Schnitzeljagd.

Prosa

Ich puste die Kerze aus und wünsche mir, dass alles gut wird. Weil ich das immer tue. Ein bisschen Vertrauen müsse ich schon habe, hast du zu mir gesagt, wenn kristallklare und salzige Tränen über meine kalten Wangen liefen – ein bisschen mehr Vertrauen. In das Leben. Allgemein und im Speziellen. Jetzt wo du nicht mehr da bist, fällt mir das sehr schwer. Vertrauen also, sage ich leise und wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Wenn sich das Jahr dem Ende neigt, wenn die Bäume ganz schleichend kahl werden und ganz plötzlich Winter ist, kommen auch die Gedanken. An das was da war und ist und noch kommen mag. Was noch vor ein paar Monaten hinter luftigen Kleidchen und Sonnenbrillen verborgen blieb, was durch dieses angenehme Kribbeln nach einem eiskalten Bier hirntot gemacht wurde, ist auf einmal so real und so da wie der erste Frost. Er macht es einem nicht leicht, der Winter. Ich wünsche mir eine fein pudrige Schneedecke, die all das ganz lautlos umhüllt. Sanft und schützend. Der eisige Wind peitscht mir um die Ohren und ich gehe tapfer weiter. Vertrauen, also.  Ich ritze deinen Namen auf eine angefrorene Autoscheibe und komme mir dabei wie ein Teenie vor. Damals konnte ich nicht glauben, dass es nach dem ersten Liebeskummer jemals wieder besser würde. Dass dieses Ziehen in der Brust und diese ständige Übelkeit jemals aufhören würden. Alles geht vorüber und es geht immer weiter. Und manchmal macht mich das traurig. Weil man gar nicht mehr innehält, genießt und jeden noch so kleinen Moment konserviert und das Traurigsein auch mal so richtig zelebriert. Menschen kommen und gehen. Manche hinterlassen Spuren, andere Lücken.

Und dann gibt es dich. Eine unendliche Schnitzeljagd über meinen gesamten Körper durch all die Krater und Täler. Von Zeit zu Zeit werden die so kräftig durchgespült und das salzige Wasser rundet die spitzen Ecken etwas ab. Die stechen dann nicht mehr so in die Eingeweide. Das ist gut. Menschen kommen und gehen. Aber was ist, wenn manche Menschen nicht gehen? Wenn sie da sind, obwohl sie fort sind? Erinnerungen, konservierte Gerüche, Berührungen, die sich ganz fies auf die roten Blutkörperchen krallen und mit jedem Herzschlag im ganzen Körper verteilt werden. Ist das überhaupt erlaubt? Oder läuft das schon unter Doping? Du schaust jeden Tag in den Spiegel und nichts ist anders. Und dann entdeckst du zwischen all dem Müll ein altes Foto und realisierst, dass alles anders ist. Das Gehirn ist sowas von machtlos gegen das Herz. Eine Farce.

Manchmal, wenn ich durch ein Möbelhaus schlendere, ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass sich dies oder jenes gut in unserem Haus machen würde. Eine Vase für die Vitrine im Flur oder ein neuer Bezug für das Kissen auf dem alten Sessel. Es ist nur ein kurzer, unüberlegter Moment. Ich streiche gedankenverloren über die Sofabezüge, fühle den Stoff der Bettwäsche und wünsche mir mit dir in den Laken zu liegen. Den Duft deiner Haare einzuatmen und meine Gesicht ganz fest an dein linkes Schulterblatt drücken. Einfach so. Aber so einfach ist das natürlich nicht.

Anstatt der Bettwäsche kaufe ich eine große Packung Kerzen. Bei jedem Auspusten werde ich sagen alles wird gut. Und es auch glauben. Denn mit Kerzen ist es ja so wie mit Erinnerungen. Man kann nie genug davon haben.

 

© Julia

 

 

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Geschmolzene Butter.

