London Calling.

Inspiration, Lifestyle

Ich schiebe meinen Koffer umständlich das Gate entlang. Diese ebenerdigen Rolltreppen waren noch nie meins. Am Ende des unterirdischen Gangs gibt es drei Aufzüge zu vier Plattformen. Abgesehen von dem Sandwich im Flugzeug hatte ich nichts gegessen und mir ist etwas flau im Magen. Es ist ja nicht so, dass ich noch nie alleine geflogen wäre. Irgendwohin. Nicht auf die Nase. Das nämlich schon öfter.

Es ertönt ein lauter Gong. Platform Three. Weil alle aussteigen, steige ich auch aus. Obwohl der Weg zur Quelle ja immer gegen den Strom führt, laufe ich der Masse nach. Am Ende gibt es zwei Gleise für zwei Züge. Einer, der aus der Stadt rausführt und der andere, der die Menschen in die Stadt transportiert. Das mag ich an England. Dieses uralte U-Bahn-System. Für jemanden, der trotz Navigationsgerät in die falsche Richtung (immer!) läuft, ist das sehr angenehm.

Als ich mir ein Ticket kaufen möchte, spricht mich eine ältere Dame an, die locker als Queen Elisabeth hätte durch gehen können. „Möchten Sie in die Stadt fahren, junge Dame?“. Ich übersetzte das you als Sie wobei es getrost ein Du hätte sein könnte, so nett und vertraut wie das aus ihrem Mund klingt. Ich entscheide mich aber bewusst für Sie, weil alles andere nicht Queen-Elisabeth-Style gewesen wäre. Ich nicke also heftig und bekomme ein Ticket in die Hand gedrückt. „Das ist ein Tagesticket. Damit können Sie noch den ganzen Tag fahren. Ich fliege jetzt nämlich nach Paris und werde es nicht mehr brauchen“. Oh, das ist aber nett, sage ich und freue mich wie ein Schnitzel. Sowieso sind hier alle so nett. Wobei nett im Vergleich zu lovely nur verlieren kann. Aber liebreizend oder herzallerliebst sagt ja heutzutage kein Mensch mehr. Schade, eigentlich, denke ich. Wir plaudern noch ein Weilchen und wünschen uns dann gegenseitig einen lovely day. Entgegen aller Oberflächlichkeit war diese Begegnung tatsächlich lovely. Ich passiere das Drehkreuz und spüre ein leichtes Bauchkribbeln.

Der Zug rattert aus dem Tunnel heraus und ich muss meine Augen etwas zusammenkneifen, weil die Sonne zwischen den Bäumen direkt in mein Gesicht scheint. Dahinter diese typischen, englischen Reihenhäuser. Manche mit winzigen Dachterrassen und ganz viel Grün. Ich nehme die Kopfhörer aus dem Ohr und bin einfach nur glücklich.

Da konnte ich ja noch nicht ahnen, wie sehr ich mich verlieben würde. Ganz nach dem Motto, 1000 mal berührt und nix passiert. 1001 mal und es zoom gemacht. Und wie.

 

| Sommersethouse

Nur wenige Gehminuten von dem umtriebigen The Strand zwischen One Aldwych und Waterloo Bridge verbirgt diese kleine Oase der Ruhe. Und Strand hat hier nichts mit Sand und Palmen zutun, sondern bezeichnet den Straßenabschnitt, der die City of London mit Westminster verbindet. Die typisch roten Doppeldeckerbusse reihen sich geduldig zwischen den Black Cabs ein (Übrigens: immer ein Black Cab heran winken, die sind nicht nur schöner, sondern auch die offiziellen Taxis mit Lizenz). Mit zahlreichen Geschäften und Hotels herrscht hier eine bunte Mischung aus Touristen, Geschäftsleuten und Obdachlosen. Die neben den stoisch dreinblickenden Butler vor den Luxushotels ein skurriles (Stadt-) Bild abgeben.

Zugegeben, den Eingang zum Innenhof des Sommersethouse muss man ein bisschen suchen. Schon beim Betreten des dunklen Gangs erschleicht einem das Gefühl von Ruhe und der Lärm der Stadt rückt mit jedem Schritt mehr in die Ferne.

Hier scheint die Sonne im Frühling und Herbst besonders lange, sodass man auch zu späterer Stunde noch ein paar Strahlen (für den typisch englischen Glow, den hier alle haben – jeglichem blass oder krebsrot Klischee zum Trotz) einfangen kann. Vielleicht liegt das aber auch an der sympathischen Art des Daydrinkings. Well…

Tipp: Sich vom hübschen Barista im Fernandez & Wells einen vorzüglichen Flat White zaubern lassen und in Ruhe Leute gucken. Man darf sich dabei gerne wie Keira Knightley fühlen, die sich hier als Herzogin von Ralph Finnes hat küssen lassen. Perfekte (Film-) Kulisse. Bei Regen unbedingt in die kleine, aber feine Buchhandlung nebenan gehen und sich inspirieren lassen und ein paar Mitbringsel besorgen.

Inspiration ist ein gutes Stichwort: Das Sommersethouse ist Zentrum für Bildende Künste und es gibt immer wechselnde Ausstellungen. Was natürlich auch entsprechend stylische Menschen magisch anzieht. Wer sich den kreativen Londoner Style abgucken will, dann hier.

Im Ostflügel des Gebäudes residiert das Kings College, d. h. Man kann wunderbar Cool Kids beobachten.

 

| Theatres / The long list

London ist für seine umfangreiche Theaterlandschaft bekannt. Von klassisch bis modern bis hin zu Indie-Produktionen ist alles dabei. Kunst und Kultur können sie, die Briten.

Wer bei Theater an schicki-mickie und das Kleine Schwarze denkt, irrt. Der Engländer nimmt den Ausdruck come as you are in diesem Fall wortwörtlich. Jeans, T-Shirt und die Tüte mit der Shopping-Ausbeute. Den Sprakling Rosé bestellt man per App und lässt ihn sich in der Pause an den Platz bringen #smart. Die Stimmung steigt, es wird angefeuert und mitgesungen. Go, Girl. So ganz anders als bei einem typischen Theaterabend in Deutschland. Das hat mir sehr gut gefallen. Dieses Involvement. Und überhaupt.

The Savoy Theatre, Prince Edward, Apollo, Royal Albert Hall – die Liste der Theaterlandschaft in London ist lang.

Das Savoy ist das prestigereichste und opulenteste Hotel Londons. Nur ein paar (viele) Treppenstufen unter der Erde in Richtung Flussbett der Themse befindet sich das kleine, feine Theater mit roten Samtsesseln und einer winzigen Empore. Auf dem Weg zur Toilette kann man sich hier schon mal verirren, so verwinkelt sind die unterirdischen Gänge.

 

Viele Restaurants bieten zudem günstige Pre- and After Theatre Menüs an. Einfach mal gucken.

Fun Fact: Der Court des Savoy ist der einzige Platz in ganz England, wo auf der rechten Seite gefahren wird – damit die Black Tabs bequem wenden können, sagt man. Außerdem wurde der Eisbecher Pfirsich Melba in einer der sieben Küchen des Savoys erfunden.

Tipp: Nach der Vorstellung den offiziell-inoffiziellen Hinterausgang (am Themse-Ufer) nehmen und mit den Darstellern ein Pläuschchen halten. Herrlich nahbar. Und Small Talk auf eine schöne Art.

 

| Tea Time 

Dieser Five O´Clock Tee ist eine feine Sache, wenn zwischen dem feudalen full English Breakfast (nach dem man eigentlich für fünf Tage und drei Bergwanderungen satt ist) und dem Bagel zum Lunch doch noch ein Hüngerchen vor dem Dinner aufkommt.

Ofenwarme Scones, die beim Auseinanderbrechen herrlich dampfen und nach frischer Hefe duften. Einen (großen!) Klecks Clotted Cream und Marmelade drauf. Himmlisch. Beim Tee verstehen die Engländer allerdings keinen Spaß. Am besten vom Kellner (Tee Sommelier) beraten lassen. Ein Tradition, an die ich mich gewöhnen könnte.

Wer´s etwas opulenter mag bestellt einen kompletten Afternoon Tea z. B. Brasserie Max / Covent Garden Hotel. Und bekommt wirklich alles, was das Herz begehrt. Von süß bis herzhaft inklusive einem Glas Champagner. Das Lächeln des Kellners gibt´s gratis. ca. 28,- p. P.

