London Calling.

Inspiration, Lifestyle

Ich schiebe meinen Koffer umständlich das Gate entlang. Diese ebenerdigen Rolltreppen waren noch nie meins. Am Ende des unterirdischen Gangs gibt es drei Aufzüge zu vier Plattformen. Abgesehen von dem Sandwich im Flugzeug hatte ich nichts gegessen und mir ist etwas flau im Magen. Es ist ja nicht so, dass ich noch nie alleine geflogen wäre. Irgendwohin. Nicht auf die Nase. Das nämlich schon öfter.

Es ertönt ein lauter Gong. Platform Three. Weil alle aussteigen, steige ich auch aus. Obwohl der Weg zur Quelle ja immer gegen den Strom führt, laufe ich der Masse nach. Am Ende gibt es zwei Gleise für zwei Züge. Einer, der aus der Stadt rausführt und der andere, der die Menschen in die Stadt transportiert. Das mag ich an England. Dieses uralte U-Bahn-System. Für jemanden, der trotz Navigationsgerät in die falsche Richtung (immer!) läuft, ist das sehr angenehm.

Als ich mir ein Ticket kaufen möchte, spricht mich eine ältere Dame an, die locker als Queen Elisabeth hätte durch gehen können. „Möchten Sie in die Stadt fahren, junge Dame?“. Ich übersetzte das you als Sie wobei es getrost ein Du hätte sein könnte, so nett und vertraut wie das aus ihrem Mund klingt. Ich entscheide mich aber bewusst für Sie, weil alles andere nicht Queen-Elisabeth-Style gewesen wäre. Ich nicke also heftig und bekomme ein Ticket in die Hand gedrückt. „Das ist ein Tagesticket. Damit können Sie noch den ganzen Tag fahren. Ich fliege jetzt nämlich nach Paris und werde es nicht mehr brauchen“. Oh, das ist aber nett, sage ich und freue mich wie ein Schnitzel. Sowieso sind hier alle so nett. Wobei nett im Vergleich zu lovely nur verlieren kann. Aber liebreizend oder herzallerliebst sagt ja heutzutage kein Mensch mehr. Schade, eigentlich, denke ich. Wir plaudern noch ein Weilchen und wünschen uns dann gegenseitig einen lovely day. Entgegen aller Oberflächlichkeit war diese Begegnung tatsächlich lovely. Ich passiere das Drehkreuz und spüre ein leichtes Bauchkribbeln.

Der Zug rattert aus dem Tunnel heraus und ich muss meine Augen etwas zusammenkneifen, weil die Sonne zwischen den Bäumen direkt in mein Gesicht scheint. Dahinter diese typischen, englischen Reihenhäuser. Manche mit winzigen Dachterrassen und ganz viel Grün. Ich nehme die Kopfhörer aus dem Ohr und bin einfach nur glücklich.

Da konnte ich ja noch nicht ahnen, wie sehr ich mich verlieben würde. Ganz nach dem Motto, 1000 mal berührt und nix passiert. 1001 mal und es zoom gemacht. Und wie.

 

| Sommersethouse

Nur wenige Gehminuten von dem umtriebigen The Strand zwischen One Aldwych und Waterloo Bridge verbirgt diese kleine Oase der Ruhe. Und Strand hat hier nichts mit Sand und Palmen zutun, sondern bezeichnet den Straßenabschnitt, der die City of London mit Westminster verbindet. Die typisch roten Doppeldeckerbusse reihen sich geduldig zwischen den Black Cabs ein (Übrigens: immer ein Black Cab heran winken, die sind nicht nur schöner, sondern auch die offiziellen Taxis mit Lizenz). Mit zahlreichen Geschäften und Hotels herrscht hier eine bunte Mischung aus Touristen, Geschäftsleuten und Obdachlosen. Die neben den stoisch dreinblickenden Butler vor den Luxushotels ein skurriles (Stadt-) Bild abgeben.

Zugegeben, den Eingang zum Innenhof des Sommersethouse muss man ein bisschen suchen. Schon beim Betreten des dunklen Gangs erschleicht einem das Gefühl von Ruhe und der Lärm der Stadt rückt mit jedem Schritt mehr in die Ferne.

