Patina.

Prosa

Dein linkes Augenlid zuckt etwas – wie immer, wenn du nicht weiss was du sagen sollst. Aber ganz viel sagen möchtest. Von innen heraus. Schweigen wird dann zu einer Option, die dir zumindest kurzfristig Linderung verschafft. Diese ganzen chemischen Prozesse – manche sagen auch Gefühle dazu – waren noch nie deins. Lieber gehst du ein bisschen Holz haken, wenn es etwas pikst in der Brust. Das ist ziemlich praktisch, denn nach ein paar Stunden ackern mit dem Beil geht dieses Piksen auch gut und gerne als Muskelkater durch. Du hast gern die Kontrolle, über alles und jeden und am allerliebsten über dich selbst. Dein Körper ächzt und krächzt, dein Herz pumpt so sehr, dass selbst du dessen Existenz nicht leugnen kannst. Tropfnass sitzt du da und dein Auge zuckt und zuckt und bei all dem Schweiß fallen auch die Tränen nicht auf, die sich klammheimlich unter seine Artgenossen gemischt haben. Ich kaufe einen großen Seifenkanister und versuche den Boden zu reinigen auf dem du deine Spuren hinterlassen hast, denn Blut und Wasser schwitzen ist eben doch nicht nur eine Redewendung. Der weiße Lappen saugt sich voll mit der roten Flüssigkeit und ich schrubbe und schrubbe, aber der Abdruck will nicht verschwinden. Wie reingebrannt. Die Sonne hat das Holz drum herum gegerbt und nur die Stelle, auf der du zusammengesunken und tropfnass gekauert bist, bleibt hell zurück. Es ist wie, wenn du ein Möbelstück nach Jahren von seinem gewohnten Platz verschiebst. Dann knarrt nicht nur der Dielenboden ganz fürchterlich, sondern dann bleiben da auch immer diese hellen Streifen zurück. Du bist mein heller Streifen. Aber man kann Möbel natürlich nicht für immer an ein und demselben Ort stehen lassen. Irgendwann muss man sie auch mal verrücken – und sei es nur um zu putzen, oder die Nachbarn zu ärgern. Ich fahre mit dem Finger über das helle Holz und bin überrascht wie glatt es an dieser Stelle ist. Als wäre der Boden das perfekte Pendant zu dir. Denn wenn man ein bisschen, nur ganz minimal, an der Oberfläche kratzt, dann spürt man die unebene, wunderschöne Patina zwischen all den Splittern. Dann möchte ich dich so gerne umarmen. Mit all deinen Sorgen und Ängsten, die dich wie ein unsichtbarer Kokon umhüllen. So richtig fest, weisst du. Aber dafür sind meine Arme viel zu kurz.

 

© Julia

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Grenadine.

Prosa

Ich sitze im Schneidersitz vor dem Fenster und pule die Fusseln von meinem Wollpullover. Manche Dinge kann man ganz einfach abstreifen. Kleidung, Manieren oder eben Fusseln. Dein Geruch hingegen steckt ganz tief in meiner Nase. Ich beiße immer wieder in das Stück Zitrone in meinem Tee, obwohl mir jedes Mal die Gesichtszüge entgleisen aufgrund der Säure. Überhaupt mag ich süß viel lieber als sauer. Oder scharf. Mitohne. Immer. Du.

Wenn der Wind aus Südwest weht, drücke ich mein Ohr ganz fest auf deine linke Brust und lausche dem Konzert der Bässe. Unter all den Muskeln und Haaren schlägt tatsächlich ein Herz und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass es das nur mich tut. Für uns. Für diesen einzigen Moment Ewigkeit.