Mit der Picadilly Line bis Covent Garden fahren und die Treppen zur Oberfläche nehmen. Dann geht das auch mit den Scones klar. Diese Station ist die älteste in London und genau 193 Stufen führen über eine steile Wendeltreppe an die Oberfläche (das entspricht 15 Stockwerken). Nicht umsonst steht der Hinweis, die Treppe nur im Notfall zu benutzen.

Der Aufzug wurde erst nachträglich gebaut. Achtung: Ticket schon im Aufzug bereit halten. Es geht quasi nahtlos zu den Drehkreuzen.

 

| Covent Garden 

Die bereits im 17. Jahrhundert gegründeten Hallen mit dem schönen Glasdach, die an einen alten Bahnhof erinnern, bieten alles was das Herz begehrt und sind mehr als Instagram tauglich. Hier geben sich Chanel und Laudrée die Klinke in die Hand, an machen Tagen gibt es auf dem Trödelmarkt tolle Einzelstücke zu entdecken.

Zur Stärkung: Ein Walnussbrot mit Avocado bei Le Pain Qotidienne oder einen Burger bei Shake Shake essen.

Tipp: Covent Garden ist der einzige Ort in London, auf dem Straßenkunst erlaubt ist. Am Wochenende geben Singer-Songwriter (und Musikstudenten) auf der Piazza Konzerte und sorgen für Gänsehautfeeling.

Unbedingt auch die kleinen Straßen rund um Covent Garden erkunden. Wegen: Sehr schön. Und weniger touristisch.

In der Floralstreet ein Kanelbuar (Cinnamon Bun) bei Bageriet essen – so zuckersüß wie der (schwedische) Barista. #forreal

Wer eher auf (Nah-) Verkehr steht, sollte einen Blick in das London Transport Museum werfen, welches sich direkt neben den Markthallen befindet.

 

| SOHO 

Zwischen Hipstern und Bürohengsten herrscht hier tatsächlich ein bisschen mutlikulturelles New York Feeling.

Mittwoch bis Freitag gibt es den Food Markt Street Food Union in der Ruper Street. Von Kimchi über Burritos, Falafel und Burger gibt es es hier vor allem eines: Fast nur Einheimische.

Tipp: Das Lieblingsessen einpacken und in den gegenüberliegenden St. Anne´s Churchyard Garden ins Gras setzten. Glücklich sein.

Fun Fact: Soho der Schauplatz der Dreigroschenoper von Bertold Brecht.

Weiter geht’s über die Brewer und Beak Street auf die Carnaby Street. Metzger und Brauer findet man hier mittlerweile eher keiner mehr, Bier hingegen schon. Nämlich in den vielen, winzigen und mega sympathischen Pubs.

Nach dem Bier ist vor dem Frühstück. Nach dem obligatorischen Foto des Welcome-to-Carnaby-Street im Kingly Court eine Acai Bowl essen oder beim Yoga entspannen. Wer´s deftiger mag. Gute Steaks gibts bei Flat Iron.

Nach ein paar Gehminuten über die Great Malborough Street – und das hat nichts mit Zigaretten zu tun. Sehr wohl aber mit Freiheit, die man an der Ecke Kingly Street / Little Marlborough Street erreicht. Das wunderschöne Fachwerkhaus beherbergt das Kaufhaus Liberty. Harrods kann ja jeder. Außerdem kann man hier auf knarrenden, alten Wendeltreppen wunderbar Windowshopping betreiben und sich ein bisschen wie Carrie fühlen. Im 2. Stock gibt es ein kleines, verstecktes Café. Ich empfehle: Augen zu, Karte durch.

 

| Monmouth Street / Seven Dials

Diese kleine, feine Straße ist so typisch urig englisch mit all den Black Cabs, den Barber Shops und den kleinen Boutiquen, das es fast schon ein bisschen Pariser Flair hat. Im Norden durch die Shaftesbury Avenue und im Süden durch Shelton- und Towerstreet begrenzt und wo sich Mercer-  und Earlham Street kreuzen, befindet man sich im Herzen des sogenannte Seven Dials. Und das ist der Ort, wo die Magic passiert. Aufführungen im Cambridge Theatre, Portugiesische Spezialitäten naschen, Shoppen (z. B. Club Monaco oder Pop Boutique, Vintage von 1950 – 1990), Coco de Mer #sexytime. Gucken, Stauen und nachmittags (!) ein Pint im Crown & Anchor trinken.

Bei Rococo Chocolates was für die Lieben daheim mitnehmen. Oder besser gleich selbst essen. Eine wahre Freude ist auch das Freud Café. Und schön ist es auch hier.

 | St. James Park

Weil Hyde Park einfach jeder kann. Der kleine Bruder aber mindestens genau so schön ist. Den Eingang über die Downing Street nehmen und noch bisschen Kultur gucken. Mit einem Eis in der Hand die Enten füttern (nicht!) und am See entlang Richtung Norden laufen – so kommt man am Institute of Contemporay Art vorbei und kann am am Trafalgar Square (neben ganz viel Verkehr) auch noch The National Gallery besuchen.

 

| Neil´s Yard

Es gibt Orte, die schreien ganz laut. Hier! Jetzt! Mach ein Foto! Weil man das bereits in diversen Magazinen gelesen hat oder auf Instagram gesehen hat. Und dann gibt es Neil´s Yard. Der genau das tut, aber auf so eine zauberhafte Art und Weise. Weil man gar nicht anders kann, wenn man durch die dunkle, unscheinbare Einfahrt gegangen ist. Weil einem sofort das Herz aufgeht. Und weil kein Foto dem auch nur annähernd gerecht werden würde. Bei Neil und mir war es Liebe auf den ersten Blick. Denn auch dieser Neil hat ein Herz aus gold. Gerade einmal 60 Meter misst dieser entzückende Innenhof, der von Kosmetik über Pizza und einem ausgezeichneten Käsefachhandel (!) alles bietet und nichts als ein Gefühl einer wolligen Umarmung hinterlässt.

Am Abend bei Kerzen und Lampions eine der Riesenpizzen bestellen. Hier trifft sich abends das urbane Volk zum Teilen und Genießen, bevor es in die Pubs geht. Herrlich unaufgeregt.

Zum Lunch oder für ein Stück Kuchen unbedingt im Wild Food Café vorbei schauen. Allein der Aufgang über die dunkelblaue Wendeltreppe ist ein Erlebnis.

Ziemlich gutes Porridge gibt es bei 26 Grains. Ausgang Monmouth Street (Achtung, Lieblingsstraßen-Potential) nehmen und auf einen Flat White Monmouth Coffee Company vorbeischauen. Die Franzbrötchen sind auch nicht von schlechten Eltern.

 

Hach, hab ich schon erwähnt, dass ich verliebt bin?

Loads of love ❤

 

 

© Julia

 

 

Was sonst noch so ging:

 

 

 


 

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Glasklar.

Prosa

Er starrt aus dem Fenster und nimmt einen kräftigen Schluck Rotwein aus dem angestaubten Glas. Dann wischt er sich mit dem Handrücken die Reste von den Lippen. Der purpurne Rebensaft verästelt sich sofort in seiner trockenen Haut. Er konnte regelrecht zusehen wie seine Haut das flüssige Rot nur so aufsaugte. Es ist, als ob man das Blut fliesen sehen könne, denkt er und nimmt noch einen weiteren Schluck. Denn Blut kann man nie zu viel haben. Gerade er, der in der Vergangenheit so viel davon verloren hatte. Erst hatte ihm jemand das Herz herausgerissen und es triefend und tropfend auf den Küchentisch gelegt und einige Tage später hatte er sich so heftig in den Finger geschnitten, als er versuchte die Scherben, die nun rund um dem Tisch verteilt lagen, aufzuräumen. Nur mit Mühe und Not hatte er es fertig gebracht das Herz wieder an die richtige Stelle zu bringen. Er hatte viel Kleber benutzen müssen, weil es in 1000 Teile zerfallen war und er die einzelnen Ecken und Kanten nicht wieder Eins zu eins aufeinander brachte. Aber jetzt, nach einer gewissen Weile und mit einigem an Rotwein als Blutersatzt funktioniert es fast wie davor. Auch wenn es immer noch ein bisschen schief in der Ecke hängt.

