Golden.

Prosa

Auf knarrenden Dielen laufe ich hinein in den dunklen Flur. Links und rechts sitzen ein paar Menschen auf alten, dunkelgrünen Samtsofas und trinken Gin mit Tonic. Die Gesichter sind hinter den schweren Kristallgläsern nur als helle Schatten zu erahnen. Das schummrige Kerzenlicht hüllt ihre Mienen in ein geheimnisvolles Halbdunkel.

Ich schüttle meinen Regenschirm, um ihn von den letzten Tropfen zu befreien und ein bisschen auch, um mich meinem Unbehagen zu entledigen. Die dunklen Halbschatten quittieren meine Sprenkel-Aktion mit einer Mischung aus pikiert sein und müdem Lächeln. Der Boden ist jetzt gefährlich glatt und ich muss aufpassen, dass ich nicht ausrutsche.

Als ich um die Ecke biege, sitzt du bereits am Tisch. Der quadratische Raum ist genauso grün wie die Sofas am Eingang und die Wände sind golden. Es glitzert etwas. Aber vielleicht sind das auch deine Augen. Es ist ein schöner Tisch. Mitten im Geschehen, aber dennoch weit genug entfernt, um etwas Privatsphäre zu genießen. „Hallo“ sage ich und du drückst mir einen Kuss auf die Wange. Deine Lippen sind so zart, dass ich mehr als bereitwillig die Andere hinhalte.

Dann sitzen wir also auf ledernen Stühlen, zwischen Vorfreude und Nervosität gesellt sich ein infantiles Gekicher und ein Platz bleibt frei. Wir wissen beide nicht, wie wir ihn füllen sollen. Und wenn es nur der Abstand von einem zum anderen Tischende ist. Weil wir uns nicht entscheiden können, nimmt der Kellner einen Stuhl mit, weil andere sich anscheinend sehr wohl entscheiden können. Ich streiche etwas über die dunkle Schieferplatte und schaue direkt vorbei an deinen Augen. Dein dunkelblauer Anzug sitzt so perfekt, dass ich mich frage, ob du dich hast einnähen lassen. Seidiger Glanz auf dem allerfeinsten Garn. Ich ziehe einen abstehenden Faden aus meiner Bluse und fühle mich schäbig. Der Kellner kommt zum dritten Mal an den Tisch und ich weiss noch immer nicht, was ich will. Getränke wie „Sex on the Beach“ oder „Orgasm“ würden den Kloß in der Kehle nur hinreichend befriedigen, zumal es etwas Derartiges hier nicht auf der Karte gibt. Ich halte nach Einmal-Alles Ausschau, aber auch das suche ich vergeblich.

Im Prinzip ist es ja ganz einfach: Man hat eine Karte, in der man sich aus  dreihundertfünfundvierzig Cocktails einen aussucht. Das Problem ist jedoch, dass die alle ziemlich gut klingen. Und wenn man noch nie etwas von Gin-Espuma oder China-China Virana gehört hat, dann sollte man das vielleicht auch einfach mal probieren. Oder vertraut man auf die bewährten Klassiker? Mit Gin und Tonic kann man schließlich nicht viel falsch machen, wie die Herren am Eingang eindrucksvoll bewiesen haben. Hinlänglich bekannt, dass Altbewährtes aber auch niemals der Ort ist, an dem die Magie passiert. Oder doch?

Du überschlägst deine Beine und dein Knie berührt für eine Millisekunde das meine. Wer schon einmal an einen Elektrozaun gefasst hat, weiss wie sich das anfühlt. Der Champagner in meinem Drink ist quasi nur das Wasser in der Wanne und der Föhn gefährlich nahe. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck und lecke mir die pinken Zuckerkörner von den Lippen.