Die Jahre vergehen, aus Rosa wird Rot und alles bekommt mehr Farbe. Die Bäume mehr Ringe und die Linien um unsere Augen werden tiefer. Ich solle nicht in der Vergangenheit leben, sagen sie. Aber was ist, wenn du meine Zukunft bist? Wenn du alles bist, was dieser jämmerlichen Anhäufung von Zellen einen Sinn gibt? Nicht, weil ich mir das so ausgesucht hätte, sondern weil es so ist. Verstehst du, wie das unangenehme Stechen, wenn man zu hastig ein Getränk mit zu viel Kohlensäure trinkt. Ein kurzer, fieser Schmerz, der dir die Luft zum Atmen nimmt und sich bis in den Magen ausbreitet. Bloß Millisekunden – dann ist es vorbei. Und du wirst es immer wieder tun, weil der Mensch ja nun mal trinken muss. Und sind es nicht immer die Sekunden im Leben, die es zu dem machen, was es ist. Aneinandergereihte Entscheidungen, Zufälle – vielleicht alles ein perfider Plan? Wer weiss das schon. Hat man denn überhaupt eine Wahl? Ich hätte links abbiegen können. Dann hätte es dieses kleine Lächeln nicht gegeben. Diese zwei Sekunden, nach denen nichts mehr so ist wie es war oder sein wird. Und immer wenn ich die Liebeskarte ziehe, ist dein Antlitz darauf zu sehen – dabei führen so viele Wege nach Rom. Die staubige Landkarte liegt seit Jahren verknittert im Handschuhfach. Es fühlt sich immer noch so an, als ob die beste Zeit unsere war. Deine Hand auf meinem Knie und warmen Wind in den Haaren. Der hat sich ganz fies in den Gehirnwindungen verfangen und heute beschlägt meine Brille, weil meine Gedanken so heiß laufen.

Und dann esse ich mitten im tiefsten Winter diese ökologisch völlig inkorrekten Heidelbeeren, um wenigstens ein bisschen etwas von dem verblassten Gefühl einfangen zu können und dann schmecken sie mir nicht einmal. Weil keine Zeit für Romantik bleibt, weil du gelernt hast dem Wind zu trotzen auch wenn dir dieser verdammte Spiri-Tee sagt, du sollst auf dein Gefühl vertrauen und du es aber partout nicht finden kannst zwischen all den Splittern. Dann sitze ich mit roten Granatapfel Spritzern auf meinem weißen T-Shirt da, was eigentlich deins ist. Und stelle fest, dass es mein Herz ist, das übergelaufen ist. Keine Spuren des Liebesapfels. Ich eile auf den Balkon, weil es nur so quillt und spritzt und die Sauerei will ja auch immer keiner aufwischen. Purpurne Tropfen auf weißem Schnee. Schneewittchen. Ist die nicht an einem Apfel erstickt? Weisst du, ich vermisse dich manchmal so sehr, dass ich das Gefühl habe zu ersticken, obwohl ich keine Äpfel esse. Nicht im Winter und auch sonst nicht. Aber das Gefühl von dem warmen Wind in meinen Haaren, das werde ich nicht los. Und immer wenn der Wind aus Südwest weht, drücke ich mein Ohr ganz fest auf deine linke Brust und lausche dem Konzert der Bässe. Unter all den Muskeln und Haaren schlägt tatsächlich ein Herz und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass es das nur mich tut. Für uns. Für diesen einzigen Moment Ewigkeit.

 

© themagnoliablossom

Quarantäne.

Prosa

Du platzt einfach so in meine Träume. Herein. Manchmal auch mitten am Tag. Mir nichts dir nichts. Schleichst du dich in meinen Körper und trampelst die zarten Pflänzchen, die auf den ausgetretenen Pfaden wachsen, nieder. Manchmal ist es bloß ein Duftmolekül, das durch meine Nase seinen Weg in mein Herz findet, weil die Filterfunktion im Gehirn nicht richtig funktioniert. Ein, zwei Takte dieses Songs – klammheimlich in den Ohrhärchen verfangen. Manchmal ist auch einfach nur ein irrwitziger Gedankenfetzen, der sich aus der Quarantäne heraus in aktive Gehirnareale verirrt.

Und manchmal ist es einfach ein bisschen zu viel von all dem.  Auf einmal. Denn die Sache ist ja die, dass von außen betrachtet, die Hülle makellos scheint. Und der Lidstrich perfekt ist. So perfekt er mit zittriger Hand eben gezogen werden kann. Aber innen, meine Lieber, so ganz tief innendrin – da sieht es aus wie ein zerfetztes Kissen. Bloß, dass es mein Herz war, das in tausend und abertausend Splitter zerbrochen ist.  Der reißende Fluss aus meinen Augen hat die spitzen Kanten mit der Zeit abgemildert. Und tatsächlich tut es auch gar nicht mehr weh. Vielleicht, weil alle Tränen aufgebraucht sind, oder ich abgestumpft. Wie die Messer in der Küchenschublade, die du immer mal schleifen wolltest.  Ich schaue aus dem Fenster und sehe die Menschen draußen in der Sonne. Lachend. Mit ihren runden Sonnenbrillen auf der Nase. Ich friere ein bisschen und halte mir meine Kaffeetasse ans Ohr, damit ich das Meer rauschen höre doch alles was ich bekomme ist Salzwasser.

