Du riechst nach Zedernholz und ein bisschen nach Zitrone. Deine Haut ist noch leicht feucht als ich dir den Bademantel öffne. Natürlich wärst du nicht du, wenn darunter nicht noch ein Handtuch um deine Hüften geschlungen wäre. Immer alles gut absichern. Ich muss schmunzeln und streife den Träger meines Kleides über die Schulter. Langsam küsse ich dir die letzten Wassertropfen von der Burst und dann lassen wir uns in das Meer aus Kissen fallen. Und tauchen richtig tief ab.

 

© themagnoliablossom

Ausgelöscht.

Prosa

Was, wenn da auf einmal Lücken sind. Im Regal. Wo anstatt der Bücher etwas Staub eingezogen ist. Und im Herzen. Da, wo einer ernsthaft gegangen ist. Manche Lücken lassen sich gut füllen. Die in Wänden oder auch die zwischen den Zähnen. Aber für Lücken in Herzen gibt es bislang keine Spezialisten. Kardiologen operieren ja mittlerweile am offenen Herzen, aber Lücken schließen, das können sie nicht. Wäre ja auch zu einfach. Denn mit den Wunden im Herz ist es ja so, dass sie die Angewohnheit haben, von Zeit zu Zeit und – je nach Belastung wieder aufzuspringen. Das frische Blut quillt und strömt dann nur so aus dem pumpenden Muskel hervor, man will stopp sagen und drückt den Finger auf die Wunde, in der irrwitzigen Annahme, man könne die Blutung stillen, ehe einen der nächste Schwall des flüssigen Rot lauwarm am Körper herunterrinnt. Die gute Tischdenke, würde Oma sagen und die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, aber man kann einfach nur regungslos dasitzen und dem Blut beim Kaltwerden zuschauen. Das weiße Leinen saugt es förmlich in sich auf. Rotweinflecken bekommt man gut mit Salz heraus, was Herzen anbelangt ist diese Methode keine gute Idee.

Nicht an dich zu denken, fällt schwer. Weil alles, einfach alles an dich erinnert. Das Knarren der Dielen, das Rascheln der Vorhänge und selbst der samtige Bezug der Kissen trägt deine Handschrift. Ich finde Bleistifte eine tolle Erfindung. Man kann etwas damit schreiben und anschließend mit einem Radiergummi alles wieder wegradieren. Wenn man sich geschickt anstellt und davor nicht allzu fest mit der Miene auf das Papier gedrückt hat, sieht man danach nichts mehr. Keine Spur mehr von dem, was da mal war. Keine Buchstaben, die sich zu Worten zusammenschließen. Keine Texte aus Worten über dich. Alles weg. Ausgelöscht. Im echten Leben ist das natürlich nicht so. Da muss man schonmal was aushalten und wenn es nur der Finger ist, den man in das pochende, rote Etwas hält, um es vor dem Überlaufen zu schützen. Manchmal muss man das Herz auch einfach halten, weil andere oder man selbst davor etwas daran kaputt gemacht hat. Und dagegen gibt es nichts von Ratiopharm. Mir fällt nur eine Form von Linderung ein. Ein Aufeinandertreffen von Labium und Labium –  im philematologischen Sinne. Ein Kuss von dir würde helfen. Es wäre ein Berühren zweier Lippen, ein Vereinen der (Lippen-) Herzen – ein Gefühl in einem Moment, in dem die Welt gerade kippen wollte. Und das ist bei einer Kugel gar nicht so einfach. Ich zwinge mich, nicht an deine Lippen zu denken und kann an nichts anderes mehr denken. Das ist die perfide Psychologie der Verbote. Ein Logik, die einen um den Verstand bringen kann. Oder einen das Herz kostet.

 

© themagnoliablossom

 

 

 

Geschmolzene Butter.

