Watteweich.

Prosa

Ich liege auf der Erde und schaue in den Himmel. Das Gras ist noch ein bisschen feucht von dem Gewitter gestern, aber trotzdem angenehm warm von der Sonne heute. So ist da ja, nach dem Regen kommt immer die Sonne, oder? Die Welt zieht über meinem Kopf vorbei. Meine kleine, große Welt, denke ich und muss etwas schmunzeln. Die Wolken wiegen sich einen Hauch schneller als sonst im Wind. Watteweiße Fetzen verbinden sich zu Engelsflügeln oder Lungen – such dir was aus. Manchmal werden auch Einhörner draus. Oder kleine Herzen. Man muss nur ganz genau hinsehen.  Ich wünsche mir, wie ein Flugzeug durch die Wolken fliegen zu können. Watteweich. Die Kondensstreifen verblassen allmählich und ich frage mich, ob unsere Liebe auch einfach verblassen kann? Nach all den Jahren? Einfach so. Ganz klammheimlich. Ungefragt. Und es gibt ja schließlich auch so viele Flugzeuge. Ich atme tief ein, um mit selbiger Stärke auszuatmen und alle Wolken über meinem Kopf weg zu pusten. Ich mag das. Ich mag, wie sich die Wolken immer wieder neu zusammensetzten, sich verbinden, ja ineinander verschmelzen. Einswerden. Und dann, wenn die Wolkendecke dicht genug ist, bricht die Sonne sie auseinander. Das schräg einfallende Licht ist ganz besonders schön und gibt die Sicht auf ein strahlendes Blau frei. Die Wolken tun das einfach so. Die haben keine Angst vor neuen Mustern. Völlig selbst- und lautlos sind sie immer in Bewegung. Und erfinden sich immer wieder neu. Immer anders. Immer schön. Und weisst du, manchmal glaube ich du bist eine Wolke. Hier und da. Und noch weiter. Wie sieht die Welt denn von da oben aus? Ich kneife die Augen zusammen und lasse den Wind meine Tränen trocknen. Was sind Wolkenbilder ohne Wind? Und manchmal, wenn ich hier im Gras liege und die Wolken beobachte, frage ich mich, ob du denselben Himmel siehst wie ich.

 

© themagnoliablossom

Du bist so anders.

Kolumnen

Gründe Angst zu haben, gibt es viele. Manche Menschen verspüren ein beklemmendes Gefühl, wenn sie ihr Smartphone zu Hause vergessen. So manch einer soll schon auf die Idee gekommen sein, tatsächlich etwas zu arbeiten, vor lauter Langeweile. Andere haben vor Feiertagen Angst und kaufen – just in case – mal den halben Supermarkt leer. Und wäre das nicht so trostlos, käme man aus dem Lachen ja gar nicht mehr heraus. Wieder andere haben Angst um ihr Leben. Was wirklich schlimm ist. Damit meine ich nicht nur ganz aktuell die Flüchtlinge, die zuweilen in Deutschland stranden, sondern auch die Menschen hier, die Angst um ihr Kulturerbe und ihr Land haben. Die Angst sitzt tief. Gefährlicherweise entsteht diese Urangst in einem primitiven Teil des Gehirns, das keinen Hochschulabschluss hat, erklärt Borwin Bandelow, Angstforscher an der Universität Göttingen, und diese Ängste lassen sich nur schwer durch die intelligenteren Teile des Gehirns steuern. Es ist die Angst vor dem Ungewissen, dem Fremden. Es ist die Angst, nicht zu wissen was auf einen zukommt. Wie man sich fühlen könnte oder gar handeln sollte. Diese Fremdenangst entsteht aus einer Mischung aus Urängsten und rationalen Überlegungen, manifestiert Bandelow.

Individualität, my ass!

Aus dieser Ungewissheit heraus entstehen Vorurteile. „Die sind so“. Die Deutschen, die Briten, die Männer, die Frauen. Genauso wenig sind die so, wie alle Deutschen Tracht tragen. Ich lebe zwar in Bayern und hier tragen wirklich viele Menschen auch jenseits der Wiesn Drindl und Lederhosn, dennoch ist das keine Allegorie für ein gesamtes Land. Wir urteilen (vor-)schnell über Menschen. Über deren Lebensweise oder deren Aussehen. Alles, was nicht in unser selbstoptimiertes Bild passt, wird als Resonanzkörper ausgeschlossen. Warum? Bei Treffen im Freundeskreis spalten sich die Lager schnell. Egal, ob Feminismus (Geeezus!), die Rolle Griechenlands oder ganz aktuell bei dem Thema Flüchtlinge. Ja, selbst Helmut Schmidt polarisiert(e). Man ist entweder dafür oder dagegen. Es scheint nur entweder oder zu geben. Pro oder contra. Schwarz oder weiss. Dabei ist grau doch auch schön. Oder bunt.

