Spot.Light.

Prosa

Du zwickst mir mit deinem Daumen und Zeigefinger in die Nase und steigst mit Schuhen auf das dunkle Ledersofa. Immer in die Wunde, sage ich und nicht nur, weil du weisst, dass ich meine Nase zu groß finde. Auch weil du ansonsten sehr großzügig mit dem Salzsteuer umgehst, wenn es um klaffende Wunden geht. Ich hasse das, aber irgendwie machst du das auf eine so charmante Art und Weise, dass ich dir nicht böse sein. Es liegt immer auch ein Hauch Erkenntnis in deiner Wundbehandlung, wenn man das so nennen kann. Ein sanftes Ermahnen zur Reflexion. Mehr fühlen, in sich hinein und weniger denken. Das ginge nur, wenn man den Finger von der Wunde nehme und es auch mal so richtig ausbluten lasse, sagst du immer. Du liebst es, wenn ich schnaubend und wütend vom einen auf den anderen Fuß trete und nicht weiss, was ich dir als Antwort servieren soll. Mit Floskeln lässt du dich nämlich nicht abspeisen. Also stehst du auf diesem dunklen Ledersofa und lächelst von oben auf mich herab. Zuckersüß. Ich weiss, dass du am liebsten meine Hand nehmen und mich zu dir heraufziehen möchtest. Aber stattdessen prostest du mir zu und jeder nimmt wortlos einen großen Schluck aus dem noch viel größeren Glas. Du Wodka Tonic und ich Gin Tonic. Das knackende Eis ist neben dem bitteren Tonic die einzige Gemeinsamkeit. Dein Adamsapfel bewegt sich hastig auf und ab und in null Komma nichts ist der Wodka leer und das Eis schmilzt, weil die Luft so heiß ist. Hier und zwischen uns. Immer.

Du bewegst dich rhythmisch im Takt, das grelle Licht des Stroboskops blitzt immer wieder auf und ich sehe überall nur Hände, die in die Luft gerissen werden. Lachende Gesichter mit gläsernen Augen. Perfekte Mienen ohne Patina. Mir wird schwindlig und ich lasse mich auf das Ledersofa fallen. Mit einer bestimmten Geste schiebst du die Leute auf die Seite und setzt dich zu mir. „Na, Kleine. Alles okay?“, fragst du mich und streichst mit deiner Hand kaum spürbar über meinen Rücken. Ja, sage ich und überschlage meine Beine. Aber klein bin ich nicht, flüstere ich in dein linkes Ohr und zeige mit dem Kopf auf meine High Heels. 10 Zentimeter. Damit bin ich fast größer als du. Du lachst. So sehr, dass das ganze Sofa wackelt. Dann beugst du dich zu mir rüber und drückst mir einen Kuss auf den Hals. Genau in die Kuhle, wo der Hals in das Schlüsselbein übergeht. Sicher ist sicher. Ich bekomme eine Gänsehaut obwohl ich schwitze.

Warum ich das gemacht hätte, fragst du mich in dem Moment als der Bass kurz aussetzt. Effekthascherei. Aber du willst es wirklich wissen. Warum? Wie kann die Vergangenheit eine Rolle spielen bei etwas, das keine Zukunft hat? „Weil es den Zauber kaputt macht“, sagst du und deine Oberlippe berührt dabei ganz zufällig mein Ohrläppchen. Ich fühle mich schuldig, obwohl ich es nicht bin und sehe das Salz aus deinem imaginären Salzstreuer auf mich herab rieseln. Ich kann links abbiegen oder rechts. Ich kann auch einfach weiter geradeaus gehen. Aber wenn ich stehen bleibe, verstehst du, dann ist es so als würde ich aufhören zu atmen. Du sagst Dinge, die ich nicht hören will und im nächsten Atemzug Dinge, von denen ich nicht ahnen konnte, wie schön sie in meinen Ohren klingen würden. Also sitzen wir hier noch eine Weile zwischen wippenden Füßen und zuckenden Armen, zwischen Bass und Snare Drum und erklären uns die Welt. Eine Parallelwelt, die nur uns gehört. Wir fühlen den Beat und hören, wie das Blut durch unsere Körper rauscht. „Lass es ausbluten“, flüsterst du und legst deine Hand auf meine linke Brust.

