11,2 ° C

Prosa

Ich sitze am Küchentisch und knibble etwas Haut seitlich von meinem Daumennagel. Ein Zeichen, dass es wieder Herbst ist. Dazu brauche ich nicht einmal raus zu gehen, um all die Blätter auf den Straßen zu sehen und all die Menschen mit ihren dicken Schals. Ich weiss das, weil ich es spüre. Nicht nur, weil die Luft anders riecht und ich wieder mit Bettsocken schlafen muss. Nein auch, weil diese verdammte Nagelhaut wieder so trocken ist. Da kannste cremen wie du willst, die ist einfach so staubtrocken. Wie ein Sandsturm in der Wüste, plötzlich da, obwohl du vor gerade einmal drei Wochen in Flipflops durch die grüne Oase gelaufen bist. Die Zeit ist einfach gnadenlos. Drei Wochen im Sommer sind drei Wochen. Aber im Übergang von Sommer zu Herbst, dieser undefinierbaren Zwischenjahreszeit, entsprechen drei Wochen drei Monaten. Die Zeit rast, oder es kommt einem nur so vor, weil sie im Sommer ja immer still steht. Sie rast und mit ihr die Gedanken, die in jede noch so verästelte Vene strömen. Ehrlicherweise hat man nach dem Sommer auch gar keine Lust mehr, auf jeder Welle zu surfen. Und es gibt auch kein kühles Bier mehr, mit dem man aufkommende Gedanken hätte hinunter spülen können. Es gibt nur kühle Luft, davon aber reichlich und die trocknet alles aus, nicht nur die Haut auch das Herz, welches vor ein paar Wochen noch purpurrot und saftig pumpte als gäbe es kein Morgen. Barfuss und mit dem Herz in der Hand nach Hause tanzen, bis die Wolken lila sind. Aber natürlich gibt es immer ein Morgen. Und heute sieht dieses Morgen schrumpelig und vertrocknet aus. Es ist wieder diese Zeit, in der die Realität so knallhart auf den Küchentisch klopft, dass mein Tee verschüttet als hellbraunes Rinnsal auf die weißen Fliesen tropft. Und wenn du nicht aufpasst, mit deinen Wollsocken, dann bist du schneller ausgerutscht als dir lieb ist.

Der Herbst ist so fies, weil er so gnadenlos ehrlich ist. So pur und irgendwie auch echt. Denn mit all den Blättern fällt auch meine Maske. Und deine. Die Wahrheit ist ja manchmal so verrückt, dass sie keiner glaubt. Vielleicht, weil wir vernebelt sind von all dem Weichspüler in unseren Acne Schals oder weil wir lieber Lügen glauben, so lange sie sich gut anfühlen.

Weisst du, die Sache ist ja die, dass du nicht da bist, wenn es Herbst wird. Dass du immer hier bist und dort, aber nie da. Wenn das Kissen neben mir kalt ist und mein Herz bis zum Hals schlägt. Da hast du leicht reden, denn Herbst ist ja nicht nur ein Gefühl, sondern real. Denn nur Sommer ist, was in deinem Kopf passiert. Und hier passiert gerade gar nichts, außer der Tatsache, dass lauwarmer Tee von meinem Küchentisch tropft und fast gefriert bevor er den Boden erreicht, weil die Luft so kalt ist. Weil zwischen Wollpullover und Flatterkleidchen immer noch ein Spalt breit Platz ist. Weil meine Türe immer noch einen Spalt weit offen steht. Du blockierst den Durchgang, verstehst du das? Im Sommer ist so ein bisschen Durchzug zuweilen ja noch ganz angenehm, aber jetzt, im Herbst kann solch einen eisigen Windhauch wahrhaftig niemand gebrauchen.

Das Thermometer zeigt 11,2 ° C und das ist Sommer im Vergleich zu der Kälte im Herz. Aber es sind auch 11, 2 ° C vom Gefrierpunkt entfernt und wenn wir dein und mein Herz zusammen tun, dann kommt dabei vielleicht so etwas wie Herbst heraus.

Ich drücke meine Nasenspitze an das kalte Küchenfenster und male mit dem Zeigefinger ein Herz in das kondensierte Nass. Die Tür fällt ins Schloss und ich spüre einen kühlen Windhauch in meinem Nacken.

 

© Julia

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Tomatensalat ohne Tomaten.

Kolumnen

Mit dem Alter ist das ja so eine Sache. Ist man jung, macht man sich kaum Gedanken darüber, ist man alt, macht man sich ganz viele Gedanken darüber. Dazwischen eine beachtliche Anzahl an Jahren, die sich Leben nennt. Ich persönlich ging mit zarten 16 Jahren davon aus, dass man mit 30 alt ist. Alt im Sinne von erwachsen und allen Klischees, die halt so dazugehören. Ein fester Job, einen festen Freund und ein Zuhause, das nicht aus einem Kleiderhaufen und einer Spüle voller dreckigem Geschirr besteht. Bei mir sind die angetrockneten Pastareste auf meinem Teller manchmal das einzige, das fest ist. Immerhin aber auf einem ASA Teller. Das Schöne am Älterwerden ist ja, das man sich mit einem regelmäßigen Einkommen, das auf ein festes (yeah) Konto überwiesen wird auch mal etwas leisten kann. Und sei es nur einen schönen Teller auf dem die Frust-Pasta nach einem stressigen Bürotag gleich doppelt so gut schmeckt oder eine spontane Flugbuchung. Ganz nach dem Motto: Augen zu. Karte durch. Und das, ohne danach Spaghetti mit Ketchup als (s)eine Hauptmahlzeit betiteln zu müssen, weil am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig ist. Dieses ganze Geld- und Job-Gehabe hat schon auch seine Annehmlichkeiten – wie man´s dreht und wendet, ein bisschen Freiheit kann man sich schon kaufen. Irgendwie. Aber vielleicht braucht man sie auch mehr als zuvor, als die Tage aus Kaffeepausen zwischen Seminarschwänzen und Semesterferien bestanden.