Hier scheint die Sonne im Frühling und Herbst besonders lange, sodass man auch zu späterer Stunde noch ein paar Strahlen (für den typisch englischen Glow, den hier alle haben – jeglichem blass oder krebsrot Klischee zum Trotz) einfangen kann. Vielleicht liegt das aber auch an der sympathischen Art des Daydrinkings. Well…

Tipp: Sich vom hübschen Barista im Fernandez & Wells einen vorzüglichen Flat White zaubern lassen und in Ruhe Leute gucken. Man darf sich dabei gerne wie Keira Knightley fühlen, die sich hier als Herzogin von Ralph Finnes hat küssen lassen. Perfekte (Film-) Kulisse. Bei Regen unbedingt in die kleine, aber feine Buchhandlung nebenan gehen und sich inspirieren lassen und ein paar Mitbringsel besorgen.

Inspiration ist ein gutes Stichwort: Das Sommersethouse ist Zentrum für Bildende Künste und es gibt immer wechselnde Ausstellungen. Was natürlich auch entsprechend stylische Menschen magisch anzieht. Wer sich den kreativen Londoner Style abgucken will, dann hier.

Im Ostflügel des Gebäudes residiert das Kings College, d. h. Man kann wunderbar Cool Kids beobachten.

 

| Theatres / The long list

London ist für seine umfangreiche Theaterlandschaft bekannt. Von klassisch bis modern bis hin zu Indie-Produktionen ist alles dabei. Kunst und Kultur können sie, die Briten.

Wer bei Theater an schicki-mickie und das Kleine Schwarze denkt, irrt. Der Engländer nimmt den Ausdruck come as you are in diesem Fall wortwörtlich. Jeans, T-Shirt und die Tüte mit der Shopping-Ausbeute. Den Sprakling Rosé bestellt man per App und lässt ihn sich in der Pause an den Platz bringen #smart. Die Stimmung steigt, es wird angefeuert und mitgesungen. Go, Girl. So ganz anders als bei einem typischen Theaterabend in Deutschland. Das hat mir sehr gut gefallen. Dieses Involvement. Und überhaupt.

The Savoy Theatre, Prince Edward, Apollo, Royal Albert Hall – die Liste der Theaterlandschaft in London ist lang.

Das Savoy ist das prestigereichste und opulenteste Hotel Londons. Nur ein paar (viele) Treppenstufen unter der Erde in Richtung Flussbett der Themse befindet sich das kleine, feine Theater mit roten Samtsesseln und einer winzigen Empore. Auf dem Weg zur Toilette kann man sich hier schon mal verirren, so verwinkelt sind die unterirdischen Gänge.

 

Viele Restaurants bieten zudem günstige Pre- and After Theatre Menüs an. Einfach mal gucken.

Fun Fact: Der Court des Savoy ist der einzige Platz in ganz England, wo auf der rechten Seite gefahren wird – damit die Black Tabs bequem wenden können, sagt man. Außerdem wurde der Eisbecher Pfirsich Melba in einer der sieben Küchen des Savoys erfunden.

Tipp: Nach der Vorstellung den offiziell-inoffiziellen Hinterausgang (am Themse-Ufer) nehmen und mit den Darstellern ein Pläuschchen halten. Herrlich nahbar. Und Small Talk auf eine schöne Art.

 

| Tea Time 

Dieser Five O´Clock Tee ist eine feine Sache, wenn zwischen dem feudalen full English Breakfast (nach dem man eigentlich für fünf Tage und drei Bergwanderungen satt ist) und dem Bagel zum Lunch doch noch ein Hüngerchen vor dem Dinner aufkommt.

Ofenwarme Scones, die beim Auseinanderbrechen herrlich dampfen und nach frischer Hefe duften. Einen (großen!) Klecks Clotted Cream und Marmelade drauf. Himmlisch. Beim Tee verstehen die Engländer allerdings keinen Spaß. Am besten vom Kellner (Tee Sommelier) beraten lassen. Ein Tradition, an die ich mich gewöhnen könnte.

Wer´s etwas opulenter mag bestellt einen kompletten Afternoon Tea z. B. Brasserie Max / Covent Garden Hotel. Und bekommt wirklich alles, was das Herz begehrt. Von süß bis herzhaft inklusive einem Glas Champagner. Das Lächeln des Kellners gibt´s gratis. ca. 28,- p. P.

Mit der Picadilly Line bis Covent Garden fahren und die Treppen zur Oberfläche nehmen. Dann geht das auch mit den Scones klar. Diese Station ist die älteste in London und genau 193 Stufen führen über eine steile Wendeltreppe an die Oberfläche (das entspricht 15 Stockwerken). Nicht umsonst steht der Hinweis, die Treppe nur im Notfall zu benutzen.

