Ausgelöscht.

Prosa

Was, wenn da auf einmal Lücken sind. Im Regal. Wo anstatt der Bücher etwas Staub eingezogen ist. Und im Herzen. Da, wo einer ernsthaft gegangen ist. Manche Lücken lassen sich gut füllen. Die in Wänden oder auch die zwischen den Zähnen. Aber für Lücken in Herzen gibt es bislang keine Spezialisten. Kardiologen operieren ja mittlerweile am offenen Herzen, aber Lücken schließen, das können sie nicht. Wäre ja auch zu einfach. Denn mit den Wunden im Herz ist es ja so, dass sie die Angewohnheit haben, von Zeit zu Zeit und – je nach Belastung wieder aufzuspringen. Das frische Blut quillt und strömt dann nur so aus dem pumpenden Muskel hervor, man will stopp sagen und drückt den Finger auf die Wunde, in der irrwitzigen Annahme, man könne die Blutung stillen, ehe einen der nächste Schwall des flüssigen Rot lauwarm am Körper herunterrinnt. Die gute Tischdenke, würde Oma sagen und die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, aber man kann einfach nur regungslos dasitzen und dem Blut beim Kaltwerden zuschauen. Das weiße Leinen saugt es förmlich in sich auf. Rotweinflecken bekommt man gut mit Salz heraus, was Herzen anbelangt ist diese Methode keine gute Idee.

Nicht an dich zu denken, fällt schwer. Weil alles, einfach alles an dich erinnert. Das Knarren der Dielen, das Rascheln der Vorhänge und selbst der samtige Bezug der Kissen trägt deine Handschrift. Ich finde Bleistifte eine tolle Erfindung. Man kann etwas damit schreiben und anschließend mit einem Radiergummi alles wieder wegradieren. Wenn man sich geschickt anstellt und davor nicht allzu fest mit der Miene auf das Papier gedrückt hat, sieht man danach nichts mehr. Keine Spur mehr von dem, was da mal war. Keine Buchstaben, die sich zu Worten zusammenschließen. Keine Texte aus Worten über dich. Alles weg. Ausgelöscht. Im echten Leben ist das natürlich nicht so. Da muss man schonmal was aushalten und wenn es nur der Finger ist, den man in das pochende, rote Etwas hält, um es vor dem Überlaufen zu schützen. Manchmal muss man das Herz auch einfach halten, weil andere oder man selbst davor etwas daran kaputt gemacht hat. Und dagegen gibt es nichts von Ratiopharm. Mir fällt nur eine Form von Linderung ein. Ein Aufeinandertreffen von Labium und Labium –  im philematologischen Sinne. Ein Kuss von dir würde helfen. Es wäre ein Berühren zweier Lippen, ein Vereinen der (Lippen-) Herzen – ein Gefühl in einem Moment, in dem die Welt gerade kippen wollte. Und das ist bei einer Kugel gar nicht so einfach. Ich zwinge mich, nicht an deine Lippen zu denken und kann an nichts anderes mehr denken. Das ist die perfide Psychologie der Verbote. Ein Logik, die einen um den Verstand bringen kann. Oder einen das Herz kostet.

 

© themagnoliablossom

 

 

 

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4 Gedanken zu “Ausgelöscht.

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