Zauberhand.

Lyrik

Es klopft an der Türe und durch den Spion sehe ich, dass du auf deiner Unterlippe kaust. Das machst du immer, wenn du nervös bist. „Mach auf, ich weiss, dass du da bist“. Ich halte die Luft an und drücke schnell einen Daumen auf die Öffnung in der Türe. Ich bin nämlich entgegen aller physikalischen Gesetze der felsenfesten Überzeugung, dass diese Türspione nicht nur in eine Richtung funktionieren. „Jetzt mach schon auf, ich kann dich sehen“, bestätigt mich nun einmal mehr in meiner Annahme. Du hast dir schon immer einen Spaß daraus gemacht. Was habe ich an, frage ich durch das dunkle Holz hindurch, um mich zu vergewissern, dass du mich eben nicht sehen kannst. Graue Hose und den rosa Pulli mit den Sternen drauf, hallt es mir entgegen und jetzt mach schon auf. Ich schwöre, dass mein Herz für eine Millisekunde aufgehört hat zu schlagen. Ich blicke abwechselnd auf den Spion, auf den ich immer noch meinen Daumen presse und an mir herunter. Ich sehe Sterne und bevor ich ernsthaft an meinem Intellekt zweifle sage ich: Das weisst du nur, weil heute Sonntag ist und ich sonntags immer den Pulli mit den Sternen trage, antworte ich trotzig. Mein Daumen ist schon ganz weiss und ich wage doch nochmal einen kurzen Blick und beuge mich ganz langsam zu dem winzigen Guckloch vor. Da stehst du. In deiner dunkelblauen Jeans und dem grauen Pulli. Die Hände hast du in den Taschen vergraben und ein paar Löckchen kräuseln sich unter deiner Wollmütze hervor. Ich habe mit allem und jedem gerechnet – nur nicht mir dir. Du bist so schön. Wenn ich ehrlich bin, das Schönste, das ich heute gesehen habe. Und an einem verkaterten Sonntag ist das nicht einmal gelogen. Und überhaupt. Ich atme hörbar theatralisch aus und öffne die Türe nur einen Minispalt weit. Du schiebst deine linke Hand durch die Öffnung und umklammerst den Falz, ohne die Schwelle zu übertreten. Ich fahre mit dem Zeigefinger über deine Knöchel. Unsere Hände verknoten sich und ich ziehe dich sanft in die Wohnung. Dann stehen wir da eine Weile schweigend im Flur. Mit verknoteten Händen. Und ich mit verknoteten Haaren. Als das Licht im Treppenhaus erlischt spüre ich deine Lippen auf meinen. Du trittst mit einem Bein gegen die Türe und der Knall hallt noch ein bisschen nach. Ich schmecke Zitrone, Sommer und das Salz aller Ozeane. Ich habe dir etwas mitgebracht, flüsterst du in mein Ohr. Meine Hände wandern hastig über deinen Körper auf der Suche nach einer Schachtel oder irgendetwas, worin du hättest etwas einpacken können. Doch ich finde nichts. Dabei weiss ich nicht einmal wonach ich genau suche. Du ziehst deinen Pulli aus und beginnst dein Hemd aufzuknöpfen. Hier schau, sagst du und streifst den Ärmel über die Schulter. Auf deiner linken Brust ist mit Kuli eine kleine Schleife gemalt. Etwas krakelig, aber deutlich zu erkennen. Du greifst nach meiner Hand und legst sie auf dein Herz. Für dich, sagst du.

Und mit einem Mal lösen sich wie von Zauberhand alle Knoten. Auch die in meinen Haaren.

 

© themagnoliablossom

 

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Zu selten.

Lyrik

Ich habe dieses Jahr viel zu selten Kleider getragen, zumindest im Verhältnis zu der Zeit, in der ich lange Hosen trug. Und Pullover. Ganz zu schweigen von Schals und Jacken. Man sitzt und wartet, hofft, dass es Sommer wird. Als ob dann alles anders sei, als ob das Leben davon abhinge, dass die Sonne scheint. Tut es auch. Zumindest ein bisschen. Also sitzt man weiter oder steht und geht, strebt und lebt dieses Leben, was man nun einmal hat. Ein Geschenk. Hofft auf diese eine Jahreszeit, in der das Leben eine gewisse Leichtigkeit erfährt, die den grauen Stellen im Herzen die Daseinsberechtigung raubt. In der es sich anfühlt als ginge man permanent auf Wolken in Watte gepackt und in einer in der Sonne glänzenden Seifenblase. Die Zeit scheint still zu stehen, für diesen einen kurzen Moment – auch wenn er Tage andauert, manchmal auch Wochen. Man riecht und schmeckt das Salz auf der Haut viel zu selten. Kostet die Süße der Aprikosen, atmet den Duft von Lavendel und fängt den Wind mit den Haaren. Alles viel zu selten. Sonnenuntergänge am See, sengende Hitze und eiskalter Wein, der das Brennen in der Kehle löscht. Schlafen unter Sternen, die zum Greifen nah sind – ein Gefühl wie im Traum, nur in echt. Zerzauste Haare, sich suchende Hände und trockene Lippen.

Alles viel zu selten.

© Julia

Vanillesüß.

Prosa

Langsam gleitet dein Zeigefinger über meine leicht geöffneten Lippen. Du schaust mich dabei an, als sei ich das Schönste, das du je zu Gesicht bekommen hast. Und für einen kurzen Moment glaube ich das sogar. Wortlos greift deine Hand in meinen Nacken, ziehst mich näher zu dir und gerade als ich dir sagen will, dass wir damit aufhören müssen spüre ich deine Lippen auf meinen. Warm und feucht. Du atmest ein und unsere Zungenspitzen berühren sich. Es schmeckt süß. Nach Vanille und ein bisschen nach Spätsommer. Die Hand löst sich aus der Verankerung in meinen Haaren und fährt sanft meinen Rücken herunter. Wirbel für Wirbel. Ich schließe die Augen und spüre, dass ich friere, als du an der Narbe links an der Brust angekommen bist. Überall Blut, aber vielleicht ist es bloß Schweiss. Nass. Deine Haare kleben an deiner Stirn. Du schaust mich an und ich sehe alle Sterne am Firmament, dabei ist es mitten am Tag. Hell. Und dunkel. Der Abgrund zwischen uns gefährlich tief. Der Aufprall. Hart. Du. In mir. Wir.

 

© themagnoliablossom

 

Ein Ort.

Inspiration, Lyrik

Wollen wir uns vielleicht irgendwo treffen? Irgendwo, wo die Sonne zwischen den Blättern hervorblitzt, wo Grün und Blau Cyan ergeben und der Himmel die Erde berührt.

Dort, wo sich das Dunkle mit dem Hellen vermischt und der brennende Feuerball am Horizont in unendliche Tiefen versinkt. Wo Umrisse Gestalten nur erahnen lassen und unscharfe Schatten von stechenden Augen durchbrochen werden. Wo Sehnsucht und Wehmut verschmelzen, eins werden. Im Hier und Jetzt und heute und morgen. Wo es im Herzen sticht und im Bauch kribbelt.

Dort, wo Licht und Schatten ein beeindruckendes Pas de Deux tanzen. Wo die Sonne versucht mit den Sternen zu konkurrieren. Ein Akt der Unmöglichkeit, wissen Traumtänzer.

Dort, wo sich Fuchs und Hase nicht einfach nur gute Nacht sagen, sondern sich begegnen. Und Nacht für Nacht gemeinsam nach den Sternen greifen. Immer und immer wieder.

Kennst du einen solchen Ort? Ich werde dort auf dich warten.

 

© Julia