Halb. Leer.

Inspiration, Kolumnen

Und dann bin ich einfach los geradelt. Entlang am Meer, vorbei an steilen Küsten und schroffen Felsen. Über klapprige Brücken durch versteckte Buchten. Über Stock und Stein. Und manchmal auch über gestrandete Herzen. Dort hin, wo die Menschen weniger werden und der Wind stärker. Ich trete in die Pedale. Fester und schneller und hinter jeder Kurve vermute ich den Fels in der Brandung. Doch es sind nur ein paar angeschwemmte Algen. Verknotet und verworren. Wie meine Haare bei all dem Wind. Und auch innen drin. Eher Kaugummi als Gummitwist. Aber es gibt kein zurück, denn mein Fahrrad besitzt keinen Rücktritt. Es geht ja immer nur vorwärts. Gegen den Wind. Also trete ich weiter. Die Gischt klatscht mir ins Gesicht und meine Wangen brennen. Warum ist das Meer so beständig? Die Wellen kommen und gehen und bilden einen angenehmen Geräuschteppich, der mich sanft umarmt. Die Stimmen in meinem Kopf werden leiser und mein Herz pumpt im gleichen Rhythmus Blut durch meinen Körper wie es Wellen an den Strand spült.

Es wird schlagartig dunkel und dicke Wolken schieben sich vor den Horizont. Vielleicht habe ich auch einfach nur die Zeit vergessen, bei all dem Sand der durch meine Finger rinnt. Und dann fängt es mitten auf der Sonneninsel an zu regnen. Erst nur ein bisschen, also fahre ich weiter entlang am Meer, das nun irgendwie so gar nicht mehr ruhig ist. Später werden die Reste der Mascara dunkle Striche in meinem Gesicht hinterlassen. Meine Hose klebt unangenehm auf meiner Haut und bei jedem Tritt knatscht es in meinen Schuhen. Unter ein paar dürftig zusammengehämmerten Holzbalken zwischen denen es nur so tropft und flattert finde ich Unterschlupf. Denn es hat sich eingeregnet. Links, rechts, über ja sogar unter mir nichts als graue Regenwolken. Ich sitze hier fest und habe nichts zu tun. Selbst wenn ich wollte. Kein Handy, kein Internet, kein Buch ja nicht einmal den Luxus von Stift und Papier. Meine Hauptbeschäftigung ist es, dem Regen beim Fallen zuzuschauen. Also sitze ich hier und tue nichts außer denken und selbst das ist zu viel. Was irgendwie befreiend ist. Und gut. Weil man Dinge ja auch einfach mal hinnehmen muss. Wie sie kommen und wie man sie nicht ändern kann. Anstatt machtlos zu sitzen und zu schauen was passiert machtvoll akzeptieren, dass überhaupt irgendetwas passiert. Denn nichts ist doch schlimmer als gar nichts. Zum Bespiel die flache Linie auf dem EKG.

Wenn alle anderen das Lager bereits verlassen haben und man selbst sitzen bleibt. Weil dieses Nichtstun und nichts denken so unfassbar gut tut. Weil es befreit von all den Konten in den Leitungen, die man so hat. Eine Lethargie der Gedanken. Eine Aneinanderreihung von Sekunden, die schöner nicht sein könnten. Eine Leere, die zu einer Erfüllung wird. Und dann sind zwei Stunden rum, was immerhin hundertzwanzig Minuten sind. Siebentausendzweihundert Sekunden und man sitzt. Man sitzt. Harrt aus. Wird eins mit dem Holz auf dem man sitzt und hofft insgeheim, dass etwas von dessen Patina abfärbt. Nur ein Hauch Nostalgie. Und etwas von dieser beständigen Beharrlichkeit. Alles einfach mal hinzunehmen. Und dann spürt man auf einmal so ein unfassbares Glück. Eine Wärme, die sich vom Bauch heraus im gesamten Körper ausbreitet. Von den Zehenspitzen bis zu den Augenbrauen. Und man weiß gar nicht woher das alles kommt und wo das alles hin soll. Es tropft und quillt nur so wie die Regenrinne nach dem heftigen Gewitter.

Aber wenn es schon mal da ist, dieses Gefühl, bittet man es herein. Wie man das halt so macht, wenn ungebetene Gäste so laut vor der eigenen Türe poltern. Vielleicht einen Keks zum Tee? Manchmal will man nämlich gar nicht glücklich sein. Sondern sich suhlen in einem Gefühl zwischen Weltschmerz und Wurzelbehandlung. Einfach so. Möchte man den Halb-Voll-Gläsernen einen Schluck aus ihrem Glas stibitzen. Oder zwei.

