Halb. Mond.

Prosa

Du legst deinen Kopf leicht schief und schaust mich über den Rand deiner aufgeschlagenen Zeitung an. Ich sehe von meiner Seite des Tisches nur eine hochgezogene Augenbraue. „Reichst du mir mal die Marmelade, bitte?“, sagst du, ohne den Blick von den gedruckten Buchstaben abzuwenden. Ich lecke mir den Rest Milchschaum von den Lippen und lasse meinen Blick schweifen. Vorbei an der Zeitung, die ich nur als Buchstabensalat wahrnehme. Schwarz und weiss. Dein nackter Oberkörper, mit all der Farbe und noch mehr Buchstaben durchbricht das Grau. Deine Füße stecken in dicken Wollsocken – schließlich ist es Winter. All das. So schön. Hier und jetzt. Während ich den Gummibund deiner dunkelblauen Boxershort betrachte, reisst mich ein Rascheln aus meinen Gedanken, die so kitschig sind, dass mir übel wird. Du hast die Zeitung auf den Tisch gelegt und dabei hat sich eine Strähne aus deinen zum Dutt frisierten Haaren gelöst. „Halloooo, die Marmelaaaadeee, Madame! Träumst du?“. Ich greife nach dem Marmeladenglas und laufe auf deine Seite des Tisches. „Ja, von dir“, höre ich mich sagen während ich dir Croissant-Krümel von der Oberlippe streiche.

 

 

© Julia

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Apfel. Kern.

Prosa

Manchmal zähle ich die Karos auf meiner Bettwäsche. Einhundertdreiundsechzig. Ohne das Kissen. Ich weiss nicht, ob dabei mittlerweile Monate oder Jahre vergangen sind. Wenn ich unten angelangt bin, fange ich oben wieder an. Das Leben ist ja so. Es geht immer weiter. Irgendwie. Dieses Irgendwie hat nur noch niemand so richtig definiert. Was relativ doof ist, weil es ja genau darauf ankommt.

Durch das geöffnete Fenster weht ein eisiger Wind. Ich sauge die klare Luft förmlich in mich hinein. Als ob sie die Fähigkeit besäße, mich zu reinigen. Zu befreien. Von dem Ballast. In mir. Als ob ich all das mit einem Atemzug loswerden könnte. Ein irrer Gedanke. Alles bleibt. Und ein Stechen in der Lunge gibt´s obendrauf. Gratis.

Die Sache ist ja die, dass sich die Welt immer weiter dreht und es immer wieder eine neue Zukunft gibt. Zukunft – das ist das, was in meinem Kopf passiert während ich die Karos zähle. Es ist ein schlechter Remix deines Lieblingssongs. Der letzte Schluck Kaffee, der immer kalt ist. Und die Tatsache, dass die Bolognese das einzige ist, was aufgewärmt irgendwie besser schmeckt. Ich weiss das. Natürlich. Aber es ist der Gaumenkitzel, der süße Nachgeschmack dieser Droge namens Realitätsflucht. Es sind jene Momente oder Jahre, in denen ich Karos zähle und dem Stechen in der Lunge ein wohliges Gefühl weicht. Ein Gefühl in dem alles möglich ist. Früher haben wir immer geglaubt, uns wüchse ein Apfelbaum im Bauch, wenn wir versehentlich einen Kern verschluckt haben. Stundenlang haben wir nichts getrunken, in dem irrwitzigen Glauben, dem Sprössling damit den Garaus zu machen. Heute trinken wir tagelang, um alles aus uns heraus zu spülen und wünschen uns eine weiße Leinwand auf die wir all unsere Sehnsüchte projizieren können.

Und trunken von all den Visionen, wächst manchmal aus einem Apfelkern eben doch ein Baum.

 

© themagnoliablossom

The good. The bad.

Musik

When a good man and a good woman
Can’t find the good in each other
Then a good man and a good woman
Will bring out the worst in the other
The bad in each other“

Bunter Staub.

