Grenadine.

Prosa

Ich sitze im Schneidersitz vor dem Fenster und pule die Fusseln von meinem Wollpullover. Manche Dinge kann man ganz einfach abstreifen. Kleidung, Manieren oder eben Fusseln. Dein Geruch hingegen steckt ganz tief in meiner Nase. Ich beiße immer wieder in das Stück Zitrone in meinem Tee, obwohl mir jedes Mal die Gesichtszüge entgleisen aufgrund der Säure. Überhaupt mag ich süß viel lieber als sauer. Oder scharf. Mitohne. Immer. Du.

Wenn der Wind aus Südwest weht, drücke ich mein Ohr ganz fest auf deine linke Brust und lausche dem Konzert der Bässe. Unter all den Muskeln und Haaren schlägt tatsächlich ein Herz und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass es das nur mich tut. Für uns. Für diesen einzigen Moment Ewigkeit.

Die Jahre vergehen, aus Rosa wird Rot und alles bekommt mehr Farbe. Die Bäume mehr Ringe und die Linien um unsere Augen werden tiefer. Ich solle nicht in der Vergangenheit leben, sagen sie. Aber was ist, wenn du meine Zukunft bist? Wenn du alles bist, was dieser jämmerlichen Anhäufung von Zellen einen Sinn gibt? Nicht, weil ich mir das so ausgesucht hätte, sondern weil es so ist. Verstehst du, wie das unangenehme Stechen, wenn man zu hastig ein Getränk mit zu viel Kohlensäure trinkt. Ein kurzer, fieser Schmerz, der dir die Luft zum Atmen nimmt und sich bis in den Magen ausbreitet. Bloß Millisekunden – dann ist es vorbei. Und du wirst es immer wieder tun, weil der Mensch ja nun mal trinken muss. Und sind es nicht immer die Sekunden im Leben, die es zu dem machen, was es ist. Aneinandergereihte Entscheidungen, Zufälle – vielleicht alles ein perfider Plan? Wer weiss das schon. Hat man denn überhaupt eine Wahl? Ich hätte links abbiegen können. Dann hätte es dieses kleine Lächeln nicht gegeben. Diese zwei Sekunden, nach denen nichts mehr so ist wie es war oder sein wird. Und immer wenn ich die Liebeskarte ziehe, ist dein Antlitz darauf zu sehen – dabei führen so viele Wege nach Rom. Die staubige Landkarte liegt seit Jahren verknittert im Handschuhfach. Es fühlt sich immer noch so an, als ob die beste Zeit unsere war. Deine Hand auf meinem Knie und warmen Wind in den Haaren. Der hat sich ganz fies in den Gehirnwindungen verfangen und heute beschlägt meine Brille, weil meine Gedanken so heiß laufen.

Und dann esse ich mitten im tiefsten Winter diese ökologisch völlig inkorrekten Heidelbeeren, um wenigstens ein bisschen etwas von dem verblassten Gefühl einfangen zu können und dann schmecken sie mir nicht einmal. Weil keine Zeit für Romantik bleibt, weil du gelernt hast dem Wind zu trotzen auch wenn dir dieser verdammte Spiri-Tee sagt, du sollst auf dein Gefühl vertrauen und du es aber partout nicht finden kannst zwischen all den Splittern. Dann sitze ich mit roten Granatapfel Spritzern auf meinem weißen T-Shirt da, was eigentlich deins ist. Und stelle fest, dass es mein Herz ist, das übergelaufen ist. Keine Spuren des Liebesapfels. Ich eile auf den Balkon, weil es nur so quillt und spritzt und die Sauerei will ja auch immer keiner aufwischen. Purpurne Tropfen auf weißem Schnee. Schneewittchen. Ist die nicht an einem Apfel erstickt? Weisst du, ich vermisse dich manchmal so sehr, dass ich das Gefühl habe zu ersticken, obwohl ich keine Äpfel esse. Nicht im Winter und auch sonst nicht. Aber das Gefühl von dem warmen Wind in meinen Haaren, das werde ich nicht los. Und immer wenn der Wind aus Südwest weht, drücke ich mein Ohr ganz fest auf deine linke Brust und lausche dem Konzert der Bässe. Unter all den Muskeln und Haaren schlägt tatsächlich ein Herz und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass es das nur mich tut. Für uns. Für diesen einzigen Moment Ewigkeit.

