Abschiede.

Kolumnen

Ich falte meinen Pullover und stecke die Zahnbürste in den blauen Kulturbeutel. Zwischen dem Ankommen und Abreisen liegen nur wenige Tage. Ein Vakuum. Eine gänzlich eigene Welt, in der die Zeit irgendwie still zu stehen scheint. Oder ganz besonders schnell voranschreitet. Wie auf Watte wanke ich durch den Flur, um meine Habseligkeiten in der Reisetasche zu verstauen und wische mir den Rest Zahnpasta vom Mund. Vielleicht war das aber auch eine klitzekleine Träne.

Von Null auf Hundert. Umarmungen. Nähe. Ankommen. Zuhausesein. Nestwärme. Genießen. Zusammensein. Stunden vergehen aus denen Tage werden, die klammheimlich in Wochen übergehen. Welchen Wochentag haben wir eigentlich heute? Ich weiss es nicht und es ist schlichtweg egal. Denn solange deine blonden Haare neben mir unter der Bettdecke hervorragen, die sich so sanft im Einklang mit deinem Atem bewegt, weiss ich dass alles andere unwichtig ist.

Einen Funken Restwärme spüre ich noch jetzt, während meine Finger das eisige Lenkrad umklammern

Ich ziehe den Reisverschluss meiner Tasche zu und muss hier und da ein wenig drücken. Man hat ja immer zu viel dabei. Und überhaupt. Viel zu viel von allem. Während ich die Tasche in den Kofferraum hieve, wünsche ich mir ein bisschen mehr von diesen Prioritäten im Alltag. Ich weiss, dass ich dort wieder ankommen werde, muss und will. Denn immer nur Watte ist irgendwie auch scheisse. Man will so vieles und immer mehr davon, dabei ist es oft das Unscheinbare wie deine blonden Haare, die unter der Bettdecke hervorlugen und mein Herz mit so viel Wärme füllen. Mit diesem Gedanken drehe ich den Zündschlüssle um und starte den Motor. Abschiede mag ich nicht. Denn sind wir ehrlich, auch nach der zwölften Umarmung und dem zwanzigsten Mal umdrehen wird es nicht besser. Einen Funken Restwärme spüre ich noch jetzt, während meine Finger das eisige Lenkrad umklammern. Ich fahre los in das noch junge Jahr und verspreche mir, diesen Gedanken beizubehalten.

Denn ein Ende ist ja auch immer ein Anfang. Irgendwie.

 

Goodbye don´t mean I´m gone

 

© themagnoliablossom

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Schnitzeljagd.

Prosa

Ich puste die Kerze aus und wünsche mir, dass alles gut wird. Weil ich das immer tue. Ein bisschen Vertrauen müsse ich schon habe, hast du zu mir gesagt, wenn kristallklare und salzige Tränen über meine kalten Wangen liefen – ein bisschen mehr Vertrauen. In das Leben. Allgemein und im Speziellen. Jetzt wo du nicht mehr da bist, fällt mir das sehr schwer. Vertrauen also, sage ich leise und wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Wenn sich das Jahr dem Ende neigt, wenn die Bäume ganz schleichend kahl werden und ganz plötzlich Winter ist, kommen auch die Gedanken. An das was da war und ist und noch kommen mag. Was noch vor ein paar Monaten hinter luftigen Kleidchen und Sonnenbrillen verborgen blieb, was durch dieses angenehme Kribbeln nach einem eiskalten Bier hirntot gemacht wurde, ist auf einmal so real und so da wie der erste Frost. Er macht es einem nicht leicht, der Winter. Ich wünsche mir eine fein pudrige Schneedecke, die all das ganz lautlos umhüllt. Sanft und schützend. Der eisige Wind peitscht mir um die Ohren und ich gehe tapfer weiter. Vertrauen, also.  Ich ritze deinen Namen auf eine angefrorene Autoscheibe und komme mir dabei wie ein Teenie vor. Damals konnte ich nicht glauben, dass es nach dem ersten Liebeskummer jemals wieder besser würde. Dass dieses Ziehen in der Brust und diese ständige Übelkeit jemals aufhören würden. Alles geht vorüber und es geht immer weiter. Und manchmal macht mich das traurig. Weil man gar nicht mehr innehält, genießt und jeden noch so kleinen Moment konserviert und das Traurigsein auch mal so richtig zelebriert. Menschen kommen und gehen. Manche hinterlassen Spuren, andere Lücken.