Und während man da so sitzt, schwitzt und sich nicht sicher ist, ob es vielleicht doch der Regen ist, realisiert man, dass alles irgendwann vorbei ist. Auch das Gute. Und manchmal auch einfach nur der Regen.

 

© themagnoliablossom

Patina.

Prosa

Dein linkes Augenlid zuckt etwas – wie immer, wenn du nicht weiss was du sagen sollst. Aber ganz viel sagen möchtest. Von innen heraus. Schweigen wird dann zu einer Option, die dir zumindest kurzfristig Linderung verschafft. Diese ganzen chemischen Prozesse – manche sagen auch Gefühle dazu – waren noch nie deins. Lieber gehst du ein bisschen Holz haken, wenn es etwas pikst in der Brust. Das ist ziemlich praktisch, denn nach ein paar Stunden ackern mit dem Beil geht dieses Piksen auch gut und gerne als Muskelkater durch. Du hast gern die Kontrolle, über alles und jeden und am allerliebsten über dich selbst. Dein Körper ächzt und krächzt, dein Herz pumpt so sehr, dass selbst du dessen Existenz nicht leugnen kannst. Tropfnass sitzt du da und dein Auge zuckt und zuckt und bei all dem Schweiß fallen auch die Tränen nicht auf, die sich klammheimlich unter seine Artgenossen gemischt haben. Ich kaufe einen großen Seifenkanister und versuche den Boden zu reinigen auf dem du deine Spuren hinterlassen hast, denn Blut und Wasser schwitzen ist eben doch nicht nur eine Redewendung. Der weiße Lappen saugt sich voll mit der roten Flüssigkeit und ich schrubbe und schrubbe, aber der Abdruck will nicht verschwinden. Wie reingebrannt. Die Sonne hat das Holz drum herum gegerbt und nur die Stelle, auf der du zusammengesunken und tropfnass gekauert bist, bleibt hell zurück. Es ist wie, wenn du ein Möbelstück nach Jahren von seinem gewohnten Platz verschiebst. Dann knarrt nicht nur der Dielenboden ganz fürchterlich, sondern dann bleiben da auch immer diese hellen Streifen zurück. Du bist mein heller Streifen. Aber man kann Möbel natürlich nicht für immer an ein und demselben Ort stehen lassen. Irgendwann muss man sie auch mal verrücken – und sei es nur um zu putzen, oder die Nachbarn zu ärgern. Ich fahre mit dem Finger über das helle Holz und bin überrascht wie glatt es an dieser Stelle ist. Als wäre der Boden das perfekte Pendant zu dir. Denn wenn man ein bisschen, nur ganz minimal, an der Oberfläche kratzt, dann spürt man die unebene, wunderschöne Patina zwischen all den Splittern. Dann möchte ich dich so gerne umarmen. Mit all deinen Sorgen und Ängsten, die dich wie ein unsichtbarer Kokon umhüllen. So richtig fest, weisst du. Aber dafür sind meine Arme viel zu kurz.

 

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Grenadine.

Prosa

Ich sitze im Schneidersitz vor dem Fenster und pule die Fusseln von meinem Wollpullover. Manche Dinge kann man ganz einfach abstreifen. Kleidung, Manieren oder eben Fusseln. Dein Geruch hingegen steckt ganz tief in meiner Nase. Ich beiße immer wieder in das Stück Zitrone in meinem Tee, obwohl mir jedes Mal die Gesichtszüge entgleisen aufgrund der Säure. Überhaupt mag ich süß viel lieber als sauer. Oder scharf. Mitohne. Immer. Du.

Wenn der Wind aus Südwest weht, drücke ich mein Ohr ganz fest auf deine linke Brust und lausche dem Konzert der Bässe. Unter all den Muskeln und Haaren schlägt tatsächlich ein Herz und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass es das nur mich tut. Für uns. Für diesen einzigen Moment Ewigkeit.