Fast ein Jahr ist es her, dass ich den Klang deiner Stimme in meinen Ohren gehört habe. Und noch immer ist das deine Lieblingsmusik. Während du redest und erzählst bin ich fasziniert von deinem Einstecktuch, oder dem Muskel darunter, der bei jedem Schluck aus dem schweren Kristallglas zuckt. Mir wird etwas heiss und du legst dein kaltes Herz auf den Tisch. Es knackt, weil die Luft gefriert. Ich weiss wie der Hase läuft, sage ich und wünschte, ich wüsste es nicht. Wenn du Champagner bestellst und Maraschino Likör bekommst, läuft irgendetwas falsch. Und zwischen all dem Art Déco komme ich mir wie ein Ikearegal vor und muss an Carrie denken.

Weil zwei zu wenig und vier zu viel sind, gehen wir nach genau drei Drinks. Du fischst einen 100 Euro Schein zwischen all den Fünfzigern und denen mit noch mehr Nullen hervor. Stimmt so. Du bist der Lilafarbene untern den Goldenen. Jackpot. Ich vergesse mit Absicht meinen Schirm und hake mich bei dir unter. Muskelberge unter feinem Gewand. Regentropfen perlen genauso ab wie Gefühle. Und wenn es für jeden Topf einen Deckel gibt, bin ich eine Teflonpfanne, denke ich mir und noch bevor ich Luft holen kann, spüre ich deine zarten Lippen auf meinen. Später auch auf denen in meinem Gesicht.

 

© Julia

Löwenherz.

Prosa

Für einen Abend im Frühling ist es nicht besonders mild. Aber auch nicht besonders kalt. Irgendwas dazwischen. Der Typ hinter der Bar schiebt zwinkernd zwei Flaschen Bier über den Tresen. „Da bist du also“, sage ich und proste dir zu. Der kühle Hopfensaft rinnt wohltuend die Kehle hinab. Du lächelst und es fühlt sich nach so langer Zeit wie immer an. Als hätten diese sechs Jahre nicht stattgefunden. Einfach übersprungen. Wir reden seit Stunden über ein Leben, das nicht unseres ist. Buchstaben reihen sich aneinander und werden zu ernsthaften Worten. Erwachsen geworden sind wir. Irgendwie. Trunken und taumelnd in Erinnerungen stelle ich fest, dass dein Herz gar nicht so kalt ist wie das Bier in meiner Hand. Sag mal, können wir nicht einfach Stopp drücken und zum Anfang zurückspulen?

Du erzählst mir von diesem dunkelgrünen Jeep mit hochklappbaren Türen. Deinen Touren durch die Welt. Den Bergen und Seen. Der Sonne und dem Regen. Und ich möchte dir für immer zuhören. Deinen Geschichten lauschen von Kämpfen mit Löwen, von der Wildnis und von deinen Narben. Weil deine Stimme für immer Musik in meinen Ohren ist. Weil in deiner Brust ein Löwenherz schlägt. Ich weiss das, weil ich es schon einmal von innen gesehen habe. Rot und weich. Zerbrechlich wie ein Straußenei. Aber nachts sind alle Katzen schwarz. Du bist der Held deiner ganz persönlichen Safari und selbst Sandstürme gehen spurlos an dir vorbei, mag man meinen. Aber ich weiss es besser. Und manchmal möchte ich einfach dein Herz in die Hand nehmen und es an einen sicheren Ort tragen. Dabei bin ich das Löwenbaby, das mit einem sanften Nackenbiss in Sicherheit gebracht werden muss. Bleibst du hier, bis der Morgen graut?

Die Nächte sind immer so kurz und ein Morgen haben wir nicht. Du bist weg und ich bin hier und manchmal bin ich weg und du hier. Ich lasse eine Münze durch den schmalen Schlitz fallen und drücke den schmierigen Hörer fester an mein Ohr. Weitere fünf Minuten knackendes Rauschen, das durch gleichmäßigen Atem unterbrochen wird. Ich brauche eine Stunde um hallo zu sagen und für all die Münzen, die in meiner schweißnassen Hand kleben bekommen wir nicht einmal eine Sekunde zum Reden.