Der Aufzug wurde erst nachträglich gebaut. Achtung: Ticket schon im Aufzug bereit halten. Es geht quasi nahtlos zu den Drehkreuzen.

 

| Covent Garden 

Die bereits im 17. Jahrhundert gegründeten Hallen mit dem schönen Glasdach, die an einen alten Bahnhof erinnern, bieten alles was das Herz begehrt und sind mehr als Instagram tauglich. Hier geben sich Chanel und Laudrée die Klinke in die Hand, an machen Tagen gibt es auf dem Trödelmarkt tolle Einzelstücke zu entdecken.

Zur Stärkung: Ein Walnussbrot mit Avocado bei Le Pain Qotidienne oder einen Burger bei Shake Shake essen.

Tipp: Covent Garden ist der einzige Ort in London, auf dem Straßenkunst erlaubt ist. Am Wochenende geben Singer-Songwriter (und Musikstudenten) auf der Piazza Konzerte und sorgen für Gänsehautfeeling.

Unbedingt auch die kleinen Straßen rund um Covent Garden erkunden. Wegen: Sehr schön. Und weniger touristisch.

In der Floralstreet ein Kanelbuar (Cinnamon Bun) bei Bageriet essen – so zuckersüß wie der (schwedische) Barista. #forreal

Wer eher auf (Nah-) Verkehr steht, sollte einen Blick in das London Transport Museum werfen, welches sich direkt neben den Markthallen befindet.

 

| SOHO 

Zwischen Hipstern und Bürohengsten herrscht hier tatsächlich ein bisschen mutlikulturelles New York Feeling.

Mittwoch bis Freitag gibt es den Food Markt Street Food Union in der Ruper Street. Von Kimchi über Burritos, Falafel und Burger gibt es es hier vor allem eines: Fast nur Einheimische.

Tipp: Das Lieblingsessen einpacken und in den gegenüberliegenden St. Anne´s Churchyard Garden ins Gras setzten. Glücklich sein.

Fun Fact: Soho der Schauplatz der Dreigroschenoper von Bertold Brecht.

Weiter geht’s über die Brewer und Beak Street auf die Carnaby Street. Metzger und Brauer findet man hier mittlerweile eher keiner mehr, Bier hingegen schon. Nämlich in den vielen, winzigen und mega sympathischen Pubs.

Nach dem Bier ist vor dem Frühstück. Nach dem obligatorischen Foto des Welcome-to-Carnaby-Street im Kingly Court eine Acai Bowl essen oder beim Yoga entspannen. Wer´s deftiger mag. Gute Steaks gibts bei Flat Iron.

Nach ein paar Gehminuten über die Great Malborough Street – und das hat nichts mit Zigaretten zu tun. Sehr wohl aber mit Freiheit, die man an der Ecke Kingly Street / Little Marlborough Street erreicht. Das wunderschöne Fachwerkhaus beherbergt das Kaufhaus Liberty. Harrods kann ja jeder. Außerdem kann man hier auf knarrenden, alten Wendeltreppen wunderbar Windowshopping betreiben und sich ein bisschen wie Carrie fühlen. Im 2. Stock gibt es ein kleines, verstecktes Café. Ich empfehle: Augen zu, Karte durch.

 

| Monmouth Street / Seven Dials

Diese kleine, feine Straße ist so typisch urig englisch mit all den Black Cabs, den Barber Shops und den kleinen Boutiquen, das es fast schon ein bisschen Pariser Flair hat. Im Norden durch die Shaftesbury Avenue und im Süden durch Shelton- und Towerstreet begrenzt und wo sich Mercer-  und Earlham Street kreuzen, befindet man sich im Herzen des sogenannte Seven Dials. Und das ist der Ort, wo die Magic passiert. Aufführungen im Cambridge Theatre, Portugiesische Spezialitäten naschen, Shoppen (z. B. Club Monaco oder Pop Boutique, Vintage von 1950 – 1990), Coco de Mer #sexytime. Gucken, Stauen und nachmittags (!) ein Pint im Crown & Anchor trinken.

Bei Rococo Chocolates was für die Lieben daheim mitnehmen. Oder besser gleich selbst essen. Eine wahre Freude ist auch das Freud Café. Und schön ist es auch hier.

 | St. James Park

Weil Hyde Park einfach jeder kann. Der kleine Bruder aber mindestens genau so schön ist. Den Eingang über die Downing Street nehmen und noch bisschen Kultur gucken. Mit einem Eis in der Hand die Enten füttern (nicht!) und am See entlang Richtung Norden laufen – so kommt man am Institute of Contemporay Art vorbei und kann am am Trafalgar Square (neben ganz viel Verkehr) auch noch The National Gallery besuchen.

