London Calling.

Inspiration, Lifestyle

Ich schiebe meinen Koffer umständlich das Gate entlang. Diese ebenerdigen Rolltreppen waren noch nie meins. Am Ende des unterirdischen Gangs gibt es drei Aufzüge zu vier Plattformen. Abgesehen von dem Sandwich im Flugzeug hatte ich nichts gegessen und mir ist etwas flau im Magen. Es ist ja nicht so, dass ich noch nie alleine geflogen wäre. Irgendwohin. Nicht auf die Nase. Das nämlich schon öfter.

Es ertönt ein lauter Gong. Platform Three. Weil alle aussteigen, steige ich auch aus. Obwohl der Weg zur Quelle ja immer gegen den Strom führt, laufe ich der Masse nach. Am Ende gibt es zwei Gleise für zwei Züge. Einer, der aus der Stadt rausführt und der andere, der die Menschen in die Stadt transportiert. Das mag ich an England. Dieses uralte U-Bahn-System. Für jemanden, der trotz Navigationsgerät in die falsche Richtung (immer!) läuft, ist das sehr angenehm.

Als ich mir ein Ticket kaufen möchte, spricht mich eine ältere Dame an, die locker als Queen Elisabeth hätte durch gehen können. „Möchten Sie in die Stadt fahren, junge Dame?“. Ich übersetzte das you als Sie wobei es getrost ein Du hätte sein könnte, so nett und vertraut wie das aus ihrem Mund klingt. Ich entscheide mich aber bewusst für Sie, weil alles andere nicht Queen-Elisabeth-Style gewesen wäre. Ich nicke also heftig und bekomme ein Ticket in die Hand gedrückt. „Das ist ein Tagesticket. Damit können Sie noch den ganzen Tag fahren. Ich fliege jetzt nämlich nach Paris und werde es nicht mehr brauchen“. Oh, das ist aber nett, sage ich und freue mich wie ein Schnitzel. Sowieso sind hier alle so nett. Wobei nett im Vergleich zu lovely nur verlieren kann. Aber liebreizend oder herzallerliebst sagt ja heutzutage kein Mensch mehr. Schade, eigentlich, denke ich. Wir plaudern noch ein Weilchen und wünschen uns dann gegenseitig einen lovely day. Entgegen aller Oberflächlichkeit war diese Begegnung tatsächlich lovely. Ich passiere das Drehkreuz und spüre ein leichtes Bauchkribbeln.

Der Zug rattert aus dem Tunnel heraus und ich muss meine Augen etwas zusammenkneifen, weil die Sonne zwischen den Bäumen direkt in mein Gesicht scheint. Dahinter diese typischen, englischen Reihenhäuser. Manche mit winzigen Dachterrassen und ganz viel Grün. Ich nehme die Kopfhörer aus dem Ohr und bin einfach nur glücklich.

Da konnte ich ja noch nicht ahnen, wie sehr ich mich verlieben würde. Ganz nach dem Motto, 1000 mal berührt und nix passiert. 1001 mal und es zoom gemacht. Und wie.

 

| Sommersethouse

Nur wenige Gehminuten von dem umtriebigen The Strand zwischen One Aldwych und Waterloo Bridge verbirgt diese kleine Oase der Ruhe. Und Strand hat hier nichts mit Sand und Palmen zutun, sondern bezeichnet den Straßenabschnitt, der die City of London mit Westminster verbindet. Die typisch roten Doppeldeckerbusse reihen sich geduldig zwischen den Black Cabs ein (Übrigens: immer ein Black Cab heran winken, die sind nicht nur schöner, sondern auch die offiziellen Taxis mit Lizenz). Mit zahlreichen Geschäften und Hotels herrscht hier eine bunte Mischung aus Touristen, Geschäftsleuten und Obdachlosen. Die neben den stoisch dreinblickenden Butler vor den Luxushotels ein skurriles (Stadt-) Bild abgeben.

Zugegeben, den Eingang zum Innenhof des Sommersethouse muss man ein bisschen suchen. Schon beim Betreten des dunklen Gangs erschleicht einem das Gefühl von Ruhe und der Lärm der Stadt rückt mit jedem Schritt mehr in die Ferne.