Er hatte ohnehin viel zu selten Rotwein getrunken in der letzten Zeit, stellt er überrascht fest und bewegt das Glas etwas hin und her, sodass er den Staub, der sich im Laufe der Monate auf dem feinen Glas abgesetzt hatte, besser sehen konnte. Er springt ihm sofort ins Auge, der Staub, denn er war ein sehr ordentlicher Mensch. Aber jetzt ist ihm das plötzlich alles egal. Früher hatte er die kristallenen Gläser fast täglich poliert. Zu dieser Zeit hatte er auch noch mehr Rotwein getrunken. Wenn er nach Hause kam, nahm er eine Flasche aus dem hölzernen Regal neben dem Küchenschrank, strich mit dem Daumen sanft über das Etikett ehe er die Flasche mit einem kräftigen Ruck vom Korken befreite. Dann hatte er einen guten Schluck in eines der blitzeblank polierten Kristallgläser aus dem Regal gegeben und gewartet. Denn ein guter Rotwein braucht Zeit. Allein die Trauben brauchen ja mehrere Monate, wenn nicht gar Jahre bis sie wirklich reif und genießbar sind. Manchmal ist sogar eine gesamte Ernte für die Tonne. Das kommt gar nicht mal so selten vor. Das braucht einfach alles seine Zeit. Auch dann, wenn der Wein bereits im Glas ist. Das war ihm immer wichtig. Nichts hasste er mehr, als das überstürzte Trinken eines Weines, der noch nicht genug Zeit gehabt hatte. So vergingen gut und gerne fünfunddreißig bis vierzig Minuten, ehe er das Glas zum ersten Mal an seine Lippen führte.

Wenn sich der samtige Geschmack dann in seinem Gaumen ausbreitete und sich gleichzeitig alles im Mund zusammen zog, war es für ihn eine Offenbarung. Der drückende Knoten, der sich hin und wieder in seiner Kehle breit gemacht hatte und manchmal bis auf die Größe eines Kartoffelknödels anwuchs, verschwand durch diese Prozedur auf wundersame Weise. Wie Butter in der Pfanne, dachte er. Zunächst warm und dann heiß. Ehe es dann plötzlich ganz kalt wurde. Im Herzen. Das war sein Ritual und das war so sehr er, dass ihm erst jetzt klar wird wie sehr er das vermisst hatte.

Er schaukelt den Gedanken noch eine Weile in seinem Kopf hin und her und versucht sich an das Gefühl zu erinnern. Er stellt sich eine Blumenwiese vor und riecht an Apfelbäumen, atmet den Duft von reifen Aprikosen und streicht mit dem Finger abermals über das Etikett. Aber es kommt nicht zurück. Seine Sinneszellen schaffen es einfach nicht die Reize zu übertragen. Und je mehr er darüber nachdenkt, umso weiter rückt das Gefühl in die Ferne. Der Eindruck entsteht doch im Kopf, sagt er sich und vielleicht liegt es ja genau daran. Was weiss er schon, was da zwischen Thalamus und Großhirnrinde passiert? Bei ihm irgendwie so gar nichts.

Er starrt aus dem Fenster und nimmt einen kräftigen Schluck Rotwein aus dem angestaubten Glas. Auch ein weiterer Schluck konnte nichts an der Tatsache ändern. Er lässt seinen Blick über den Tisch hinaus zum Fenster wandern. Die vielen, winzigen Regentropfen ergeben zusammen einen grauen Schleier vor seinem inneren Auge. Er kann gar nicht mehr klar sehen und ist sich nicht sicher, ob das an dem Staub oder an dem Regen liegt. Alles verschwommen. Vielleicht doch der Wein? Da fällt es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen. Glasklar. Als ob es nie eine andere Wahrheit gegeben hätte. Denn nicht ohne den Kopf kann man nicht richtig denken, sondern ohne das Herz. Er springt auf und läuft in die Küche um nachzusehen ob, sein Herz noch auf dem Küchentisch liegt.

 

© Julia

Spot.Light.

Prosa

Du zwickst mir mit deinem Daumen und Zeigefinger in die Nase und steigst mit Schuhen auf das dunkle Ledersofa. Immer in die Wunde, sage ich und nicht nur, weil du weisst, dass ich meine Nase zu groß finde. Auch weil du ansonsten sehr großzügig mit dem Salzsteuer umgehst, wenn es um klaffende Wunden geht. Ich hasse das, aber irgendwie machst du das auf eine so charmante Art und Weise, dass ich dir nicht böse sein. Es liegt immer auch ein Hauch Erkenntnis in deiner Wundbehandlung, wenn man das so nennen kann. Ein sanftes Ermahnen zur Reflexion. Mehr fühlen, in sich hinein und weniger denken. Das ginge nur, wenn man den Finger von der Wunde nehme und es auch mal so richtig ausbluten lasse, sagst du immer. Du liebst es, wenn ich schnaubend und wütend vom einen auf den anderen Fuß trete und nicht weiss, was ich dir als Antwort servieren soll. Mit Floskeln lässt du dich nämlich nicht abspeisen. Also stehst du auf diesem dunklen Ledersofa und lächelst von oben auf mich herab. Zuckersüß. Ich weiss, dass du am liebsten meine Hand nehmen und mich zu dir heraufziehen möchtest. Aber stattdessen prostest du mir zu und jeder nimmt wortlos einen großen Schluck aus dem noch viel größeren Glas. Du Wodka Tonic und ich Gin Tonic. Das knackende Eis ist neben dem bitteren Tonic die einzige Gemeinsamkeit. Dein Adamsapfel bewegt sich hastig auf und ab und in null Komma nichts ist der Wodka leer und das Eis schmilzt, weil die Luft so heiß ist. Hier und zwischen uns. Immer.

Du bewegst dich rhythmisch im Takt, das grelle Licht des Stroboskops blitzt immer wieder auf und ich sehe überall nur Hände, die in die Luft gerissen werden. Lachende Gesichter mit gläsernen Augen. Perfekte Mienen ohne Patina. Mir wird schwindlig und ich lasse mich auf das Ledersofa fallen. Mit einer bestimmten Geste schiebst du die Leute auf die Seite und setzt dich zu mir. „Na, Kleine. Alles okay?“, fragst du mich und streichst mit deiner Hand kaum spürbar über meinen Rücken. Ja, sage ich und überschlage meine Beine. Aber klein bin ich nicht, flüstere ich in dein linkes Ohr und zeige mit dem Kopf auf meine High Heels. 10 Zentimeter. Damit bin ich fast größer als du. Du lachst. So sehr, dass das ganze Sofa wackelt. Dann beugst du dich zu mir rüber und drückst mir einen Kuss auf den Hals. Genau in die Kuhle, wo der Hals in das Schlüsselbein übergeht. Sicher ist sicher. Ich bekomme eine Gänsehaut obwohl ich schwitze.

Warum ich das gemacht hätte, fragst du mich in dem Moment als der Bass kurz aussetzt. Effekthascherei. Aber du willst es wirklich wissen. Warum? Wie kann die Vergangenheit eine Rolle spielen bei etwas, das keine Zukunft hat? „Weil es den Zauber kaputt macht“, sagst du und deine Oberlippe berührt dabei ganz zufällig mein Ohrläppchen. Ich fühle mich schuldig, obwohl ich es nicht bin und sehe das Salz aus deinem imaginären Salzstreuer auf mich herab rieseln. Ich kann links abbiegen oder rechts. Ich kann auch einfach weiter geradeaus gehen. Aber wenn ich stehen bleibe, verstehst du, dann ist es so als würde ich aufhören zu atmen. Du sagst Dinge, die ich nicht hören will und im nächsten Atemzug Dinge, von denen ich nicht ahnen konnte, wie schön sie in meinen Ohren klingen würden. Also sitzen wir hier noch eine Weile zwischen wippenden Füßen und zuckenden Armen, zwischen Bass und Snare Drum und erklären uns die Welt. Eine Parallelwelt, die nur uns gehört. Wir fühlen den Beat und hören, wie das Blut durch unsere Körper rauscht. „Lass es ausbluten“, flüsterst du und legst deine Hand auf meine linke Brust.

Als ich wieder atmen kann, stehe ich draußen an eine raue Hausmauer gelehnt. Mein Hintern ist kalt und mein Herz auch. Du hast deine Arme um meine Schultern gelegt und das Licht der Straßenlaterne sticht fies in die an Dunkelheit gewohnten Augen. Alles scheint hell erleuchtet. Auch das, was man nicht sehen möchte. Es ist, als würde dieses Licht uns durchleuchten, wie Röntgenstrahlen. Und so stehen wir angezogen voreinander und sind doch nackt. Ausgeblutet. Du hauchst mir einen Kuss auf meine Lippen, der so zart ist wie deine Wimper, die ich dir von Wange streiche. Fünf Sekunden, vielleicht auch zehn. Eine Ewigkeit. Mit geschlossenen Augen wird das grelle Licht zum Sternenhimmel. Und da ist er wieder, der Zauber.