Inspiration, Prosa

Weisst du noch, wie wir im Sommer mit bunter Kreide Herzchen auf den Asphalt gemalt haben? Ganz viele kleine und dann ein ganz großes außen rum. Du von der einen Seite, ich von der anderen. Oben, in der Mitte, dort wo die zwei geschwungenen Linien zusammenlaufen, haben wir uns getroffen. Manchmal haben wir uns sogar den Kopf gestoßen dabei – vor lauter Eifer. Was haben wir gekichert, waren doch unsere guten Sonntagsklamotten von oben bis unten voll mit buntem Staub. Wir haben Zebrastreifen gemalt und uns ein buntes Pony in den Garten gewünscht. „Wenn wir ganz fest dran glauben, während wir die Samen der Pusteblume gen Himmel hauchen, dann steht morgen nach dem Aufwachen vielleicht eines im Garten. Ziemlich sicher sogar“. Du warst so klein und deine feinen Haare wogen sich immer ganz sanft im Wind, wenn du unten auf dem Bordstein saßst, in deiner gelben Hose und dem dunkelblauen T-Shirt. Manchmal hast du dir einen kleinen Laden gemalt und selbstgepflückte Blumen verkauft. Für einen Pfennig. Vielleicht auch zwei.  Es war Sommer und roch nach frisch gemähtem Gras. Doch irgendwas lag in der Luft, irgendetwas, das den nahenden Herbst ankündigte. Als Kind denkt man ja, der Sommer sei endlos. Die sechs Wochen Sommerferien kommen dir wie eine Ewigkeit vor. Jeder Tag wie ein Jahr. Das verlernen wir irgendwie mit dem Alter. Da ist dann immer zu wenig Zeit hier, zu wenig Zeit da. Alles muss schnell gehen und keiner hat mehr Zeit. Trotzdem machen alle irgendwas. Immer. Wo geht sie denn hin, die Zeit?

Samstags durften wir manchmal länger aufbleiben und dann kommt dir der Tag noch viel länger vor. Frisch geduscht gab es Abendbrot und es schmeckte besser, wenn man die Stulle in kleine Stücke schnitt und die Rinde ab. Und sowieso schmeckte das Brot des Andern immer besser. Kauend und kichernd saßen wir da. Im Hintergrund lief leise die Sportschau und wir hielten uns die Bäuche – vor Lachen und dem vielen Eis, das es manchmal noch zum Nachtisch gab. Weisst du noch, wie ich dir den Kopf gestreichelt habe, bis du endlich eingeschlafen bist? Geträumt haben wir von dem Pony im Garten und Ausritten zum Mond und es war so real, dass wir am nächsten Morgen Muskelkater in den Oberschenkeln hatten vom Reiten. Weisst du all das noch? Immer, wenn samstags die Sportschau leise im Hintergrund läuft, überkommt mich ein Gefühl von Heimat und ich rieche das Shampoo in deinen weichen Haaren. Ab und an wünsche ich mir die Zeit zurück, in der man sich eine ganze Welt aus Kreide malen kann. Und manchmal, wenn es regnet beobachte ich den bunten Matsch, den die dicken Tropfen in den Gully spülen und frage mich, wo ist sie geblieben, die Zeit?

© themagnoliablossom

This is for lovers…

Inspiration, Musik

Passend zu dem Dauerregen-grau-in-grau-Wetter ein schöner Song zum Träumen…

Aus der Feder von Pete´s Drug-Buddy , Peter Wolfe aka Wolfman, stammen diese wundervollen Lyrics, die im Jahr 2005 sogar für den Ivor Novello Award – einem Preis für Songwriter und Komponisten – nominiert waren.

Erst durch Doherty´s Stimme (und seinem Standing) erreichte der 1997 erstmals veröffentlichte Song im Jahr 2004 Chartplatzierungen in England. (Ob das nun für gut oder schlecht befunden wird, überlasse ich euch 😉 )

Anyways – Pete Doherty einer der meist unterschätzten Songwriter, wie ich finde.

Hier eine tolle Live-Version.