Prosa

Es riecht nach geschmolzener Butter als ich meine Augenlider öffne. Die Türe ist genau einen Spalt weit auf, so dass ich dich vor dem Herd stehen sehe. Es gibt wenig, was mehr Wohlgefühl in mir auslöst als der Geruch von geschmolzenem Fett. Goldgelb in der Pfanne, riecht es nach Kindheit, Heimat und ganz viel Liebe. Was heute verteufelt wird, war früher das besondere Etwas. Die Zeiten ändern sich, denke ich mir und ich strecke einen Zeh unter der Bettdecke hervor. Das Herbstlicht blitzt zwischen den leichten Vorhängen hindurch und taucht dich ein wunderschönes Licht, fast golden – wie die Butter. Du trägst nur deine karierte Boxershorts und wenn du dich auf Zehenspitzen stellst, um an den Zucker ganz oben im Regal zu kommen wird aus deinen Waden eine Berglandschaft. Du schlägst vier Eier in eine Schüssel und gibst etwas von dem Zucker dazu. Als du bei dem Mehl angelangt bist, wirbelst du ein bisschen zu heftig mit deinem Schneebesen umher, sodass meine Sicht durch eine riesige Mehlwolke versperrt wird. Ich muss kichern, rolle mich auf die Seite und stelle mich schlafend. Nur ungern möchte ich dich bei deinen Vorbereitungen stören. Es zischt als der Teig langsam in die Pfanne gleitet. Mit einem Schwung versuchst du den Fladen zu wenden. Dein Oberarm spannt sich dabei so herrlich an, dass mir ganz warm wird. Ziischhhh – die zweite Kelle Teig findet ihren Weg in das heiße Fett. Es riecht so unglaublich gut, dass ich am liebsten sofort aufstehen möchte und davon naschen. Von dir. Du brühst Kaffee auf und streichst dir mit deiner Mehlhand durch die Haare. Hey, sag mal weisst du eigentlich, wie schön du  bist, denke ich mir noch  – ganz benebelt von all den Gerüchen – sage ich aber dann doch nicht. Du gießt Ahornsirup über den in Fett gebackenen Teig und ich habe noch nie solch schöne Pfannenkuchen gesehen. Ich schnappe mir die Croissants und setze mich im Schneidersitz auf das Bett. Voller Mehl und mit Sirup um den Mund stellst du das Tablett auf den kleinen blauen Tisch. Du machst eine Kunstpause und drehst dich mit einem Ruck zu mir, wirfst mich in die Laken zurück und drückst mir einen Kuss auf den Mund. Ich bekomme kaum Luft zwischen all dem Mehl, aber es ist das Süßeste, was ich je probiert habe. Vielleicht liegt das an dem Ahornsirup. Vielleicht aber auch an dir. Ich tauche mein Croissant in die geschmolzene Butter und dann essen wir Kohlenhydrate mit Kohlenhydraten und Fett. Einfach so. Und das ist das Schönste, was ich seit langem gemacht habe.

 

© themagnoliablossom

Vanillesüß.

Prosa

Langsam gleitet dein Zeigefinger über meine leicht geöffneten Lippen. Du schaust mich dabei an, als sei ich das Schönste, das du je zu Gesicht bekommen hast. Und für einen kurzen Moment glaube ich das sogar. Wortlos greift deine Hand in meinen Nacken, ziehst mich näher zu dir und gerade als ich dir sagen will, dass wir damit aufhören müssen spüre ich deine Lippen auf meinen. Warm und feucht. Du atmest ein und unsere Zungenspitzen berühren sich. Es schmeckt süß. Nach Vanille und ein bisschen nach Spätsommer. Die Hand löst sich aus der Verankerung in meinen Haaren und fährt sanft meinen Rücken herunter. Wirbel für Wirbel. Ich schließe die Augen und spüre, dass ich friere, als du an der Narbe links an der Brust angekommen bist. Überall Blut, aber vielleicht ist es bloß Schweiss. Nass. Deine Haare kleben an deiner Stirn. Du schaust mich an und ich sehe alle Sterne am Firmament, dabei ist es mitten am Tag. Hell. Und dunkel. Der Abgrund zwischen uns gefährlich tief. Der Aufprall. Hart. Du. In mir. Wir.