Die angetrockneten Pastareste auf meinem Teller sind manchmal das einzige, das fest ist.

Eine Sache, die aber immer wieder ins Bewusstsein rückt ist die Tatsache, dass man gewisse Dinge erst zu schätzen weiss, wenn sie vorüber sind. Das ist irgendwie urmenschlich. So sehr, dass ich manchmal an die Schulzeit zurückdenke und mir in den Sinn kommt, dass es gar nicht mal so übel war, um 13 Uhr nach Hause zu kommen und nach Mamas Mittagessen (das natürlich nie das Richtige war) ein bisschen Hausaufgaben zu machen. Neulich bin ich spät aus dem Büro gekommen und noch im Flur über eine dunkelblaue Kiste gestolpert, die ich hätte eigentlich längst in den Keller räumen wollen. Neben ein bisschen Staub, wirbelten die herausfliegenden Fotos auch einen Hauch Vergangenheit mit auf. Abifeier. Urlaub 2008 in Griechenland. Zeltlager 1999. Abendessen mit den Mädels 2010. Kurztrip nach Paris 2015. Immer wieder ich. Immer wieder anders und doch irgendwie ich. Und gar nicht mal so übel. Ich muss schmunzeln, weil ich mich noch genau daran erinnere, wie unglaublich hässlich mich in diesem Bikini am Strand von Kreta gefühlt hatte und meine verquollenen Augen als Relikt eines Heulkrampfes nur hinter einer riesigen Sonnenbrille verstecken konnte. Das Kleid, in dem ich partout nicht das Hotel verlassen wollte. Oder das Essen mit den Mädels. Für mich bitte einen Tomatensalat ohne Tomaten. Weil mal wieder (vermeintlich) ein paar Pfund zu viel über den Bund der Skinny Jeans ragten. Und nun bin ich dreißig und nehme und ersten Mal mein Alter bewusst wahr. Zum einen, weil einem das permanent suggeriert wird und man sich dadurch selbst unnötig Stress macht. 30 hier. 30 da. Oh, oh, helft-mir-über-die-Straße-dreißig. Nein und besonders auch, weil ich zum ersten Mal die Zeichen der Zeit spüre. Wenn ich morgens aufwache, legen sich feine Linien um meine Augen und ein (naja, zwei) graue Haare winken mir aus dem Spiegel entgegen. Aber auch innerlich, weil mein Arzt mir zu gewissen Vorsorgeuntersuchungen rät.

Und nun bin ich 30 und nehme mein Alter zum ersten Mal bewusst wahr

Da sitze ich also spätabends in Bürokluft in meinem kalten Flur auf dem Fußboden und denke, wie schön ich doch in dem Bikini am Strand von Kreta aussehe. Wie toll das Kleid in dem Café in Paris zur Geltung kommt und wie gut meine Jeans auf dem Foto mit dem Mädels sitzt. All das habe ich zu den Zeitpunkten, in denen die Bilder entstanden sind niemals so gesehen. Jetzt, Jahre später erkenne ich die Schönheit dessen, was ich damals verteufelt habe. Ich lasse meine müde Augen zu der Kommode im Esszimmer wandern. Dort stehen die Worte „all we have is now“ gerahmt in schwarzem Holz. Und Kinners, so ist es. Das Älterwerden macht es unglaublich schwer, im Moment zu leben. Weil es so vieles zu beachten und zu erledigen gibt und ein Moment den nächsten jagt. Wir sollten viel mehr schätzen und würdigen, was wir haben. Jetzt und immer. Ich hatte den tollen Glow, den ich vor sieben Jahren hatte nie als solchen wahrgenommen. Und ja, älter zu werden spiegelt sich sowohl im Aussehen, der Gesundheit und zum Glück auch im Gedankengut wider. Im Herzen des Älterwerdens steht doch – neben der zuweilen melancholischen und wunderschönen Retrospektive – eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst. Und wenn die Aktivierung dieser Gedanken dazugehört, dann werde ich gerne älter. Wenn nicht gar alt. Und wenn ich in 20 Jahren ein Foto von mir betrachte, wie ich hier auf dem Fußboden im Flur sitze und Fotos in der Hand halte, werde ich denken, mensch, was war ich jung und wie glücklich sah aus. Ich hatte ja keine Ahnung. Und das hatte ich tatsächlich nicht.

Manchmal finde ich meine Hände etwas schrumplig und dann denke ich daran, was die schon alles getragen, gehalten, gestreichelt, gebacken, umgetopft, geknetet, gewaschen, gestriegelt, herausgezogen, entdeckt, berührt und losgelassen haben. Ich bin dann nicht mehr traurig und lächle meinem Spiegelbild entgegen und freue mich über jede einzelne Minifalte, die mich zu dem Menschen macht der ich bin. Mit allem Erlebtem, Erfahrenem und Widerfahrenem. Das ist ja eigentlich selbstverständlich. Aber man kann es nicht oft genug sagen.