Als ich wieder atmen kann, stehe ich draußen an eine raue Hausmauer gelehnt. Mein Hintern ist kalt und mein Herz auch. Du hast deine Arme um meine Schultern gelegt und das Licht der Straßenlaterne sticht fies in die an Dunkelheit gewohnten Augen. Alles scheint hell erleuchtet. Auch das, was man nicht sehen möchte. Es ist, als würde dieses Licht uns durchleuchten, wie Röntgenstrahlen. Und so stehen wir angezogen voreinander und sind doch nackt. Ausgeblutet. Du hauchst mir einen Kuss auf meine Lippen, der so zart ist wie deine Wimper, die ich dir von Wange streiche. Fünf Sekunden, vielleicht auch zehn. Eine Ewigkeit. Mit geschlossenen Augen wird das grelle Licht zum Sternenhimmel. Und da ist er wieder, der Zauber.

 

© Julia

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Halb. Leer.

Inspiration, Kolumnen

Und dann bin ich einfach los geradelt. Entlang am Meer, vorbei an steilen Küsten und schroffen Felsen. Über klapprige Brücken durch versteckte Buchten. Über Stock und Stein. Und manchmal auch über gestrandete Herzen. Dort hin, wo die Menschen weniger werden und der Wind stärker. Ich trete in die Pedale. Fester und schneller und hinter jeder Kurve vermute ich den Fels in der Brandung. Doch es sind nur ein paar angeschwemmte Algen. Verknotet und verworren. Wie meine Haare bei all dem Wind. Und auch innen drin. Eher Kaugummi als Gummitwist. Aber es gibt kein zurück, denn mein Fahrrad besitzt keinen Rücktritt. Es geht ja immer nur vorwärts. Gegen den Wind. Also trete ich weiter. Die Gischt klatscht mir ins Gesicht und meine Wangen brennen. Warum ist das Meer so beständig? Die Wellen kommen und gehen und bilden einen angenehmen Geräuschteppich, der mich sanft umarmt. Die Stimmen in meinem Kopf werden leiser und mein Herz pumpt im gleichen Rhythmus Blut durch meinen Körper wie es Wellen an den Strand spült.

Es wird schlagartig dunkel und dicke Wolken schieben sich vor den Horizont. Vielleicht habe ich auch einfach nur die Zeit vergessen, bei all dem Sand der durch meine Finger rinnt. Und dann fängt es mitten auf der Sonneninsel an zu regnen. Erst nur ein bisschen, also fahre ich weiter entlang am Meer, das nun irgendwie so gar nicht mehr ruhig ist. Später werden die Reste der Mascara dunkle Striche in meinem Gesicht hinterlassen. Meine Hose klebt unangenehm auf meiner Haut und bei jedem Tritt knatscht es in meinen Schuhen. Unter ein paar dürftig zusammengehämmerten Holzbalken zwischen denen es nur so tropft und flattert finde ich Unterschlupf. Denn es hat sich eingeregnet. Links, rechts, über ja sogar unter mir nichts als graue Regenwolken. Ich sitze hier fest und habe nichts zu tun. Selbst wenn ich wollte. Kein Handy, kein Internet, kein Buch ja nicht einmal den Luxus von Stift und Papier. Meine Hauptbeschäftigung ist es, dem Regen beim Fallen zuzuschauen. Also sitze ich hier und tue nichts außer denken und selbst das ist zu viel. Was irgendwie befreiend ist. Und gut. Weil man Dinge ja auch einfach mal hinnehmen muss. Wie sie kommen und wie man sie nicht ändern kann. Anstatt machtlos zu sitzen und zu schauen was passiert machtvoll akzeptieren, dass überhaupt irgendetwas passiert. Denn nichts ist doch schlimmer als gar nichts. Zum Bespiel die flache Linie auf dem EKG.