Hier scheint die Sonne im Frühling und Herbst besonders lange, sodass man auch zu späterer Stunde noch ein paar Strahlen (für den typisch englischen Glow, den hier alle haben – jeglichem blass oder krebsrot Klischee zum Trotz) einfangen kann. Vielleicht liegt das aber auch an der sympathischen Art des Daydrinkings. Well…

Tipp: Sich vom hübschen Barista im Fernandez & Wells einen vorzüglichen Flat White zaubern lassen und in Ruhe Leute gucken. Man darf sich dabei gerne wie Keira Knightley fühlen, die sich hier als Herzogin von Ralph Finnes hat küssen lassen. Perfekte (Film-) Kulisse. Bei Regen unbedingt in die kleine, aber feine Buchhandlung nebenan gehen und sich inspirieren lassen und ein paar Mitbringsel besorgen.

Inspiration ist ein gutes Stichwort: Das Sommersethouse ist Zentrum für Bildende Künste und es gibt immer wechselnde Ausstellungen. Was natürlich auch entsprechend stylische Menschen magisch anzieht. Wer sich den kreativen Londoner Style abgucken will, dann hier.

Im Ostflügel des Gebäudes residiert das Kings College, d. h. Man kann wunderbar Cool Kids beobachten.

 

| Theatres / The long list

London ist für seine umfangreiche Theaterlandschaft bekannt. Von klassisch bis modern bis hin zu Indie-Produktionen ist alles dabei. Kunst und Kultur können sie, die Briten.

Wer bei Theater an schicki-mickie und das Kleine Schwarze denkt, irrt. Der Engländer nimmt den Ausdruck come as you are in diesem Fall wortwörtlich. Jeans, T-Shirt und die Tüte mit der Shopping-Ausbeute. Den Sprakling Rosé bestellt man per App und lässt ihn sich in der Pause an den Platz bringen #smart. Die Stimmung steigt, es wird angefeuert und mitgesungen. Go, Girl. So ganz anders als bei einem typischen Theaterabend in Deutschland. Das hat mir sehr gut gefallen. Dieses Involvement. Und überhaupt.

The Savoy Theatre, Prince Edward, Apollo, Royal Albert Hall – die Liste der Theaterlandschaft in London ist lang.

Das Savoy ist das prestigereichste und opulenteste Hotel Londons. Nur ein paar (viele) Treppenstufen unter der Erde in Richtung Flussbett der Themse befindet sich das kleine, feine Theater mit roten Samtsesseln und einer winzigen Empore. Auf dem Weg zur Toilette kann man sich hier schon mal verirren, so verwinkelt sind die unterirdischen Gänge.

 

Viele Restaurants bieten zudem günstige Pre- and After Theatre Menüs an. Einfach mal gucken.

Fun Fact: Der Court des Savoy ist der einzige Platz in ganz England, wo auf der rechten Seite gefahren wird – damit die Black Tabs bequem wenden können, sagt man. Außerdem wurde der Eisbecher Pfirsich Melba in einer der sieben Küchen des Savoys erfunden.

Tipp: Nach der Vorstellung den offiziell-inoffiziellen Hinterausgang (am Themse-Ufer) nehmen und mit den Darstellern ein Pläuschchen halten. Herrlich nahbar. Und Small Talk auf eine schöne Art.

 

| Tea Time 

Dieser Five O´Clock Tee ist eine feine Sache, wenn zwischen dem feudalen full English Breakfast (nach dem man eigentlich für fünf Tage und drei Bergwanderungen satt ist) und dem Bagel zum Lunch doch noch ein Hüngerchen vor dem Dinner aufkommt.

Ofenwarme Scones, die beim Auseinanderbrechen herrlich dampfen und nach frischer Hefe duften. Einen (großen!) Klecks Clotted Cream und Marmelade drauf. Himmlisch. Beim Tee verstehen die Engländer allerdings keinen Spaß. Am besten vom Kellner (Tee Sommelier) beraten lassen. Ein Tradition, an die ich mich gewöhnen könnte.

Wer´s etwas opulenter mag bestellt einen kompletten Afternoon Tea z. B. Brasserie Max / Covent Garden Hotel. Und bekommt wirklich alles, was das Herz begehrt. Von süß bis herzhaft inklusive einem Glas Champagner. Das Lächeln des Kellners gibt´s gratis. ca. 28,- p. P.

Mit der Picadilly Line bis Covent Garden fahren und die Treppen zur Oberfläche nehmen. Dann geht das auch mit den Scones klar. Diese Station ist die älteste in London und genau 193 Stufen führen über eine steile Wendeltreppe an die Oberfläche (das entspricht 15 Stockwerken). Nicht umsonst steht der Hinweis, die Treppe nur im Notfall zu benutzen.

Der Aufzug wurde erst nachträglich gebaut. Achtung: Ticket schon im Aufzug bereit halten. Es geht quasi nahtlos zu den Drehkreuzen.

