Make up your mind!

Kolumnen

Schlank. Gut gebaut. Lange Haare. Muskeln. Große Brüste. Bart. Dunkle Augen. Was darf´s denn sein? Egal! Alles hinfällig, denn Verstand is geil. Sapiosexuell, Baby! Das Gehirn, mal wieder. Klar, Intelligenz ist schon immer ein bisschen sexy, aber körperliche Erregung durch Intelligenz? Ganz nach dem Motto „seduce my mind and you can have my body?”.

Gesellt sich gleich und gleich wirklich gerne, oder ziehen sich Gegensätze an? Männer fühlen sich ja gemeinhin in ihrer Männlichkeit bestätigt, wenn sie sich ihnen (geistig) unterlegenen Frauen zusammentun. Narzisstische Kollusion, nennt das der Fachmann. Nun gut, haben wir alle schon mal gesehen. Den Sugardaddy, der sich in gereiftem Alter einer schönen Langbeinigen bedient, die locker seine Tochter sein könnte. Je ungleicher die Gesellschaft bzw. das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, desto wichtiger Status auf der einen und Schönheit auf der anderen Seite. Die Zeiten der drei K´s sind vorbei, wir Frauen sind unabhängiger und freier denn je (Emanzipation und so) und dürfen sogar wählen – nicht nur den Mann an unserer Seite. Die alte Formel verliert an Bedeutung. Intelligenz und Humor lösen Besitztum und soziales Standing ab. Doch angekommen im 21. Jahrhundert funktioniert das Spiel mit dem Status und der Schönheit auch locker andersrum. Viele attraktive, erfolgreiche Frauen haben einen (oftmals) jüngeren Mann, der ihnen nicht immer intellektuell ebenbürtig ist. Muss das denn so sein? Die Sache mit der Intelligenz? Zwangsläufig? Fakt ist; ist mein Partner zu dumm, enttäuscht er mich andauernd. Ist er zu klug, bin ich enttäuscht. Geoffrey Miller, seines Zeichens Evolutionsbiologe fand sogar heraus, dass der IQ eines Mannes mit der Qualität seines Spermas korreliert. Na, Prost Mahlzeit! Hat aber den biologischen Hintergrund, dass es den Frauen intelligentere Nachkommen versprechen soll. Fraglich bleibt irgendwie nur, wie frau das herausfinden soll. Die Sache mit dem Sperma…

Die Intelligenz von Männern und Frauen habe sich im Laufe der Evolution angeglichen „Frauen müssen intelligent sein, um zu erkennen, ob der Mann intelligent ist“, so Miller. Das überdimensionierte Gehirn des Menschen sei dadurch entstanden, dass weibliche Exemplare unserer Vorfahren diejenigen männlichen Exemplare bevorzugten, die durch Intelligenz und Kreativität einen höheren Unterhaltungswert boten. Ha! Waren Frauen doch schon immer insgeheim die Bestimmer.

Das Attraktivitätsempfinden läuft – wie jede Emotion – über das Gehirn. Nur logisch, dass das Gehirn mehr als nur eine Nebenrolle spielen darf. Intelligenz ist attraktiv. Sie verspricht Ressourcen und zwar auf lange Sicht. Denn Schönheit ist vergänglich, G(r)ips bleibt. Oder so. Jedoch sollte man den Intelligenzbegriff nicht zu eng fassen, denn nicht die fachliche Intelligenz, sondern die Ähnlichkeit bezüglich Sprachwitz, Lebendigkeit, Empathiefähigkeit und das Gesprächsniveau allgemein sei ausschlaggebend, um den Partner als Resonanzkörper zu betrachten. Eine gemeinsame Basis eben. Und somit ist es auch egal, ob jung oder alt, ob Physikprofessorin oder Fotograf, ob Sixpack oder Silikonbrüste – all das ist nur die Hülle. Viel wichtiger ist doch das, was hinter der Fassade steckt. Die Nervennahrung sozusagen. Vielleicht muss man da auch mal alte Muster durchbrechen und den Mut haben, neue Wege zu gehen. Denn eben diese von Miller genannten Traits bilden doch die Basis, die uns langfristig glücklich macht. Und das wollen wir doch alle, oder? Auch dann, wenn die rosarote Brille längst in der Schublade liegt. Darauf ein paar Nüsschen.

 

© Julia

 

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Der Bügler.