 

© Julia

11,2 ° C

Prosa

Ich sitze am Küchentisch und knibble etwas Haut seitlich von meinem Daumennagel. Ein Zeichen, dass es wieder Herbst ist. Dazu brauche ich nicht einmal raus zu gehen, um all die Blätter auf den Straßen zu sehen und all die Menschen mit ihren dicken Schals. Ich weiss das, weil ich es spüre. Nicht nur, weil die Luft anders riecht und ich wieder mit Bettsocken schlafen muss. Nein auch, weil diese verdammte Nagelhaut wieder so trocken ist. Da kannste cremen wie du willst, die ist einfach so staubtrocken. Wie ein Sandsturm in der Wüste, plötzlich da, obwohl du vor gerade einmal drei Wochen in Flipflops durch die grüne Oase gelaufen bist. Die Zeit ist einfach gnadenlos. Drei Wochen im Sommer sind drei Wochen. Aber im Übergang von Sommer zu Herbst, dieser undefinierbaren Zwischenjahreszeit, entsprechen drei Wochen drei Monaten. Die Zeit rast, oder es kommt einem nur so vor, weil sie im Sommer ja immer still steht. Sie rast und mit ihr die Gedanken, die in jede noch so verästelte Vene strömen. Ehrlicherweise hat man nach dem Sommer auch gar keine Lust mehr, auf jeder Welle zu surfen. Und es gibt auch kein kühles Bier mehr, mit dem man aufkommende Gedanken hätte hinunter spülen können. Es gibt nur kühle Luft, davon aber reichlich und die trocknet alles aus, nicht nur die Haut auch das Herz, welches vor ein paar Wochen noch purpurrot und saftig pumpte als gäbe es kein Morgen. Barfuss und mit dem Herz in der Hand nach Hause tanzen, bis die Wolken lila sind. Aber natürlich gibt es immer ein Morgen. Und heute sieht dieses Morgen schrumpelig und vertrocknet aus. Es ist wieder diese Zeit, in der die Realität so knallhart auf den Küchentisch klopft, dass mein Tee verschüttet als hellbraunes Rinnsal auf die weißen Fliesen tropft. Und wenn du nicht aufpasst, mit deinen Wollsocken, dann bist du schneller ausgerutscht als dir lieb ist.

Der Herbst ist so fies, weil er so gnadenlos ehrlich ist. So pur und irgendwie auch echt. Denn mit all den Blättern fällt auch meine Maske. Und deine. Die Wahrheit ist ja manchmal so verrückt, dass sie keiner glaubt. Vielleicht, weil wir vernebelt sind von all dem Weichspüler in unseren Acne Schals oder weil wir lieber Lügen glauben, so lange sie sich gut anfühlen.

Weisst du, die Sache ist ja die, dass du nicht da bist, wenn es Herbst wird. Dass du immer hier bist und dort, aber nie da. Wenn das Kissen neben mir kalt ist und mein Herz bis zum Hals schlägt. Da hast du leicht reden, denn Herbst ist ja nicht nur ein Gefühl, sondern real. Denn nur Sommer ist, was in deinem Kopf passiert. Und hier passiert gerade gar nichts, außer der Tatsache, dass lauwarmer Tee von meinem Küchentisch tropft und fast gefriert bevor er den Boden erreicht, weil die Luft so kalt ist. Weil zwischen Wollpullover und Flatterkleidchen immer noch ein Spalt breit Platz ist. Weil meine Türe immer noch einen Spalt weit offen steht. Du blockierst den Durchgang, verstehst du das? Im Sommer ist so ein bisschen Durchzug zuweilen ja noch ganz angenehm, aber jetzt, im Herbst kann solch einen eisigen Windhauch wahrhaftig niemand gebrauchen.

Das Thermometer zeigt 11,2 ° C und das ist Sommer im Vergleich zu der Kälte im Herz. Aber es sind auch 11, 2 ° C vom Gefrierpunkt entfernt und wenn wir dein und mein Herz zusammen tun, dann kommt dabei vielleicht so etwas wie Herbst heraus.

Ich drücke meine Nasenspitze an das kalte Küchenfenster und male mit dem Zeigefinger ein Herz in das kondensierte Nass. Die Tür fällt ins Schloss und ich spüre einen kühlen Windhauch in meinem Nacken.

 

© Julia

Generation. Gap.

Kolumnen

Wenn man versucht, den eigenen Eltern den Sinn von Instagram zu erklären, kommt man schnell an seine Grenzen. Zum einen, weil wir das selbst nicht so genau wissen und zum anderen, weil wir die erste Generation sind, deren Leben sich so grundlegend von dem unserer Eltern unterscheidet. Während die Großeltern ihren Babyboomer-Kindern eine gute Ausbildung und eine Schaffe-Schaffe-Häusle-Bauen-Mentatlität in die Wiege gelegt haben, ist bei uns alles anders. Träume ändern sich und die Werte eben auch ein bisschen mit. Bei manchen bleiben sie leider ganz auf der Strecke. Wir können alles und wollen alles und – surprise – haben am Ende doch nichts. Wir sind unter dem Mantra alles ist möglich aufgewachsen, wenn wir es nur wollen und unsere Eltern wollen tatsächlich, dass wir es gut haben. Vielleicht auch besser als sie selbst. Weil sie eben nicht den Mumm (und die Möglichkeiten) dazu hatten, aus dem Hamsterrad auszubrechen. Oder aus Gründen. Aber gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht. Diese unzähligen Möglichkeiten, all die Optionen, die wir zumindest auf dem Papier haben, überfordern uns immer mehr. Man will ja schließlich nicht das machen, was alle machen. Wenn man schon die Auswahl hat. Eh klar. Das Streben nach Individualität und Abgrenzung führt aber vor allem zu einem: Wir sind alle individuell gleich. Aber der Struggle ist nur so real, wie wir ihm Raum geben.

| Ist das Internet wieder Schuld?

Fakt ist: Die Digitalisierung und die Ubiquität von diesem Internetz hat erheblichen Einfluss auf das Leben genommen. Beruflich wie privat. Alles schneller. Immer überall. Echtzeit, it is. Der Griff zum Smartphone zwischen dunkelorange und grün an der Ampel. Bitte nichts verpassen. FOMO at its best. Mal eben schnell die Mails checken zwischen Palmen und dem Bad im Meer. Und dann mal eben kurz die Welt retten. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, manchmal lösen sie sich ganz auf. Do what you love. Heisst das dann.

| Was früher das Eigenheim war, ist heute die 4-Tage-Woche

Sicherheit für Freiheit aufgeben. Was früher mit dem Verkauf der eigenen Seele gleichstellet wurde, ist heute zum Must-Have avanciert. Immer mehr (junge) Menschen denken darüber nach, ihren Job zu kündigen und eine Strandbar auf Bali zu eröffnen. Zumindest aber ein fancy Startup zu gründen. Hey, immerhin sang Janis Joplin schon „Freedom´s just another word for nothing left to loose“ 

| Konsum statt Religion 

Sind wir also verlorene Seelen auf der Suche nach dem einzigen, wahrhaftigen Sinn? Während unsere Eltern und Großeltern Halt in der Religion oder zumindest in bewusstseinserweiterternden Substanzen gesucht haben, um der Realität auch nur mal so ein bisschen zu entfliehen, schwirren heute Begriffe wie Berufsjugendlicher umher und mit 32 Jahren darf man auch schon mal im 13. Semester irgendwas mit Medien studieren. Alles okay, wenn halt Bauchzeichner doch nichts war, das Jura-Studium irgendwie zu anstrengend und BWL einfach nicht den healthy Lifestyle widerspiegelt. Hey, kein Ding. Mama hat immer gesagt, du kannst alles machen, was du möchtest. Mit dem Abi in der Tasche stehen dir alle Türen offen. Ja?