Die Jahre vergehen, aus Rosa wird Rot und alles bekommt mehr Farbe. Die Bäume mehr Ringe und die Linien um unsere Augen werden tiefer. Ich solle nicht in der Vergangenheit leben, sagen sie. Aber was ist, wenn du meine Zukunft bist? Wenn du alles bist, was dieser jämmerlichen Anhäufung von Zellen einen Sinn gibt? Nicht, weil ich mir das so ausgesucht hätte, sondern weil es so ist. Verstehst du, wie das unangenehme Stechen, wenn man zu hastig ein Getränk mit zu viel Kohlensäure trinkt. Ein kurzer, fieser Schmerz, der dir die Luft zum Atmen nimmt und sich bis in den Magen ausbreitet. Bloß Millisekunden – dann ist es vorbei. Und du wirst es immer wieder tun, weil der Mensch ja nun mal trinken muss. Und sind es nicht immer die Sekunden im Leben, die es zu dem machen, was es ist. Aneinandergereihte Entscheidungen, Zufälle – vielleicht alles ein perfider Plan? Wer weiss das schon. Hat man denn überhaupt eine Wahl? Ich hätte links abbiegen können. Dann hätte es dieses kleine Lächeln nicht gegeben. Diese zwei Sekunden, nach denen nichts mehr so ist wie es war oder sein wird. Und immer wenn ich die Liebeskarte ziehe, ist dein Antlitz darauf zu sehen – dabei führen so viele Wege nach Rom. Die staubige Landkarte liegt seit Jahren verknittert im Handschuhfach. Es fühlt sich immer noch so an, als ob die beste Zeit unsere war. Deine Hand auf meinem Knie und warmen Wind in den Haaren. Der hat sich ganz fies in den Gehirnwindungen verfangen und heute beschlägt meine Brille, weil meine Gedanken so heiß laufen.

Und dann esse ich mitten im tiefsten Winter diese ökologisch völlig inkorrekten Heidelbeeren, um wenigstens ein bisschen etwas von dem verblassten Gefühl einfangen zu können und dann schmecken sie mir nicht einmal. Weil keine Zeit für Romantik bleibt, weil du gelernt hast dem Wind zu trotzen auch wenn dir dieser verdammte Spiri-Tee sagt, du sollst auf dein Gefühl vertrauen und du es aber partout nicht finden kannst zwischen all den Splittern. Dann sitze ich mit roten Granatapfel Spritzern auf meinem weißen T-Shirt da, was eigentlich deins ist. Und stelle fest, dass es mein Herz ist, das übergelaufen ist. Keine Spuren des Liebesapfels. Ich eile auf den Balkon, weil es nur so quillt und spritzt und die Sauerei will ja auch immer keiner aufwischen. Purpurne Tropfen auf weißem Schnee. Schneewittchen. Ist die nicht an einem Apfel erstickt? Weisst du, ich vermisse dich manchmal so sehr, dass ich das Gefühl habe zu ersticken, obwohl ich keine Äpfel esse. Nicht im Winter und auch sonst nicht. Aber das Gefühl von dem warmen Wind in meinen Haaren, das werde ich nicht los. Und immer wenn der Wind aus Südwest weht, drücke ich mein Ohr ganz fest auf deine linke Brust und lausche dem Konzert der Bässe. Unter all den Muskeln und Haaren schlägt tatsächlich ein Herz und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass es das nur mich tut. Für uns. Für diesen einzigen Moment Ewigkeit.

 

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Notizbuch.