Und dann gibt es dich. Eine unendliche Schnitzeljagd über meinen gesamten Körper durch all die Krater und Täler. Von Zeit zu Zeit werden die so kräftig durchgespült und das salzige Wasser rundet die spitzen Ecken etwas ab. Die stechen dann nicht mehr so in die Eingeweide. Das ist gut. Menschen kommen und gehen. Aber was ist, wenn manche Menschen nicht gehen? Wenn sie da sind, obwohl sie fort sind? Erinnerungen, konservierte Gerüche, Berührungen, die sich ganz fies auf die roten Blutkörperchen krallen und mit jedem Herzschlag im ganzen Körper verteilt werden. Ist das überhaupt erlaubt? Oder läuft das schon unter Doping? Du schaust jeden Tag in den Spiegel und nichts ist anders. Und dann entdeckst du zwischen all dem Müll ein altes Foto und realisierst, dass alles anders ist. Das Gehirn ist sowas von machtlos gegen das Herz. Eine Farce.

Manchmal, wenn ich durch ein Möbelhaus schlendere, ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass sich dies oder jenes gut in unserem Haus machen würde. Eine Vase für die Vitrine im Flur oder ein neuer Bezug für das Kissen auf dem alten Sessel. Es ist nur ein kurzer, unüberlegter Moment. Ich streiche gedankenverloren über die Sofabezüge, fühle den Stoff der Bettwäsche und wünsche mir mit dir in den Laken zu liegen. Den Duft deiner Haare einzuatmen und meine Gesicht ganz fest an dein linkes Schulterblatt drücken. Einfach so. Aber so einfach ist das natürlich nicht.

Anstatt der Bettwäsche kaufe ich eine große Packung Kerzen. Bei jedem Auspusten werde ich sagen alles wird gut. Und es auch glauben. Denn mit Kerzen ist es ja so wie mit Erinnerungen. Man kann nie genug davon haben.

 

© Julia

 

 

Ausgelöscht.

Prosa

Was, wenn da auf einmal Lücken sind. Im Regal. Wo anstatt der Bücher etwas Staub eingezogen ist. Und im Herzen. Da, wo einer ernsthaft gegangen ist. Manche Lücken lassen sich gut füllen. Die in Wänden oder auch die zwischen den Zähnen. Aber für Lücken in Herzen gibt es bislang keine Spezialisten. Kardiologen operieren ja mittlerweile am offenen Herzen, aber Lücken schließen, das können sie nicht. Wäre ja auch zu einfach. Denn mit den Wunden im Herz ist es ja so, dass sie die Angewohnheit haben, von Zeit zu Zeit und – je nach Belastung wieder aufzuspringen. Das frische Blut quillt und strömt dann nur so aus dem pumpenden Muskel hervor, man will stopp sagen und drückt den Finger auf die Wunde, in der irrwitzigen Annahme, man könne die Blutung stillen, ehe einen der nächste Schwall des flüssigen Rot lauwarm am Körper herunterrinnt. Die gute Tischdenke, würde Oma sagen und die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, aber man kann einfach nur regungslos dasitzen und dem Blut beim Kaltwerden zuschauen. Das weiße Leinen saugt es förmlich in sich auf. Rotweinflecken bekommt man gut mit Salz heraus, was Herzen anbelangt ist diese Methode keine gute Idee.