Aber wenn wir das jetzt hier nicht zusammen durchziehen, wie können wir dann leben? Können wir dann überhaupt atmen? Mit all dem Sand in der Lunge? Wir können uns nicht zurücklassen. Straußeneier haben kein Verfallsdatum. Weisst du, ich war in so vielen Zoos und habe sämtliche Tierarten auf verschiednen Kontinenten beobachtet nur um festzustellen, dass Löwen meine Lieblingstiere sind.

Und nun brennt die Sonne klar und heiß in mein Gesicht, dass der Schweiss nur so rennt und ich zwischen all der Hitze nicht merke, dass es Tränen sind, die im sandigen Boden verpuffen. Bevor hier Herzen in Flammen aufgehen – lass uns mit deinem Jeep in die Wüste fahren und den Sand alles ersticken bevor wir Fata Morgana sagen können.

Und wenn ich dich noch einmal umarmen könnte – mit Haut und Löwenhaar – ich würde dich nicht mehr loslassen. Das ist ein Versprechen. Weil ich nicht mehr ohne dich sein kann. Du bist die Safari meines Lebens.

 

© Julia

Alter Ego

Inspiration

Alexa Karolinski hat die großartige und auch irgendwie angsteinflößende Erfindung der New Yorker Professorin Sabine Seymour in einem Kurzflim wunderschön inszeniert. Es geht um einen zunächst gewöhlich scheinenden BH, der sich im Laufe des Films zu einer Art Alter Ego entwickelt und als Stimme aus dem Off immer wieder zum Nachdenken anregt. Übrigens toll gespielt von Mark Ronsons Schwester Annabelle Dexter Jones. Was ziemlich futuristisch klingt, könnte schon bald Alltag sein, wenn es nach Sabine Seymour geht, die mit ihrem Startup SUPA.ai genau das produziert. Sprechende Kleidung. Eingewebte Sensoren als Schnittstelle zwischen Mode und Technik ermöglichen ein Sammeln wichtiger körperbezogene Messergebnisse und künstliche Intelligenz ermöglicht es, die Daten zu interpretieren. Venetzt mit anderen Faktoren können diese Ergebnisse Bewegungen und Gesten der Träger deuten und so tatsächlich zu einem Alter Ego werden.

 

Bei aller Zukunftvision und Science-Fiction-Feeling zeigt der Film vor allem etwas, was uns inbesondere in der stressigen Vorweihnachtszeit ein bisschen abhanden gekommen zu sein scheint. Achtsamkeit, für die kleinen Dinge und unser Umfeld. Anhalten. Zuhören. Weiter laufen, aber nicht davon.

Denn es ist ja so: Bei all dem Streben nach Perfektion, der Selbstoptimierung und dem ultimativen Glück verpassen wir nämlich ganz schön oft ganz schön viel, während unsere Augen auf diversen Bildschirmen kleben.

Was wäre, wenn es tatsächlich ein unsichbare Stimme gäbe, die uns tagtäglich mit unseren so herrlich festgefahrenen Marotten konfrontiert?

 

„We are disconnected in all kinds of ways and we hardly ever realize it“

 

 

 

 

Notizbuch.