| Die magische Formel (K): G = U – K 

Aber sind wir ehrlich, diese alles-ist-möglich Gehabe ist schön und gut, aber wächst uns ein bisschen über den Kopf, oder? Wir verlieren uns in endlosen Möglichkeiten, all den what-if´s und was-wäre-wenns und sehen den Wald vor lauter Bäumen tatsächlich nicht mehr. Statt irgendetwas wirklich Großes zu reißen, treten wir auf der Stelle, weil wir die Türe immer einen Spalt weit offen lassen. Wir optimieren unser Essen, unsere Wohnung, unsere Klamotten und ganz heimlich auch uns selbst. Wir lassen uns diese (kapitalistische) Gewinnmaximierungsformel diktieren, obwohl es genau das ist, was wir eigentlich verachten. Maximaler Gewinn ist gleich Grenzkosten gleich Grenzerlös. Grenzdebil. Wir suchen halt auch nur nach dem Sinn. Finden den dann in aberwitzigen Ernährungsformen oder kaufen nur Kleidung einer bestimmten Marke. Manche verstehen da dann tatsächlich keinen Spaß mehr – nicht nur, weil heute mal wieder #lowcarb Tag war. Aber irgendwie auch logisch: Konsum hat auf unser Gehirn den gleichen Effekt wie Verliebtsein oder andere Süchte. Das Belohnungszentrum wird ganz arg gestreichelt und das neuronale System ist auf Steigerung programmiert. Immer. Mehr. Und so geraten wir mir nichts dir nichts in eine hedonistische Tretmühle. Das sagt übrigens auch Hans-Georg Häusel, der in einer Studie den Zusammenhang zwischen Konsum und Glück analysiert hat. Luxuskonsum hat positive Auswirkungen auf das subjektive Wohlbefinden, sagt er. Der Kauf bestimmter Marken, die wir als attraktiv und begehrenswert einstufen, kaufen wir also, um uns gut zu fühlen, weil wir glauben, dass die Attraktivität auf uns abfärbt. Das tun wir, um Intimpartner anzulocken. Ha! Es geht also mal wieder nur um das Eine. Ergo: Alles Biologie. Konsum ist also quasi nur das Vorspiel.

| Auf Durchzug

Weil Liebe wollen wir. Alle. Irgendwo dazu gehören und uns gut fühlen. Nicht mit diversen Filtern und großzügigem Einsatz mit dem Weichzeichner, sondern in echt. Auch das wissen wir. Ist halt aber auch nicht immer so einfach. Die Sache mit den Entscheidungen. Vor allem, wenn man es nie richtig gelernt hat.

Und so stehen wir im Türrahmen und blockieren den Durchgang. Es herrscht immer Durchzug. Dann müssen wir uns aber auch nicht wundern, wenn uns der Wind um die Ohren pfeift. 1,2, oder 3 – ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr wenn das Licht an geht. Denn im Dunkeln ist gut Munkeln. Farbe bekennen. Gelb oder Blau. Und halt eben genau nicht Grün. Oder, einfach mal über die Schwelle treten und die Türe schließen. Von außen. Und den Schlüssel dann am besten auch in irgendeinem Gulli versenken. Ciaosen.

Wir tun uns keinen Gefallen mit unserem selbstzerstörerischen Ehrgeiz. Denn der Glaube an die Perfektion ist ein Irrtum. Das wissen wir nicht erst seit #bodypositive. In der Imperfektion, der Verfehlung das Potential erkennen, ist das neue Must-Have. Nicht alles richtig machen, aber zumindest einfach mal was machen. Im Zweifel die Türe zu.*

 

© Julia

* Let’s make immeasurable moves to the left or the right but not central

Siesta im Gehirn.

Lyrik

Es kribbelt in meinen Beinen und ich kann dem Drang mich hinzulegen nur schwer widerstehen. Um mich herum all diese Menschen, die alles besser wissen und können und überhaupt. Selbst der Bus vor der Türe fährt im Rhythmus meines Herzschlags. Nur langsamer. Meine Augenlider sind ganz schwer, weil die Gedanken so fest drauf drücken. Von innen. Ich blinzle gegen die Sonne und sehe nur weiße Wolken. Dann gibt es einen ziemlich lauten Knall. Es knackt etwas, so als würde man ein Stück morsches Holz entzweien. Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne und die fallen jetzt nahezu lautlos auf die Erde. Je nach dem, wie der Wind gerade weht, tanzen sie sogar noch eine Weile durch die Luft. Winzige Teilchen. Federleicht. Herausgebrochen aus zentnerschweren Stücken. Der Boden ist weich, fast wie die alte Schaumstoffmatratze auf dem Speicher. Das Kribbeln breitet sich von den Füßen in meinem gesamten Körper aus und es kitzelt in meinen Haarspitzen. Es riecht nach Sommerregen, nassem Holz und ein bisschen faul. Ich höre Musik, die so dumpf klingt als sei ich unter Wasser. Ganz tief im Ozean. Azurblau. Luftblasen kämpfen sich an die Oberfläche. Meilenweit. Schäumende Gischt und geschlossene Rollläden. Siesta im Gehirn. Es klingelt an der Türe und noch bevor ich aufstehe, sehe ich die Erde unter meinen Fingernägeln und rieche das Salzwasser in meinen Haaren.

 

© Julia

Golden.

Prosa

Auf knarrenden Dielen laufe ich hinein in den dunklen Flur. Links und rechts sitzen ein paar Menschen auf alten, dunkelgrünen Samtsofas und trinken Gin mit Tonic. Die Gesichter sind hinter den schweren Kristallgläsern nur als helle Schatten zu erahnen. Das schummrige Kerzenlicht hüllt ihre Mienen in ein geheimnisvolles Halbdunkel.

Ich schüttle meinen Regenschirm, um ihn von den letzten Tropfen zu befreien und ein bisschen auch, um mich meinem Unbehagen zu entledigen. Die dunklen Halbschatten quittieren meine Sprenkel-Aktion mit einer Mischung aus pikiert sein und müdem Lächeln. Der Boden ist jetzt gefährlich glatt und ich muss aufpassen, dass ich nicht ausrutsche.

Als ich um die Ecke biege, sitzt du bereits am Tisch. Der quadratische Raum ist genauso grün wie die Sofas am Eingang und die Wände sind golden. Es glitzert etwas. Aber vielleicht sind das auch deine Augen. Es ist ein schöner Tisch. Mitten im Geschehen, aber dennoch weit genug entfernt, um etwas Privatsphäre zu genießen. „Hallo“ sage ich und du drückst mir einen Kuss auf die Wange. Deine Lippen sind so zart, dass ich mehr als bereitwillig die Andere hinhalte.

Dann sitzen wir also auf ledernen Stühlen, zwischen Vorfreude und Nervosität gesellt sich ein infantiles Gekicher und ein Platz bleibt frei. Wir wissen beide nicht, wie wir ihn füllen sollen. Und wenn es nur der Abstand von einem zum anderen Tischende ist. Weil wir uns nicht entscheiden können, nimmt der Kellner einen Stuhl mit, weil andere sich anscheinend sehr wohl entscheiden können. Ich streiche etwas über die dunkle Schieferplatte und schaue direkt vorbei an deinen Augen. Dein dunkelblauer Anzug sitzt so perfekt, dass ich mich frage, ob du dich hast einnähen lassen. Seidiger Glanz auf dem allerfeinsten Garn. Ich ziehe einen abstehenden Faden aus meiner Bluse und fühle mich schäbig. Der Kellner kommt zum dritten Mal an den Tisch und ich weiss noch immer nicht, was ich will. Getränke wie „Sex on the Beach“ oder „Orgasm“ würden den Kloß in der Kehle nur hinreichend befriedigen, zumal es etwas Derartiges hier nicht auf der Karte gibt. Ich halte nach Einmal-Alles Ausschau, aber auch das suche ich vergeblich.

Im Prinzip ist es ja ganz einfach: Man hat eine Karte, in der man sich aus  dreihundertfünfundvierzig Cocktails einen aussucht. Das Problem ist jedoch, dass die alle ziemlich gut klingen. Und wenn man noch nie etwas von Gin-Espuma oder China-China Virana gehört hat, dann sollte man das vielleicht auch einfach mal probieren. Oder vertraut man auf die bewährten Klassiker? Mit Gin und Tonic kann man schließlich nicht viel falsch machen, wie die Herren am Eingang eindrucksvoll bewiesen haben. Hinlänglich bekannt, dass Altbewährtes aber auch niemals der Ort ist, an dem die Magie passiert. Oder doch?

Du überschlägst deine Beine und dein Knie berührt für eine Millisekunde das meine. Wer schon einmal an einen Elektrozaun gefasst hat, weiss wie sich das anfühlt. Der Champagner in meinem Drink ist quasi nur das Wasser in der Wanne und der Föhn gefährlich nahe. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck und lecke mir die pinken Zuckerkörner von den Lippen.