Ich habe da eine Allergie.

Irgendwie haben wir eine Allergie gegen alles Andersartige entwickelt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, jaja. Der Schweinehund ist aber immer nur so groß, wie die Disziplin klein ist. Oder? Wir handeln nach bestimmten Verhaltensmustern, die wir irgendwann einmal erlernt haben. Das mag zum einen vielleicht kulturelles Erbe sein, oft ist es aber konditioniertes Verhalten und in vielem machen wir es uns auch schlichtweg zu einfach. Meine Freundin A. hat glasklare Vorstellungen von ihrem Traummann. Groß muss er sein („unter 1,83 m geht da nix“), dunkle Haare muss er haben und Tattoos. Eh klar. Wer im Glashaus sitzt… Es gab da mal einen kleineren, blonden. Der war ziemlich nett, fand ich. Sie hat ihn mit beharrlicher Vehemenz ignoriert. Der Arme…

„Lieber leben wir in unserer perfekten Traumwelt – ein Konstrukt aus Sehnsucht und Realitätsflucht – und warten auf die Traumprinzessin oder den Traumprinzen“

Wir folgen immer wieder unseren Mustern und Verhaltensweisen und meinen, wenn wir uns auf einen bestimmten Typ Mensch beschränken, kann alles nur gut werden. Denn den kennen wir. Da wissen wir, was auf uns zukommt. Wissen, wie wir agieren können. Zwar ist nicht alles super toll, aber zumindest auch nicht super scheisse. Dabei machen wir uns häufig selbst was vor. Den Typ gibt es nicht. Wir schaffen es nur selten, über den Tellerrand hinauszuschauen und neue Wege zu gehen. Die ersten Spuren im Schnee – war das als Kind nicht das Allerschönste? Jetzt, als Erwachsene verlassen wir die ausgetretenen Pfade nur selten. Wenn sich doch mal einer wagt, zeigen wir mit dem Finger auf ihn, als sei er ein Aussätziger. Ein Andersartiger. Sind wir überhaupt noch fähig, die Vielfalt und ihre unerschöpfliche Inspiration zu erkennen? Ich finde, wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, nur akzeptiert und anerkannt zu sein, wenn man möglichst gleich, ähnlich oder angepasst ist. Die herbe Enttäuschung kommt nämlich oftmals dann, wenn man erkennt, dass die, die zunächst so ähnlich erscheinen so komplett anders sind. Sind wir doch ein bisschen großzügiger. Mit uns selbst, aber vor allem auch mit anderen und deren Anderssein. Empathie statt Egoismus.

Ein Konstrukt aus Sehnsucht und Realitätsflucht. Aber was ist mit dem Herz auf dem OP-Tisch?

Auf Instagram haben diejenigen die meisten Follower, die tagtäglich massenkonformes, perfekt editiertes Bildmaterial hochladen. Individualität? Fehlanzeige! Identifizieren wir uns nur (noch) mit Clowns unser Selbst? Sind wir zu kleinen Narzissten geworden, die keine Götter neben sich dulden? Wir sind geizig und das nicht nur mit unseren Gefühlen, sondern auch mit dem Interesse an Anderen. Ziehen uns lieber in unhaltbare Mingle-Ringle*- Amusements zurück, anstatt mal richtig blank zu ziehen. Das nackte Herz auf den kalten OP-Tisch legen. Da darf dann schon mal Blut fließen. Lieber leben wir in unserer perfekten Traumwelt – ein Konstrukt aus Sehnsucht und Realitätsflucht – und warten auf die Traumprinzessin oder den Traumprinzen. Den es so per se wahrscheinlich nur in unserem Kopf gibt. Manchmal wissen wir das auch. Insgeheim. Können aber trotzdem nicht anders. Vielleicht ein bisschen aus (Selbst-) Schutz für das Organ links in der Brust. Und aus Gründen. Und manchmal, macht uns das ganz schön einsam. Würden wir einfach einmal die Scheuklappen abnehmen und links und rechts am Wegesrand ein bisschen grasen, anstatt nur vorbei zu galoppieren, würden wir in vielen Fröschen einen Prinzen oder gar eine Prinzessin erkennen. Vielleicht muss man einfach mal mehr innehalten, mehr den Bauch entscheiden lassen als sich ständig von diesem Kopf, der eh immer alles besser weiss, reinpfuschen zu lassen. Vielleicht wären und sind wir dann vor allem eines: Glücklich. Und bunt. Jawohl.

 

 

© themagnoliablossom

 

*Ringle: Jmd., der zu hohe Erwartungen an die (romantische) Liebe hat und deshalb Single ist.