Und manchmal ist das Leben ein Arschloch.

Prosa

Ich sitze unten am Fluss und halte meine Zehenspitzen ins kühle Nass. Die untergehende Sonne glitzert im Wasser und taucht es in warmes Blau. Obwohl es eigentlich braun-grün ist. Eher braun. So, wie deine Augen. Wie oft habe ich mir gewünscht in diese Augen zu schauen. Deine Augen. Nächtelang lag ich wach und redete mir ein, dass meine Schlaflosigkeit bloß von den fünf Tassen Kaffee rührt, die ich getrunken habe. Doch in Wahrheit dachte ich an deine Augen. An dich. An uns. Habe mir ausgemalt wie es wäre noch einmal in diese Augen zu schauen. Manchmal, da hast du plötzlich deine Augen aufgerissen, wenn wir uns geküsst haben – einfach so, um mich anzusehen. Wir mussten beide lachen. Und deine Augen bekamen dann einen ganz besonderen Glanz. Dann, wenn du glücklich warst. In diesen Nächten denke ich an die Tage mit dir. Endlose Tage am Meer, Sand unter meinen Füßen und Bauchschmerzen, weil du mich permanent zum Lachen gebracht hast. Vielleicht waren das aber auch gar keine Schmerzen in meinem Bauch, sondern Schmetterlinge. Wer weiss das schon. Es waren jene Tage im Sommer, an denen alles perfekt ist. Wir waren jung und unsere Haut roch nach Sonnencreme und die Küsse schmeckten nach Salz. Bittersüß. Wir hätten das damals schon wissen müssen. Doch der billige Wein, den wir aus der Flasche tranken ließ uns Pläne schmieden – weiter als der Horizont. Ich liebte die Art und Weise wie du mich angesehen hast, wenn wir miteinander schliefen. Du konntest nicht genug vor mir bekommen. Es war, als wäre eine unsichtbare Verbindung zwischen deinem und meinem Herzen, zwischen dir und mir. Ein starkes Tau. Kein du ohne mich. Kein ich ohne dich. Ohne uns kein wir. Wir haben drauf geschissen, was andere Leute gesagt und gemeint haben. Leute, die nichts damit zu haben. Mit uns. Wir lebten in unserem eigenen Kosmos und es war der schönste Stern auf Erden. Aber du warst nicht immer so glücklich. Manchmal wich der Glanz in deinen Augen einer Traurigkeit. Dann waren deine Augen eher braun als grün. Ein dunkle Mauer, die ich nicht durchschauen konnte. Obwohl ich alles von dir wusste. Wusste, wie es hinter diesem verschlossenen Tor aussah, hatte ich keinen Zugang. Du sagtest, kein Mensch sei dir so nah wie ich. Kein Mensch würde dich verstehen und begreifen, außer mir. Dein Leben ist nicht einfach und ich weiss, dass du dich deinem Schicksal stellen musst. Alles andere sei respektlos, sagest du. Aber manchmal frage ich mich, wo warst du? In diesen Nächten, wenn mein Herz rast, stolpert und sich vor lauter Erschöpfung übergeben muss. Dann frage ich mich wirklich. Wo warst du? Wo warst du all die Jahre in denen ich eine starke Schulter gebraucht hätte? In denen meine Augen dunkel und ohne Glanz waren.

Mein Zuhause ist in deinem Herzen, höre ich dich sagen und ich habe noch nie so wunderschöne und zugleich so traurige Augen gesehen, wie deine. Aber manchmal reicht Liebe einfach nicht. Und manchmal ist das Leben ein Arschloch.

Ich schaue auf das Wasser. Das Blau verschwimmt mit dem Grün und es ist eine trübe Brühe, die an mir vorbeizieht. Sie fließt immer weiter. Es gibt nur eine Richtung.

Du tippst mir von hinten mit einem Bier auf die Schulter. Danke, sage ich und du setzt dich zu mir runter auf die Steine. Dann sitzen wir eine Weile einfach so da und schauen dem Wasser beim Fließen zu.

 

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Beat.

Kolumnen, Prosa

Mit zittrigen Fingern tippe ich die Zahlen in das Display. Eine nach der anderen. Wie oft habe ich diese Zahlen schon getippt. Jene Zahlen, die in exakt dieser Reihenfolge eine Verbindung zu dir herstellen. Es ist schon verrückt, denn wenn ich zum Beispiel zuerst die drei wähle und dann die vier, komme ich bei einem Stefan raus. Obwohl es immer noch dieselben Zahlen sind. Nur die Reihenfolge ändert sich. Ich weiss das, weil ich es schon sehr oft ausprobiert habe. (Sorry, Stefan). Ein bewusst unbewusster Zahlendreher. Weil ich nicht wusste, was ich sagen würde, wärst tatsächlich du am anderen Ende der Leitung. Der Wind weht mir die Haare ins Gesicht und ich versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlt deine Stimme zu hören. Das Gefühl, wenn sich deine Stimmbänder heben und senken und der Klang dessen durch meine Ohren einen Weg in meinen Körper findet. Als wärst du dort nicht lange genug gewesen. Himmelherrgott was stelle ich mich an. Ich schließe die Augen, den Finger noch immer fest auf dem Wählen-Button gedrückt. Ich kann ihn nicht loslassen. Denn das würde bedeuten, dass ich dich tatsächlich anrufe. Ohne Zahlendreher. In den Filmen ist das immer so lässig-cool, wenn man nach Jahren einfach mal anruft und fragt, wie es denn so geht. Jetzt ist es das irgendwie nicht. Du nimmst viel zu schnell ab und ich kann den Schweiß in deinen Handinnenflächen fühlen. Du fragst, ob ich auf einem Konzert sei – dabei ist es mein Herzschlag, den du hörst. Was sind Tage, Monate oder Jahre? Aneinandergereihte Zahlen. In irrwitzigen Kombinationen. Aber am Ende doch nur Zahlen. Für die Musik ist die Reihenfolge entscheidend. Und wir tanzen zum selben Beat. Hier und jetzt. Und immer. Eine Weile atmen wir synchron in den Hörer und manchmal ist Schweigen einfach das allerschönste Gespräch.