 

| Neil´s Yard

Es gibt Orte, die schreien ganz laut. Hier! Jetzt! Mach ein Foto! Weil man das bereits in diversen Magazinen gelesen hat oder auf Instagram gesehen hat. Und dann gibt es Neil´s Yard. Der genau das tut, aber auf so eine zauberhafte Art und Weise. Weil man gar nicht anders kann, wenn man durch die dunkle, unscheinbare Einfahrt gegangen ist. Weil einem sofort das Herz aufgeht. Und weil kein Foto dem auch nur annähernd gerecht werden würde. Bei Neil und mir war es Liebe auf den ersten Blick. Denn auch dieser Neil hat ein Herz aus gold. Gerade einmal 60 Meter misst dieser entzückende Innenhof, der von Kosmetik über Pizza und einem ausgezeichneten Käsefachhandel (!) alles bietet und nichts als ein Gefühl einer wolligen Umarmung hinterlässt.

Am Abend bei Kerzen und Lampions eine der Riesenpizzen bestellen. Hier trifft sich abends das urbane Volk zum Teilen und Genießen, bevor es in die Pubs geht. Herrlich unaufgeregt.

Zum Lunch oder für ein Stück Kuchen unbedingt im Wild Food Café vorbei schauen. Allein der Aufgang über die dunkelblaue Wendeltreppe ist ein Erlebnis.

Ziemlich gutes Porridge gibt es bei 26 Grains. Ausgang Monmouth Street (Achtung, Lieblingsstraßen-Potential) nehmen und auf einen Flat White Monmouth Coffee Company vorbeischauen. Die Franzbrötchen sind auch nicht von schlechten Eltern.

 

Hach, hab ich schon erwähnt, dass ich verliebt bin?

Loads of love ❤

 

 

© Julia

 

 

Was sonst noch so ging:

 

 

 


 

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Volver.

Inspiration

Miguel lerne ich am Yachthafen kennen. Oder er mich. Nach einem kurzen, aber umso heftigeren Regenschauer setze ich mich auf die Stufen der Treppe, die das Barrio Alto mit dem Hafen verbindet. Die Sonne brennt plötzlich so heiß vom Himmel, dass ich die Feuchtigkeit auf meiner Haut verdampfen sehe. Ich schließe die Augen und lasse mit den warmen Wind um die Nase wehen. Nach dem Regen kommt die Sonne. Immer und immer wieder und manchmal auch innerhalb von Minuten. Die Angestellten der Schönen & Reichen wischen die letzten Regentropfen von den weißen Liegen an Board und stellen Champagnerflaschen für den Aperitif bereit. Es duftet herrlich nach frisch gegrilltem Fisch und Zitrone. Die Eiswürfel knacken in den Gläsern und ich schiebe mein Rad weiter am Ufer entlang. Miguel liegt auf einer Bank, die Füße lässig auf sein Fahrrad gestützt. „Ich komme gerade von der Arbeit“, wird er mir gleich erzählen, nachdem er mich ein bisschen mit seinem Fahrrad verfolgt hat. „Hier scheint die Sonne abends besonders lange und es kommen nur wenige Touristen. Perfekt, um den (Arbeits-) Tag ausklingen zu lassen. Miguel spricht mich auf Englisch an, weil ich – wie er findet – englisch aussehe. Erklären kann er mir das nicht. Aber er könne auch ein bisschen Deutsch. Ich muss lachen und wird kaufen uns ein eiskaltes San Miguel für einen Euro und setzen uns auf die Steine am Meer. Die sind noch ganz warm von der Sonne.