Prosa

Er sitzt im Café und zieht immer wieder den Saum seines Pullovers über das Handgelenk. Spätestens nach dem nächsten Schluck von dem schalen Bier muss er die Prozedur wiederholen. Er bestellt sich noch einen doppelten Espresso und schaut der Kellnerin nach, wie sie am Nebentisch die Bestellung aufnimmt. Sie schiebt die Hüfte leicht zur Seite und stellt ihren Fuß etwas schräg auf den alten Teppichboden. Die Scheiben des Cafés sind schon ganz beschlagen. Genau wie seine Brille, als er an diesem Sonntagnachmittag – wie jeden Sonntag – das Café an der Straßenecke betrat. Heute ist es voller als sonst und an manchen Stellen haben Kinder mit ihren tapsigen Fingern Kringel und andere Schmierereien in das kondensierte Wasser gezeichnet. Das mag er nicht sonderlich. Er bevorzugt es seine Ruhe zu habe. Wenn sich mit dem ersten Schluck Bier, welches ihm lauwarm den Rachen hinunter läuft, seine innere Anspannung löst und sich ein seltenes Wohlgefühl in ihm ausbreitet. Ein Bier trinkt er. Immer. Mehr hält er für nicht angemessen und weniger geht beim besten Willen nicht, da er sich sonst nicht in der Lage sieht mit ihr zu sprechen. Er nippt noch ein weiteres Mal an dem bereits abgestanden Bier und lässt seinen Blick durch den winzigen Raum wandern. Gerade einmal sieben Tische haben entlang der bodentiefen Glasfront Platz. An der Seite hängen schwere Vorhänge, die ein bisschen was von der kalten Luft draußen abschirmen. Normalerweise hat er von dem einzigen Tisch an der Wand – seinem Stammplatz – einen perfekten Blick rüber zur Theke. Denn meistens steht sie dort und schreibt etwas in ein kleines, rotes Notizbuch. Sie fährt mit ihren manikürten Fingern den Ledereinband entlang, zieht den Stift hervor und beginnt zu schreiben. Heute nicht. Heute ist mehr los als sonst und es bleibt keine Zeit für das Notizbuch. Heute schreibt sie zwei Milchkaffee, eine Apfelsaftschorle und zwei Stück Käsekuchen auf einen dieser Kellnerinenblöcke. Dort, wo sonst ihr rotes Notizbuch liegt, stapelt sich nun dreckiges Geschirr. Wenn der Spüljunge es nicht schnell genug in die Küche schafft, raunzt sie etwas Unverständliches und verdreht theatralisch ihre Augen. Der Junge lacht dann. Heute ist alles anders und das passt ihm so gar nicht in den Kram. Denn heute hatte er eigentlich mit ihr sprechen wollen. Die ganze Nacht hatte er wachgelegen und mit Buchstaben jongliert bis daraus halbwegs passable Sätze wurden. Er hatte ja nicht ahnen können, dass das Café heute so gut besucht sein würde. Bestimmt, weil heute nach dem zähen Nebel die Sonne heraus kam. Es ist kalt, aber sonnig geworden gegen Mittag und so haben viele Sonntagasspaziergänger das Café als Einkehr genutzt. Es liegt strategisch günstig zwischen den Park und einem Spielplatz in einem alten, imposanten Eckhaus. Eigentlich ist das Café schon etwas in die Jahre gekommen. Ein miefiger Teppichboden auf dem alte Tische aus massivem Holz stehen. Der Besitzer betreibt das Café schon eine halbe Ewigkeit, noch bevor hier alles hip war, verkaufte er tagein tagaus den