 

© themagnoliablossom

 

Von Salz & Meer.

Prosa

Und manchmal lege ich mich einfach mitten am Tag in mein Bett. Weil meine Beine so schwer sind von all den Gedanken. An dich. Tausend winzige Päckchen, jedes einzelne feinsäuberlich zusammengeschnürt  – ergeben eine prächtige Last auf meinem Rücken. Lange habe ich sie getragen. Die Last. Immer einen Fuß vor den anderen. Und habe dabei so manche Welt umrundet. Mal gebückt, mal kriechend. Selten aufrecht. Stehend. Kleine Päckchen, mit kostbarem Inhalt. So unendlich schwer. Weißt du noch, wie wir an der Klippe standen? Es war ein brütend heißer Sommertag und der aufbrausende Wind des Meeres war das einzige, das uns Linderung verschaffte. Er trocknete den Schweiß, der nur so floss. Oder waren es Tränen? Zerzauste Haare, sich suchende Münder auf salziger Haut. Vor uns die unendliche Weite des Ozeans. Unter uns. Nichts als Sand. Der kurze Moment vor dem Sprung. Grenzenlose Freiheit. Du und ich.

 

© themagnoliablossom

 

Lilablassblau.

Prosa

Es ist manchmal nur eine Nuance. Ein Windhauch an einem stickigen Sommertag. Einmal links abbiegen, anstatt halbrechts. Es sind all die Worte, die nicht geschrieben wurden und seitdem tief im Kopfsteinpflaster verankert sind und die Tinte auf dem Papier, die in Tränenflüssigkeit schwimmt, die kein Mull der Welt aufsaugen kann.

In einem Überschwang an Gefühlsduselei, weil plötzlich die Sonne scheint und dir die Parfümeriefachverkäuferin den Duft des Tages aufsprüht. Bevor du nein sagen kannst füllen sich deine Kapillaren mit vierhunderteinunfünfzig Einzelkomponenten und schwimmen mit dem Strom gen Amygdala. Oneway. Der Duft des Lebens, wohl eher. Das ist der Moment, in dem du dir lieber Moschus oder Patschuli wünschst, anstatt der Aufoktroyierung eines chemischen Prozesses wie Liebe. Oder etwas Derartiges.

Leider passiert das nicht ausschließlich in Hollywoodromanzen, sondern mir. Hier. Echt und in Farbe. Lilablassblau. Zuweilen und vorzugsweise immer dann, wenn ich gerade glücklich bin. Innerlich und äußerlich. So rund um einfach. Wenn da auf einmal Frühling ist in mir und die Krokusse sprießen, weisst du, wenn endlich der verdammte Schnee geschmolzen ist. Dann, wenn wieder Gras wachsen kann. Grünes. Kein solch Vertrocknetes, Blassgrünes. Immer dann schleichst du dich klammheimlich durch meine Nasenhöhle mitten ins Herz. Aua. Dabei hat die Natur das eigens so eingerichtet, dass der Geruchssinn vor verdorbenen Dingen schützt. Da möchte ich gerne mal ein ernstes Wörtchen mit Herrn Proust sprechen, bitte. Wer will mir da einen Streich spielen? Ich frage mich an dieser Stelle ernsthaft, ob es Schicksal tatsächlich gibt und bleibe doch wieder beim Karma hängen. Es kommt ja alles zurück. Das Leben ist ein scheiß Bumerang, mein Lieber. Und auch wenn es manchmal Jahre dauert. Es. Kommt. Alles. Zurück.

Es ist wie eine Sucht. Früher konnte man keinen Tag ohne Facebook sein. Heute kann ich das. Problemlos. Auch mehrere Tage und guess what, ich vermisse nicht einmal das Geringste. Nada. Niente. Okay, ich bediene mich einer Ersatzdroge. Instagram & Co leisten gute Dienste. Man muss einfach was mit seinen Händen machen. Wo sollen die denn sonst auch hin? Und genau so ist es mit den Männern. Und den Frauen. Sind wir ehrlich, es gibt nur diese eine wahre Droge. Die Kids probieren ja heutzutage alles aus. Aber wir, mein Lieber wir sind älter geworden. Und kein bisschen reifer.

