Glasklar.

Prosa

Er starrt aus dem Fenster und nimmt einen kräftigen Schluck Rotwein aus dem angestaubten Glas. Dann wischt er sich mit dem Handrücken die Reste von den Lippen. Der purpurne Rebensaft verästelt sich sofort in seiner trockenen Haut. Er konnte regelrecht zusehen wie seine Haut das flüssige Rot nur so aufsaugte. Es ist, als ob man das Blut fliesen sehen könne, denkt er und nimmt noch einen weiteren Schluck. Denn Blut kann man nie zu viel haben. Gerade er, der in der Vergangenheit so viel davon verloren hatte. Erst hatte ihm jemand das Herz herausgerissen und es triefend und tropfend auf den Küchentisch gelegt und einige Tage später hatte er sich so heftig in den Finger geschnitten, als er versuchte die Scherben, die nun rund um dem Tisch verteilt lagen, aufzuräumen. Nur mit Mühe und Not hatte er es fertig gebracht das Herz wieder an die richtige Stelle zu bringen. Er hatte viel Kleber benutzen müssen, weil es in 1000 Teile zerfallen war und er die einzelnen Ecken und Kanten nicht wieder Eins zu eins aufeinander brachte. Aber jetzt, nach einer gewissen Weile und mit einigem an Rotwein als Blutersatzt funktioniert es fast wie davor. Auch wenn es immer noch ein bisschen schief in der Ecke hängt.

Er hatte ohnehin viel zu selten Rotwein getrunken in der letzten Zeit, stellt er überrascht fest und bewegt das Glas etwas hin und her, sodass er den Staub, der sich im Laufe der Monate auf dem feinen Glas abgesetzt hatte, besser sehen konnte. Er springt ihm sofort ins Auge, der Staub, denn er war ein sehr ordentlicher Mensch. Aber jetzt ist ihm das plötzlich alles egal. Früher hatte er die kristallenen Gläser fast täglich poliert. Zu dieser Zeit hatte er auch noch mehr Rotwein getrunken. Wenn er nach Hause kam, nahm er eine Flasche aus dem hölzernen Regal neben dem Küchenschrank, strich mit dem Daumen sanft über das Etikett ehe er die Flasche mit einem kräftigen Ruck vom Korken befreite. Dann hatte er einen guten Schluck in eines der blitzeblank polierten Kristallgläser aus dem Regal gegeben und gewartet. Denn ein guter Rotwein braucht Zeit. Allein die Trauben brauchen ja mehrere Monate, wenn nicht gar Jahre bis sie wirklich reif und genießbar sind. Manchmal ist sogar eine gesamte Ernte für die Tonne. Das kommt gar nicht mal so selten vor. Das braucht einfach alles seine Zeit. Auch dann, wenn der Wein bereits im Glas ist. Das war ihm immer wichtig. Nichts hasste er mehr, als das überstürzte Trinken eines Weines, der noch nicht genug Zeit gehabt hatte. So vergingen gut und gerne fünfunddreißig bis vierzig Minuten, ehe er das Glas zum ersten Mal an seine Lippen führte.

Wenn sich der samtige Geschmack dann in seinem Gaumen ausbreitete und sich gleichzeitig alles im Mund zusammen zog, war es für ihn eine Offenbarung. Der drückende Knoten, der sich hin und wieder in seiner Kehle breit gemacht hatte und manchmal bis auf die Größe eines Kartoffelknödels anwuchs, verschwand durch diese Prozedur auf wundersame Weise. Wie Butter in der Pfanne, dachte er. Zunächst warm und dann heiß. Ehe es dann plötzlich ganz kalt wurde. Im Herzen. Das war sein Ritual und das war so sehr er, dass ihm erst jetzt klar wird wie sehr er das vermisst hatte.

Er schaukelt den Gedanken noch eine Weile in seinem Kopf hin und her und versucht sich an das Gefühl zu erinnern. Er stellt sich eine Blumenwiese vor und riecht an Apfelbäumen, atmet den Duft von reifen Aprikosen und streicht mit dem Finger abermals über das Etikett. Aber es kommt nicht zurück. Seine Sinneszellen schaffen es einfach nicht die Reize zu übertragen. Und je mehr er darüber nachdenkt, umso weiter rückt das Gefühl in die Ferne. Der Eindruck entsteht doch im Kopf, sagt er sich und vielleicht liegt es ja genau daran. Was weiss er schon, was da zwischen Thalamus und Großhirnrinde passiert? Bei ihm irgendwie so gar nichts.