Wer definiert denn eigentlich, was alt und was jung ist? Am Ende sind das ja alles bloß Zahlen. Und die sind ja bekanntlich unendlich.

© Julia | themagnoliablossom

Löwenherz.

Prosa

Für einen Abend im Frühling ist es nicht besonders mild. Aber auch nicht besonders kalt. Irgendwas dazwischen. Der Typ hinter der Bar schiebt zwinkernd zwei Flaschen Bier über den Tresen. „Da bist du also“, sage ich und proste dir zu. Der kühle Hopfensaft rinnt wohltuend die Kehle hinab. Du lächelst und es fühlt sich nach so langer Zeit wie immer an. Als hätten diese sechs Jahre nicht stattgefunden. Einfach übersprungen. Wir reden seit Stunden über ein Leben, das nicht unseres ist. Buchstaben reihen sich aneinander und werden zu ernsthaften Worten. Erwachsen geworden sind wir. Irgendwie. Trunken und taumelnd in Erinnerungen stelle ich fest, dass dein Herz gar nicht so kalt ist wie das Bier in meiner Hand. Sag mal, können wir nicht einfach Stopp drücken und zum Anfang zurückspulen?

Du erzählst mir von diesem dunkelgrünen Jeep mit hochklappbaren Türen. Deinen Touren durch die Welt. Den Bergen und Seen. Der Sonne und dem Regen. Und ich möchte dir für immer zuhören. Deinen Geschichten lauschen von Kämpfen mit Löwen, von der Wildnis und von deinen Narben. Weil deine Stimme für immer Musik in meinen Ohren ist. Weil in deiner Brust ein Löwenherz schlägt. Ich weiss das, weil ich es schon einmal von innen gesehen habe. Rot und weich. Zerbrechlich wie ein Straußenei. Aber nachts sind alle Katzen schwarz. Du bist der Held deiner ganz persönlichen Safari und selbst Sandstürme gehen spurlos an dir vorbei, mag man meinen. Aber ich weiss es besser. Und manchmal möchte ich einfach dein Herz in die Hand nehmen und es an einen sicheren Ort tragen. Dabei bin ich das Löwenbaby, das mit einem sanften Nackenbiss in Sicherheit gebracht werden muss. Bleibst du hier, bis der Morgen graut?

Die Nächte sind immer so kurz und ein Morgen haben wir nicht. Du bist weg und ich bin hier und manchmal bin ich weg und du hier. Ich lasse eine Münze durch den schmalen Schlitz fallen und drücke den schmierigen Hörer fester an mein Ohr. Weitere fünf Minuten knackendes Rauschen, das durch gleichmäßigen Atem unterbrochen wird. Ich brauche eine Stunde um hallo zu sagen und für all die Münzen, die in meiner schweißnassen Hand kleben bekommen wir nicht einmal eine Sekunde zum Reden.

Aber wenn wir das jetzt hier nicht zusammen durchziehen, wie können wir dann leben? Können wir dann überhaupt atmen? Mit all dem Sand in der Lunge? Wir können uns nicht zurücklassen. Straußeneier haben kein Verfallsdatum. Weisst du, ich war in so vielen Zoos und habe sämtliche Tierarten auf verschiednen Kontinenten beobachtet nur um festzustellen, dass Löwen meine Lieblingstiere sind.

Und nun brennt die Sonne klar und heiß in mein Gesicht, dass der Schweiss nur so rennt und ich zwischen all der Hitze nicht merke, dass es Tränen sind, die im sandigen Boden verpuffen. Bevor hier Herzen in Flammen aufgehen – lass uns mit deinem Jeep in die Wüste fahren und den Sand alles ersticken bevor wir Fata Morgana sagen können.

Und wenn ich dich noch einmal umarmen könnte – mit Haut und Löwenhaar – ich würde dich nicht mehr loslassen. Das ist ein Versprechen. Weil ich nicht mehr ohne dich sein kann. Du bist die Safari meines Lebens.

 

© themagnoliablossom

Patina.