selbstgebackenen Kuchen seiner Frau Hedwig. Mehr weiss er über den Besitzer nicht. Und wie er so darüber nachdenkt, fällt ihm auf, dass er ihn schon länger nicht mehr angetroffen hat bei seinen sonntäglichen Cafébesuchen. Jedenfalls, so mutmaßte er muss es an dem Wetter liegen, dass hier heute so viel los ist und die Menschen – ausgezehrt von der Kälte – auf der Suche nach etwas Warmem sind. Denn für gewöhnlich ist hier, etwas abseits des Stadtkerns gerade an Sonntagen wenig los. Es ist kein Café, an dem man einfach so vorbeiläuft. Man muss es schon kennen. Und er kennt es. Gegenüber der langen Glasfront befindet sich das Herzstück des Cafés. Die Kuchentheke reicht vom einen bis zum anderen Ende des kleinen Raumes. Heute schneidet sie im Akkord Stücke aus den ganzen Torten, schiebt sie auf die Teller mit dem goldenen Rand und setzt bei manchen noch eine extra Portion Sahne obendrauf. Er holt tief Luft und versucht das Geplänkel der Kinder zu ignorieren. Seine Sonntage verbringt er seit einigen Wochen immer hier, in diesem Café seit er in das Haus schräg gegenüber eingezogen ist. Er hatte sie eines Abends tränenüberströmt aus dem Café laufen sehen. Sie setzte sich auf den Bordstein und umklammerte dieses kleine, rote Notizbuch. Er überlegt einige Sekunden, zog den Schlüssel wieder aus dem Schloss und ging zu ihr rüber. Warum sie denn weine, fragte er sie nachdem er eine Weile schweigend neben ihr gesessen hatte. „Ich weine nicht, das ist nur der Regen. Kannst du ihn nicht sehen?“, antwortete sie und der Klang ihrer Stimme hatte ihn vom ersten Ton an verzaubert. Er schaute gen Himmel, zögerte einen Moment, weil weit und breit kein einziger Tropfen zu sehen war und antwortete: „Wahrhaftig. Regen“. Eine halbe Ewigkeit saßen sie schweigend nebeneinander in diesem Regen, bis sie einfach aufstand und in der Dunkelheit verschwand. „Komm mich im Café besuchen“ hatte sie noch in die Nacht gerufen. Und so kam es, dass er nun jeden Sonntag in dem alten Café an der Straßenecke verbachte. Sonntags ist ihre Schicht. Der Lohn ist schlecht, aber das Trinkgeld gut – wenn er da nur an sein eigenes dachte. Er weiss nicht einmal ihren Namen, woher sie kommt, wo sie wohnt. Aber seit jenem Abend kommt er jeden Sonntag in dieses Café. Sie begrüßt ihn freundlich, manchmal auch mit einem Lächeln, das ihn bis ins Mark trifft. Er sucht Sonntag für Sonntag nach dem Funken in ihrem Gesicht, der ihm zu verstehen gibt, dass sie ihn wiedererkennt. Wisse, wer er ist. Aber ihr Gesicht bleibt hinter der Freundlichkeit emotionslos. Dann geht sie ihrer Arbeit nach. Und ist zu allen anderen genauso freundlich, wie zu ihm. Das stört ihn, weil er sie für sich allein haben will. Weil er es war, der ihr in jener Nacht beistand. Nachdem sie ihm seine Bestellung an den Tisch gebracht hat, schrieb sie etwas in ihr Notizbuch. Zu gerne hätte er erfahren, was in ihrem Kopf vorgeht, wenn sie gedankenverloren aus den bodentiefen Fenstern schaute, auf die trostlose Straße. Aber er brachte es nicht fertig und konnte nur nervös an seinem Bier nippen.

