Generation. Gap.

Kolumnen

Wenn man versucht, den eigenen Eltern den Sinn von Instagram zu erklären, kommt man schnell an seine Grenzen. Zum einen, weil wir das selbst nicht so genau wissen und zum anderen, weil wir die erste Generation sind, deren Leben sich so grundlegend von dem unserer Eltern unterscheidet. Während die Großeltern ihren Babyboomer-Kindern eine gute Ausbildung und eine Schaffe-Schaffe-Häusle-Bauen-Mentatlität in die Wiege gelegt haben, ist bei uns alles anders. Träume ändern sich und die Werte eben auch ein bisschen mit. Bei manchen bleiben sie leider ganz auf der Strecke. Wir können alles und wollen alles und – surprise – haben am Ende doch nichts. Wir sind unter dem Mantra alles ist möglich aufgewachsen, wenn wir es nur wollen und unsere Eltern wollen tatsächlich, dass wir es gut haben. Vielleicht auch besser als sie selbst. Weil sie eben nicht den Mumm (und die Möglichkeiten) dazu hatten, aus dem Hamsterrad auszubrechen. Oder aus Gründen. Aber gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht. Diese unzähligen Möglichkeiten, all die Optionen, die wir zumindest auf dem Papier haben, überfordern uns immer mehr. Man will ja schließlich nicht das machen, was alle machen. Wenn man schon die Auswahl hat. Eh klar. Das Streben nach Individualität und Abgrenzung führt aber vor allem zu einem: Wir sind alle individuell gleich. Aber der Struggle ist nur so real, wie wir ihm Raum geben.

| Ist das Internet wieder Schuld?

Fakt ist: Die Digitalisierung und die Ubiquität von diesem Internetz hat erheblichen Einfluss auf das Leben genommen. Beruflich wie privat. Alles schneller. Immer überall. Echtzeit, it is. Der Griff zum Smartphone zwischen dunkelorange und grün an der Ampel. Bitte nichts verpassen. FOMO at its best. Mal eben schnell die Mails checken zwischen Palmen und dem Bad im Meer. Und dann mal eben kurz die Welt retten. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, manchmal lösen sie sich ganz auf. Do what you love. Heisst das dann.

| Was früher das Eigenheim war, ist heute die 4-Tage-Woche

Sicherheit für Freiheit aufgeben. Was früher mit dem Verkauf der eigenen Seele gleichstellet wurde, ist heute zum Must-Have avanciert. Immer mehr (junge) Menschen denken darüber nach, ihren Job zu kündigen und eine Strandbar auf Bali zu eröffnen. Zumindest aber ein fancy Startup zu gründen. Hey, immerhin sang Janis Joplin schon „Freedom´s just another word for nothing left to loose“ 

| Konsum statt Religion 

Sind wir also verlorene Seelen auf der Suche nach dem einzigen, wahrhaftigen Sinn? Während unsere Eltern und Großeltern Halt in der Religion oder zumindest in bewusstseinserweiterternden Substanzen gesucht haben, um der Realität auch nur mal so ein bisschen zu entfliehen, schwirren heute Begriffe wie Berufsjugendlicher umher und mit 32 Jahren darf man auch schon mal im 13. Semester irgendwas mit Medien studieren. Alles okay, wenn halt Bauchzeichner doch nichts war, das Jura-Studium irgendwie zu anstrengend und BWL einfach nicht den healthy Lifestyle widerspiegelt. Hey, kein Ding. Mama hat immer gesagt, du kannst alles machen, was du möchtest. Mit dem Abi in der Tasche stehen dir alle Türen offen. Ja?