Während die Sonne am Horizont verschwindet und den Himmel in irgendetwas zwischen dunkelorange und hellpink verfärbt, erzählt mir Miguel von seiner Arbeit. „Ich arbeite am Flughafen. Wie fast jeder hier. Viel mehr gibt es ja nicht“, sagt er etwas abwertend, meint es aber nicht so. Er mag das einfache Leben hier. Er hat studiert und kam wieder zurück in seine Heimat, auf „mi islita“, wie er Mallorca liebevoll nennt. Und bei weitem kann man sich schlimmeres vorstellen, als den Feierabend am Meer zu verbringen. Ich summe „La isla bonita“ von Madonna an und jetzt muss Miguel lachen. Miguel erzählt mir aber auch, dass es ohne die zahlreichen Touristen recht öde wäre. Alles dreht sich um den Tourismus. „Hast du gesehen, wie die Küsten zugebaut sind, als du hergeflogen bist?“, fragt er mich und ich kann mich gar nicht richtig erinnern. „Zwei, dreihundert Meter vom Strand weg und dann nichts. Dabei ist es im Landesinneren so schön. Das wollen die aber nicht sehen“. Mit „die“ meint er die Touristen. Miguel ist klug genug, um nicht alle über keinen Kamm zu scheren, aber das Gros sei so. Am nächsten Tag will er mir Pilar vorstellen, die in einer der Betten-Burgen unten an der Playa arbeitet.

Yachthafen Palma

 

Ortswechsel: Ich strecke meinen großen Zeh in türkisblaues, kristallklares Wasser und wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen ich sei in der Karibik oder auf den Malediven. Der Sand ist puderzuckerfein und so weiß wie die herrlich bequemen balinesichen Betten, auf denen ich es mir gleich gemütlich machen werde. Ein weißes Tuch, das vor ungewollten Blicken schützen soll — oder vielleicht auch nur vor dem Wind — flattert grazil in ebendiesem und bildet einen tollen Kontrast zu dem Gerüst aus dunklem Holz. Ich nehme meine Sonnenbrille ab, um mich zu vergewissern, dass die Farben auch in echt so krass schön sind. Sind sie. Und ich fühle mich ein bisschen wie in der Raffaelo Werbung. Hach. Während ich mir noch die imaginären Kokosraspeln von den Lippen streiche, eilt auch schon Rodrigo herbei. Natürlich sind solche unfassbar schönen und bequemen Himmelbetten mit Me(h)erblick nicht ganz günstig, aber jeden einzelnen Cent wert, wie sich später herausstellen wird. Rodrigo ist einer der wenigen, der nicht sofort ins Englische wechselt, wenn mein spanischer Gedanke etwas länger braucht, ehe er zu einem vollständigen Satz wird. Was auch daran liegt, das Rodrigo kein Englisch spricht. Fünf bis sechs Monate arbeitet er hier unter der mallorquinischen Sonne, den Rest des Jahres verbringt er in seiner Heimat Kolumbien. Rodrigo trägt ein weißes T-Shirt und etliche Tattoos zieren seinen muskulösen Unterarm. Durch seine blau-verspiegelte Sonnenbrille kann ich seine Augen nur erahnen. Wenn er spricht, verschluckt er die letzten Silben immer etwas und erinnert mich dabei ein bisschen an diese coolen Reggaeton Sänger aus dem Musikfernsehen. Die Arbeit hier ist gut, erzählt er mir, „man braucht keine Vorkenntnisse. Eigentlich überhaupt keine Kenntnisse“. Und ich weiss nicht, ob ich das gut oder traurig finden soll.

Karibik im Kopf

Wenn es windig ist, was an diesem Küstenabschnitt relativ häufig vorkommt, bleiben die Touristen fern. „Die mögen das nicht“, sagt er und dabei blitzt immer wieder eines der drei Piercings in seiner Zunge hervor. Dafür erwachen die Mallorquiner aus ihrer Siesta und hissen die Segel ihrer Boote. Ich schaue dem Spektakel gerne zu, Rodrigo ist langweilig. „Keine Touristen, keine Arbeit und es ist erst 15 Uhr“. Sein Zeitgefühl tickt völlig anders. Als ich ihn frage, was er denn in den verbleibenden Monaten in Kolumbien macht antwortet er mit einem breiten Grinsen „nada“. Er erzählt mir, dass 1000 Euro hier, in Kolumbien in etwa 3000 EURO wert seien – wegen dem Umrechnungskurs, sagt rund gestikuliert dabei vielversprechend mit seiner Hand. „Es ist gute Arbeit und gutes Geld“, und wieder blitzt das Metall in seiner Zunge hervor. Abends fährt er mit seinem BMX nach Palma in die Stadt. Dort lebt er während der Sommermonate in einer kleinen Wohnung.

„Mi casa es tu casa“ R.