 

| Covent Garden 

Die bereits im 17. Jahrhundert gegründeten Hallen mit dem schönen Glasdach, die an einen alten Bahnhof erinnern, bieten alles was das Herz begehrt und sind mehr als Instagram tauglich. Hier geben sich Chanel und Laudrée die Klinke in die Hand, an machen Tagen gibt es auf dem Trödelmarkt tolle Einzelstücke zu entdecken.

Zur Stärkung: Ein Walnussbrot mit Avocado bei Le Pain Qotidienne oder einen Burger bei Shake Shake essen.

Tipp: Covent Garden ist der einzige Ort in London, auf dem Straßenkunst erlaubt ist. Am Wochenende geben Singer-Songwriter (und Musikstudenten) auf der Piazza Konzerte und sorgen für Gänsehautfeeling.

Unbedingt auch die kleinen Straßen rund um Covent Garden erkunden. Wegen: Sehr schön. Und weniger touristisch.

In der Floralstreet ein Kanelbuar (Cinnamon Bun) bei Bageriet essen – so zuckersüß wie der (schwedische) Barista. #forreal

Wer eher auf (Nah-) Verkehr steht, sollte einen Blick in das London Transport Museum werfen, welches sich direkt neben den Markthallen befindet.

 

| SOHO 

Zwischen Hipstern und Bürohengsten herrscht hier tatsächlich ein bisschen mutlikulturelles New York Feeling.

Mittwoch bis Freitag gibt es den Food Markt Street Food Union in der Ruper Street. Von Kimchi über Burritos, Falafel und Burger gibt es es hier vor allem eines: Fast nur Einheimische.

Tipp: Das Lieblingsessen einpacken und in den gegenüberliegenden St. Anne´s Churchyard Garden ins Gras setzten. Glücklich sein.

Fun Fact: Soho der Schauplatz der Dreigroschenoper von Bertold Brecht.

Weiter geht’s über die Brewer und Beak Street auf die Carnaby Street. Metzger und Brauer findet man hier mittlerweile eher keiner mehr, Bier hingegen schon. Nämlich in den vielen, winzigen und mega sympathischen Pubs.

Nach dem Bier ist vor dem Frühstück. Nach dem obligatorischen Foto des Welcome-to-Carnaby-Street im Kingly Court eine Acai Bowl essen oder beim Yoga entspannen. Wer´s deftiger mag. Gute Steaks gibts bei Flat Iron.

Nach ein paar Gehminuten über die Great Malborough Street – und das hat nichts mit Zigaretten zu tun. Sehr wohl aber mit Freiheit, die man an der Ecke Kingly Street / Little Marlborough Street erreicht. Das wunderschöne Fachwerkhaus beherbergt das Kaufhaus Liberty. Harrods kann ja jeder. Außerdem kann man hier auf knarrenden, alten Wendeltreppen wunderbar Windowshopping betreiben und sich ein bisschen wie Carrie fühlen. Im 2. Stock gibt es ein kleines, verstecktes Café. Ich empfehle: Augen zu, Karte durch.

 

| Monmouth Street / Seven Dials

Diese kleine, feine Straße ist so typisch urig englisch mit all den Black Cabs, den Barber Shops und den kleinen Boutiquen, das es fast schon ein bisschen Pariser Flair hat. Im Norden durch die Shaftesbury Avenue und im Süden durch Shelton- und Towerstreet begrenzt und wo sich Mercer-  und Earlham Street kreuzen, befindet man sich im Herzen des sogenannte Seven Dials. Und das ist der Ort, wo die Magic passiert. Aufführungen im Cambridge Theatre, Portugiesische Spezialitäten naschen, Shoppen (z. B. Club Monaco oder Pop Boutique, Vintage von 1950 – 1990), Coco de Mer #sexytime. Gucken, Stauen und nachmittags (!) ein Pint im Crown & Anchor trinken.

Bei Rococo Chocolates was für die Lieben daheim mitnehmen. Oder besser gleich selbst essen. Eine wahre Freude ist auch das Freud Café. Und schön ist es auch hier.

 | St. James Park

Weil Hyde Park einfach jeder kann. Der kleine Bruder aber mindestens genau so schön ist. Den Eingang über die Downing Street nehmen und noch bisschen Kultur gucken. Mit einem Eis in der Hand die Enten füttern (nicht!) und am See entlang Richtung Norden laufen – so kommt man am Institute of Contemporay Art vorbei und kann am am Trafalgar Square (neben ganz viel Verkehr) auch noch The National Gallery besuchen.