Prosa

Er sitzt im Café und zieht immer wieder den Saum seines Pullovers über das Handgelenk. Spätestens nach dem nächsten Schluck von dem schalen Bier muss er die Prozedur wiederholen. Er bestellt sich noch einen doppelten Espresso und schaut der Kellnerin nach, wie sie am Nebentisch die Bestellung aufnimmt. Sie schiebt die Hüfte leicht zur Seite und stellt ihren Fuß etwas schräg auf den alten Teppichboden. Die Scheiben des Cafés sind schon ganz beschlagen. Genau wie seine Brille, als er an diesem Sonntagnachmittag – wie jeden Sonntag – das Café an der Straßenecke betrat. Heute ist es voller als sonst und an manchen Stellen haben Kinder mit ihren tapsigen Fingern Kringel und andere Schmierereien in das kondensierte Wasser gezeichnet. Das mag er nicht sonderlich. Er bevorzugt es seine Ruhe zu habe. Wenn sich mit dem ersten Schluck Bier, welches ihm lauwarm den Rachen hinunter läuft, seine innere Anspannung löst und sich ein seltenes Wohlgefühl in ihm ausbreitet. Ein Bier trinkt er. Immer. Mehr hält er für nicht angemessen und weniger geht beim besten Willen nicht, da er sich sonst nicht in der Lage sieht mit ihr zu sprechen. Er nippt noch ein weiteres Mal an dem bereits abgestanden Bier und lässt seinen Blick durch den winzigen Raum wandern. Gerade einmal sieben Tische haben entlang der bodentiefen Glasfront Platz. An der Seite hängen schwere Vorhänge, die ein bisschen was von der kalten Luft draußen abschirmen. Normalerweise hat er von dem einzigen Tisch an der Wand – seinem Stammplatz – einen perfekten Blick rüber zur Theke. Denn meistens steht sie dort und schreibt etwas in ein kleines, rotes Notizbuch. Sie fährt mit ihren manikürten Fingern den Ledereinband entlang, zieht den Stift hervor und beginnt zu schreiben. Heute nicht. Heute ist mehr los als sonst und es bleibt keine Zeit für das Notizbuch. Heute schreibt sie zwei Milchkaffee, eine Apfelsaftschorle und zwei Stück Käsekuchen auf einen dieser Kellnerinenblöcke. Dort, wo sonst ihr rotes Notizbuch liegt, stapelt sich nun dreckiges Geschirr. Wenn der Spüljunge es nicht schnell genug in die Küche schafft, raunzt sie etwas Unverständliches und verdreht theatralisch ihre Augen. Der Junge lacht dann. Heute ist alles anders und das passt ihm so gar nicht in den Kram. Denn heute hatte er eigentlich mit ihr sprechen wollen. Die ganze Nacht hatte er wachgelegen und mit Buchstaben jongliert bis daraus halbwegs passable Sätze wurden. Er hatte ja nicht ahnen können, dass das Café heute so gut besucht sein würde. Bestimmt, weil heute nach dem zähen Nebel die Sonne heraus kam. Es ist kalt, aber sonnig geworden gegen Mittag und so haben viele Sonntagasspaziergänger das Café als Einkehr genutzt. Es liegt strategisch günstig zwischen den Park und einem Spielplatz in einem alten, imposanten Eckhaus. Eigentlich ist das Café schon etwas in die Jahre gekommen. Ein miefiger Teppichboden auf dem alte Tische aus massivem Holz stehen. Der Besitzer betreibt das Café schon eine halbe Ewigkeit, noch bevor hier alles hip war, verkaufte er tagein tagaus den selbstgebackenen Kuchen seiner Frau Hedwig. Mehr weiss er über den Besitzer nicht. Und wie er so darüber nachdenkt, fällt ihm auf, dass er ihn schon länger nicht mehr angetroffen hat bei seinen sonntäglichen Cafébesuchen. Jedenfalls, so mutmaßte er muss es an dem Wetter liegen, dass hier heute so viel los ist und die Menschen – ausgezehrt von der Kälte – auf der Suche nach etwas Warmem sind. Denn für gewöhnlich ist hier, etwas abseits des Stadtkerns gerade an Sonntagen wenig los. Es ist kein Café, an dem man einfach so vorbeiläuft. Man muss es schon kennen. Und er kennt es. Gegenüber der langen Glasfront befindet sich das Herzstück des Cafés. Die Kuchentheke reicht vom einen bis zum anderen Ende des kleinen Raumes. Heute schneidet sie im Akkord Stücke aus den ganzen Torten, schiebt sie auf die Teller mit dem goldenen Rand und setzt bei manchen noch eine extra Portion Sahne obendrauf. Er holt tief Luft und versucht das Geplänkel der Kinder zu ignorieren. Seine Sonntage verbringt er seit einigen Wochen immer hier, in diesem Café seit er in das Haus schräg gegenüber eingezogen ist. Er hatte sie eines Abends tränenüberströmt aus dem Café laufen sehen. Sie setzte sich auf den Bordstein und umklammerte dieses kleine, rote Notizbuch. Er überlegt einige Sekunden, zog den Schlüssel wieder aus dem Schloss und ging zu ihr rüber. Warum sie denn weine, fragte er sie nachdem er eine Weile schweigend neben ihr gesessen hatte. „Ich weine nicht, das ist nur der Regen. Kannst du ihn nicht sehen?“, antwortete sie und der Klang ihrer Stimme hatte ihn vom ersten Ton an verzaubert. Er schaute gen Himmel, zögerte einen Moment, weil weit und breit kein einziger Tropfen zu sehen war und antwortete: „Wahrhaftig. Regen“. Eine halbe Ewigkeit saßen sie schweigend nebeneinander in diesem Regen, bis sie einfach aufstand und in der Dunkelheit verschwand. „Komm mich im Café besuchen“ hatte sie noch in die Nacht gerufen. Und so kam es, dass er nun jeden Sonntag in dem alten Café an der Straßenecke verbachte. Sonntags ist ihre Schicht. Der Lohn ist schlecht, aber das Trinkgeld gut – wenn er da nur an sein eigenes dachte. Er weiss nicht einmal ihren Namen, woher sie kommt, wo sie wohnt. Aber seit jenem Abend kommt er jeden Sonntag in dieses Café. Sie begrüßt ihn freundlich, manchmal auch mit einem Lächeln, das ihn bis ins Mark trifft. Er sucht Sonntag für Sonntag nach dem Funken in ihrem Gesicht, der ihm zu verstehen gibt, dass sie ihn wiedererkennt. Wisse, wer er ist. Aber ihr Gesicht bleibt hinter der Freundlichkeit emotionslos. Dann geht sie ihrer Arbeit nach. Und ist zu allen anderen genauso freundlich, wie zu ihm. Das stört ihn, weil er sie für sich allein haben will. Weil er es war, der ihr in jener Nacht beistand. Nachdem sie ihm seine Bestellung an den Tisch gebracht hat, schrieb sie etwas in ihr Notizbuch. Zu gerne hätte er erfahren, was in ihrem Kopf vorgeht, wenn sie gedankenverloren aus den bodentiefen Fenstern schaute, auf die trostlose Straße. Aber er brachte es nicht fertig und konnte nur nervös an seinem Bier nippen.