Am nächsten Morgen lerne ich Pilar kennen. Ihre haselnussbraunen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Sie trägt eine beige Hose und eine weiße Bluse mit perfekt gestärktem Kragen. „Das ist meine Arbeitskleidung“, sagt sie schulterzuckend, weil ich sie wohl etwas zu lange gemustert habe. Pilar ist 28 Jahre alt und arbeitet in einem Hotel direkt am Strand. Ich erzähle ihr, von der Pferdekutsche mit der ich die Straßen Palmas erkundet habe, dem unfassbar guten Café con leche in einem Café mit drei Tischen, das ich in den verwinkelten Gassen der Stadt nie wieder finden würde, von dem kalten Bier mit Miguel am Hafen und dem weißen Sandstrand. Pilar schmunzelt und aus ihren Lippen ertönt ein langgezogenes „Pues.“ „Du hast das schöne Palma gesehen. Palma das wir lieben.“ Und mit wir meint sie die Einheimischen. Die Mallorquiner. Zwischen den Zeilen schwingt ein Lebensgefühl mit, das ich auch bei Miguel gespürt habe. Ein Hauch Melancholie, unglaublich viel Laissez-Fair, ein großes Freiheitsgefühl – was am Meer ja irgendwie immer so ist und die ganz große Sehnsucht. Ein bisschen wie der traurig-schöne Fado in Portugal.

In den verwinkelten Gassen lebt die Melancholie

Pilar nimmt mich mit in den Speisesaal, in dem gerade das Frühstück serviert wird. Für ein Hotel mit 240 Betten sieht dieser wirklich ansprechend aus. „Wir haben erst letztes Jahr renoviert“, ruft Pilar mit einem Tablett in der Hand und stellt mir einen Café con leche auf den dunkelbraunen Holztisch mit beiger Leinenserviette. Ein bisschen habe ich Gänsehaut, weil die Klimaanlage hier drinnen ganz gute Arbeit leistet. Ich rühre verträumt in meinem Kaffee und schaue durch eine streifenfrei polierte Glasfront auf die spiegelglatte Oberfläche des Pools. Gar nicht mal so übel. „Gleich geht es los, das große Fressen“, zwinkert mir Pilar zu. Tatsächlich stürmen immer mehr der Hotelgäste den Frühstücksraum, der gleichzeitig auch Mittagsessensraum und Abendessenraum ist. Ich beginne zu verstehen, wie beengt Pilars Arbeitsplatz ist und warum sie das Meer so liebt. Freundlich begrüßt sie jeden Gast. Manche sogar mit Namen. Räumt Teller von Tischen, die noch so voll sind, um eine vierköpfige Familie satt zu bekommen. Diese „Reste“ landen im Müll. „Die Augen sind immer größer als der Hunger“, sagt Pilar während sie Rührei und zwei Scheiben Brot in einen Behälter aus dunklem Plastik schiebt. „Gerade bei All-inklusive langen die Leute so richtig zu. Wollen alles probieren und können am Ende gar nicht alles essen“. Manchmal gibt es auch Themenabende im Hotel. Dann streift sich Pilar ein schwarzes Gewand mit einem roten Stoffgürtel, den sie auf Höhe ihrer Hüfte knotet, über, um das Japan-Feeling zu unterstützen. Wir müssen beide lachen, als sie mir ein Foto von sich und einem Gast in diesem Aufzug zeigt. Pilar hat ein schönes Lachen. Keine Spur von Verdruss oder gar irgendeine Form von Wut. Tagein tagaus räumt sie halbvolle Teller von den Tischen, um diese nur Minuten später wieder erneut einzudecken. Morgens. Mittags. Und abends. Dann geht sie nach Hause. Morgen früh müssen nämlich wieder Tassen und Teller auf Tische gestellt werden. Aber dazwischen, zwischen all den Tassen und Tellern passiert das, was sie „actidud frente a la vida“ nennt, was so viel wie Lebensgefühl heisst. Und genau das will sie mir jetzt zeigen. Pilar knöpft ihre weiße Bluse auf und hängt sie neben das Japan-Gewand, „für morgen“, sagt sie augenzwinkernd. Dann schlüpft sie eine Jeansshorts und wirft mir einen Helm entgegen. ¡Arriba!