Heute aber sollte es anders sein. Er hat sich fest vorgenommen, mit ihr zu sprechen. Sie all das zu fragen, was ihm seit jener Nacht den Schlaf raubt. Wie konnte sie so tun, als kenne sie ihn nicht? Sie muss doch wissen, dass er es ist, der jeden Sonntag hier sitzt, um in ihrer Nähe zu sein. Nicht, weil er wollte. Er hatte keine Wahl. Er musste das tun. Mit einem Schwung stellt sie ihm den doppelten Espresso vor die Nase. Er wird ihn brauchen, da er ja die ganze Nacht kaum geschlafen hat. Immer wieder geht er vor seinem geistigen Augen den Text durch, denn er sich so schön hatte zurechtgelegt. Er zieht den Saum des Pullovers über sein Handgelenk und beobachtet sie, wie sie ein Stück Torte auf den Teller hievt. Heute ist ihm hier viel zu viel Trubel, da versteht man ja sein eigenes Wort nicht, dachte er und hält es für besser erst einmal abzuwarten. Auf einen Sonntag hin oder her käme es jetzt schließlich auch nicht mehr an. Stunden vergehen, die ihm wie Minuten vorkommen. Der Espresso ist kalt, die Kinder samt ihrer Eltern sind verschwunden – was bleibt sind die verschmierten Scheiben. Herzchen und Kringel. Als der letzte Gast das Café verlässt, weht ein eisiger Wind unter den Vorhängen hindurch. „Wir schließen um 18.00 Uhr“, ruft sie freundlich in seine Richtung während sie mit einem Küchentuch über die Kaffeemaschine reibt. Er nimmt seine Brille vom Tisch und schiebt sie sich auf die Nase. Jetzt oder nie, denkt er und geht auf sie zu. Im selben Moment kommt der Spüljunge mit einer Zigarette im Mundwinkel aus der Küche und bietet ihr auch eine an. Auf halbem Weg macht er kehrt, greift sich an den Kopf und tut so, als sei ihm gerade etwas Wichtiges eingefallen. Dabei war es ein stechender Schmerz, der ihn durchbohrt, weil ihr Lächeln so unfassbar schön ist, dass es ihm weh tut. Also verlässt er als gebeutelter Krieger das Schlachtfeld und summt leise love is a battlefield.