Nicht an dich zu denken, fällt schwer. Weil alles, einfach alles an dich erinnert. Das Knarren der Dielen, das Rascheln der Vorhänge und selbst der samtige Bezug der Kissen trägt deine Handschrift. Ich finde Bleistifte eine tolle Erfindung. Man kann etwas damit schreiben und anschließend mit einem Radiergummi alles wieder wegradieren. Wenn man sich geschickt anstellt und davor nicht allzu fest mit der Miene auf das Papier gedrückt hat, sieht man danach nichts mehr. Keine Spur mehr von dem, was da mal war. Keine Buchstaben, die sich zu Worten zusammenschließen. Keine Texte aus Worten über dich. Alles weg. Ausgelöscht. Im echten Leben ist das natürlich nicht so. Da muss man schonmal was aushalten und wenn es nur der Finger ist, den man in das pochende, rote Etwas hält, um es vor dem Überlaufen zu schützen. Manchmal muss man das Herz auch einfach halten, weil andere oder man selbst davor etwas daran kaputt gemacht hat. Und dagegen gibt es nichts von Ratiopharm. Mir fällt nur eine Form von Linderung ein. Ein Aufeinandertreffen von Labium und Labium –  im philematologischen Sinne. Ein Kuss von dir würde helfen. Es wäre ein Berühren zweier Lippen, ein Vereinen der (Lippen-) Herzen – ein Gefühl in einem Moment, in dem die Welt gerade kippen wollte. Und das ist bei einer Kugel gar nicht so einfach. Ich zwinge mich, nicht an deine Lippen zu denken und kann an nichts anderes mehr denken. Das ist die perfide Psychologie der Verbote. Ein Logik, die einen um den Verstand bringen kann. Oder einen das Herz kostet.

 

© themagnoliablossom

 

 

 

Geschmolzene Butter.

Prosa

Es riecht nach geschmolzener Butter als ich meine Augenlider öffne. Die Türe ist genau einen Spalt weit auf, so dass ich dich vor dem Herd stehen sehe. Es gibt wenig, was mehr Wohlgefühl in mir auslöst als der Geruch von geschmolzenem Fett. Goldgelb in der Pfanne, riecht es nach Kindheit, Heimat und ganz viel Liebe. Was heute verteufelt wird, war früher das besondere Etwas. Die Zeiten ändern sich, denke ich mir und ich strecke einen Zeh unter der Bettdecke hervor. Das Herbstlicht blitzt zwischen den leichten Vorhängen hindurch und taucht dich ein wunderschönes Licht, fast golden – wie die Butter. Du trägst nur deine karierte Boxershorts und wenn du dich auf Zehenspitzen stellst, um an den Zucker ganz oben im Regal zu kommen wird aus deinen Waden eine Berglandschaft. Du schlägst vier Eier in eine Schüssel und gibst etwas von dem Zucker dazu. Als du bei dem Mehl angelangt bist, wirbelst du ein bisschen zu heftig mit deinem Schneebesen umher, sodass meine Sicht durch eine riesige Mehlwolke versperrt wird. Ich muss kichern, rolle mich auf die Seite und stelle mich schlafend. Nur ungern möchte ich dich bei deinen Vorbereitungen stören. Es zischt als der Teig langsam in die Pfanne gleitet. Mit einem Schwung versuchst du den Fladen zu wenden. Dein Oberarm spannt sich dabei so herrlich an, dass mir ganz warm wird. Ziischhhh – die zweite Kelle Teig findet ihren Weg in das heiße Fett. Es riecht so unglaublich gut, dass ich am liebsten sofort aufstehen möchte und davon naschen. Von dir. Du brühst Kaffee auf und streichst dir mit deiner Mehlhand durch die Haare. Hey, sag mal weisst du eigentlich, wie schön du  bist, denke ich mir noch  – ganz benebelt von all den Gerüchen – sage ich aber dann doch nicht. Du gießt Ahornsirup über den in Fett gebackenen Teig und ich habe noch nie solch schöne Pfannenkuchen gesehen. Ich schnappe mir die Croissants und setze mich im Schneidersitz auf das Bett. Voller Mehl und mit Sirup um den Mund stellst du das Tablett auf den kleinen blauen Tisch. Du machst eine Kunstpause und drehst dich mit einem Ruck zu mir, wirfst mich in die Laken zurück und drückst mir einen Kuss auf den Mund. Ich bekomme kaum Luft zwischen all dem Mehl, aber es ist das Süßeste, was ich je probiert habe. Vielleicht liegt das an dem Ahornsirup. Vielleicht aber auch an dir. Ich tauche mein Croissant in die geschmolzene Butter und dann essen wir Kohlenhydrate mit Kohlenhydraten und Fett. Einfach so. Und das ist das Schönste, was ich seit langem gemacht habe.

 

© Julia

Permanent.