 

| Neil´s Yard

Es gibt Orte, die schreien ganz laut. Hier! Jetzt! Mach ein Foto! Weil man das bereits in diversen Magazinen gelesen hat oder auf Instagram gesehen hat. Und dann gibt es Neil´s Yard. Der genau das tut, aber auf so eine zauberhafte Art und Weise. Weil man gar nicht anders kann, wenn man durch die dunkle, unscheinbare Einfahrt gegangen ist. Weil einem sofort das Herz aufgeht. Und weil kein Foto dem auch nur annähernd gerecht werden würde. Bei Neil und mir war es Liebe auf den ersten Blick. Denn auch dieser Neil hat ein Herz aus gold. Gerade einmal 60 Meter misst dieser entzückende Innenhof, der von Kosmetik über Pizza und einem ausgezeichneten Käsefachhandel (!) alles bietet und nichts als ein Gefühl einer wolligen Umarmung hinterlässt.

Am Abend bei Kerzen und Lampions eine der Riesenpizzen bestellen. Hier trifft sich abends das urbane Volk zum Teilen und Genießen, bevor es in die Pubs geht. Herrlich unaufgeregt.

Zum Lunch oder für ein Stück Kuchen unbedingt im Wild Food Café vorbei schauen. Allein der Aufgang über die dunkelblaue Wendeltreppe ist ein Erlebnis.

Ziemlich gutes Porridge gibt es bei 26 Grains. Ausgang Monmouth Street (Achtung, Lieblingsstraßen-Potential) nehmen und auf einen Flat White Monmouth Coffee Company vorbeischauen. Die Franzbrötchen sind auch nicht von schlechten Eltern.

 

Hach, hab ich schon erwähnt, dass ich verliebt bin?

Loads of love ❤

 

 

© Julia

 

 

Was sonst noch so ging:

 

 

 


 

Lilablassblau.

Prosa

Es ist manchmal nur eine Nuance. Ein Windhauch an einem stickigen Sommertag. Einmal links abbiegen, anstatt halbrechts. Es sind all die Worte, die nicht geschrieben wurden und seitdem tief im Kopfsteinpflaster verankert sind und die Tinte auf dem Papier, die in Tränenflüssigkeit schwimmt, die kein Mull der Welt aufsaugen kann.

In einem Überschwang an Gefühlsduselei, weil plötzlich die Sonne scheint und dir die Parfümeriefachverkäuferin den Duft des Tages aufsprüht. Bevor du nein sagen kannst füllen sich deine Kapillaren mit vierhunderteinunfünfzig Einzelkomponenten und schwimmen mit dem Strom gen Amygdala. Oneway. Der Duft des Lebens, wohl eher. Das ist der Moment, in dem du dir lieber Moschus oder Patschuli wünschst, anstatt der Aufoktroyierung eines chemischen Prozesses wie Liebe. Oder etwas Derartiges.

Leider passiert das nicht ausschließlich in Hollywoodromanzen, sondern mir. Hier. Echt und in Farbe. Lilablassblau. Zuweilen und vorzugsweise immer dann, wenn ich gerade glücklich bin. Innerlich und äußerlich. So rund um einfach. Wenn da auf einmal Frühling ist in mir und die Krokusse sprießen, weisst du, wenn endlich der verdammte Schnee geschmolzen ist. Dann, wenn wieder Gras wachsen kann. Grünes. Kein solch Vertrocknetes, Blassgrünes. Immer dann schleichst du dich klammheimlich durch meine Nasenhöhle mitten ins Herz. Aua. Dabei hat die Natur das eigens so eingerichtet, dass der Geruchssinn vor verdorbenen Dingen schützt. Da möchte ich gerne mal ein ernstes Wörtchen mit Herrn Proust sprechen, bitte. Wer will mir da einen Streich spielen? Ich frage mich an dieser Stelle ernsthaft, ob es Schicksal tatsächlich gibt und bleibe doch wieder beim Karma hängen. Es kommt ja alles zurück. Das Leben ist ein scheiß Bumerang, mein Lieber. Und auch wenn es manchmal Jahre dauert. Es. Kommt. Alles. Zurück.

Es ist wie eine Sucht. Früher konnte man keinen Tag ohne Facebook sein. Heute kann ich das. Problemlos. Auch mehrere Tage und guess what, ich vermisse nicht einmal das Geringste. Nada. Niente. Okay, ich bediene mich einer Ersatzdroge. Instagram & Co leisten gute Dienste. Man muss einfach was mit seinen Händen machen. Wo sollen die denn sonst auch hin? Und genau so ist es mit den Männern. Und den Frauen. Sind wir ehrlich, es gibt nur diese eine wahre Droge. Die Kids probieren ja heutzutage alles aus. Aber wir, mein Lieber wir sind älter geworden. Und kein bisschen reifer.