Gerade als die Türe hinter ihm ins Schloss fällt beginnt es zu regnen. Er amüsiert sich über die kitschige Ironie des Schicksals und überquert die Straße, um nach Hause zu gehen. Als er mitten auf der Straße steht, ruft jene zauberhafte Stimme seinen Namen. Es gefriert ihm das Blut in seinen Adern und er muss die Luft anhalten. Ist das ein Traum? „Stefan, ich wollte dir noch etwas geben“, sagt sie und drückt ihm das kleine, rote Notizbuch in die Hand. „Dachtest du ernsthaft, mir ginge es nicht genauso?“. Und dann lacht sie. Ein schallendes Lachen, das bis ins Mark erschüttert und dessen Echo lange nachhallt. Er bleibt wie angewurzelt stehen und kann bloß wortlos zusehen, wie sie wieder in dem Café verschwindet. Regungslos schaut er auf das rote Notizbuch in seinen Händen und kann es nicht fassen. In diesem Moment kommt ein Lastwagen in einem Affenzahn um die Ecke gebogen. Erst wird es ganz hell und dann ganz warm. Das Notizbuch hat er fest an sich gedrückt, in Höhe seines Herzens, als man ihn findet.

 

© Julia

Von tropfenden Haaren.

Prosa

Mit tropfender Nase stehst du vor meiner Türe. Die Kapuze eng um den Kopf geschlungen. „Kann ich rein oder kann ich rein“, fragst du während du von einem auf den anderen Fuß wippst. Der nasskalte Wind schleicht sich in meine mühsam geheizte Wohnung. Es passt gerade nicht, aber komm halt rein, antworte ich nach einer Weile, weil ich die Kälte nicht mehr ertrage. Die Türe fällt von innen ins Schloss, deine Jacke liegt wie ein nasser Sack auf den Fußboden. Und plötzlich sitzt der Herbst auf meiner Couch. Ich hab dich vermisst. Ist dein tinder kaputt, frage ich und stelle dir ein lauwarmes Bier hin. Du lachst etwas zu laut und ich setze mich im Schneidersitz auf meinen Lieblingssessel. Na, dann erzähl mal. Du nimmst einen Schluck von dem Bier, ohne eine Miene zu verziehen und knubbelst an dem Etikett. Weisst du noch, wie wir mit dem Boot auf den See gefahren sind? Damals im Sommer. Als uns die Welt gehört. Wir haben die Handys und Zigaretten in Plastiktüten gepackt und sind einfach raus gepaddelt. Meine Mutter saß am Ufer und wir dachten ernsthaft, sie würde nicht mitbekommen, dass wir heimlich rauchten. Ich erinnere mich an die Szenerie, sehe den Rauch förmlich über dem Boot empor steigen und muss lachen. Was waren wir naiv, sage ich schließlich. Ich vermisse das. Ich vermisse das Gefühl, verstehst du. Manchmal wache ich nachts auf, total nass geschwitzt und muss immerzu an diesen Sommer denken. Ich vermisse dich. Ich vermisse uns. Deine Stimme klingt traurig als die Worte deine Lippen verlassen. Aber ein bisschen was von deiner Überheblichkeit schwingt mit. Immer. Ich weiss nicht was ich sagen soll und sage einfach nichts. „Ist er hier?“, fragst du stattdessen. Und selbst wenn, sage ich. Manchmal sind die Dinge einfach so wie sie sind. Er ist toll. „Du bist toll. Damals und heute erst recht“, sagst du. Ich gehe in die Küche, um Teewasser aufzusetzen. Noch bevor das Wasser kocht, spüre ich deine Hand in meinem Nacken. Nur Sekunden später hast du meine Hüfte fest im Griff und mir ist mit einem Schlag alles andere als kalt. Dein Dreitagebart kitzelt die Stelle zwischen meinem Hals und meiner Schulter. Kichernd lege ich meinen Kopf zur Seite und du hauchst mir einen Kuss auf eben diese Stelle. Eine Armada von Ameisen macht sich auf den Weg von meinen Zehen bis zu den Haarspitzen. Ich drehe mich um und wuschle dir durch die Haare, die immer noch ein bisschen feucht sind. Vom Regen oder vom Duschen. Ich streiche dir eine Strähne aus dem Gesicht und es duftet noch immer nach demselben Shampoo. Du Arschloch, sage ich. Ich weiss, antwortest du und dein Blick lässt das Blut in meinen Adern gefrieren, weil deine Augen meinen standhalten und dabei so unfassbar traurig aussehen. Du küsst mich und für einen kurzen Moment denke ich darüber nach, ob ich jemals so geküsst worden bin. Ein letzter Tropfen rinnt aus deinen Haaren, oder waren das deine Augen?

Ich wache auf und es klingelt an meiner Türe.

 

© themagnoliablossom

 

Beat.

Kolumnen, Prosa

Mit zittrigen Fingern tippe ich die Zahlen in das Display. Eine nach der anderen. Wie oft habe ich diese Zahlen schon getippt. Jene Zahlen, die in exakt dieser Reihenfolge eine Verbindung zu dir herstellen. Es ist schon verrückt, denn wenn ich zum Beispiel zuerst die drei wähle und dann die vier, komme ich bei einem Stefan raus. Obwohl es immer noch dieselben Zahlen sind. Nur die Reihenfolge ändert sich. Ich weiss das, weil ich es schon sehr oft ausprobiert habe. (Sorry, Stefan). Ein bewusst unbewusster Zahlendreher. Weil ich nicht wusste, was ich sagen würde, wärst tatsächlich du am anderen Ende der Leitung. Der Wind weht mir die Haare ins Gesicht und ich versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlt deine Stimme zu hören. Das Gefühl, wenn sich deine Stimmbänder heben und senken und der Klang dessen durch meine Ohren einen Weg in meinen Körper findet. Als wärst du dort nicht lange genug gewesen. Himmelherrgott was stelle ich mich an. Ich schließe die Augen, den Finger noch immer fest auf dem Wählen-Button gedrückt. Ich kann ihn nicht loslassen. Denn das würde bedeuten, dass ich dich tatsächlich anrufe. Ohne Zahlendreher. In den Filmen ist das immer so lässig-cool, wenn man nach Jahren einfach mal anruft und fragt, wie es denn so geht. Jetzt ist es das irgendwie nicht. Du nimmst viel zu schnell ab und ich kann den Schweiß in deinen Handinnenflächen fühlen. Du fragst, ob ich auf einem Konzert sei – dabei ist es mein Herzschlag, den du hörst. Was sind Tage, Monate oder Jahre? Aneinandergereihte Zahlen. In irrwitzigen Kombinationen. Aber am Ende doch nur Zahlen. Für die Musik ist die Reihenfolge entscheidend. Und wir tanzen zum selben Beat. Hier und jetzt. Und immer. Eine Weile atmen wir synchron in den Hörer und manchmal ist Schweigen einfach das allerschönste Gespräch.