Something old and something yellow

 

Wir fahren auf einem alten Roller, der nur so knattert und knarzt in der gerade einbrechenden Dunkelheit über die Küstenstraße nach Palma. Von rechts weht mir die warme Luft aus der Stadt entgegen, von links eine kühle Brise vom Meer und von vorne der Duft von Pilars Parfüm, die so rasant wie gefühlvoll in jede Kurve der verwinkelten Straße fährt. Vorbei an einem kleinen Hafen mit Fischerbooten, die gefährlich im Wind wanken. Den alten Herren, die auf Plasitkstühlen auf der Veranda sitzen wie die Hühner auf der Stange, Zigarren rauchen und schon ganz blaue Lippen vom Vino Tinto haben und dabei so unfassbar glücklich aussehen. Vorbei an einer wunderschönen Finca auf einem Felsvorsprung direkt am Meer. Die Frau hinter dem gelben Tor, von dem die Farbe schon etwas abgeblättert ist nickt mir lächelnd zu. Es riecht nach Salz, nassem Holz und ein bisschen fischig. Es riecht nach tanzenden Herzen und schäumender Gischt. Nach heißem Asphalt nach einem Sommergewitter und nach Oleander. Mit diesem Gefühlsoverload from head to toe manövriert Pilar den Roller durch eine gefährlich enge Gasse. „Gleich sind wir da“ sagt sie gegen den Fahrtwind und ich bin nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe. Klapprige Fensterläden nur einen fingerbreit von meinem Arm entfernt. Halbgeöffnete, gußeiserne Tore, die den Blick in die wunderschönsten Hinterhöfe freilegen. Oasen, mitten in der Stadt. Aus jeder Bodega ein fröhliches ¡Hola, Pilar! Qué tal? 

Radom Bodega in Palma – Pilar kennt jede(n)

Palmen, die aus Häusern wachsen, klirrende Gläser und Gitarrenklänge verschwimmen hinter einem angenehmen Teppich aus Stimmengewirr. Esto es. Nachdem wir zwanzig Minuten gefühlt nur bergauf gefahren sind, führt mich Pilar jetzt ein paar Stufen nach unten. Irgendwo in einen Hinterhof. Zwischen den Hauswänden blitzt gülden die Kathedrale hervor und hinter den zwei Palmen glitzert der Mond im Meer. Hach. Ich werde ganz vielen lächelnden Menschen vorgestellt, die alle wild durcheinander plappern. Und ich bin froh, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippt und mir ein Glas eiskalten Prensal Blanc in die Hand drückt. Hola, Miguel, sage ich und grinse dabei wie ein Honigkuchenpferd.

Where magic happens

Hinter einem winzigen Fenster mit weißen Fensterläden schneidet jemand hauchdünne Tranchen von einem Seranoschinken, der so groß ist wie mein Oberschenkel. Es duftet nach geröstetem Brot und Knoblauch. Es zischt, als jemand einen ganzen Fisch auf den kleinen Grill in der Ecke wirft. Dieser jemand ist natürlich ein Mann und hat den Fisch selbst gefangen. Mit bloßer Hand. „Hola Guapa“, sagt Rodrigo und das „g“ hört sich wieder wie ein „w“ an und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

Und dann sitzen wir alle zusammen auf klapprigen Holzstühlen, essen Pa amb oli und trinken mallorquinschen Weißwein. Manchmal kann man Happiness eben doch essen. Ich glaube, ich kann das Meer in der Ferne rauschen hören, aber vielleicht ist das auch nur das Glück, das durch meinen Körper strömt.

 

© Julia

 

Her mit dem schönen Leben!

Backyards I love

La Seu de Palma

Schattenspiele & sattes Grün

#desicions

Dieses Seil bietet Schutz vor dem gefährlichen Felsvorsprung. Obacht!

Blumen. Immer schön.

Pilars working space

Manchmal ist der Weg steinig & schwer

Looking up

Sundowner with a view

Radln all along the shore

Shabby chic

Life is better at the beach

Café con leche

Ride it, my pony

Hinterlands

Ciao

 

* Vuelvo. Cierto.

 

Permanent.

Prosa

Als das Flugzeug den Kontakt zum Boden verliert, kribbelt es angenehm in meinem Bauch. Ich mag das Gefühl der Schwerelosigkeit. Die Welt bleibt unter einem zurück und vor einem nichts als die unendliche Weite. Weiß, weich und flauschig. Wie ein handgeschöpftes Blatt Papier –  bereit mit den kühnsten und wagemutigsten Gedanken beschreiben zu werden. Bereit die Tinte des Füllers in sich aufzusaugen. Weil mit einem Mal alles, was mir in den vergangenen Monaten den Kopf zermartert hat, so unendlich klein erscheint. Mit jedem Höhenmeter wird mein Puls ruhiger, die Gedanken im Kopf reduzieren ihre Drehzahl. Hier oben scheint die Zeit still zu stehen.