Vielleicht bräuchte es einen Ozean Süßwasser, um die scharfkantigen Splitter in Kieselsteine und dann, irgendwann in weichen Sand zu verwandeln. Sand, der mir dann einfach so durch die Hände gleitet und vom Winde verweht wird. Vielleicht ist das auch so.

 

© Julia

 

Eis. Kristall.

Prosa

Hast du schon einmal einen Eimer Wasser auf gefrorenem Asphalt ausgeschüttet? Spiegelglatt. Du lächelst deinem Ebenbild entgegen, doch ich sehe den Riss in deiner knackenden Hülle. Das Licht fällt schräg hinein und spiegelt sich in den tausend Splittern – ein Lichtermeer. Stechend schön. Ich bin nicht gut in solch filigranen Dingen. Aber ich würde dir helfen jeden einzelnen Splitter an den nächsten zu kleben, wenn du magst. Denn mit Splittern kenne ich mich aus. Wenn man sie ganz schnell – mit einem Ruck – aus dem Herzen zieht, dann tut es weniger weh. Ich weiss nicht, warum es manchmal trotz alledem so verdammt wehtut, aber das gehört wohl dazu. Sagen sie.

Wir schlittern die Straße herunter und können uns nur schwer auf den Beinen halten. Noch bevor wir die Kreuzung erreichen, rutschen wir aus. Du versuchst mich zu halten, blasse Knöchel stechen aus sehnigen Händen hervor. Lilablau. Vor Kälte. Und dem Rest Blut, das durch unsere Herzen pumpt. Röchelnd. Um das Tor zu Seele zu öffnen. In Zeitlupe lösen sich die verknoteten Finger. Schmerzlich. Doch das muss so sein. Manchmal reicht Liebe allein nicht, sagst du und küsst einen Eiskristall von meiner Wange, der bis eben noch eine Träne war.

 

© Julia

Glitzer

Prosa

Ich muss das Fenster öffnen. Die Luft rein und den Mief rauslassen. Ich kann nicht atmen. Die Schwere der vergangenen Monate liegt auf mir wie ein steinerner Briefbeschwerer. Die Luft ist so dick, dass man Stücke davon herausbrechen könnte. Ich bahne mir meinen Weg zum Fenster und öffne es mit einem Ruck. Eine Windhose weht mir entgegen. Draußen rascheln die Blätter. Es ist Herbst. Ich hätte es wissen müssen, denn ich trage wieder diesen dunklen Lippenstift, der irgendwie nur im Herbst so richtig gut aussieht. Ich ertrage diesen Geruch nicht. Er haftet überall. Die Kissen in meinem Bett, meine Kleidung und ja sogar die Bilderrahmen an der Wand riechen danach. Dieser Geruch. So etwas undefinierbar Ekliges. Stechendes, ja gar beißend lässt er es mir eiskalt den Rücken runterlaufen. In mein Herz gebohrt, hat sich dieser Geruch. Still und heimlich und nun mag er nicht mehr aus der Nase gehen. Ich habe ein zweites Fenster geöffnet und der Vorhang tanzt wie wild im Wind. Mir ist so kalt und du kannst nicht einmal etwas dafür. Es ist die Schlinge um meinen Hals, die sich immer enger zieht und das Blut in den Adern gefrieren lässt. Vornehme Blässe. So kommt der dunkle Lippenstift noch besser zur Geltung, dachte ich. Aber jetzt kann ich nicht mehr atmen.

Haben wir uns gefunden, um uns zu verlieren? In Worten und in Gedanken? Haben wir nicht versucht eine Brücke zu bauen über all die Abgründe und sind doch wieder nur zwischen den Welten gestrandet. War das nicht erst gestern? Nichts Ganzes und nichts Halbes. Nur ein Haufen Splitter. Aus Herzen. Die vertagen das nämlich nicht so gut. Frühjahrsputz im Herbst. Ich kehre alles auf. Ein ganz schöner Berg. Hier und da blitzt sogar ein bisschen Glitzer hervor. Dann muss ich niesen.

© themagnoliablossom

 

Der Lack ist ab.

Inspiration, Kolumnen

Manchmal, wenn es regnet sitze ich am Fenster und pule den abgesplitterten Nagellack von meinen Fingern. Mal rot, mal schwarz. Manchmal auch pink oder weiß. Während die feinen, bunten Splitter wie Konfetti auf die Straße fallen, frage ich mich, warum es so schwer ist sich für irgendetwas zu entscheiden. Ich meine rot oder schwarz. Kein grau oder braun, sondern rot oder schwarz. Oder eben weiß.