 

© themagnoliablossom

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Honigblond.

Prosa

Er zog die Türe hinter sich zu und lies sich mit einem Rums auf das Sofa fallen. So gut es auch nur ging, versuchte er die zerknüllten Din A4 Blätter, die überall verstreut auf dem Boden lagen, zu ignorieren. Es war waren mittlerweile so viele Papierstücke zusammen-gekommen, dass man den gefliesten Boden darunter nur noch erahnen konnte. Schade eigentlich, dachte er, denn es ist ein sehr schöner Boden. Winzige, bunte Fliesen – Stück für Stück zusammengefügt. Ein wunderschönes Mosaik. Was für eine Heidenarbeit das gewesen sein muss. Solche eine Geduld aufzubringen, um diese filigranen Teilchen millimetergenau aneinanderzulegen, sah er sich nicht im Stande. Schon drei Mal nicht, wenn etwas derart Schönes dabei herauskommen soll. Man achtet ja viel zu selten auf die kleinen Dinge des Lebens, ruft er sich in Erinnerung. Heutzutage. Aber eigentlich auch schon immer. Er ließ seinen Blick zum Fenster schweifen, wo eine Taube sich über die Reste seines Frühstücks hermachte. Manchmal rauchte er zu seinem morgendlichen Kaffee eine Zigarette am geöffneten Fenster.  Und manchmal vergaß er seinen Frühstücksteller auf dem Fensterbrett. So wie heute Morgen. Der Tauberich stelzte von einem Fuß auf den anderen, legt den Kopf schief und pickte hier und da noch etwas auf dem Teller herum, ehe er wieder davon flog. Ein Leben hat der. Einfach davon fliegen können, wann immer einem der Sinn danach steht und bleiben, wo immer es einen hält. Der Gedanke gefiel ihm. Dann könnte er, wenn die Sehnsucht wieder einmal Überhand nehmen sollte, zu ihr fliegen. Bloß, um zu Gucken. Sich federfüßig auf ihrem Fensterbrett niederlassen und sich dem konspirativen Gefühl des Voyeurismus hingeben. Nur für einen kurzen Moment. Seine Synapsen liefen auf Hochtouren, als er sich den Gedanken an sie erlaubte. Oft tat er das nicht, aber wenn, dann empfand er es als könne man Schönheit fühlen. Er dachte an ihre weiche, weiße Haut. Wie Milch. Oder Porzellan. Oder beides. Da konnte er sich jetzt nicht festlegen. Der Duft, der den gesamten Raum überströmte, wenn sie das Haargummi aus dem Zopf löste und ihre honigblonden Haare sanft über ihre Schultern fielen. Himmelherrgott. So schön. Er musste die Augen schließen, um dieses Gefühl vollends auskosten zu können. Es ist ihm unbegreiflich, wie ein menschliches Wesen von einer solchen Schönheit heimgesucht werden konnte. Das Leben ist ungerecht, dachte er und blickte auf seine Knie, die schlaksig in den zerschlissenen Jeans hingen. Eine Weile noch saß er so da und hing dem Gedanken nach, wahrhaftig zu ihr, der Honigblonden, zu fliegen, um es sich auf ihrem Fensterbrett gemütlich zu machen. Dachte der Tauberich auf seiner Fensterbank auch so über ihn, wenn dieser so dröge auf einem Fuß stand und gurrte? Vielleicht war die Taube eine reinkarnierte Ex-Freundin. Oder der Junge vom Haus nebenan, den er früher gehänselt hatte. Er dachte an Karma und schüttelte etwas zu hastig den Kopf, um den Gedanken schnell aus dem solchen zu verbannen. Natürlich wusste er bereits, hier und jetzt auf seinem Sofa sitzend, was ihn dort erwarten würde – dazu müsste er nicht eigens hinfliegen, selbst wenn er die Fähigkeit besäße. Er gestand sich jedoch ein, dass der Gedanke des heimlichen Beobachtens ihm einen völlig neuen Reiz offenbarte. Er knubbelte etwas Haut von seinem Daumen und schaukelte den Gedanken noch eine Weile in seinem Kopf umher, ehe er aufstand und die fünf Schritte zum Fenster ging. Er atmete tief ein und presste die Luft zwischen seinen geschlossenen Lippen hervor. Es hätte durchaus schlimmer kommen können. Immerhin stand er zwischen jenen vier Wänden, die er sein Eigen nennen durfte. Nein, eigentlich konnte er wahrlich stolz sein. Er nahm ein weiteres DIN A4 Blatt vom Stapel.

Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Schrieb er in großen Lettern. Ihn erschlich ein Gefühl der Scham ob dieser abgedroschenen Worte. Er stellte den Teller beiseite, nahm das gelbe Feuerzeug vom Sims und zündete das geschriebene Wort an. Dem unweigerlichen Drang milde zu lächeln konnte er nicht widerstehen, was ihn sehr erfreute.

Ende.

 

© Julia

 

Lichtermeer.

Prosa

Mit einem Schwung setzte sie sich auf die Fensterbank. Sie trug nichts als ihre Unterwäsche und diese bezaubernde Lächeln. „Na, los“, sagte sie, „komm“. Verschwörerisch beugte sie sich leicht nach vorne und dabei löste sich eine Strähne aus ihrem perfekt unperfekten Dutt. „Los, komm schon her“. Sie lachte. Es war ein Lachen, das vom Ohr direkt ins Herz wanderte. Mit einem klitzekleinen Umweg über den Kopf – nur, um dort alles durcheinander zu bringen. Es war ihr kristallklares Lachen, dass ihn direkt ins Mark traf, sein Herz zum Pochen brachte und ihm gleichzeitig die Luft zum Atmen nahm. Er war verliebt. Ist es noch immer. So viel steht fest. Bedauerlicherweise ergab sich bisher noch nicht der richtige Moment, um ihr das zu sagen. So ist er. Ein wahrer Perfektionist. Er hatte sich alles haarklein ausgemalt – wie es sein würde, welches Hemd er trüge und welche S-Bahn die günstigste wäre, um auf dem Hinweg noch einen Brief zur Post zu bringen. Stundenlang hatte er an dem perfekten ersten Satz gefeilt. Ein Satz, der ihrer Vollkommenheit gerecht würde. Aber bisher war es einfach noch nicht soweit. Diese Warterei trieb ihn schier in den Wahnsinn und mit jedem Treffen schmerzte ihn sein Herz mehr. Er wusste was sie tat, wenn er nicht bei ihr war. Wenn er sie nicht hatte beschützen können. Vor sich selbst. Und überhaupt. Er hätte es sich eigentlich von vorne herein denken können. So eine Frau. Mit ihm. Das war utopisch. Sie mit ihrer überirdischen Schönheit. Und er, der kleine Architekt, der seit Jahren die schlechtbezahlte Stelle bei dem Versogungsunternehmen inne hat. Aber er hat Träume. Große sogar. Und Pläne. Das ist schließlich sein Job. Und weil er wusste, wie sehr sie das Meer liebte, hat er für sie ein Strandhaus entworfen. Es trägt ihren Namen. Das hatte er einmal in einem Kriminalfilm gesehen, dass im Süden die Häuser immer Namen tragen. Casa Isabel. Oder Auberge Chez Marie. Nur für sie beide. Und drei Kinder. Vielleicht auch vier. Irgendwann würde er ihr all die Entwürfe zeigen. Bald.