Fast ein Jahr ist es her, dass ich den Klang deiner Stimme in meinen Ohren gehört habe. Und noch immer ist das deine Lieblingsmusik. Während du redest und erzählst bin ich fasziniert von deinem Einstecktuch, oder dem Muskel darunter, der bei jedem Schluck aus dem schweren Kristallglas zuckt. Mir wird etwas heiss und du legst dein kaltes Herz auf den Tisch. Es knackt, weil die Luft gefriert. Ich weiss wie der Hase läuft, sage ich und wünschte, ich wüsste es nicht. Wenn du Champagner bestellst und Maraschino Likör bekommst, läuft irgendetwas falsch. Und zwischen all dem Art Déco komme ich mir wie ein Ikearegal vor und muss an Carrie denken.

Weil zwei zu wenig und vier zu viel sind, gehen wir nach genau drei Drinks. Du fischst einen 100 Euro Schein zwischen all den Fünfzigern und denen mit noch mehr Nullen hervor. Stimmt so. Du bist der Lilafarbene untern den Goldenen. Jackpot. Ich vergesse mit Absicht meinen Schirm und hake mich bei dir unter. Muskelberge unter feinem Gewand. Regentropfen perlen genauso ab wie Gefühle. Und wenn es für jeden Topf einen Deckel gibt, bin ich eine Teflonpfanne, denke ich mir und noch bevor ich Luft holen kann, spüre ich deine zarten Lippen auf meinen. Später auch auf denen in meinem Gesicht.

 

© Julia

Dolce. Vita.

Lifestyle

Jeder lebt ja für irgendetwas. Für den Sommer, die Beziehung für Pizza oder für die Arbeit. Getreu dem Motto lebst du schon oder arbeitest du noch. Wieder andere leben nur für das Wochenende. Da macht es durchaus Sinn für den (guten!) Geschmack zu leben. Julia und Irina von Living4taste machen nämlich genau das. Die zwei Münchner Mädels sind nicht nur zuckersüß, sondern haben vergangene Woche ihr erstes Blogger Event gehostet. Nachdem einige Tage zuvor viel zu früh ein paar #herbstvibes durch München zogen, meint es Petrus am Donnerstag mehr als gut. 36 Grad und es geht noch heißer. Das war hier Programm als wir uns an einem wunderschönen Augustabend am Gärtnerplatz zusammenfanden. Die liebevoll gedeckten Tische, die herzliche Begrüßung und die zauberhaften Gäste machten den Abend zu einem vollen Erfolg.

Aber von Anfang. Viel zu spät schaffe ich den Absprung aus dem Büro, weil irgendwas ja immer ist und Deadlines leider keine Sommerpause kennen. Irina drückt mir einen veganen, alkoholfreien Kokos-Aperitiv in die Hand, der mit ganz viel Kokosorbet auch auch allen Nicht-Veganern wunderbar schmeckt. Während ich dann so dasitze und an meinem gekühlten Drink nippe, erholt sich mit jedem Schluck auch mein überanstrengter Puls. Mädchen in schönen Kleider rücken Blumen zurecht, schieben Gläser ins rechte Licht und Wlan-Passwörter werden verteilt. Wie heisst du auf Instagram, werde ich gefragt noch bevor ich meinen richtigen Namen sage. Immerhin sind wir hier auf einem #bloggerevent. Stefano, der Betreiber des Del Fiore am Gärtnerplatz schaut dem Spektakel von der Bar aus zu, später trinke ich eiskalten Rosé mit ihm und erfahre, dass es meine Lieblingseissorte (Sorbet mit Thymian) schon nicht mehr gibt. Dafür probiere ich Mango Lemongrass und Haselnuss aus dem Piemont und bin so gar nicht traurig. Das Tolle an Stefanos Kreationen ist ja, dass sie sich saisonal ändern und vor allem nicht aus einer Einheitseismasse entstehen, wie (leider) bei so vielen italienischen Eisdielen. Das erfordert zwar doppelt so viele Schritte in der Produktion – Zeit die gut investiert ist und das Del Fiore Gelato so besonders macht. Künstliche Aromen, Fertigmischungen oder industriell hergestellte Halbwaren kommen bei Stefano nicht in die Eistüte.

„Mein Team und ich haben Monate im Eis-Labor damit verbracht, die Besonderheiten einer Frucht mittels eines individuellen Eiskörpers zur vollen Entfaltung zu bringen. Wir sind stolz darauf, etwas geschaffen zu haben, das in der heutigen Zeit Seltenheitswert hat: Unverwechselbarkeit.“

Deshalb gib es in den Del Fiore Cafés (mittlerweile drei in München) auch maximal zehn Sorten. Von Frischmilch Varianten wie Grand Cru Schokolade (ein Traum), Jogurt-Honig oder Gianduia Nougat über vegane Sorbets wie junge Kokosnuss, Zitronenmelisse oder Schoko (!). Sie sind alle köstlich und ich weiss das deshalb so genau, weil ich alle (ähm, ja) probiert habe.

Und weil es ein ungeschriebenes Gesetz ist, dass man nach jedem süßen Bissen einen herzhaften Happen essen muss, probiere ich auch gerne etwas von den vorzüglichen Antipasti. Das Tolle an der italienischen Küche ist ja, das die mit ganz wenigen, aber hochwertigen Zutaten auskommt. Wer beispielsweise einmal fruchtig-aromatische Tomaten mit echtem Büffelmozarella gegessen hat, möchte nie wieder etwas anderes essen. Und weil Stefano Italiener durch und durch ist, gilt in seinen Café das Motto weniger ist mehr. Vom Espresso, den Pastagerichten, dem hausgemachten Eis oder der kleinen, aber feinen Auswahl an Alimenatri. Aber zurück zu den Antipasiti. Die heißen ja schließlich nicht ohne Grund so. Danach esse ich nämlich noch Pasta und bin mehr als glücklich. Eines muss man den Italiener lassen, die Sache mit dem Dolce Vita haben sie echt drauf. Mit einem Spritz in der Hand und dem Glück im Bauch fühle ich mich wie auf einer Piazza mitten in Rom – dabei sitze ich in der Abendsonne am Gärtnerplatz. Wer hat nochmal gesagt, das München die nördlichste Stadt Italiens sei? Egal, aber recht hatte die oder der.

 

 

© Julia

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Schmankerl:

Das Highlight des Abends war definitiv die Kreation unserer eigenen Eisbecher. Aus den allerfeinsten Eissorten, fruchtigsten Beeren und geröstetem Sesam (!) habe ich was ziemlich Leckeres gezaubert. Und das Beste: Wenn ihr fleißig für meinen Becher abstimmt, gibt´s den im September auf der Karte im Del Fiore.

Wer geht mit mir ein Eis essen?

Alle Infos auf Instagram und Facebook. Stay tuned.

 

 

 

 

 

Stefano © Living4taste.de

 

 

Titelbild © Living4taste.de

All that glitters ain´t gold.

Kolumnen

Man sagt ja immer, man finde sie nur einmal im Leben. Die ganze große Liebe. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich sie schon längst gefunden. Nur war mir das lange gar nicht so klar. Denn obwohl ich im April geboren bin und es recht locker mit uns beiden angefangen hat, kann ich mittlerweile behaupten, dass es tatsächlich Liebe ist. Also, so richtig.

Wenn deine zarten Strahlen zum ersten Mal sanft meinen ganzen Körper berühren, wenn es in der Nase kitzelt und die Haut diesen unverwechselbaren Sommergeruch aufweist, ja, dann verliebe ich mich jedes Jahrs auf´s Neue in dich. Die warme Haut mit eiskaltem Wasser kühlen und dabei zusehen, wie die Perlage in der Sonne verdampft. Und ein Windhauch, der immer ein bisschen kitzelt. Blinzelnd Pommes Schranke essen und nochmal abkühlen. Seit dreißig Jahren wird das nie langweilig. Weil du immer wieder anders bist, immer du, aber trotzdem immer neu. Nuancen und Facetten. Einzigartig wie die Küstenabschnitte einer Insel. Lauwarmen Sand zwischen den Zehen und Wind im Haar. Salzkristalle und der Duft von Oelander. Eiskalter Weißwein oder Rosé – festlegen lässt du dich nur ungern. Manchmal bin ich tatsächlich etwas traurig, dass du andere Regionen mehr liebst als die meine. Ich bin echt großzügig und teile gerne, aber trotzdem. Ich lebe in einer Altbauwohnung und ich friere quasi immer. Ich friere im Frühling, im Herbst und im Winter sowieso (ich bin ein Mädchen, ich darf das). Aber im Sommer, da mag ich nicht frieren. Echt nicht. Ich liebe es, wenn es so richtig heiß ist. Wenn der Asphalt in der sengenden Hitze glänzt – auch wenn ich natürlich weiss, dass nicht alles gold ist was glänzt. Aber wenn ich dann abends frisch geduscht auf meiner Couch liege, die Haut noch leicht feucht ist und der Vorhang im Wind zwischen den Kerzen tanzt, bekommt das bloße Sein eine völlig neue Dimension und mein Wein schmeckt immer so gut wie im Urlaub. Und jeder weiss, dass der Wein im Urlaub immer am besten schmeckt. Egal wie viele Kartons man mit nach Hause nimmt. Weil Weintrinken halt auch einfach ein Gefühl ist. Oder draußen, weil die ganze Stadt lebt. Das Leben im Freien stattfindet. Überall. Ich liebe diesen subtilen Geräuschteppich aus klirrenden Gläsern, zirpenden Grillen, Stimmen und knackenden Eiswürfeln.