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Bla bla bla.

Kolumnen

Wann haben wir denn zuletzt ein richtiges Gespräch geführt? Also, du und ich. Wir alle. Miteinander. Meine ich. In die Augen schauen, zu hören, Rückfragen mit allem Pipapo und vor allem echtem Interesse? Immer häufiger, so kommt es mir vor, treffen wir uns – wenn überhaupt physisch – zu kurzen Schlagabtäuschen. In Rekordzeit werfen wir uns an den Kopf, was bei dem jeweils anderen so los ist im Leben. Ein bisschen Smalltalk-Gehabe. Immer schön an der Oberfläche kratzen, aber vorsichtig, damit nicht zu viel Späne fliegen. Man will ja schließlich gut dastehen. Sich selbst im besten Licht präsentieren und möglichst wenig Diskrepanzen zum Instagram-Feed aufkommen lassen, oder?

Was früher „mein Haus, mein Auto, mein Boot“ war, wird durch „Mein Smartphone, meine Klamotten, mein Job, meine Freiheit“ abgelöst und scheint irgendwie zu einem Battle um Identität geworden zu sein. Ganz nach dem Motto: Zeig mir was du trägst und wo du einkaufst und ich sage dir, wer du bist. Das Einkaufsverhalten (nur bio!) sowie die Wahl der Einkaufsstätte (wie, du shoppst bei h&m?!) scheint elementar identitätsstiftend zu sein. Man schließt sich Gruppierungen an, um sich von andern abzugrenzen. Soweit nichts Neues.

Spiel. Satz. Sieg.

Aber können wir – in diesem ganzen Kosmos von Meinungen, die ethnozentristischer nicht sein könnten, überhaupt noch richtige Gespräche führen? Unserem Gegenüber zuhören, andere Sichtweisen annehmen und einen Dialog auf Augenhöhe führen? Oder verkommen wir viel mehr zu einer Generation, die sich auf das bloße Abladen von Information – in einer Art verbalem Ping Pong – besinnt? Hier und da gekonnt ein paar Oh´s und Ah´s fallen lassen nur, um die Zeit der eigenen Redepause zu überbrücken und interessiert zu wirken? Ein Monolog folgt dem anderen, in dem wir uns so gut wie möglich präsentieren? Uns selbst darstellen? Gut frisiert und optimiert?

Me, myself and I?

Wollen wir nur unseren Alltagsballast abladen und uns den Kopf frei reden? Ist es letztendlich egal, ob unser Gegenüber zuhört oder nicht? Geht es dabei ohnehin nicht (wieder) nur um uns selbst? Gestatte ich das auch meinem Rezipienten, ohne dass mich die Antwort tatsächlich interessiert? Weil ich doch noch einen Hauch an Empathie hege? „Das hat etwas Gönnerhaftes“, sagt Doris Märtin, die sich auf ihrem Blog sage und schreibe mit intelligenter Kommunikation beschäftigt. Somit wären wir wieder bei dem Egoismus, der unserer Generation ja so gern nachgesagt wird. Dreht sich in unserer Welt tatsächlich und ausschließlich alles nur um uns selbst? Heucheln wir Interesse, um von uns selbst berichten zu können? Von dem was wir sind und wer wir sein wollen? Sind wir tatsächlich solche Blender?

Denke ich an die letzten Gespräche mit meiner Freundin, muss ich ehrlicherweise zugeben, dass oftmals jede erzählt, was bei ihr gerade so passiert im Leben und das Gesagte häufig unkommentiert bleibt. Weil die Zeit nicht reicht oder warum auch immer. Dabei ginge es nicht darum, sich möglichst intelligent zu unterhalten, um Interesse zu zeigen und am besten schon vor dem Frühstück philosophische Grundsatzdiskussionen zu führen, so Märtin weiter. Oftmals sei es auch einfach wichtig, nur zu plappern. Um Schweigen zu überbrücken oder um des bloßen Redenswillen. Solche „verbalen Puffer“ schaffen Nähe und stellen eine Verbindung zum Gegenüber her. Denn Kommunikation besteht nicht nur aus dem inhaltlichen Aspekt, sondern zu einem Großteil aus dem Beziehungsaspekt. Faktoren wie Körpersprache, Stimmfarbe und Gestik spielen eine nicht unerhebliche Rolle.

Selfie? Twofie!

Achten wir doch beim nächsten Schlagabtausch über die neusten Geschehnisse lieber auf das Funkeln in den Augen oder die gekräuselten Lippen anstatt uns einfach nur berieseln zu lassen. Verlassen wir die oberflächliche Smalltalk-Ebene, steigen tiefer ein und lassen ernsten Gedankenaustausch zu. Denn wer es sich zu sehr in seiner eigenen (Gedanken-) Welt gemütlich macht, tut sich zusehends schwer mit der Vorstellung, dass es auch noch etwas anderes gibt. Andere Gedankengänge, Ansichten, Prioritäten, Überzeugungen und Meinungen. Da fehlt dann die Reflexion, denn die Handykamera sagt einem nicht, dass man es gerade gewaltig übertreibt. Und das schürt wieder den Egoismus, den wir ja eigentlich nicht wollen, oder?

 

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