Er hätte es sich denken können, dass sie all das früher oder später mit ihren zarten Füßen treten würde. Aber er wollte es nicht hören. Er wollte die Blicke der Leute nicht sehen, die Augenpaare, die förmlich in seinen Rücken stachen. Für ihn gibt es nur sie beide. Jetzt und immer. Seine Welt ist nun einmal so ausgelegt. „Hallo, träumst du oder was?“. Ihre Stimme reißt ihn jäh aus seinen Gedanken. Er blinzelt und ist sich nicht sicher, ob das an dem Neonlicht, welches vom Hotel gegenüber schräg an ihrer Silhouette vorbei ins Zimmer dring, liegt oder an ihrer Schönheit. Er schiebt das weiße Laken zur Seite und fährt sich schlaftrunken durch die Haare. Der Ausblick aus diesem Hotelzimmer ist atemberaubend. Siebter Stock. Lange hatte er recherchiert, ehe er ihr die gemeinsame Reise vorschlug und war sehr erleichtert, dass sie sofort ja sagte. Und jetzt sitzt sie hier auf dieser Fensterbank mit nichts als ihrer Unterwäsche und ihrem bezaubernden Lächeln. Perfekter hätte es für ihn nicht sein können. Er geht zwei Schritte auf sie zu und spürte den warmen Wind, der durch das geöffnete Fenster ins Zimmer drang. Dahinter die Stadt. Ein Lichtermeer. Tausend winzige Punkte verschwimmen zu einem einzigen hellen Teppich. Er würde sie tragen. Beide. Er legt seine Hand in ihren Nacken und küsst sie. Er dachte an das Haus am Strand, seinen Chef und all die Leute. Er hatte das nicht gewollt. So nicht. Und vielleicht war es auch einfach nur der Wind. Aber in diesem Moment rutschte sie von der Kante der Fensterbank. Und sie flog. Hinein in das Meer aus tausend Lichtern.

 

© themagnoliablossom

Flut im Herz.

Inspiration, Musik

Manchmal bin ich geneigt, ja förmlich gezwungen, mir Dinge in meinem Kopf vorzustellen. Innen drin. So richtig schöne Dinge wie tiefblaue Ozeane, kristallweißen Pulverschnee, die Sonne, den Wind oder das Gefühl von Sand unter den nackten Füßen. Oder Liebe. Solche Dinge halt. Dann herrscht wieder Flut im Herzen und Ebbe im Kopf. Denn zuweilen, eher zu oft als zu selten, muss man der Realität auch mal entfliehen. Alle Fenster öffnen und kräftig durchlüften. Um zu erkennen, was denn nun wirklich real ist.

Happy Weekend ❤

 

Apfel. Kern.

Prosa

Manchmal zähle ich die Karos auf meiner Bettwäsche. Einhundertdreiundsechzig. Ohne das Kissen. Ich weiss nicht, ob dabei mittlerweile Monate oder Jahre vergangen sind. Wenn ich unten angelangt bin, fange ich oben wieder an. Das Leben ist ja so. Es geht immer weiter. Irgendwie. Dieses Irgendwie hat nur noch niemand so richtig definiert. Was relativ doof ist, weil es ja genau darauf ankommt.

Durch das geöffnete Fenster weht ein eisiger Wind. Ich sauge die klare Luft förmlich in mich hinein. Als ob sie die Fähigkeit besäße, mich zu reinigen. Zu befreien. Von dem Ballast. In mir. Als ob ich all das mit einem Atemzug loswerden könnte. Ein irrer Gedanke. Alles bleibt. Und ein Stechen in der Lunge gibt´s obendrauf. Gratis.

Die Sache ist ja die, dass sich die Welt immer weiter dreht und es immer wieder eine neue Zukunft gibt. Zukunft – das ist das, was in meinem Kopf passiert während ich die Karos zähle. Es ist ein schlechter Remix deines Lieblingssongs. Der letzte Schluck Kaffee, der immer kalt ist. Und die Tatsache, dass die Bolognese das einzige ist, was aufgewärmt irgendwie besser schmeckt. Ich weiss das. Natürlich. Aber es ist der Gaumenkitzel, der süße Nachgeschmack dieser Droge namens Realitätsflucht. Es sind jene Momente oder Jahre, in denen ich Karos zähle und dem Stechen in der Lunge ein wohliges Gefühl weicht. Ein Gefühl in dem alles möglich ist. Früher haben wir immer geglaubt, uns wüchse ein Apfelbaum im Bauch, wenn wir versehentlich einen Kern verschluckt haben. Stundenlang haben wir nichts getrunken, in dem irrwitzigen Glauben, dem Sprössling damit den Garaus zu machen. Heute trinken wir tagelang, um alles aus uns heraus zu spülen und wünschen uns eine weiße Leinwand auf die wir all unsere Sehnsüchte projizieren können.

Und trunken von all den Visionen, wächst manchmal aus einem Apfelkern eben doch ein Baum.