Prosa

Dein linkes Augenlid zuckt etwas – wie immer, wenn du nicht weiss was du sagen sollst. Aber ganz viel sagen möchtest. Von innen heraus. Schweigen wird dann zu einer Option, die dir zumindest kurzfristig Linderung verschafft. Diese ganzen chemischen Prozesse – manche sagen auch Gefühle dazu – waren noch nie deins. Lieber gehst du ein bisschen Holz haken, wenn es etwas pikst in der Brust. Das ist ziemlich praktisch, denn nach ein paar Stunden ackern mit dem Beil geht dieses Piksen auch gut und gerne als Muskelkater durch. Du hast gern die Kontrolle, über alles und jeden und am allerliebsten über dich selbst. Dein Körper ächzt und krächzt, dein Herz pumpt so sehr, dass selbst du dessen Existenz nicht leugnen kannst. Tropfnass sitzt du da und dein Auge zuckt und zuckt und bei all dem Schweiß fallen auch die Tränen nicht auf, die sich klammheimlich unter seine Artgenossen gemischt haben. Ich kaufe einen großen Seifenkanister und versuche den Boden zu reinigen auf dem du deine Spuren hinterlassen hast, denn Blut und Wasser schwitzen ist eben doch nicht nur eine Redewendung. Der weiße Lappen saugt sich voll mit der roten Flüssigkeit und ich schrubbe und schrubbe, aber der Abdruck will nicht verschwinden. Wie reingebrannt. Die Sonne hat das Holz drum herum gegerbt und nur die Stelle, auf der du zusammengesunken und tropfnass gekauert bist, bleibt hell zurück. Es ist wie, wenn du ein Möbelstück nach Jahren von seinem gewohnten Platz verschiebst. Dann knarrt nicht nur der Dielenboden ganz fürchterlich, sondern dann bleiben da auch immer diese hellen Streifen zurück. Du bist mein heller Streifen. Aber man kann Möbel natürlich nicht für immer an ein und demselben Ort stehen lassen. Irgendwann muss man sie auch mal verrücken – und sei es nur um zu putzen, oder die Nachbarn zu ärgern. Ich fahre mit dem Finger über das helle Holz und bin überrascht wie glatt es an dieser Stelle ist. Als wäre der Boden das perfekte Pendant zu dir. Denn wenn man ein bisschen, nur ganz minimal, an der Oberfläche kratzt, dann spürt man die unebene, wunderschöne Patina zwischen all den Splittern. Dann möchte ich dich so gerne umarmen. Mit all deinen Sorgen und Ängsten, die dich wie ein unsichtbarer Kokon umhüllen. So richtig fest, weisst du. Aber dafür sind meine Arme viel zu kurz.

 

© themagnoliablossom

Grenadine.

Prosa

Ich sitze im Schneidersitz vor dem Fenster und pule die Fusseln von meinem Wollpullover. Manche Dinge kann man ganz einfach abstreifen. Kleidung, Manieren oder eben Fusseln. Dein Geruch hingegen steckt ganz tief in meiner Nase. Ich beiße immer wieder in das Stück Zitrone in meinem Tee, obwohl mir jedes Mal die Gesichtszüge entgleisen aufgrund der Säure. Überhaupt mag ich süß viel lieber als sauer. Oder scharf. Mitohne. Immer. Du.

Wenn der Wind aus Südwest weht, drücke ich mein Ohr ganz fest auf deine linke Brust und lausche dem Konzert der Bässe. Unter all den Muskeln und Haaren schlägt tatsächlich ein Herz und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass es das nur mich tut. Für uns. Für diesen einzigen Moment Ewigkeit.

Die Jahre vergehen, aus Rosa wird Rot und alles bekommt mehr Farbe. Die Bäume mehr Ringe und die Linien um unsere Augen werden tiefer. Ich solle nicht in der Vergangenheit leben, sagen sie. Aber was ist, wenn du meine Zukunft bist? Wenn du alles bist, was dieser jämmerlichen Anhäufung von Zellen einen Sinn gibt? Nicht, weil ich mir das so ausgesucht hätte, sondern weil es so ist. Verstehst du, wie das unangenehme Stechen, wenn man zu hastig ein Getränk mit zu viel Kohlensäure trinkt. Ein kurzer, fieser Schmerz, der dir die Luft zum Atmen nimmt und sich bis in den Magen ausbreitet. Bloß Millisekunden – dann ist es vorbei. Und du wirst es immer wieder tun, weil der Mensch ja nun mal trinken muss. Und sind es nicht immer die Sekunden im Leben, die es zu dem machen, was es ist. Aneinandergereihte Entscheidungen, Zufälle – vielleicht alles ein perfider Plan? Wer weiss das schon. Hat man denn überhaupt eine Wahl? Ich hätte links abbiegen können. Dann hätte es dieses kleine Lächeln nicht gegeben. Diese zwei Sekunden, nach denen nichts mehr so ist wie es war oder sein wird. Und immer wenn ich die Liebeskarte ziehe, ist dein Antlitz darauf zu sehen – dabei führen so viele Wege nach Rom. Die staubige Landkarte liegt seit Jahren verknittert im Handschuhfach. Es fühlt sich immer noch so an, als ob die beste Zeit unsere war. Deine Hand auf meinem Knie und warmen Wind in den Haaren. Der hat sich ganz fies in den Gehirnwindungen verfangen und heute beschlägt meine Brille, weil meine Gedanken so heiß laufen.

Und dann esse ich mitten im tiefsten Winter diese ökologisch völlig inkorrekten Heidelbeeren, um wenigstens ein bisschen etwas von dem verblassten Gefühl einfangen zu können und dann schmecken sie mir nicht einmal. Weil keine Zeit für Romantik bleibt, weil du gelernt hast dem Wind zu trotzen auch wenn dir dieser verdammte Spiri-Tee sagt, du sollst auf dein Gefühl vertrauen und du es aber partout nicht finden kannst zwischen all den Splittern. Dann sitze ich mit roten Granatapfel Spritzern auf meinem weißen T-Shirt da, was eigentlich deins ist. Und stelle fest, dass es mein Herz ist, das übergelaufen ist. Keine Spuren des Liebesapfels. Ich eile auf den Balkon, weil es nur so quillt und spritzt und die Sauerei will ja auch immer keiner aufwischen. Purpurne Tropfen auf weißem Schnee. Schneewittchen. Ist die nicht an einem Apfel erstickt? Weisst du, ich vermisse dich manchmal so sehr, dass ich das Gefühl habe zu ersticken, obwohl ich keine Äpfel esse. Nicht im Winter und auch sonst nicht. Aber das Gefühl von dem warmen Wind in meinen Haaren, das werde ich nicht los. Und immer wenn der Wind aus Südwest weht, drücke ich mein Ohr ganz fest auf deine linke Brust und lausche dem Konzert der Bässe. Unter all den Muskeln und Haaren schlägt tatsächlich ein Herz und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass es das nur mich tut. Für uns. Für diesen einzigen Moment Ewigkeit.