Heute aber sollte es anders sein. Er hat sich fest vorgenommen, mit ihr zu sprechen. Sie all das zu fragen, was ihm seit jener Nacht den Schlaf raubt. Wie konnte sie so tun, als kenne sie ihn nicht? Sie muss doch wissen, dass er es ist, der jeden Sonntag hier sitzt, um in ihrer Nähe zu sein. Nicht, weil er wollte. Er hatte keine Wahl. Er musste das tun. Mit einem Schwung stellt sie ihm den doppelten Espresso vor die Nase. Er wird ihn brauchen, da er ja die ganze Nacht kaum geschlafen hat. Immer wieder geht er vor seinem geistigen Augen den Text durch, denn er sich so schön hatte zurechtgelegt. Er zieht den Saum des Pullovers über sein Handgelenk und beobachtet sie, wie sie ein Stück Torte auf den Teller hievt. Heute ist ihm hier viel zu viel Trubel, da versteht man ja sein eigenes Wort nicht, dachte er und hält es für besser erst einmal abzuwarten. Auf einen Sonntag hin oder her käme es jetzt schließlich auch nicht mehr an. Stunden vergehen, die ihm wie Minuten vorkommen. Der Espresso ist kalt, die Kinder samt ihrer Eltern sind verschwunden – was bleibt sind die verschmierten Scheiben. Herzchen und Kringel. Als der letzte Gast das Café verlässt, weht ein eisiger Wind unter den Vorhängen hindurch. „Wir schließen um 18.00 Uhr“, ruft sie freundlich in seine Richtung während sie mit einem Küchentuch über die Kaffeemaschine reibt. Er nimmt seine Brille vom Tisch und schiebt sie sich auf die Nase. Jetzt oder nie, denkt er und geht auf sie zu. Im selben Moment kommt der Spüljunge mit einer Zigarette im Mundwinkel aus der Küche und bietet ihr auch eine an. Auf halbem Weg macht er kehrt, greift sich an den Kopf und tut so, als sei ihm gerade etwas Wichtiges eingefallen. Dabei war es ein stechender Schmerz, der ihn durchbohrt, weil ihr Lächeln so unfassbar schön ist, dass es ihm weh tut. Also verlässt er als gebeutelter Krieger das Schlachtfeld und summt leise love is a battlefield.

Gerade als die Türe hinter ihm ins Schloss fällt beginnt es zu regnen. Er amüsiert sich über die kitschige Ironie des Schicksals und überquert die Straße, um nach Hause zu gehen. Als er mitten auf der Straße steht, ruft jene zauberhafte Stimme seinen Namen. Es gefriert ihm das Blut in seinen Adern und er muss die Luft anhalten. Ist das ein Traum? „Stefan, ich wollte dir noch etwas geben“, sagt sie und drückt ihm das kleine, rote Notizbuch in die Hand. „Dachtest du ernsthaft, mir ginge es nicht genauso?“. Und dann lacht sie. Ein schallendes Lachen, das bis ins Mark erschüttert und dessen Echo lange nachhallt. Er bleibt wie angewurzelt stehen und kann bloß wortlos zusehen, wie sie wieder in dem Café verschwindet. Regungslos schaut er auf das rote Notizbuch in seinen Händen und kann es nicht fassen. In diesem Moment kommt ein Lastwagen in einem Affenzahn um die Ecke gebogen. Erst wird es ganz hell und dann ganz warm.Das Notizbuch hat er fest an sich gedrückt, in Höhe seines Herzens, als man ihn findet.

 

© themagnoliablossom

Kissen für vier.

Prosa

Mit pochendem Herz liege ich in diesem Bett, das nicht meines ist und spüre mit jedem Atemzug wie das Blut durch meinen Körper gepumpt wird. Obwohl dein Zimmer unter meinem liegt, höre ich deine leisen Schritte über mir. Ich liege allein in einem Bett für zwei mit Kissen für vier. Das ist das Tolle an Hotels. Es gibt immer genug Kissen, mit denen du alles erdrücken kannst. Und seien es nur die aufkommenden Gefühle. Im Keim erstickt. Lautlos.