Prosa

Als das Flugzeug den Kontakt zum Boden verliert, kribbelt es angenehm in meinem Bauch. Ich mag das Gefühl der Schwerelosigkeit. Die Welt bleibt unter einem zurück und vor einem nichts als die unendliche Weite. Weiß, weich und flauschig. Wie ein handgeschöpftes Blatt Papier –  bereit mit den kühnsten und wagemutigsten Gedanken beschreiben zu werden. Bereit die Tinte des Füllers in sich aufzusaugen. Weil mit einem Mal alles, was mir in den vergangenen Monaten den Kopf zermartert hat, so unendlich klein erscheint. Mit jedem Höhenmeter wird mein Puls ruhiger, die Gedanken im Kopf reduzieren ihre Drehzahl. Hier oben scheint die Zeit still zu stehen.

Alles hat seine Zeit, hast du immer gesagt. Aber Zeit ist doch das, was uns wie Sand durch die Finger rinnt. Dust in the wind. Ich weiss noch genau, wie der Song aus den Lautsprechern tönte und du mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen hast. Damals, in dieser Hütte mitten im Nirgendwo. Da hast du sie auch verflucht, die Zeit. Weil sie gegen uns spielte. Wir hätten uns später kennenlernen sollen, sagtest du und ich hätte dir so gerne geglaubt als eine einzige Träne aus deinen braunen Augen kullerte, die du selbstredend mit einem Wisch aus deinem Gesicht gestrichen hast. Aber vielleicht war es tatsächlich nur der Staub. Staub wie er sich auch auf den Fotos von uns in immer dickeren Schichten niederlegt. Fast lautlos sind die Jahre vergangen. Und das macht mir manchmal Angst. Weil ich die Fotos zwar auf den Dachboden verbannen kann, aber dich nicht aus meinem Herzen. Obwohl ich es möchte, und wie ich das will, aber es scheint wohl Dinge zugeben, gegen die der Mensch machtlos ist. Früher habe ich dagegen angekämpft, heute akzeptiere ich das einfach und das ist so unglaublich befreiend. Weil es jedes Jahr einen weiteren Ring im Stamm ergibt und du mich zu dem Baum machst, der ich heute bin. Die Maserung im Inneren ist so ungleichmäßig, aber gerade das macht sie so wunderschön. Du bist die Ebbe und die Flut, eine Laune der Natur und das war mir nirgends so klar, wie hier oben über den Wolken. Du kommst und du gehst, bist hier oder dort, weil das deine Wurzeln sind und weil das so sein muss. Du kannst nicht aus deiner Haut. Aber würdest du, wenn du könntest?

Es ist ja immer so leicht daher gesagt, aber wenn dann einer kommt und etwas an der Oberfläche kratzt und ein bisschen von dem Lack absplittert, dann wird das Ganze kompliziert. Warum tauchst du eigentlich immer dann auf, wenn es gut ist? Wenn ich den roten Lack perfekt aufgetragen habe – patzerfrei und ultraschnelltrocknend. Wenn mein Leben in geordneten Bahnen verläuft, meine Wäsche immer frisch gewaschen ist und meine Probleme sich auf die Wahl zwischen Kaffee oder Tee zum Frühstück beschränken? Ja, warum eigentlich? Das kann ja wohl kein Zufall sein. Hast du einen Radar, wie der Pilot vor mir im Cockpit und wann immer die Herzchen über meinem Kopf aufpoppen, bekommst du eine Push-Benachrichtigung? Ist das so? Ja? Ich würde dir manchmal so gerne glauben, wenn Worte deine Lippen verlassen, die ich dich noch nie habe sagen hören. Worte, die dich in ein warmes, fast goldenes Licht tauchen. Weil auch dein Stamm deutlich mehr Ringe bekommen hat und ich glaube, würde ich dich jetzt kosten, würde ich das Barrique schmecken. Den Rauch, das Holz und ein bisschen was von der salzigen Meerluft. Die Spuren im Sand sind vergänglich, aber was wirklich wichtig ist, habe ich in Stein gemeißelt –  in dein Herz, mein Lieber, damit du es nicht vergisst, wenn du in den nächsten Sturm ziehst.