 

© themagnoliablossom

Schnitzeljagd.

Prosa

Ich puste die Kerze aus und wünsche mir, dass alles gut wird. Weil ich das immer tue. Ein bisschen Vertrauen müsse ich schon habe, hast du zu mir gesagt, wenn kristallklare und salzige Tränen über meine kalten Wangen liefen – ein bisschen mehr Vertrauen. In das Leben. Allgemein und im Speziellen. Jetzt wo du nicht mehr da bist, fällt mir das sehr schwer. Vertrauen also, sage ich leise und wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Wenn sich das Jahr dem Ende neigt, wenn die Bäume ganz schleichend kahl werden und ganz plötzlich Winter ist, kommen auch die Gedanken. An das was da war und ist und noch kommen mag. Was noch vor ein paar Monaten hinter luftigen Kleidchen und Sonnenbrillen verborgen blieb, was durch dieses angenehme Kribbeln nach einem eiskalten Bier hirntot gemacht wurde, ist auf einmal so real und so da wie der erste Frost. Er macht es einem nicht leicht, der Winter. Ich wünsche mir eine fein pudrige Schneedecke, die all das ganz lautlos umhüllt. Sanft und schützend. Der eisige Wind peitscht mir um die Ohren und ich gehe tapfer weiter. Vertrauen, also.  Ich ritze deinen Namen auf eine angefrorene Autoscheibe und komme mir dabei wie ein Teenie vor. Damals konnte ich nicht glauben, dass es nach dem ersten Liebeskummer jemals wieder besser würde. Dass dieses Ziehen in der Brust und diese ständige Übelkeit jemals aufhören würden. Alles geht vorüber und es geht immer weiter. Und manchmal macht mich das traurig. Weil man gar nicht mehr innehält, genießt und jeden noch so kleinen Moment konserviert und das Traurigsein auch mal so richtig zelebriert. Menschen kommen und gehen. Manche hinterlassen Spuren, andere Lücken.

Und dann gibt es dich. Eine unendliche Schnitzeljagd über meinen gesamten Körper durch all die Krater und Täler. Von Zeit zu Zeit werden die so kräftig durchgespült und das salzige Wasser rundet die spitzen Ecken etwas ab. Die stechen dann nicht mehr so in die Eingeweide. Das ist gut. Menschen kommen und gehen. Aber was ist, wenn manche Menschen nicht gehen? Wenn sie da sind, obwohl sie fort sind? Erinnerungen, konservierte Gerüche, Berührungen, die sich ganz fies auf die roten Blutkörperchen krallen und mit jedem Herzschlag im ganzen Körper verteilt werden. Ist das überhaupt erlaubt? Oder läuft das schon unter Doping? Du schaust jeden Tag in den Spiegel und nichts ist anders. Und dann entdeckst du zwischen all dem Müll ein altes Foto und realisierst, dass alles anders ist. Das Gehirn ist sowas von machtlos gegen das Herz. Eine Farce.

Manchmal, wenn ich durch ein Möbelhaus schlendere, ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass sich dies oder jenes gut in unserem Haus machen würde. Eine Vase für die Vitrine im Flur oder ein neuer Bezug für das Kissen auf dem alten Sessel. Es ist nur ein kurzer, unüberlegter Moment. Ich streiche gedankenverloren über die Sofabezüge, fühle den Stoff der Bettwäsche und wünsche mir mit dir in den Laken zu liegen. Den Duft deiner Haare einzuatmen und meine Gesicht ganz fest an dein linkes Schulterblatt drücken. Einfach so. Aber so einfach ist das natürlich nicht.

Anstatt der Bettwäsche kaufe ich eine große Packung Kerzen. Bei jedem Auspusten werde ich sagen alles wird gut. Und es auch glauben. Denn mit Kerzen ist es ja so wie mit Erinnerungen. Man kann nie genug davon haben.

 

© themagnoliablossom

 

 

Geschmolzene Butter.