© themagnoliablossom

Hauptdarsteller.

Prosa

Du hast da diese kleinen Fältchen, wenn du lächelst. Wie ein Fächer legen sie sich um deine Augen. Ein physischer Ausdruck deiner Reife als Sinnbild deiner Worte. Wie lange ist es her? Drei oder vier Jahre? Sind es doch schon fünf? Die Zeit rennt ja. Immer. Deine Gestik und das Timbre in deiner Stimme ist noch dasselbe wie damals. Aber irgendetwas ist anders, als wir uns an diesem Spätsommernachmittag treffen. Zufällig. Weil das irgendeine rote Ampel und ein verspäteter Termin so entschieden hat. Die Sonne steht schon tief und das warme Licht umhüllt dich mit einem goldenen Schimmer. Du bist so schön. Am liebsten möchte ich deine samtig aussehende Haut berühren, nur um sicher zu gehen, dass sie das tatsächlich noch ist. Diese Sekunde der Begegnung kommt mir vor wie ein Film mit Überlänge. Knatternd läuft der alte Film über die Rolle. Ein bisschen staubig, die Farbe fehlt. Aber der Hauptdarsteller bist noch immer du. Nach all den Jahren. Aus den Augen aus dem Sinn. Ich versuche mich an den Schmerz von damals zu erinnern, aber er mag nicht kommen. Ich fühle ihn nicht.

Irgendetwas ist anders. Es ist der Ausdruck in deinen Augen, es ist die bedachte Wahl deiner Worte und die Fähigkeit mir in Augen zu schauen, während du mit mir sprichst. Du hauchst mir einen Kuss auf die Wange und der Film reißt. Ich weiss nicht, wie lange wir an dieser Straßenecke stehen während du mir von deinem Leben erzählst. Erwachsen geworden bist du, sage ich. Und ein Hauch von Erstaunen liegt in meiner Stimme, oder ist es Bewunderung? Dass du all das vor dem du immer Angst hattest, nun in Angriff genommen hast? Dich dem gestellt hast, wovor du jahrelang davongelaufen bist? Ein bisschen Stolz bin ich, obwohl es nicht mein Verdienst ist. Irgendetwas ist anders. Vielleicht ist es der kühle Wind, der den nahenden Winter ankündigt. Ein Vorbote. Du fragst mich nach meinen Wünschen und was ich denn so will vom Leben. Jetzt und im nächsten Jahr und überhaupt. Ich atme tief ein und ein kleines, kaum merkliches Funkeln in deinen sonst so dunklen Augen verrät mir, dass du es längst weisst. Ich frage mich, ob das je aufhört. Wie ein Fluch, der auf uns lastet. In Wellen zieht er seine Bahnen. Ein regelrechter Strudel und es gibt kein Entkommen. Doch wenn wir uns hineinwagen, ertrinken wir, noch bevor wir Seepferdchen sagen können. Aber haben wir denn eine Wahl? Hatten wir denn je eine Wahl?

Manchmal, wenn es regnet, denke ich an dich. Und mit dem kühlen Wind zieht dann auch immer ein bisschen Wehmut ein und wirbelt den Staub auf, mit dem die alten Fotos überzogen sind. Ich liege in meinem Bett und lasse die Zeit einfach so verstreichen und zähle die Putzkörnchen an der Wand. Manchmal habe ich auch ein Ziehen in der Burst. Vornehmlich links.

 

© themagnoliablossom