Der Bund der Strapse schneidet etwas in das Fleisch, weil sie den ganzen Abend an meinen Beinen hingen, wie du an meinen Lippen, aber es ist zu spät darüber nachzudenken, mich diesen zu entledigen. Es klopft an der Türe und plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich bloß pinkeln muss, oder tatsächlich etwas Bauchkribbeln habe. Ich öffne die Türe nur einen Spalt und sehe den Wassertropfen, der von deinen dunklen Locken auf den weißen Bademantel tropft. Ein toller Kontrast. Genau wie du. Mit einem Lächeln bitte ich dich herein und du hauchst mir einen Kuss auf die Stelle zwischen Hals und Schulter, genau in diese kleine Kuhle. Du riechst nach Zedernholz und ein bisschen nach Zitrone. Deine Haut ist noch leicht feucht als ich dir den Bademantel öffne. Natürlich wärst du nicht du, wenn darunter nicht noch ein Handtuch um deine Hüften geschlungen wäre. Immer alles gut absichern. Ich muss schmunzeln und streife den Träger meines Kleides über die Schulter. Langsam küsse ich dir die letzten Wassertropfen von der Burst und dann lassen wir uns in das Meer aus Kissen fallen. Und tauchen richtig tief ab.

 

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Ausgelöscht.

Prosa

Was, wenn da auf einmal Lücken sind. Im Regal. Wo anstatt der Bücher etwas Staub eingezogen ist. Und im Herzen. Da, wo einer ernsthaft gegangen ist. Manche Lücken lassen sich gut füllen. Die in Wänden oder auch die zwischen den Zähnen. Aber für Lücken in Herzen gibt es bislang keine Spezialisten. Kardiologen operieren ja mittlerweile am offenen Herzen, aber Lücken schließen, das können sie nicht. Wäre ja auch zu einfach. Denn mit den Wunden im Herz ist es ja so, dass sie die Angewohnheit haben, von Zeit zu Zeit und – je nach Belastung wieder aufzuspringen. Das frische Blut quillt und strömt dann nur so aus dem pumpenden Muskel hervor, man will stopp sagen und drückt den Finger auf die Wunde, in der irrwitzigen Annahme, man könne die Blutung stillen, ehe einen der nächste Schwall des flüssigen Rot lauwarm am Körper herunterrinnt. Die gute Tischdenke, würde Oma sagen und die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, aber man kann einfach nur regungslos dasitzen und dem Blut beim Kaltwerden zuschauen. Das weiße Leinen saugt es förmlich in sich auf. Rotweinflecken bekommt man gut mit Salz heraus, was Herzen anbelangt ist diese Methode keine gute Idee.

Nicht an dich zu denken, fällt schwer. Weil alles, einfach alles an dich erinnert. Das Knarren der Dielen, das Rascheln der Vorhänge und selbst der samtige Bezug der Kissen trägt deine Handschrift. Ich finde Bleistifte eine tolle Erfindung. Man kann etwas damit schreiben und anschließend mit einem Radiergummi alles wieder wegradieren. Wenn man sich geschickt anstellt und davor nicht allzu fest mit der Miene auf das Papier gedrückt hat, sieht man danach nichts mehr. Keine Spur mehr von dem, was da mal war. Keine Buchstaben, die sich zu Worten zusammenschließen. Keine Texte aus Worten über dich. Alles weg. Ausgelöscht. Im echten Leben ist das natürlich nicht so. Da muss man schonmal was aushalten und wenn es nur der Finger ist, den man in das pochende, rote Etwas hält, um es vor dem Überlaufen zu schützen. Manchmal muss man das Herz auch einfach halten, weil andere oder man selbst davor etwas daran kaputt gemacht hat. Und dagegen gibt es nichts von Ratiopharm. Mir fällt nur eine Form von Linderung ein. Ein Aufeinandertreffen von Labium und Labium –  im philematologischen Sinne. Ein Kuss von dir würde helfen. Es wäre ein Berühren zweier Lippen, ein Vereinen der (Lippen-) Herzen – ein Gefühl in einem Moment, in dem die Welt gerade kippen wollte. Und das ist bei einer Kugel gar nicht so einfach. Ich zwinge mich, nicht an deine Lippen zu denken und kann an nichts anderes mehr denken. Das ist die perfide Psychologie der Verbote. Ein Logik, die einen um den Verstand bringen kann. Oder einen das Herz kostet.

 

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Von tropfenden Haaren.