Prosa

Es riecht nach geschmolzener Butter als ich meine Augenlider öffne. Die Türe ist genau einen Spalt weit auf, so dass ich dich vor dem Herd stehen sehe. Es gibt wenig, was mehr Wohlgefühl in mir auslöst als der Geruch von geschmolzenem Fett. Goldgelb in der Pfanne, riecht es nach Kindheit, Heimat und ganz viel Liebe. Was heute verteufelt wird, war früher das besondere Etwas. Die Zeiten ändern sich, denke ich mir und ich strecke einen Zeh unter der Bettdecke hervor. Das Herbstlicht blitzt zwischen den leichten Vorhängen hindurch und taucht dich ein wunderschönes Licht, fast golden – wie die Butter. Du trägst nur deine karierte Boxershorts und wenn du dich auf Zehenspitzen stellst, um an den Zucker ganz oben im Regal zu kommen wird aus deinen Waden eine Berglandschaft. Du schlägst vier Eier in eine Schüssel und gibst etwas von dem Zucker dazu. Als du bei dem Mehl angelangt bist, wirbelst du ein bisschen zu heftig mit deinem Schneebesen umher, sodass meine Sicht durch eine riesige Mehlwolke versperrt wird. Ich muss kichern, rolle mich auf die Seite und stelle mich schlafend. Nur ungern möchte ich dich bei deinen Vorbereitungen stören. Es zischt als der Teig langsam in die Pfanne gleitet. Mit einem Schwung versuchst du den Fladen zu wenden. Dein Oberarm spannt sich dabei so herrlich an, dass mir ganz warm wird. Ziischhhh – die zweite Kelle Teig findet ihren Weg in das heiße Fett. Es riecht so unglaublich gut, dass ich am liebsten sofort aufstehen möchte und davon naschen. Von dir. Du brühst Kaffee auf und streichst dir mit deiner Mehlhand durch die Haare. Hey, sag mal weisst du eigentlich, wie schön du  bist, denke ich mir noch  – ganz benebelt von all den Gerüchen – sage ich aber dann doch nicht. Du gießt Ahornsirup über den in Fett gebackenen Teig und ich habe noch nie solch schöne Pfannenkuchen gesehen. Ich schnappe mir die Croissants und setze mich im Schneidersitz auf das Bett. Voller Mehl und mit Sirup um den Mund stellst du das Tablett auf den kleinen blauen Tisch. Du machst eine Kunstpause und drehst dich mit einem Ruck zu mir, wirfst mich in die Laken zurück und drückst mir einen Kuss auf den Mund. Ich bekomme kaum Luft zwischen all dem Mehl, aber es ist das Süßeste, was ich je probiert habe. Vielleicht liegt das an dem Ahornsirup. Vielleicht aber auch an dir. Ich tauche mein Croissant in die geschmolzene Butter und dann essen wir Kohlenhydrate mit Kohlenhydraten und Fett. Einfach so. Und das ist das Schönste, was ich seit langem gemacht habe.

 

© Julia

Für Dich.

Prosa

Weisst du, Liebes manchmal kommen die Dinge ganz unverhofft. Eigentlich immer. Warum das so ist, kann ich dir nicht sagen. Da musst du dieses Leben fragen. Und vielleicht kannst du bei Gelegenheit ein gutes Wort für mich einlegen. Ich hätte da nämlich auch mal ein paar Fragen…

Da liegt man dann tagelang da und sitzt Nächte lang wach – grübelt, denkt, hinterfragt, wühlt und fühlt. So vieles nur selten in sich hinein. Oder in andere. Zerdenkt, zerreißt, verzettelt sich im Labyrinth der Hirngespinste. Verlaufen. Sackgasse. Usur der Gefühlsubstanz. Wacht in zerwühlten Laken auf, die wie dampfgebügelt erscheinen nebst dem Wirrwarr im Kopf. Schweisstrunken, taumelnd, tapsend – immer neben der Spur. Klatschnass und frierend, wegen all der Hitze. Die trockene Kehle, ertränkt in rotem Wein. Wer wollen wir eigentlich sein? Schwimmend, gegen den Strom. Immer drei Schritte vor und zwei zurück. Unermüdlich. Du und ich.

 

© themagnoliablossom

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Prosa

Hinter deinem Ohr, da ist diese Locke. Diese einzelne Strähne Haar, die sich nach einem Sommergewitter immer so schön kräuselt. Manchmal tut sie das auch, wenn du einfach nur so daliegst. Durch das geöffnete Fenster zieht ein Windhauch und sie bewegt sich ganz sanft zur Melodie des Windes. Das sieht schön aus, weil dein Kopf seitlich auf dem weißen Kissen liegt und die Locke so ganz viel Platz zum Tanzen hat. Die Haut hinter deinem Ohr ist weich. Sehr. Ich fahre mit meinem Finger die Kontur deines Gesichtes entlang. Die winzigen Bartstoppeln an deinem Kinn kitzeln mich und ich muss kichern. Dein Atem ist immer sanft. Nur kurz bevor du einschläfst, wird er ein bisschen kräftiger. Aber nie laut. Ein leises Schnauben. Ganz gleichmäßig, wie das Rauschen des Meeres. Manchmal liege ich einfach nur da und höre dir beim Schlafen zu. Ich finde das beruhigend. Irgendwie. Der Wind weht durch das geöffnete Fenster und kleidet uns beide in einen Hauch von Nichts. Nichts als weiße Laken und Wind. Ich spüre eine Gänsehaut auf meinem Rücken. Und ich bin mir nicht sicher, ob die von dem Wind kommt oder, weil deine Hand auf meiner liegt. Oder beides. Und obwohl ich völlig nackt bin, spüre ich eine Wärme. Ganz tief in mir und ich denke, dass genau jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, um die Welt anzuhalten.

 

 

© Julia