Wenn alle anderen das Lager bereits verlassen haben und man selbst sitzen bleibt. Weil dieses Nichtstun und nichts denken so unfassbar gut tut. Weil es befreit von all den Konten in den Leitungen, die man so hat. Eine Lethargie der Gedanken. Eine Aneinanderreihung von Sekunden, die schöner nicht sein könnten. Eine Leere, die zu einer Erfüllung wird. Und dann sind zwei Stunden rum, was immerhin hundertzwanzig Minuten sind. Siebentausendzweihundert Sekunden und man sitzt. Man sitzt. Harrt aus. Wird eins mit dem Holz auf dem man sitzt und hofft insgeheim, dass etwas von dessen Patina abfärbt. Nur ein Hauch Nostalgie. Und etwas von dieser beständigen Beharrlichkeit. Alles einfach mal hinzunehmen. Und dann spürt man auf einmal so ein unfassbares Glück. Eine Wärme, die sich vom Bauch heraus im gesamten Körper ausbreitet. Von den Zehenspitzen bis zu den Augenbrauen. Und man weiß gar nicht woher das alles kommt und wo das alles hin soll. Es tropft und quillt nur so wie die Regenrinne nach dem heftigen Gewitter.

Aber wenn es schon mal da ist, dieses Gefühl, bittet man es herein. Wie man das halt so macht, wenn ungebetene Gäste so laut vor der eigenen Türe poltern. Vielleicht einen Keks zum Tee? Manchmal will man nämlich gar nicht glücklich sein. Sondern sich suhlen in einem Gefühl zwischen Weltschmerz und Wurzelbehandlung. Einfach so. Möchte man den Halb-Voll-Gläsernen einen Schluck aus ihrem Glas stibitzen. Oder zwei.

Und während man da so sitzt, schwitzt und sich nicht sicher ist, ob es vielleicht doch der Regen ist, realisiert man, dass alles irgendwann vorbei ist. Auch das Gute. Und manchmal auch einfach nur der Regen.

 

© themagnoliablossom

Patina.

Prosa

Dein linkes Augenlid zuckt etwas – wie immer, wenn du nicht weiss was du sagen sollst. Aber ganz viel sagen möchtest. Von innen heraus. Schweigen wird dann zu einer Option, die dir zumindest kurzfristig Linderung verschafft. Diese ganzen chemischen Prozesse – manche sagen auch Gefühle dazu – waren noch nie deins. Lieber gehst du ein bisschen Holz haken, wenn es etwas pikst in der Brust. Das ist ziemlich praktisch, denn nach ein paar Stunden ackern mit dem Beil geht dieses Piksen auch gut und gerne als Muskelkater durch. Du hast gern die Kontrolle, über alles und jeden und am allerliebsten über dich selbst. Dein Körper ächzt und krächzt, dein Herz pumpt so sehr, dass selbst du dessen Existenz nicht leugnen kannst. Tropfnass sitzt du da und dein Auge zuckt und zuckt und bei all dem Schweiß fallen auch die Tränen nicht auf, die sich klammheimlich unter seine Artgenossen gemischt haben. Ich kaufe einen großen Seifenkanister und versuche den Boden zu reinigen auf dem du deine Spuren hinterlassen hast, denn Blut und Wasser schwitzen ist eben doch nicht nur eine Redewendung. Der weiße Lappen saugt sich voll mit der roten Flüssigkeit und ich schrubbe und schrubbe, aber der Abdruck will nicht verschwinden. Wie reingebrannt. Die Sonne hat das Holz drum herum gegerbt und nur die Stelle, auf der du zusammengesunken und tropfnass gekauert bist, bleibt hell zurück. Es ist wie, wenn du ein Möbelstück nach Jahren von seinem gewohnten Platz verschiebst. Dann knarrt nicht nur der Dielenboden ganz fürchterlich, sondern dann bleiben da auch immer diese hellen Streifen zurück. Du bist mein heller Streifen. Aber man kann Möbel natürlich nicht für immer an ein und demselben Ort stehen lassen. Irgendwann muss man sie auch mal verrücken – und sei es nur um zu putzen, oder die Nachbarn zu ärgern. Ich fahre mit dem Finger über das helle Holz und bin überrascht wie glatt es an dieser Stelle ist. Als wäre der Boden das perfekte Pendant zu dir. Denn wenn man ein bisschen, nur ganz minimal, an der Oberfläche kratzt, dann spürt man die unebene, wunderschöne Patina zwischen all den Splittern. Dann möchte ich dich so gerne umarmen. Mit all deinen Sorgen und Ängsten, die dich wie ein unsichtbarer Kokon umhüllen. So richtig fest, weisst du. Aber dafür sind meine Arme viel zu kurz.

 

© themagnoliablossom