Dieser Kuss war so trocken. Staubig. Wie unsere Liebe. Der Wind der einfahrenden U-Bahn hat den ganzen Staub aufgewirbelt. Und jetzt stehen wir im Nebel. Blind. Wie zwei Fische, angespült von einer großen Welle überschäumender Gefühle auf der Suche nach dem großen, weiten Meer.

Der rote Ketchup-Fleck auf weißer Seide. All das. So vertraut und so verdammt bittersüß. Zerlegt man das Wort in seine einzelnen Wörter. Bitter. Und süß. Konträrer geht es kaum. Wären wir ein Wort, dann das. Und dennoch. Auch wenn in meinen Adern Gin fließt und ich weiss, dass es in deinen Venen auch so aussieht. An deiner Seite fühle ich mich so unglaublich sicher. Du bist der Mensch, bei dem ich mit geschlossenen Augen auf dem Beifahrersitz sitzen kann. Ich glaube, man nennt das Vertrauen. Aber was weiß ich schon…

Und so sitze ich hier über der Frage, wo dieser Kreis anfängt. Denn ich muss den Anfang finden, wenn ich das Ende suche, oder? Bei Büchern lese ich oft zuerst die letzte Seite. Die berührt am meisten. Da steckt alles drin. In diesen jenen letzten Zeilen, kommen all die ertränkten Gefühle hoch, von denen ich geglaubt hatte, sie seien jämmerlich ersoffen in all dem Gin. Aber it ain´t over till it´s over, right?

Herzal

Reaching out

Und dann kommt Mr. Big zum zweihundertdreiundachzigsten Mal in dieses Hotel in Paris nach verdammten sechs Jahren und das ist so kitschig, dass es schon wieder traurig ist. Weil, dann ist nämlich alles egal. Alles vergessen. Wie der Geburtsschmerz, in dem Moment verfliegt, wenn dieses käsige, bläuliche Etwas auf deinem Bauch liegt. Weil ich diese Stelle immer wieder zurückspule. Blasse Finger umklammern die Fernbedienung. Und das ist auch das Einzige, das ich im Griff habe.

So etwas gibt es ja nicht nur im Fernsehen. Denn die Realität ist viel grausamer. Und wenn man den Moment nicht festhält, ist er schneller Präteritum als du Imperfekt sagen kannst. Und das, mein Lieber, ist in Stein gemeißelt. Es ist 01:51 Uhr und es knackt. Ich schrecke auf. Weil das Blut in meinen Adern gefriert. Weil du mir manchmal so unglaublich fehlst. Ich verspüre den Drang, ein großes Feuer zu legen und alles auftauen. Aber diese lauwarme Brühe, dieses Rinnsal ist ein Schatten seiner selbst. Das wissen wir. Und dennoch. Ein Inferno. Sehr vermessen von mir in diesem Zusammenhang von einem wir zu sprechen – wo wir doch beide keine ausgewachsen ich’s sind.

Und so ziehen die Jahre vorbei und ich ziehe nur Kreise, in den Sand vor meiner Türe. Da müsste ich nämlich mal wieder kehren. Das weiß ich. Aber das Gute an Sand ist, dass man alle möglichen Muster hineinmalen kann und manchmal auch Namen – und nichts ist für die Ewigkeit.

Wann kehrst du wieder? Heim?

Und ich frage mich, ob das so sein muss. Ob das alles zyklisch widerkehrt. Ob das Leben manchmal so kräftig mit dem Zaunpfahl winkt, dass selbst ein Blinder es zu sehen vermag. Das ganze Sein ist doch bloß ein ewiger Kreis. Vielleicht hört das alles erst auf, wenn man es zu Ende bringt. Wenn wir es zu Ende bringen. Ein für alle Mal.

 

© Julia

 

Say Hi.

Inspiration

In einer Welt, in der man nahezu jede freie Minute auf das Smartphone starrt und für gemeingefährlich gehalten wird, wenn man den Leuten in der U-Bahn in die Augen schaut, anstatt auf den Bildschirm – ist dieser bezaubernde Kurzfilm von Samuel Abrahams mehr als erfrischend. So ehrlich, so nah und so wunderschön. Geht ans Herz. Handy weg und raus! Sofort! Und mindestens einen fremden Menschen anlächeln. ❤