Gerade als ich mich im freien Fall befinde und das Kribbeln in meinem Bauch schier unerträglich wird, hat der Pilot das Flugzeug wieder unter Kontrolle. Ich öffne meine Augen und sehe die Lichter unten in der Stadt glitzern. Der Regen prasselt lautlos vom Himmel und läuft schräg über die winzigen Fenster. Vielleicht sind das auch nur meine Tränen. Wer weiss das schon so genau.

Es ist der kurze Moment, wenn aus der Nacht Tag wird, wenn die Sonne den Horizont küsst und es trotz Nebel so unfassbar hell ist. Wenn aus dir und mir uns wird. Verstehst du. Es ist nur für diesen einen kurzen Moment. Und hell yeah, ich würde um die ganze Welt reisen, für diesen einen kurzen Moment.

 

© themagnoliablossom

Hello, turn your radio on!

Kolumnen

Von seinen Nachbarn bekommt man ja häufiger mehr mit als einem lieb ist. Meiner steht beispielsweise unfassbar auf Opern und singt gerne – am liebsten früh morgens und spät abends und das nicht einmal gut.

Nun ja, auch ich ergebe mich gelegentlich akustischen Ergüssen  – beschränke mich dabei aber vornehmlich auf das Auditive. Sprich: Ich höre Musik. Manchmal auch Radio. Und ganz manchmal auch beides parallel (für alle, die sich fragen: Ja, das geht. Sehr gut sogar). Hörfunk – das kennt man schon noch, oder? Ich besitze zu diesem Zweck ein furchtbar altes und ganz analoges Radiogerät. Wenn ich zuhause arbeite, empfinde ich es als angenehm, etwas Hintergrunduntermalung zu haben. Gerade so laut, dass es nicht ganz mucksmäuschenstill ist und so leise, dass ich jedes Wort von Nachbars Gesinge verstehe und aufpassen muss, nicht versehentlich die Lyrics zu tippen anstatt meinen Text. Wenn dann ein guter Song im Radio kommt (soll vorkommen) dann drehe ich für diese dreiminutenundfünzigsekunden so richtig auf. Hüpfe durch die Wohnung, benutze die Haarspray-Dose als Mikrofon und fühle mich wie Tina Turner im Jahr 1985. #privatedancer.

Und wenn mir jene dreiminutenundfünfzigsekunden noch nicht genug waren oder ich noch etwas Zeit zum Prokrastinieren brauche, drehe ich das Radio wieder in die kaum hörbare Hintergrundlautstärke zurück, google das Lied auf meinem Laptop und raste mir nichts, dir nichts weiter vier Minuten (mitohne Werbung) aus.

Aber manchmal läuft das auch anders herum. Das heisst, ich höre ein Lied über meine Playlist und ein paar Minuten später kommt genau dieses Lied im Radio. Zu Beginn glaubte ich noch an einen Zufall. Obwohl es sich in besagten Fällen nicht um die aktuellen Charts handelte, die wohl jeder Sender rauf- und runterspielt. Es waren solche Dinge wie, Creedance Clearwater Revival (die alten von Papa, auf Vinyl) oder Lay down Sally, ein Song bei dem ich einfach nie nicht glücklich sein kann.

Die Ereignisse häuften sich und als aufgrund eines Stromausfalls das Radio nur noch chrrrrchrrrrrr-Geräusche von sich gab, musste ich einen neuen Sender suchen. Also, landete ich – wie es der Zufall so will – wieder bei meinem alten Lieblingssender, den ich vor einiger Zeit wutentbrannt wegdrückte, weil ein neuer Moderator mir mit seiner aggressiven Musikauswahl gehörig auf die Nerven ging.  Nun, als der Suchlauf endete und das chrrrrchrrrrrr wohltuender Weise abrupt ein Ende nahm, trällert mir doch just Eric Claptons „Don’t you think you want someone to talk to?“ entgegen. Ich bin baff. Ich schwöre euch, in all den Jahren in denen ich diesen kleinen Sender gehört habe, lief nicht ein einziges Mal Lay down Sally. Nienienie. Und nun, da der andere Sender und mein Laptop mal wieder eine akute Sally-Phase haben, kommt dieses Lied im Radio. Unter der Frequenz. Nicht, dass ihr jetzt denkt ich sei verrückt. Es ist verrückt. Wirklich. Auf meiner Puderdose steht in großen Lettern „GLOW“ geschrieben. Manchmal, wenn ich mir morgens einen Hauch davon auf mein Gesicht stäube, um zumindest etwas zu sehen, das leuchtet – ertönt ein paar Minuten später „Glow“ von Madcon im Radio. Selbstredend habe ich erneut den Sender gewechselt. Nicht nur wegen diesem Song.