Er starrt aus dem Fenster und nimmt einen kräftigen Schluck Rotwein aus dem angestaubten Glas. Auch ein weiterer Schluck konnte nichts an der Tatsache ändern. Er lässt seinen Blick über den Tisch hinaus zum Fenster wandern. Die vielen, winzigen Regentropfen ergeben zusammen einen grauen Schleier vor seinem inneren Auge. Er kann gar nicht mehr klar sehen und ist sich nicht sicher, ob das an dem Staub oder an dem Regen liegt. Alles verschwommen. Vielleicht doch der Wein? Da fällt es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen. Glasklar. Als ob es nie eine andere Wahrheit gegeben hätte. Denn nicht ohne den Kopf kann man nicht richtig denken, sondern ohne das Herz. Er springt auf und läuft in die Küche um nachzusehen ob, sein Herz noch auf dem Küchentisch liegt.

 

© Julia

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Froot. Loop.

Das Münchner Kindl, Kolumnen

Die 90-iger feiern ja gerade ein großes Comeback. Zwischen der Levis 501, dem Kurt Kobain Gedächtnislook und dem Revival der Baumwollunterwäsche bleibt ein bisschen Zeit für Stirnrunzeln. Gerade erst bin ich doch den Radlerhosen entwachsen und erröte peinlich berührt beim Anblick der Beweisfotos, da sind sie schon wieder hip? Alles scheint sich schneller zu wandeln als ich Leggings sagen kann – allen voran die modischen Zyklen. So langsam kann ich verstehen, wie sich meine Eltern angesichts meiner teenagerlichen Schlaghosenliebe gefühlt haben müssen. Es ist ja so, dass wenn ich den Kids heute in meinen gerade verdauten Jugendsünden in freier Wildbahn begegne – fühle ich mich vor allem eines: ganz schön alt. Ich sehe mich mit Baggyjeans, Superstars und Karohemd an der Ecke stehen, während ich so tat als würde ich rauchen. Uaaaah! Kopfkino.  Es gibt aber auch schöne Erinnerungen. An damals. Das Frühstück aus diesen bunten IKEA Plastikschälchen zum Beispiel. Kennt ihr die noch? Da war schon vor dem Aufwachen Krieg um das einzig pinke Schälchen. Glücklich und zufrieden (sofern man das pinke ergattert hat) haben wir die Cini Minis, Froot Loops, Smacks oder Frosties draus gelöffelt, die aus dem blauen Schälchen tatsächlich nur halb so gut geschmeckt haben.  Oder der Geruch von Sommerferien, den Ledersitzen im Auto und dem Proviant von Mama, das schon vor der Autobahnauffahrt verputzt war. Der typische Geruch beim Metzger und die obligatorische Scheibe Wurst, die man über die Theke gereicht bekam und selbst auf Zehenspitzen und mit gierigen Fingerchen kaum dran kam. Oder kennt ihr noch die Serie „Es war einmal… das Leben“? Wenn die bösen Bakterien sich ihren Weg durch die Nase in den Körper bahnen, aber noch bevor eine Grippe oder eine Lebensmittelvergiftung ausbricht, kommen die Abwehrzellen in ihren kleinen Ufos angeflogen und machen den Bösewichten den Garaus. Hach ja. Manchmal, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit ein Croissant herunterschlinge und mir in der Tram jemand in den Nacken niest, denke ich an all das und an Cornflakes aus pinken Plastikschälchen.

 

© themagnoliablossom

#ohnegroßeworte

Inspiration

Dieses Bild entstand vor zwei Wochen. Vor vierzehn Tagen. Keine Jahreszeit steht so sehr für Veränderung und Umbruch, wie der Herbst. Prächtiges Farbenspiel, kühler Wind, Sonne und Nebel – alles innerhalb ein paar Stunden, alles so vergänglich. Melancholie im Wechsel mit Glückseeligkeit. Und ehe man sich´s versieht, nur ein Wimpernschlag entfernt – ist alles kahl, alles anders. Von einer Sekunde auf die andere ist alles anders. Der Herbst ist so turbulent wie das Leben. Wenn man es schafft, jeder Veränderung etwas Positives abzugewinnen, wird es ein guter Winter. Glaube ich.

afterlight

Rays of change