Ja, immer Sommer da ist diese Leichtigkeit. Die Zeit vergeht langsamer und manchmal bleibt sie sogar ganz stehen. Manche sagen ja, man lebt in einer Blase, oder nennen es Sommerloch. Es passiert nicht viel, aber das was passiert, macht glücklich. Zumindest mich. Man mag es naiv nennen, aber wenn ich von den Sonnenstrahlen, die morgens durch mein Rollo blitzen, wach werde, ist es ein guter Tag. Wenn die Luft noch so frisch ist und die Vögelzwitschern. Ein Gefühl, das alles möglich ist. Ich muss es nur tun. Pläne schmieden und Luftschlösser bauen so hoch wie die Wellen vor Hossegor. Wenn ich dann abends am Strand sitze und zuschaue, wie die Sonne das Meer küsst, ist das für mich ein #magicmoment. Ich will nicht sagen, dass ich in den anderen Jahreszeiten nicht glücklich bin, im Gegenteil, aber im Sommer bin ich es immer. Selbst, wenn ich es nicht bin. Got it? Here comes the sun and it´s all right. 

Im Sommer ist einfach alles besser. Nicht nur das Obst. Oder die Tomaten von heimischen Feldern. Wenn man da ein bisschen Basilikum und Öl drauf tut. Heaven. Die Haare glänzen und die Haut strahlt. Pickelchen hat nur mein Kaktuseis.

Vielleicht ist es auch das pure Glück, das aus jeder Pore trieft. Und selbst wenn es nur das ist. Das ist doch eine ganze Menge.

■ *

 

© Julia

 

*q. e. d. (steht für: quod erat demonstrandum, lateinisch für: was zu beweisen war, Abschluss einer Beweisführung in Mathematik und Philosophie).

Volver.

Inspiration

Miguel lerne ich am Yachthafen kennen. Oder er mich. Nach einem kurzen, aber umso heftigeren Regenschauer setze ich mich auf die Stufen der Treppe, die das Barrio Alto mit dem Hafen verbindet. Die Sonne brennt plötzlich so heiß vom Himmel, dass ich die Feuchtigkeit auf meiner Haut verdampfen sehe. Ich schließe die Augen und lasse mit den warmen Wind um die Nase wehen. Nach dem Regen kommt die Sonne. Immer und immer wieder und manchmal auch innerhalb von Minuten. Die Angestellten der Schönen & Reichen wischen die letzten Regentropfen von den weißen Liegen an Board und stellen Champagnerflaschen für den Aperitif bereit. Es duftet herrlich nach frisch gegrilltem Fisch und Zitrone. Die Eiswürfel knacken in den Gläsern und ich schiebe mein Rad weiter am Ufer entlang. Miguel liegt auf einer Bank, die Füße lässig auf sein Fahrrad gestützt. „Ich komme gerade von der Arbeit“, wird er mir gleich erzählen, nachdem er mich ein bisschen mit seinem Fahrrad verfolgt hat. „Hier scheint die Sonne abends besonders lange und es kommen nur wenige Touristen. Perfekt, um den (Arbeits-) Tag ausklingen zu lassen. Miguel spricht mich auf Englisch an, weil ich – wie er findet – englisch aussehe. Erklären kann er mir das nicht. Aber er könne auch ein bisschen Deutsch. Ich muss lachen und wird kaufen uns ein eiskaltes San Miguel für einen Euro und setzen uns auf die Steine am Meer. Die sind noch ganz warm von der Sonne.

Während die Sonne am Horizont verschwindet und den Himmel in irgendetwas zwischen dunkelorange und hellpink verfärbt, erzählt mir Miguel von seiner Arbeit. „Ich arbeite am Flughafen. Wie fast jeder hier. Viel mehr gibt es ja nicht“, sagt er etwas abwertend, meint es aber nicht so. Er mag das einfache Leben hier. Er hat studiert und kam wieder zurück in seine Heimat, auf „mi islita“, wie er Mallorca liebevoll nennt. Und bei weitem kann man sich schlimmeres vorstellen, als den Feierabend am Meer zu verbringen. Ich summe „La isla bonita“ von Madonna an und jetzt muss Miguel lachen. Miguel erzählt mir aber auch, dass es ohne die zahlreichen Touristen recht öde wäre. Alles dreht sich um den Tourismus. „Hast du gesehen, wie die Küsten zugebaut sind, als du hergeflogen bist?“, fragt er mich und ich kann mich gar nicht richtig erinnern. „Zwei, dreihundert Meter vom Strand weg und dann nichts. Dabei ist es im Landesinneren so schön. Das wollen die aber nicht sehen“. Mit „die“ meint er die Touristen. Miguel ist klug genug, um nicht alle über keinen Kamm zu scheren, aber das Gros sei so. Am nächsten Tag will er mir Pilar vorstellen, die in einer der Betten-Burgen unten an der Playa arbeitet.

Yachthafen Palma

 

Ortswechsel: Ich strecke meinen großen Zeh in türkisblaues, kristallklares Wasser und wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen ich sei in der Karibik oder auf den Malediven. Der Sand ist puderzuckerfein und so weiß wie die herrlich bequemen balinesichen Betten, auf denen ich es mir gleich gemütlich machen werde. Ein weißes Tuch, das vor ungewollten Blicken schützen soll — oder vielleicht auch nur vor dem Wind — flattert grazil in ebendiesem und bildet einen tollen Kontrast zu dem Gerüst aus dunklem Holz. Ich nehme meine Sonnenbrille ab, um mich zu vergewissern, dass die Farben auch in echt so krass schön sind. Sind sie. Und ich fühle mich ein bisschen wie in der Raffaelo Werbung. Hach. Während ich mir noch die imaginären Kokosraspeln von den Lippen streiche, eilt auch schon Rodrigo herbei. Natürlich sind solche unfassbar schönen und bequemen Himmelbetten mit Me(h)erblick nicht ganz günstig, aber jeden einzelnen Cent wert, wie sich später herausstellen wird. Rodrigo ist einer der wenigen, der nicht sofort ins Englische wechselt, wenn mein spanischer Gedanke etwas länger braucht, ehe er zu einem vollständigen Satz wird. Was auch daran liegt, das Rodrigo kein Englisch spricht. Fünf bis sechs Monate arbeitet er hier unter der mallorquinischen Sonne, den Rest des Jahres verbringt er in seiner Heimat Kolumbien. Rodrigo trägt ein weißes T-Shirt und etliche Tattoos zieren seinen muskulösen Unterarm. Durch seine blau-verspiegelte Sonnenbrille kann ich seine Augen nur erahnen. Wenn er spricht, verschluckt er die letzten Silben immer etwas und erinnert mich dabei ein bisschen an diese coolen Reggaeton Sänger aus dem Musikfernsehen. Die Arbeit hier ist gut, erzählt er mir, „man braucht keine Vorkenntnisse. Eigentlich überhaupt keine Kenntnisse“. Und ich weiss nicht, ob ich das gut oder traurig finden soll.

Karibik im Kopf

Wenn es windig ist, was an diesem Küstenabschnitt relativ häufig vorkommt, bleiben die Touristen fern. „Die mögen das nicht“, sagt er und dabei blitzt immer wieder eines der drei Piercings in seiner Zunge hervor. Dafür erwachen die Mallorquiner aus ihrer Siesta und hissen die Segel ihrer Boote. Ich schaue dem Spektakel gerne zu, Rodrigo ist langweilig. „Keine Touristen, keine Arbeit und es ist erst 15 Uhr“. Sein Zeitgefühl tickt völlig anders. Als ich ihn frage, was er denn in den verbleibenden Monaten in Kolumbien macht antwortet er mit einem breiten Grinsen „nada“. Er erzählt mir, dass 1000 Euro hier, in Kolumbien in etwa 3000 EURO wert seien – wegen dem Umrechnungskurs, sagt rund gestikuliert dabei vielversprechend mit seiner Hand. „Es ist gute Arbeit und gutes Geld“, und wieder blitzt das Metall in seiner Zunge hervor. Abends fährt er mit seinem BMX nach Palma in die Stadt. Dort lebt er während der Sommermonate in einer kleinen Wohnung.