 

© themagnoliablossom

 

Zu selten.

Lyrik

Ich habe dieses Jahr viel zu selten Kleider getragen, zumindest im Verhältnis zu der Zeit, in der ich lange Hosen trug. Und Pullover. Ganz zu schweigen von Schals und Jacken. Man sitzt und wartet, hofft, dass es Sommer wird. Als ob dann alles anders sei, als ob das Leben davon abhinge, dass die Sonne scheint. Tut es auch. Zumindest ein bisschen. Also sitzt man weiter oder steht und geht, strebt und lebt dieses Leben, was man nun einmal hat. Ein Geschenk. Hofft auf diese eine Jahreszeit, in der das Leben eine gewisse Leichtigkeit erfährt, die den grauen Stellen im Herzen die Daseinsberechtigung raubt. In der es sich anfühlt als ginge man permanent auf Wolken in Watte gepackt und in einer in der Sonne glänzenden Seifenblase. Die Zeit scheint still zu stehen, für diesen einen kurzen Moment – auch wenn er Tage andauert, manchmal auch Wochen. Man riecht und schmeckt das Salz auf der Haut viel zu selten. Kostet die Süße der Aprikosen, atmet den Duft von Lavendel und fängt den Wind mit den Haaren. Alles viel zu selten. Sonnenuntergänge am See, sengende Hitze und eiskalter Wein, der das Brennen in der Kehle löscht. Schlafen unter Sternen, die zum Greifen nah sind – ein Gefühl wie im Traum, nur in echt. Zerzauste Haare, sich suchende Hände und trockene Lippen.

Alles viel zu selten.

© Julia

Ganz großes Kopfkino.

Kolumnen

Ich laufe durch die Straßen. Nein, es ist eher ein Hüpfen. Federleicht. Trotz Übergewicht. Wegen der vielen Gedanken. Die Sonne steht tief und es weht eine leichte Brise. Ich balanciere auf dem Geländer und lächle. Es. Fühlt. Sich. Alles. So. gut. An. Wouldn´t  wanna change anything at all – unweigerlich summen mir jene Songzeilen, die ich heute Morgen im Radio gehört habe durch den Kopf. Ich bin glücklich. Jetzt genau. Heute. Hier. In diesem Moment. In diesem Leben.

Prinzipiell halte ich es ja wie Audery Hepburn. Nicht nur, weil ich gelegentlich und mit außerordentlichem Genuss das Kleine Schwarze auspacke, sondern weil ich ihre Philosophie teile. Audrey sagte einmal, dass sie das Alleinsein brauchte und sie nichts glücklicher machte als die Zeit von Samstagabend bis Montagmorgen allein in ihrem Apartment zu verbringen, denn so erholte sie sich am besten.  Das würde ich genauso unterschreiben. Wobei gerne „von Freitagabend bis Montagmorgen“ ergänzt werden dürfte. Ab und an brauche ich das. Lieber zu oft als zu selten. Ich verspüre einen regelrechten Drang mit mir und meinen Gedanken allein sein zu wollen. We´re a very small gang.  Ich zelebriere es, einzelne Wortfetzen in meinem Kopf zu ganzen Sätzen zu formen, um dann daraus Geschichten zu spinnen. Geschichten, die so schön sind in meinem Kopf . An einem magischen Ort zwischen Realität und Traum, zwischen wach und Schlaf, der nur mir gehört. Ein schmalen Grat, ein Balanceakt zwischen Vision, Träumerei und komplettem Realitätsverlust.

| I dream a little dream for you

Manchmal gehe ich auch spazieren. Allein. Schlendere über den Markt und mache einen kurzen Stopp an meinem Lieblingsstand, nur für einen kurzen Plausch. Ich liebe es, die Leute zu beobachten, sauge ihre Gesichter in mir auf und stelle mir vor, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Und manchmal sehe ich mich in einigen von ihnen. Male mir aus, wie es sein könnte mit Person X, Y oder Z.  Oder Person A.  Aus diesen Gedanken baue ich Luftschlösser so hoch wie der Mount Everest und mir ganz schwindlig wird. Von dem süßen Bauchkribbeln oder von der Erschrockenheit über die eigenen Gedanken.