 

© themagnoliablossom

Glitzer

Prosa

Ich muss das Fenster öffnen. Die Luft rein und den Mief rauslassen. Ich kann nicht atmen. Die Schwere der vergangenen Monate liegt auf mir wie ein steinerner Briefbeschwerer. Die Luft ist so dick, dass man Stücke davon herausbrechen könnte. Ich bahne mir meinen Weg zum Fenster und öffne es mit einem Ruck. Eine Windhose weht mir entgegen. Draußen rascheln die Blätter. Es ist Herbst. Ich hätte es wissen müssen, denn ich trage wieder diesen dunklen Lippenstift, der irgendwie nur im Herbst so richtig gut aussieht. Ich ertrage diesen Geruch nicht. Er haftet überall. Die Kissen in meinem Bett, meine Kleidung und ja sogar die Bilderrahmen an der Wand riechen danach. Dieser Geruch. So etwas undefinierbar Ekliges. Stechendes, ja gar beißend lässt er es mir eiskalt den Rücken runterlaufen. In mein Herz gebohrt, hat sich dieser Geruch. Still und heimlich und nun mag er nicht mehr aus der Nase gehen. Ich habe ein zweites Fenster geöffnet und der Vorhang tanzt wie wild im Wind. Mir ist so kalt und du kannst nicht einmal etwas dafür. Es ist die Schlinge um meinen Hals, die sich immer enger zieht und das Blut in den Adern gefrieren lässt. Vornehme Blässe. So kommt der dunkle Lippenstift noch besser zur Geltung, dachte ich. Aber jetzt kann ich nicht mehr atmen.

Haben wir uns gefunden, um uns zu verlieren? In Worten und in Gedanken? Haben wir nicht versucht eine Brücke zu bauen über all die Abgründe und sind doch wieder nur zwischen den Welten gestrandet. War das nicht erst gestern? Nichts Ganzes und nichts Halbes. Nur ein Haufen Splitter. Aus Herzen. Die vertagen das nämlich nicht so gut. Frühjahrsputz im Herbst. Ich kehre alles auf. Ein ganz schöner Berg. Hier und da blitzt sogar ein bisschen Glitzer hervor. Dann muss ich niesen.

© themagnoliablossom

 

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Prosa

Hinter deinem Ohr, da ist diese Locke. Diese einzelne Strähne Haar, die sich nach einem Sommergewitter immer so schön kräuselt. Manchmal tut sie das auch, wenn du einfach nur so daliegst. Durch das geöffnete Fenster zieht ein Windhauch und sie bewegt sich ganz sanft zur Melodie des Windes. Das sieht schön aus, weil dein Kopf seitlich auf dem weißen Kissen liegt und die Locke so ganz viel Platz zum Tanzen hat. Die Haut hinter deinem Ohr ist weich. Sehr. Ich fahre mit meinem Finger die Kontur deines Gesichtes entlang. Die winzigen Bartstoppeln an deinem Kinn kitzeln mich und ich muss kichern. Dein Atem ist immer sanft. Nur kurz bevor du einschläfst, wird er ein bisschen kräftiger. Aber nie laut. Ein leises Schnauben. Ganz gleichmäßig, wie das Rauschen des Meeres. Manchmal liege ich einfach nur da und höre dir beim Schlafen zu. Ich finde das beruhigend. Irgendwie. Der Wind weht durch das geöffnete Fenster und kleidet uns beide in einen Hauch von Nichts. Nichts als weiße Laken und Wind. Ich spüre eine Gänsehaut auf meinem Rücken. Und ich bin mir nicht sicher, ob die von dem Wind kommt oder, weil deine Hand auf meiner liegt. Oder beides. Und obwohl ich völlig nackt bin, spüre ich eine Wärme. Ganz tief in mir und ich denke, dass genau jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, um die Welt anzuhalten.

 

 

© Julia

Ein ganzes Jahr

Kolumnen

Ich sitze an meinem großen Fenster und schaue hinaus in die Kälte. Beobachte, wie die winzigen, weißen Flöckchen lautlos auf die Erde fallen und ehe ich mich versehe, ist die ganze Stadt mit einem dicken, weißen Zuckerguss überzogen. Jeder Baumwipfel, jedes Haus, das ich von meinem Plätzchen aus sehen kann, hat etwas davon abbekommen.