Dieser Kuss war so trocken. Staubig. Wie unsere Liebe. Der Wind der einfahrenden U-Bahn hat den ganzen Staub aufgewirbelt. Und jetzt stehen wir im Nebel. Blind. Wie zwei Fische, angespült von einer großen Welle überschäumender Gefühle auf der Suche nach dem großen, weiten Meer.

Der rote Ketchup-Fleck auf weißer Seide. All das. So vertraut und so verdammt bittersüß. Zerlegt man das Wort in seine einzelnen Wörter. Bitter. Und süß. Konträrer geht es kaum. Wären wir ein Wort, dann das. Und dennoch. Auch wenn in meinen Adern Gin fließt und ich weiss, dass es in deinen Venen auch so aussieht. An deiner Seite fühle ich mich so unglaublich sicher. Du bist der Mensch, bei dem ich mit geschlossenen Augen auf dem Beifahrersitz sitzen kann. Ich glaube, man nennt das Vertrauen. Aber was weiß ich schon…

Und so sitze ich hier über der Frage, wo dieser Kreis anfängt. Denn ich muss den Anfang finden, wenn ich das Ende suche, oder? Bei Büchern lese ich oft zuerst die letzte Seite. Die berührt am meisten. Da steckt alles drin. In diesen jenen letzten Zeilen, kommen all die ertränkten Gefühle hoch, von denen ich geglaubt hatte, sie seien jämmerlich ersoffen in all dem Gin. Aber it ain´t over till it´s over, right?

Herzal

Reaching out

Und dann kommt Mr. Big zum zweihundertdreiundachzigsten Mal in dieses Hotel in Paris nach verdammten sechs Jahren und das ist so kitschig, dass es schon wieder traurig ist. Weil, dann ist nämlich alles egal. Alles vergessen. Wie der Geburtsschmerz, in dem Moment verfliegt, wenn dieses käsige, bläuliche Etwas auf deinem Bauch liegt. Weil ich diese Stelle immer wieder zurückspule. Blasse Finger umklammern die Fernbedienung. Und das ist auch das Einzige, das ich im Griff habe.

So etwas gibt es ja nicht nur im Fernsehen. Denn die Realität ist viel grausamer. Und wenn man den Moment nicht festhält, ist er schneller Präteritum als du Imperfekt sagen kannst. Und das, mein Lieber, ist in Stein gemeißelt. Es ist 01:51 Uhr und es knackt. Ich schrecke auf. Weil das Blut in meinen Adern gefriert. Weil du mir manchmal so unglaublich fehlst. Ich verspüre den Drang, ein großes Feuer zu legen und alles auftauen. Aber diese lauwarme Brühe, dieses Rinnsal ist ein Schatten seiner selbst. Das wissen wir. Und dennoch. Ein Inferno. Sehr vermessen von mir in diesem Zusammenhang von einem wir zu sprechen – wo wir doch beide keine ausgewachsen ich’s sind.

Und so ziehen die Jahre vorbei und ich ziehe nur Kreise, in den Sand vor meiner Türe. Da müsste ich nämlich mal wieder kehren. Das weiß ich. Aber das Gute an Sand ist, dass man alle möglichen Muster hineinmalen kann und manchmal auch Namen – und nichts ist für die Ewigkeit.

Wann kehrst du wieder? Heim?

Und ich frage mich, ob das so sein muss. Ob das alles zyklisch widerkehrt. Ob das Leben manchmal so kräftig mit dem Zaunpfahl winkt, dass selbst ein Blinder es zu sehen vermag. Das ganze Sein ist doch bloß ein ewiger Kreis. Vielleicht hört das alles erst auf, wenn man es zu Ende bringt. Wenn wir es zu Ende bringen. Ein für alle Mal.

 

© themagnoliablossom