„Mi casa es tu casa“ R.

Am nächsten Morgen lerne ich Pilar kennen. Ihre haselnussbraunen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Sie trägt eine beige Hose und eine weiße Bluse mit perfekt gestärktem Kragen. „Das ist meine Arbeitskleidung“, sagt sie schulterzuckend, weil ich sie wohl etwas zu lange gemustert habe. Pilar ist 28 Jahre alt und arbeitet in einem Hotel direkt am Strand. Ich erzähle ihr, von der Pferdekutsche mit der ich die Straßen Palmas erkundet habe, dem unfassbar guten Café con leche in einem Café mit drei Tischen, das ich in den verwinkelten Gassen der Stadt nie wieder finden würde, von dem kalten Bier mit Miguel am Hafen und dem weißen Sandstrand. Pilar schmunzelt und aus ihren Lippen ertönt ein langgezogenes „Pues.“ „Du hast das schöne Palma gesehen. Palma das wir lieben.“ Und mit wir meint sie die Einheimischen. Die Mallorquiner. Zwischen den Zeilen schwingt ein Lebensgefühl mit, das ich auch bei Miguel gespürt habe. Ein Hauch Melancholie, unglaublich viel Laissez-Fair, ein großes Freiheitsgefühl – was am Meer ja irgendwie immer so ist und die ganz große Sehnsucht. Ein bisschen wie der traurig-schöne Fado in Portugal.

In den verwinkelten Gassen lebt die Melancholie

Pilar nimmt mich mit in den Speisesaal, in dem gerade das Frühstück serviert wird. Für ein Hotel mit 240 Betten sieht dieser wirklich ansprechend aus. „Wir haben erst letztes Jahr renoviert“, ruft Pilar mit einem Tablett in der Hand und stellt mir einen Café con leche auf den dunkelbraunen Holztisch mit beiger Leinenserviette. Ein bisschen habe ich Gänsehaut, weil die Klimaanlage hier drinnen ganz gute Arbeit leistet. Ich rühre verträumt in meinem Kaffee und schaue durch eine streifenfrei polierte Glasfront auf die spiegelglatte Oberfläche des Pools. Gar nicht mal so übel. „Gleich geht es los, das große Fressen“, zwinkert mir Pilar zu. Tatsächlich stürmen immer mehr der Hotelgäste den Frühstücksraum, der gleichzeitig auch Mittagsessensraum und Abendessenraum ist. Ich beginne zu verstehen, wie beengt Pilars Arbeitsplatz ist und warum sie das Meer so liebt. Freundlich begrüßt sie jeden Gast. Manche sogar mit Namen. Räumt Teller von Tischen, die noch so voll sind, um eine vierköpfige Familie satt zu bekommen. Diese „Reste“ landen im Müll. „Die Augen sind immer größer als der Hunger“, sagt Pilar während sie Rührei und zwei Scheiben Brot in einen Behälter aus dunklem Plastik schiebt. „Gerade bei All-inklusive langen die Leute so richtig zu. Wollen alles probieren und können am Ende gar nicht alles essen“. Manchmal gibt es auch Themenabende im Hotel. Dann streift sich Pilar ein schwarzes Gewand mit einem roten Stoffgürtel, den sie auf Höhe ihrer Hüfte knotet, über, um das Japan-Feeling zu unterstützen. Wir müssen beide lachen, als sie mir ein Foto von sich und einem Gast in diesem Aufzug zeigt. Pilar hat ein schönes Lachen. Keine Spur von Verdruss oder gar irgendeine Form von Wut. Tagein tagaus räumt sie halbvolle Teller von den Tischen, um diese nur Minuten später wieder erneut einzudecken. Morgens. Mittags. Und abends. Dann geht sie nach Hause. Morgen früh müssen nämlich wieder Tassen und Teller auf Tische gestellt werden. Aber dazwischen, zwischen all den Tassen und Tellern passiert das, was sie „actidud frente a la vida“ nennt, was so viel wie Lebensgefühl heisst. Und genau das will sie mir jetzt zeigen. Pilar knöpft ihre weiße Bluse auf und hängt sie neben das Japan-Gewand, „für morgen“, sagt sie augenzwinkernd. Dann schlüpft sie eine Jeansshorts und wirft mir einen Helm entgegen. ¡Arriba!

Something old and something yellow

 

Wir fahren auf einem alten Roller, der nur so knattert und knarzt in der gerade einbrechenden Dunkelheit über die Küstenstraße nach Palma. Von rechts weht mir die warme Luft aus der Stadt entgegen, von links eine kühle Brise vom Meer und von vorne der Duft von Pilars Parfüm, die so rasant wie gefühlvoll in jede Kurve der verwinkelten Straße fährt. Vorbei an einem kleinen Hafen mit Fischerbooten, die gefährlich im Wind wanken. Den alten Herren, die auf Plasitkstühlen auf der Veranda sitzen wie die Hühner auf der Stange, Zigarren rauchen und schon ganz blaue Lippen vom Vino Tinto haben und dabei so unfassbar glücklich aussehen. Vorbei an einer wunderschönen Finca auf einem Felsvorsprung direkt am Meer. Die Frau hinter dem gelben Tor, von dem die Farbe schon etwas abgeblättert ist nickt mir lächelnd zu. Es riecht nach Salz, nassem Holz und ein bisschen fischig. Es riecht nach tanzenden Herzen und schäumender Gischt. Nach heißem Asphalt nach einem Sommergewitter und nach Oleander. Mit diesem Gefühlsoverload from head to toe manövriert Pilar den Roller durch eine gefährlich enge Gasse. „Gleich sind wir da“ sagt sie gegen den Fahrtwind und ich bin nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe. Klapprige Fensterläden nur einen fingerbreit von meinem Arm entfernt. Halbgeöffnete, gußeiserne Tore, die den Blick in die wunderschönsten Hinterhöfe freilegen. Oasen, mitten in der Stadt. Aus jeder Bodega ein fröhliches ¡Hola, Pilar! Qué tal? 

Radom Bodega in Palma – Pilar kennt jede(n)

Palmen, die aus Häusern wachsen, klirrende Gläser und Gitarrenklänge verschwimmen hinter einem angenehmen Teppich aus Stimmengewirr. Esto es. Nachdem wir zwanzig Minuten gefühlt nur bergauf gefahren sind, führt mich Pilar jetzt ein paar Stufen nach unten. Irgendwo in einen Hinterhof. Zwischen den Hauswänden blitzt gülden die Kathedrale hervor und hinter den zwei Palmen glitzert der Mond im Meer. Hach. Ich werde ganz vielen lächelnden Menschen vorgestellt, die alle wild durcheinander plappern. Und ich bin froh, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippt und mir ein Glas eiskalten Prensal Blanc in die Hand drückt. Hola, Miguel, sage ich und grinse dabei wie ein Honigkuchenpferd.

Where magic happens

Hinter einem winzigen Fenster mit weißen Fensterläden schneidet jemand hauchdünne Tranchen von einem Seranoschinken, der so groß ist wie mein Oberschenkel. Es duftet nach geröstetem Brot und Knoblauch. Es zischt, als jemand einen ganzen Fisch auf den kleinen Grill in der Ecke wirft. Dieser jemand ist natürlich ein Mann und hat den Fisch selbst gefangen. Mit bloßer Hand. „Hola Guapa“, sagt Rodrigo und das „g“ hört sich wieder wie ein „w“ an und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

Und dann sitzen wir alle zusammen auf klapprigen Holzstühlen, essen Pa amb oli und trinken mallorquinschen Weißwein. Manchmal kann man Happiness eben doch essen. Ich glaube, ich kann das Meer in der Ferne rauschen hören, aber vielleicht ist das auch nur das Glück, das durch meinen Körper strömt.

 

© Julia

 

Her mit dem schönen Leben!

Backyards I love

La Seu de Palma

Schattenspiele & sattes Grün

#desicions

Dieses Seil bietet Schutz vor dem gefährlichen Felsvorsprung. Obacht!

Blumen. Immer schön.

Pilars working space

Manchmal ist der Weg steinig & schwer

Looking up

Sundowner with a view

Radln all along the shore

Shabby chic

Life is better at the beach

Café con leche

Ride it, my pony

Hinterlands

Ciao

 

* Vuelvo. Cierto.