Prosa

Sanft gleitet das Bügeleisen über den Kragen meiner Bluse. Wie von Zauberhand verschwinden die winzigen Knitterfältchen. Das heiße Eisen kuriert das Schleudertrauma, das das Stück Stoff erlitten hat. Manchmal vergesse ich es nämlich in der Waschmaschine. Dann liegt das da ein paar Stunden oder manchmal auch Tage. Nass, zerknittert, zurückgelassen. Einsam und vergessen. Ein elendes Dasein.

Und dann kommt da jemand und gibt ihm ein klitzekleines bisschen Wärme, streicht behutsam über die Ecken und Kanten. Die Anspannung löst sich, die knittrige Oberfläche wird wieder ganz eben und glatt. Das wollen wir doch, oder? Dass alles ebenmäßig ist. Makellos. Nahezu perfekt. Du bist es. Aber nur an der Oberfläche und auch nur fast. Wenn man hier und da ein bisschen kratzt und es dazuhin noch regnet, dann bröckelt sie ganz schön, die Fassade. Aber irgendwie ist da immer jemand, der hinter dir herläuft und die Splitter aufsammelt, die du hinterlässt und sie auf wundersame Weise wieder zusammenflickt. Eine knarzige Oberfläche, ein vages Gerüst, gebaut aus Bruchstücken. Du weisst das, aber du bist ein guter Bügler. Denn deine Oberfläche erstrahlt immer in dieser schrecklich schönen Ebenmäßigkeit, die mir zuweilen Angst bereitet. Denn ich kann mir nicht einmal die Nägel lackieren, ohne zu patzen.

Genau das gefiel dir. Dass der Pinsel immer einen Hauch neben der Spur war, kaum merklich, aber wahr. Keine Geduld, dem Lack die Zeit zu geben, die er für einen perfekten Auftrag benötigt hätte. Immer direkt aus der Mitte, links. Das Herz schneller als der Verstand, hast du immer gesagt. Das kann sehr schön sein. Aber auch sehr gefährlich. Das weiss ich. Du warst der Meinung, dass mir diese Nuance an Unbeholfenheit etwas Ehrliches, Authentisches verlieh. Eine gewisse Grazie, die dir den Verstand raubte.

Ich frage mich, ob jemand dessen Oberfläche immer so fürchterlich glatt ist, das überhaupt beurteilen kann. Die Knoten und die Windungen. Verwoben. Miteinander. Verknotet. Verworren. Ganz tief, innendrin. Aber wenn du sagst, dass du bei mir und mit mir du sein kannst, ist es das, was mich ein bisschen stolz macht. Wenn meine Imperfektion auf dich abfärbt, dich weich zeichnet, deine Konturen verwischt, die Grenzen auflöst, uns verbindet und du als verknotetes Etwas vor mir stehst. Ganz pur, nur du. Nackt. Das faltenfreie Korsett abgestreift und feinsäuberlich auf einen Kleiderbügel gehängt. So willst du sein, aber du kannst es nicht. Nur mit mir, an deiner Hand. Wieso bist du hier und ich dort. Fort. Über den Bergen. Nicht bei den sieben Zwergen. Ich beiße in den (sauren) Apfel und er bleibt mir im Halse stecken. Manchmal nimmst du mir die Luft zum Atmen, weisst du das? Immer findest du einen Weg in mein Labyrinth aus wirren Gedanken. Nistest dich ein, für Tage, manchmal auch Wochen. Ziehst die Fäden ein bisschen enger, nur um dir dann dein gebügeltes Hemd von der Stange zu nehmen und deinen geschundenen Körper in diese unerträgliche Perfektion zu hüllen.

Deine Augen sehen so traurig aus, wenn sich unsere Hände in Zeitlupe voneinander lösen. Wenn du zurück in deine Welt kehrst, in deinen goldenen Käfig. Dann sitze ich vor der Wachmaschine und schaue dem Stück Stoff hinter dem Bullauge zu. Ich sehe seelenruhig zu, wie es ein Schleudertrauma erleidet. Und nass und zerknittert in den Schaumresten liegen bliebt. Ein elendes Dasein.

Und manchmal sitze ich da und frage mich, wie ich bloß all die Falten und Knitter aus meiner Bluse bekommen soll. Denn ich besitze gar kein Bügeleisen.

 

© Julia