Prosa

Mit tropfender Nase stehst du vor meiner Türe. Die Kapuze eng um den Kopf geschlungen. „Kann ich rein oder kann ich rein“, fragst du während du von einem auf den anderen Fuß wippst. Der nasskalte Wind schleicht sich in meine mühsam geheizte Wohnung. Es passt gerade nicht, aber komm halt rein, antworte ich nach einer Weile, weil ich die Kälte nicht mehr ertrage. Die Türe fällt von innen ins Schloss, deine Jacke liegt wie ein nasser Sack auf den Fußboden. Und plötzlich sitzt der Herbst auf meiner Couch. Ich hab dich vermisst. Ist dein tinder kaputt, frage ich und stelle dir ein lauwarmes Bier hin. Du lachst etwas zu laut und ich setze mich im Schneidersitz auf meinen Lieblingssessel. Na, dann erzähl mal. Du nimmst einen Schluck von dem Bier, ohne eine Miene zu verziehen und knubbelst an dem Etikett. Weisst du noch, wie wir mit dem Boot auf den See gefahren sind? Damals im Sommer. Als uns die Welt gehört. Wir haben die Handys und Zigaretten in Plastiktüten gepackt und sind einfach raus gepaddelt. Meine Mutter saß am Ufer und wir dachten ernsthaft, sie würde nicht mitbekommen, dass wir heimlich rauchten. Ich erinnere mich an die Szenerie, sehe den Rauch förmlich über dem Boot empor steigen und muss lachen. Was waren wir naiv, sage ich schließlich. Ich vermisse das. Ich vermisse das Gefühl, verstehst du. Manchmal wache ich nachts auf, total nass geschwitzt und muss immerzu an diesen Sommer denken. Ich vermisse dich. Ich vermisse uns. Deine Stimme klingt traurig als die Worte deine Lippen verlassen. Aber ein bisschen was von deiner Überheblichkeit schwingt mit. Immer. Ich weiss nicht was ich sagen soll und sage einfach nichts. „Ist er hier?“, fragst du stattdessen. Und selbst wenn, sage ich. Manchmal sind die Dinge einfach so wie sie sind. Er ist toll. „Du bist toll. Damals und heute erst recht“, sagst du. Ich gehe in die Küche, um Teewasser aufzusetzen. Noch bevor das Wasser kocht, spüre ich deine Hand in meinem Nacken. Nur Sekunden später hast du meine Hüfte fest im Griff und mir ist mit einem Schlag alles andere als kalt. Dein Dreitagebart kitzelt die Stelle zwischen meinem Hals und meiner Schulter. Kichernd lege ich meinen Kopf zur Seite und du hauchst mir einen Kuss auf eben diese Stelle. Eine Armada von Ameisen macht sich auf den Weg von meinen Zehen bis zu den Haarspitzen. Ich drehe mich um und wuschle dir durch die Haare, die immer noch ein bisschen feucht sind. Vom Regen oder vom Duschen. Ich streiche dir eine Strähne aus dem Gesicht und es duftet noch immer nach demselben Shampoo. Du Arschloch, sage ich. Ich weiss, antwortest du und dein Blick lässt das Blut in meinen Adern gefrieren, weil deine Augen meinen standhalten und dabei so unfassbar traurig aussehen. Du küsst mich und für einen kurzen Moment denke ich darüber nach, ob ich jemals so geküsst worden bin. Ein letzter Tropfen rinnt aus deinen Haaren, oder waren das deine Augen?

Ich wache auf und es klingelt an meiner Türe.

 

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Permanent.

Prosa

Langsam rattert die Nadel und sticht Punkt für Punkt Farbe unter meine Haut. Aus diesen Punkten werden feine Linien und wenn man das Blut wegwischt, bleiben winzige Narben zurück. Dunkle, fast schwarzen Stellen auf der Haut. Da kannste duschen und schrubben wie du willst. Das geht nicht mehr weg. Für immer. Sind da diese vernarbten Hautstellen. Manchmal jucken die auch und dann vermischt sich frisches Blut mit der alten Farbe. Eher trostlos. Ich wasche die Tränen aus der Bettwäsche und betrachte das Rinnsal im Abfluss. Wenn man doch bloß alles so einfach auswaschen könnte. Ein bisschen Wasser und Seife und schwuppdiwupp ist alles wieder rein. Aber wahrscheinlich wäre es nur eine Frage der Zeit ehe wieder Geschichten mit neuer Farbe geschrieben werden. Und hell yeah, sind nicht gerade die Geschichten, die mit Permanent-Marker geschrieben werden ohnehin die besten? Ich schrubbe wie wild mit dem Bimsstein über meine Haut und die Stelle ist schon ganz rot. Ich schwitze. Oder sind das Tränen, was da von der Nasenspitze tropft? Mein Herz pocht und pumpt – als sei es dein Blut in meinem Kreislauf. Als seist du es, der meinen Kosmos beherrscht. Ich lasse eiskaltes Wasser über meine Stirn laufen und höre es dampfen. Tssch. Dabei friere ich bei der ganzen Hitze hier. Meine Nackenhaare feiern eine Stehparty und ich trinke Gin ohne Tonic, weil zum Stehblues nun mal zwei gehören. Aber das weißt du ja am besten – der, der sich Tag für Tag in meine Träume schleicht, du Traumtänzer. Und nachts mache ich das Licht an, damit es nicht so dunkel ist wie tagsüber. Dann sehe ich diese Stellen auf der Haut besser. Falls ich mal vergesse, was da war und was da ist. Immer. Noch. Für immer. Das ist reingeritzt. Verstehst du?