Prosa

Es riecht nach geschmolzener Butter als ich meine Augenlider öffne. Die Türe ist genau einen Spalt weit auf, so dass ich dich vor dem Herd stehen sehe. Es gibt wenig, was mehr Wohlgefühl in mir auslöst als der Geruch von geschmolzenem Fett. Goldgelb in der Pfanne, riecht es nach Kindheit, Heimat und ganz viel Liebe. Was heute verteufelt wird, war früher das besondere Etwas. Die Zeiten ändern sich, denke ich mir und ich strecke einen Zeh unter der Bettdecke hervor. Das Herbstlicht blitzt zwischen den leichten Vorhängen hindurch und taucht dich ein wunderschönes Licht, fast golden – wie die Butter. Du trägst nur deine karierte Boxershorts und wenn du dich auf Zehenspitzen stellst, um an den Zucker ganz oben im Regal zu kommen wird aus deinen Waden eine Berglandschaft. Du schlägst vier Eier in eine Schüssel und gibst etwas von dem Zucker dazu. Als du bei dem Mehl angelangt bist, wirbelst du ein bisschen zu heftig mit deinem Schneebesen umher, sodass meine Sicht durch eine riesige Mehlwolke versperrt wird. Ich muss kichern, rolle mich auf die Seite und stelle mich schlafend. Nur ungern möchte ich dich bei deinen Vorbereitungen stören. Es zischt als der Teig langsam in die Pfanne gleitet. Mit einem Schwung versuchst du den Fladen zu wenden. Dein Oberarm spannt sich dabei so herrlich an, dass mir ganz warm wird. Ziischhhh – die zweite Kelle Teig findet ihren Weg in das heiße Fett. Es riecht so unglaublich gut, dass ich am liebsten sofort aufstehen möchte und davon naschen. Von dir. Du brühst Kaffee auf und streichst dir mit deiner Mehlhand durch die Haare. Hey, sag mal weisst du eigentlich, wie schön du  bist, denke ich mir noch  – ganz benebelt von all den Gerüchen – sage ich aber dann doch nicht. Du gießt Ahornsirup über den in Fett gebackenen Teig und ich habe noch nie solch schöne Pfannenkuchen gesehen. Ich schnappe mir die Croissants und setze mich im Schneidersitz auf das Bett. Voller Mehl und mit Sirup um den Mund stellst du das Tablett auf den kleinen blauen Tisch. Du machst eine Kunstpause und drehst dich mit einem Ruck zu mir, wirfst mich in die Laken zurück und drückst mir einen Kuss auf den Mund. Ich bekomme kaum Luft zwischen all dem Mehl, aber es ist das Süßeste, was ich je probiert habe. Vielleicht liegt das an dem Ahornsirup. Vielleicht aber auch an dir. Ich tauche mein Croissant in die geschmolzene Butter und dann essen wir Kohlenhydrate mit Kohlenhydraten und Fett. Einfach so. Und das ist das Schönste, was ich seit langem gemacht habe.

 

© themagnoliablossom

Permanent.

Prosa

Als das Flugzeug den Kontakt zum Boden verliert, kribbelt es angenehm in meinem Bauch. Ich mag das Gefühl der Schwerelosigkeit. Die Welt bleibt unter einem zurück und vor einem nichts als die unendliche Weite. Weiß, weich und flauschig. Wie ein handgeschöpftes Blatt Papier –  bereit mit den kühnsten und wagemutigsten Gedanken beschreiben zu werden. Bereit die Tinte des Füllers in sich aufzusaugen. Weil mit einem Mal alles, was mir in den vergangenen Monaten den Kopf zermartert hat, so unendlich klein erscheint. Mit jedem Höhenmeter wird mein Puls ruhiger, die Gedanken im Kopf reduzieren ihre Drehzahl. Hier oben scheint die Zeit still zu stehen.

Alles hat seine Zeit, hast du immer gesagt. Aber Zeit ist doch das, was uns wie Sand durch die Finger rinnt. Dust in the wind. Ich weiss noch genau, wie der Song aus den Lautsprechern tönte und du mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen hast. Damals, in dieser Hütte mitten im Nirgendwo. Da hast du sie auch verflucht, die Zeit. Weil sie gegen uns spielte. Wir hätten uns später kennenlernen sollen, sagtest du und ich hätte dir so gerne geglaubt als eine einzige Träne aus deinen braunen Augen kullerte, die du selbstredend mit einem Wisch aus deinem Gesicht gestrichen hast. Aber vielleicht war es tatsächlich nur der Staub. Staub wie er sich auch auf den Fotos von uns in immer dickeren Schichten niederlegt. Fast lautlos sind die Jahre vergangen. Und das macht mir manchmal Angst. Weil ich die Fotos zwar auf den Dachboden verbannen kann, aber dich nicht aus meinem Herzen. Obwohl ich es möchte, und wie ich das will, aber es scheint wohl Dinge zugeben, gegen die der Mensch machtlos ist. Früher habe ich dagegen angekämpft, heute akzeptiere ich das einfach und das ist so unglaublich befreiend. Weil es jedes Jahr einen weiteren Ring im Stamm ergibt und du mich zu dem Baum machst, der ich heute bin. Die Maserung im Inneren ist so ungleichmäßig, aber gerade das macht sie so wunderschön. Du bist die Ebbe und die Flut, eine Laune der Natur und das war mir nirgends so klar, wie hier oben über den Wolken. Du kommst und du gehst, bist hier oder dort, weil das deine Wurzeln sind und weil das so sein muss. Du kannst nicht aus deiner Haut. Aber würdest du, wenn du könntest?