Nach solchen Wochenenden bin ich tiefenentspannt und fühle mich montags, als könne ich Bäume ausreißen. Ganz bei mir, ganz ich. Ganz glücklich. Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang ja gern von Hochsensibilität. Zu viel Welt für´s Hirn. Nun ja.

So sehr ich das alles schätze, brauche und meine Me-Time auf keinen Fall missen möchte, meldet sich in manchen wachen Momenten der kleine, fiese (B)engel auf meiner Schulter und kommt mit seinen spitzen Fingerchen meiner Seifenblase gefährlich nahe. Verstricken wir uns zu sehr in unserer eigenen Gedankenwelt? Drohen wir in unserem eigenen Kosmos unterzugehen, wenn wir zu oft alleine sind und uns der Input oder die Konfrontation von außen fehlt? Aber, wenn man glücklich ist, also so richtig, dann kann es doch nicht so falsch sein, oder? Kann etwas, dass sich so gut anfühlt überhaupt falsch sein? Jemals? Verhindern wir die Realität, ja gar das Leben, wenn wir in einer Parallelwelt leben? Legen wir uns damit selbst Steine in den Weg, der mit harter Realität gepflastert ist? Ist das dann gut oder schlecht? Oder sind es genau jene Konstrukte, die unser Innerstes nach außen tragen und das Leben uns damit sagen will, ja, man! Tu es! Jetzt! Ganz nach dem Motto if you can dream it, you can do it? Wo zieht man die Grenzen? Muss man das überhaupt? Wird nicht alles, was man sich derat wahrhaftig vorstellen kann auch irgendwie zur Realität? Zur einer ganz eigenen, persönlichen Realität? Das Leben ist ja immer das, was man draus macht, oder?

Mit einem Satz hüpfe ich das Geländer herunter. Die leichte Brise hat – ganz klammheimlich, während ich meinen Gedanken nachhing, eine schwarze Gewitterwolke angeweht, die sich genau jetzt und genau über mir entleert. Dicke, schwere Tropfen prasseln auf mich herab. Während alle anderen Unterschlupf suchen, bleibe ich stehen. Geerdet, fest verwurzelt mit dem Boden unter meinen Füßen. Den Tatsachen. Ich schließe meine Augen, breite die Arme aus und lasse den Regen meine Gedanken reinigen. So befreiend. So beängstigend. Und alles, was nach dem Gewitter immer noch da ist, ist real, ja? Bist du noch da?

Und so vermischen sich Süß- und Salzwasser und die Realität wird manchmal zu Träumen. Oder war das andersherum? Wer weiss das schon genau…

 

© themagnoliablossom

Bouldern. Oder zumindest Brunchen.

Kolumnen

„Na, was hast du so gemacht am Wochenende?“ Trällert der gutgelaunte Freizeitaktivist am Montagmorgen in der Büroküche ohne, dass es wirklich eine Frage ist und noch bevor ich Kaffee sagen kann. Insgeheim möchte er nämlich nur von sich erzählen. Von seinem – mal wieder – spektakulären Wochenende. Heliskiing, Kitesurfen, Bouldern (einhändig, natürlich!). In dieser Reihenfolge. Eh klar. Ich nicke bemüht anerkennend und antworte „äh, nix“ und wünschte der Kaffee würde schneller aus der Maschine laufen, um mich aus dieser beklemmenden Situation zu erlösen…

Es scheint als gäbe es heutzutage nur zwei Kategorien. Den Freizeitakitivisten und den Faulenzer. Der, der ein interessantes Leben hat und den Langweiler, der kein Leben hat. Das ganze spitzt sich zu einem regelrechten Freizeit-Battle zu. Sag mir was du in deiner Freizeit machst und ich sage dir, wer du bist. Die Freizeitgestaltung als Legitimierung, ja gar als Daseinsberechtigung. Das ist vor allem unter dem Gesichtspunkt höchst interessant, dass Fernsehen als des Deutschen liebstes Hobby gilt. Das sagt zumindest Dr. Ulrich Reinhardt, seines Zeichens Zukunftsforscher. Bei dem gegenwärtigen TV-Programm muss die Zukunft ja ganz besonders rosig aussehen.