Alles hat seine Zeit, hast du immer gesagt. Aber Zeit ist doch das, was uns wie Sand durch die Finger rinnt. Dust in the wind. Ich weiss noch genau, wie der Song aus den Lautsprechern tönte und du mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen hast. Damals, in dieser Hütte mitten im Nirgendwo. Da hast du sie auch verflucht, die Zeit. Weil sie gegen uns spielte. Wir hätten uns später kennenlernen sollen, sagtest du und ich hätte dir so gerne geglaubt als eine einzige Träne aus deinen braunen Augen kullerte, die du selbstredend mit einem Wisch aus deinem Gesicht gestrichen hast. Aber vielleicht war es tatsächlich nur der Staub. Staub wie er sich auch auf den Fotos von uns in immer dickeren Schichten niederlegt. Fast lautlos sind die Jahre vergangen. Und das macht mir manchmal Angst. Weil ich die Fotos zwar auf den Dachboden verbannen kann, aber dich nicht aus meinem Herzen. Obwohl ich es möchte, und wie ich das will, aber es scheint wohl Dinge zugeben, gegen die der Mensch machtlos ist. Früher habe ich dagegen angekämpft, heute akzeptiere ich das einfach und das ist so unglaublich befreiend. Weil es jedes Jahr einen weiteren Ring im Stamm ergibt und du mich zu dem Baum machst, der ich heute bin. Die Maserung im Inneren ist so ungleichmäßig, aber gerade das macht sie so wunderschön. Du bist die Ebbe und die Flut, eine Laune der Natur und das war mir nirgends so klar, wie hier oben über den Wolken. Du kommst und du gehst, bist hier oder dort, weil das deine Wurzeln sind und weil das so sein muss. Du kannst nicht aus deiner Haut. Aber würdest du, wenn du könntest?

Es ist ja immer so leicht daher gesagt, aber wenn dann einer kommt und etwas an der Oberfläche kratzt und ein bisschen von dem Lack absplittert, dann wird das Ganze kompliziert. Warum tauchst du eigentlich immer dann auf, wenn es gut ist? Wenn ich den roten Lack perfekt aufgetragen habe – patzerfrei und ultraschnelltrocknend. Wenn mein Leben in geordneten Bahnen verläuft, meine Wäsche immer frisch gewaschen ist und meine Probleme sich auf die Wahl zwischen Kaffee oder Tee zum Frühstück beschränken? Ja, warum eigentlich? Das kann ja wohl kein Zufall sein. Hast du einen Radar, wie der Pilot vor mir im Cockpit und wann immer die Herzchen über meinem Kopf aufpoppen, bekommst du eine Push-Benachrichtigung? Ist das so? Ja? Ich würde dir manchmal so gerne glauben, wenn Worte deine Lippen verlassen, die ich dich noch nie habe sagen hören. Worte, die dich in ein warmes, fast goldenes Licht tauchen. Weil auch dein Stamm deutlich mehr Ringe bekommen hat und ich glaube, würde ich dich jetzt kosten, würde ich das Barrique schmecken. Den Rauch, das Holz und ein bisschen was von der salzigen Meerluft. Die Spuren im Sand sind vergänglich, aber was wirklich wichtig ist, habe ich in Stein gemeißelt –  in dein Herz, mein Lieber, damit du es nicht vergisst, wenn du in den nächsten Sturm ziehst.

Gerade als ich mich im freien Fall befinde und das Kribbeln in meinem Bauch schier unerträglich wird, hat der Pilot das Flugzeug wieder unter Kontrolle. Ich öffne meine Augen und sehe die Lichter unten in der Stadt glitzern. Der Regen prasselt lautlos vom Himmel und läuft schräg über die winzigen Fenster. Vielleicht sind das auch nur meine Tränen. Wer weiss das schon so genau.

Es ist der kurze Moment, wenn aus der Nacht Tag wird, wenn die Sonne den Horizont küsst und es trotz Nebel so unfassbar hell ist. Wenn aus dir und mir uns wird. Verstehst du. Es ist nur für diesen einen kurzen Moment. Und hell yeah, ich würde um die ganze Welt reisen, für diesen einen kurzen Moment.

 

© themagnoliablossom

Am Ende der Straße

Kolumnen

Eine Reise ist ja auch immer eine Suche. Irgendwie. Aber was suchen all die Reisenden? Die Weggeher, die Davonläufer, die Heimkehrer, die Wiederkommer?