Es ist ja immer so leicht daher gesagt, aber wenn dann einer kommt und etwas an der Oberfläche kratzt und ein bisschen von dem Lack absplittert, dann wird das Ganze kompliziert. Warum tauchst du eigentlich immer dann auf, wenn es gut ist? Wenn ich den roten Lack perfekt aufgetragen habe – patzerfrei und ultraschnelltrocknend. Wenn mein Leben in geordneten Bahnen verläuft, meine Wäsche immer frisch gewaschen ist und meine Probleme sich auf die Wahl zwischen Kaffee oder Tee zum Frühstück beschränken? Ja, warum eigentlich? Das kann ja wohl kein Zufall sein. Hast du einen Radar, wie der Pilot vor mir im Cockpit und wann immer die Herzchen über meinem Kopf aufpoppen, bekommst du eine Push-Benachrichtigung? Ist das so? Ja? Ich würde dir manchmal so gerne glauben, wenn Worte deine Lippen verlassen, die ich dich noch nie habe sagen hören. Worte, die dich in ein warmes, fast goldenes Licht tauchen. Weil auch dein Stamm deutlich mehr Ringe bekommen hat und ich glaube, würde ich dich jetzt kosten, würde ich das Barrique schmecken. Den Rauch, das Holz und ein bisschen was von der salzigen Meerluft. Die Spuren im Sand sind vergänglich, aber was wirklich wichtig ist, habe ich in Stein gemeißelt –  in dein Herz, mein Lieber, damit du es nicht vergisst, wenn du in den nächsten Sturm ziehst.

Gerade als ich mich im freien Fall befinde und das Kribbeln in meinem Bauch schier unerträglich wird, hat der Pilot das Flugzeug wieder unter Kontrolle. Ich öffne meine Augen und sehe die Lichter unten in der Stadt glitzern. Der Regen prasselt lautlos vom Himmel und läuft schräg über die winzigen Fenster. Vielleicht sind das auch nur meine Tränen. Wer weiss das schon so genau.

Es ist der kurze Moment, wenn aus der Nacht Tag wird, wenn die Sonne den Horizont küsst und es trotz Nebel so unfassbar hell ist. Wenn aus dir und mir uns wird. Verstehst du. Es ist nur für diesen einen kurzen Moment. Und hell yeah, ich würde um die ganze Welt reisen, für diesen einen kurzen Moment.

 

© themagnoliablossom

Honigblond.

Prosa

Er zog die Türe hinter sich zu und lies sich mit einem Rums auf das Sofa fallen. So gut es auch nur ging, versuchte er die zerknüllten Din A4 Blätter, die überall verstreut auf dem Boden lagen, zu ignorieren. Es war waren mittlerweile so viele Papierstücke zusammen-gekommen, dass man den gefliesten Boden darunter nur noch erahnen konnte. Schade eigentlich, dachte er, denn es ist ein sehr schöner Boden. Winzige, bunte Fliesen – Stück für Stück zusammengefügt. Ein wunderschönes Mosaik. Was für eine Heidenarbeit das gewesen sein muss. Solche eine Geduld aufzubringen, um diese filigranen Teilchen millimetergenau aneinanderzulegen, sah er sich nicht im Stande. Schon drei Mal nicht, wenn etwas derart Schönes dabei herauskommen soll. Man achtet ja viel zu selten auf die kleinen Dinge des Lebens, ruft er sich in Erinnerung. Heutzutage. Aber eigentlich auch schon immer. Er ließ seinen Blick zum Fenster schweifen, wo eine Taube sich über die Reste seines Frühstücks hermachte. Manchmal rauchte er zu seinem morgendlichen Kaffee eine Zigarette am geöffneten Fenster.  Und manchmal vergaß er seinen Frühstücksteller auf dem Fensterbrett. So wie heute Morgen. Der Tauberich stelzte von einem Fuß auf den anderen, legt den Kopf schief und pickte hier und da noch etwas auf dem Teller herum, ehe er wieder davon flog. Ein Leben hat der. Einfach davon fliegen können, wann immer einem der Sinn danach steht und bleiben, wo immer es einen hält. Der Gedanke gefiel ihm. Dann könnte er, wenn die Sehnsucht wieder einmal Überhand nehmen sollte, zu ihr fliegen. Bloß, um zu Gucken. Sich federfüßig auf ihrem Fensterbrett niederlassen und sich dem konspirativen Gefühl des Voyeurismus hingeben. Nur für einen kurzen Moment. Seine Synapsen liefen auf Hochtouren, als er sich den Gedanken an sie erlaubte. Oft tat er das nicht, aber wenn, dann empfand er es als könne man Schönheit fühlen. Er dachte an ihre weiche, weiße Haut. Wie Milch. Oder Porzellan. Oder beides. Da konnte er sich jetzt nicht festlegen. Der Duft, der den gesamten Raum überströmte, wenn sie das Haargummi aus dem Zopf löste und ihre honigblonden Haare sanft über ihre Schultern fielen. Himmelherrgott. So schön. Er musste die Augen schließen, um dieses Gefühl vollends auskosten zu können. Es ist ihm unbegreiflich, wie ein menschliches Wesen von einer solchen Schönheit heimgesucht werden konnte. Das Leben ist ungerecht, dachte er und blickte auf seine Knie, die schlaksig in den zerschlissenen Jeans hingen. Eine Weile noch saß er so da und hing dem Gedanken nach, wahrhaftig zu ihr, der Honigblonden, zu fliegen, um es sich auf ihrem Fensterbrett gemütlich zu machen. Dachte der Tauberich auf seiner Fensterbank auch so über ihn, wenn dieser so dröge auf einem Fuß stand und gurrte? Vielleicht war die Taube eine reinkarnierte Ex-Freundin. Oder der Junge vom Haus nebenan, den er früher gehänselt hatte. Er dachte an Karma und schüttelte etwas zu hastig den Kopf, um den Gedanken schnell aus dem solchen zu verbannen. Natürlich wusste er bereits, hier und jetzt auf seinem Sofa sitzend, was ihn dort erwarten würde – dazu müsste er nicht eigens hinfliegen, selbst wenn er die Fähigkeit besäße. Er gestand sich jedoch ein, dass der Gedanke des heimlichen Beobachtens ihm einen völlig neuen Reiz offenbarte. Er knubbelte etwas Haut von seinem Daumen und schaukelte den Gedanken noch eine Weile in seinem Kopf umher, ehe er aufstand und die fünf Schritte zum Fenster ging. Er atmete tief ein und presste die Luft zwischen seinen geschlossenen Lippen hervor. Es hätte durchaus schlimmer kommen können. Immerhin stand er zwischen jenen vier Wänden, die er sein Eigen nennen durfte. Nein, eigentlich konnte er wahrlich stolz sein. Er nahm ein weiteres DIN A4 Blatt vom Stapel.

Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Schrieb er in großen Lettern. Ihn erschlich ein Gefühl der Scham ob dieser abgedroschenen Worte. Er stellte den Teller beiseite, nahm das gelbe Feuerzeug vom Sims und zündete das geschriebene Wort an. Dem unweigerlichen Drang milde zu lächeln konnte er nicht widerstehen, was ihn sehr erfreute.

Ende.

 

© Julia

 

Und manchmal ist das Leben ein Arschloch.

Prosa

Ich sitze unten am Fluss und halte meine Zehenspitzen ins kühle Nass. Die untergehende Sonne glitzert im Wasser und taucht es in warmes Blau. Obwohl es eigentlich braun-grün ist. Eher braun. So, wie deine Augen. Wie oft habe ich mir gewünscht in diese Augen zu schauen. Deine Augen. Nächtelang lag ich wach und redete mir ein, dass meine Schlaflosigkeit bloß von den fünf Tassen Kaffee rührt, die ich getrunken habe. Doch in Wahrheit dachte ich an deine Augen. An dich. An uns. Habe mir ausgemalt wie es wäre noch einmal in diese Augen zu schauen. Manchmal, da hast du plötzlich deine Augen aufgerissen, wenn wir uns geküsst haben – einfach so, um mich anzusehen. Wir mussten beide lachen. Und deine Augen bekamen dann einen ganz besonderen Glanz. Dann, wenn du glücklich warst. In diesen Nächten denke ich an die Tage mit dir. Endlose Tage am Meer, Sand unter meinen Füßen und Bauchschmerzen, weil du mich permanent zum Lachen gebracht hast. Vielleicht waren das aber auch gar keine Schmerzen in meinem Bauch, sondern Schmetterlinge. Wer weiss das schon. Es waren jene Tage im Sommer, an denen alles perfekt ist. Wir waren jung und unsere Haut roch nach Sonnencreme und die Küsse schmeckten nach Salz. Bittersüß. Wir hätten das damals schon wissen müssen. Doch der billige Wein, den wir aus der Flasche tranken ließ uns Pläne schmieden – weiter als der Horizont. Ich liebte die Art und Weise wie du mich angesehen hast, wenn wir miteinander schliefen. Du konntest nicht genug vor mir bekommen. Es war, als wäre eine unsichtbare Verbindung zwischen deinem und meinem Herzen, zwischen dir und mir. Ein starkes Tau. Kein du ohne mich. Kein ich ohne dich. Ohne uns kein wir. Wir haben drauf geschissen, was andere Leute gesagt und gemeint haben. Leute, die nichts damit zu haben. Mit uns. Wir lebten in unserem eigenen Kosmos und es war der schönste Stern auf Erden. Aber du warst nicht immer so glücklich. Manchmal wich der Glanz in deinen Augen einer Traurigkeit. Dann waren deine Augen eher braun als grün. Ein dunkle Mauer, die ich nicht durchschauen konnte. Obwohl ich alles von dir wusste. Wusste, wie es hinter diesem verschlossenen Tor aussah, hatte ich keinen Zugang. Du sagtest, kein Mensch sei dir so nah wie ich. Kein Mensch würde dich verstehen und begreifen, außer mir. Dein Leben ist nicht einfach und ich weiss, dass du dich deinem Schicksal stellen musst. Alles andere sei respektlos, sagest du. Aber manchmal frage ich mich, wo warst du? In diesen Nächten, wenn mein Herz rast, stolpert und sich vor lauter Erschöpfung übergeben muss. Dann frage ich mich wirklich. Wo warst du? Wo warst du all die Jahre in denen ich eine starke Schulter gebraucht hätte? In denen meine Augen dunkel und ohne Glanz waren.

Mein Zuhause ist in deinem Herzen, höre ich dich sagen und ich habe noch nie so wunderschöne und zugleich so traurige Augen gesehen, wie deine. Aber manchmal reicht Liebe einfach nicht. Und manchmal ist das Leben ein Arschloch.

Ich schaue auf das Wasser. Das Blau verschwimmt mit dem Grün und es ist eine trübe Brühe, die an mir vorbeizieht. Sie fließt immer weiter. Es gibt nur eine Richtung.

Du tippst mir von hinten mit einem Bier auf die Schulter. Danke, sage ich und du setzt dich zu mir runter auf die Steine. Dann sitzen wir eine Weile einfach so da und schauen dem Wasser beim Fließen zu.

 

© themagnoliablossom