Hobbies, das kenne ich ja nur noch aus diesen Freunschaftsbüchern aus der Grundschule. Jene gepunkteten drei Zeilen, auf die man Reiten, Inlinerfahren, Judo oder zumindest Kino oder sowas in der Art schrieb. Für manche reichte aber schon damals der Platz nicht aus. Da wurde dann äußerst kreativ mit Sternchen und  siehe Rückseite hantiert. Ja, sogar separate Zettel wurden angeheftet. Das waren genau die, die heute zum Freiluft-Heliskiing-Boulder-Event fahren. Sonntagmorgens um 7 Uhr.

Über unseren Job definieren wir uns ja schon längst nicht mehr. Viel zu einseitig und oberflächlich. Man arbeitet ja nur, um zu leben. Oder war das andersrum? Egal! Ohnehin hinfällig. Freizeit, it is! Der Freizeit-Aktivist ist (zum Glück) nicht so festgefahren, was die Aktivitäten an sich anbelangt. Eine Radtour, wandern oder zumindest aber der Besuch des neuen Brunch-Hotspots lässt er durchaus als Antwort auf seine Frage zu, ohne, dass sich seinen Augenbraue gen Himmel verzieht. Mir ist das irgendwie zu monokulturell. Deshalb genieße ich sonntags die Ruhe ganz besonders sehr, wenn alle Busybees ausgeflogen sind und lasse mir die Sonne auf den Bauch scheinen. Feuilleton, Indie, Wirtschaft, Pop, Lyrik, Gesellschaft, Hip Hop, Biografie, Krimi, Rock,  Lyrik – die Liste könnte endlos weitergehen. Dazu ein bisschen Zeit für mich, um mir Gedanken über diese Kolumne zu machen. Ha.

 

© themagnoliablossom

 

Quarantäne.

Prosa

Du platzt einfach so in meine Träume. Herein. Manchmal auch mitten am Tag. Mir nichts dir nichts. Schleichst du dich in meinen Körper und trampelst die zarten Pflänzchen, die auf den ausgetretenen Pfaden wachsen, nieder. Manchmal ist es bloß ein Duftmolekül, das durch meine Nase seinen Weg in mein Herz findet, weil die Filterfunktion im Gehirn nicht richtig funktioniert. Ein, zwei Takte dieses Songs – klammheimlich in den Ohrhärchen verfangen. Manchmal ist auch einfach nur ein irrwitziger Gedankenfetzen, der sich aus der Quarantäne heraus in aktive Gehirnareale verirrt.

Und manchmal ist es einfach ein bisschen zu viel von all dem.  Auf einmal. Denn die Sache ist ja die, dass von außen betrachtet, die Hülle makellos scheint. Und der Lidstrich perfekt ist. So perfekt er mit zittriger Hand eben gezogen werden kann. Aber innen, meine Lieber, so ganz tief innendrin – da sieht es aus wie ein zerfetztes Kissen. Bloß, dass es mein Herz war, das in tausend und abertausend Splitter zerbrochen ist.  Der reißende Fluss aus meinen Augen hat die spitzen Kanten mit der Zeit abgemildert. Und tatsächlich tut es auch gar nicht mehr weh. Vielleicht, weil alle Tränen aufgebraucht sind, oder ich abgestumpft. Wie die Messer in der Küchenschublade, die du immer mal schleifen wolltest.  Ich schaue aus dem Fenster und sehe die Menschen draußen in der Sonne. Lachend. Mit ihren runden Sonnenbrillen auf der Nase. Ich friere ein bisschen und halte mir meine Kaffeetasse ans Ohr, damit ich das Meer rauschen höre doch alles was ich bekomme ist Salzwasser.

Vielleicht bräuchte es einen Ozean Süßwasser, um die scharfkantigen Splitter in Kieselsteine und dann, irgendwann in weichen Sand zu verwandeln. Sand, der mir dann einfach so durch die Hände gleitet und vom Winde verweht wird. Vielleicht ist das auch so.

 

© Julia