Vanillesüß.

Prosa

Langsam gleitet dein Zeigefinger über meine leicht geöffneten Lippen. Du schaust mich dabei an, als sei ich das Schönste, das du je zu Gesicht bekommen hast. Und für einen kurzen Moment glaube ich das sogar. Wortlos greift deine Hand in meinen Nacken, ziehst mich näher zu dir und gerade als ich dir sagen will, dass wir damit aufhören müssen spüre ich deine Lippen auf meinen. Warm und feucht. Du atmest ein und unsere Zungenspitzen berühren sich. Es schmeckt süß. Nach Vanille und ein bisschen nach Spätsommer. Die Hand löst sich aus der Verankerung in meinen Haaren und fährt sanft meinen Rücken herunter. Wirbel für Wirbel. Ich schließe die Augen und spüre, dass ich friere, als du an der Narbe links an der Brust angekommen bist. Überall Blut, aber vielleicht ist es bloß Schweiss. Nass. Deine Haare kleben an deiner Stirn. Du schaust mich an und ich sehe alle Sterne am Firmament, dabei ist es mitten am Tag. Hell. Und dunkel. Der Abgrund zwischen uns gefährlich tief. Der Aufprall. Hart. Du. In mir. Wir.

 

© themagnoliablossom

 

Feuerwerk.

Prosa

Ja, die Feiertage sind vorbei. Die Knöpfe am Hosenbund spannen, aufgerissenes Geschenkpapier ziert den Parkettboden, Tante Ilse ist abgereist ihre opulente Parfümwolke ist das einzige, was sich auch nach drei Tagen hartnäckig hält. Weihnachten ist vorbei. So schnell. Wie immer. Aber weisst du eigentlich, dass du mein Weihnachten bist? Du bist das Kribbeln im Bauch, wenn der Tisch gedeckt ist und alle Kerzen brennen. Du bist der erste Schluck Crémant auf nüchternen Magen. Du bist die Mousse au Chocolat, die samtig meinen Gaumen kitzelt. Du bist der Rotwein, mit dem ich deine Abwesenheit hinunterspüle. Du bist mein Last Christmas in Dauerschleife. Weisst du, du bist der Duft von Bratapfel und Gebäck, der mich liebevoll umarmt. Du bist Ankommen. Du bist nach Hause kommen. Alle Jahre wieder bist du die Spitze auf dem scheiss Tannenbaum. Meine Luft zum Atmen.

Ja, du bist mein Weihnachten. Du bist der Frühling im Winter. Du bist der, der alles auf den Kopf stellt. Du bist gegen die Natur, du bist die Klimaerwärmung und eigentlich gehörst du verboten.

Ich weiss, dass das jetzt nur so ist, weil alles Blut im Bauch ist, um die schwere Weihnachtsgans zu verdauen und nichts mehr für den Kopf überbleibt. Weil jetzt eben diese Zeit zwischen den Jahren ist, in der alle immer so ganz furchtbar sentimental sind und das Jahr Revue passieren lassen. Ich sitze auf dem alten Hausdach und nippe an meinem Bier. Weil es sich wie Sommer anfühlt. Mit geschlossenen Augen. Die Sonne kitzelt auf meiner Nase und ich muss niesen. Wie damals. Das ist meine Heimat. Dieses alte Haus, der Blick in die Stadt vom Dach aus. Der knarzige Baum da vorne links und die ratternde Tram. All das. Nach dem vierten Schluck Bier fühlt es sich tatsächlich nach Heimat an. Aber ich glaube Heimat, ist da wo das Herz ist und ich glaube Heimat ist wo du bist. Egal, wo auf der Welt – verstehst du?

Manchmal wünschte ich mir, du wärst ein Silvesterböller und würdest am 31. Dezember mit einem Affenzahn in den Himmel katapultiert werden und dich danach einfach in Luft auflösen. Manchmal wünsche ich mir das tatsächlich. Aber manchmal wünsche ich mir auch, dein Sozius zu sein.

 

© themagnoliablossom