| Die magische Formel (K): G = U – K 

Aber sind wir ehrlich, diese alles-ist-möglich Gehabe ist schön und gut, aber wächst uns ein bisschen über den Kopf, oder? Wir verlieren uns in endlosen Möglichkeiten, all den what-if´s und was-wäre-wenns und sehen den Wald vor lauter Bäumen tatsächlich nicht mehr. Statt irgendetwas wirklich Großes zu reißen, treten wir auf der Stelle, weil wir die Türe immer einen Spalt weit offen lassen. Wir optimieren unser Essen, unsere Wohnung, unsere Klamotten und ganz heimlich auch uns selbst. Wir lassen uns diese (kapitalistische) Gewinnmaximierungsformel diktieren, obwohl es genau das ist, was wir eigentlich verachten. Maximaler Gewinn ist gleich Grenzkosten gleich Grenzerlös. Grenzdebil. Wir suchen halt auch nur nach dem Sinn. Finden den dann in aberwitzigen Ernährungsformen oder kaufen nur Kleidung einer bestimmten Marke. Manche verstehen da dann tatsächlich keinen Spaß mehr – nicht nur, weil heute mal wieder #lowcarb Tag war. Aber irgendwie auch logisch: Konsum hat auf unser Gehirn den gleichen Effekt wie Verliebtsein oder andere Süchte. Das Belohnungszentrum wird ganz arg gestreichelt und das neuronale System ist auf Steigerung programmiert. Immer. Mehr. Und so geraten wir mir nichts dir nichts in eine hedonistische Tretmühle. Das sagt übrigens auch Hans-Georg Häusel, der in einer Studie den Zusammenhang zwischen Konsum und Glück analysiert hat. Luxuskonsum hat positive Auswirkungen auf das subjektive Wohlbefinden, sagt er. Der Kauf bestimmter Marken, die wir als attraktiv und begehrenswert einstufen, kaufen wir also, um uns gut zu fühlen, weil wir glauben, dass die Attraktivität auf uns abfärbt. Das tun wir, um Intimpartner anzulocken. Ha! Es geht also mal wieder nur um das Eine. Ergo: Alles Biologie. Konsum ist also quasi nur das Vorspiel.

| Auf Durchzug

Weil Liebe wollen wir. Alle. Irgendwo dazu gehören und uns gut fühlen. Nicht mit diversen Filtern und großzügigem Einsatz mit dem Weichzeichner, sondern in echt. Auch das wissen wir. Ist halt aber auch nicht immer so einfach. Die Sache mit den Entscheidungen. Vor allem, wenn man es nie richtig gelernt hat.

Und so stehen wir im Türrahmen und blockieren den Durchgang. Es herrscht immer Durchzug. Dann müssen wir uns aber auch nicht wundern, wenn uns der Wind um die Ohren pfeift. 1,2, oder 3 – ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr wenn das Licht an geht. Denn im Dunkeln ist gut Munkeln. Farbe bekennen. Gelb oder Blau. Und halt eben genau nicht Grün. Oder, einfach mal über die Schwelle treten und die Türe schließen. Von außen. Und den Schlüssel dann am besten auch in irgendeinem Gulli versenken. Ciaosen.

Wir tun uns keinen Gefallen mit unserem selbstzerstörerischen Ehrgeiz. Denn der Glaube an die Perfektion ist ein Irrtum. Das wissen wir nicht erst seit #bodypositive. In der Imperfektion, der Verfehlung das Potential erkennen, ist das neue Must-Have. Nicht alles richtig machen, aber zumindest einfach mal was machen. Im Zweifel die Türe zu.*

 

© Julia

* Let’s make immeasurable moves to the left or the right but not central

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Hauptdarsteller.

Prosa

Du hast da diese kleinen Fältchen, wenn du lächelst. Wie ein Fächer legen sie sich um deine Augen. Ein physischer Ausdruck deiner Reife als Sinnbild deiner Worte. Wie lange ist es her? Drei oder vier Jahre? Sind es doch schon fünf? Die Zeit rennt ja. Immer. Deine Gestik und das Timbre in deiner Stimme ist noch dasselbe wie damals. Aber irgendetwas ist anders, als wir uns an diesem Spätsommernachmittag treffen. Zufällig. Weil das irgendeine rote Ampel und ein verspäteter Termin so entschieden hat. Die Sonne steht schon tief und das warme Licht umhüllt dich mit einem goldenen Schimmer. Du bist so schön. Am liebsten möchte ich deine samtig aussehende Haut berühren, nur um sicher zu gehen, dass sie das tatsächlich noch ist. Diese Sekunde der Begegnung kommt mir vor wie ein Film mit Überlänge. Knatternd läuft der alte Film über die Rolle. Ein bisschen staubig, die Farbe fehlt. Aber der Hauptdarsteller bist noch immer du. Nach all den Jahren. Aus den Augen aus dem Sinn. Ich versuche mich an den Schmerz von damals zu erinnern, aber er mag nicht kommen. Ich fühle ihn nicht.

Irgendetwas ist anders. Es ist der Ausdruck in deinen Augen, es ist die bedachte Wahl deiner Worte und die Fähigkeit mir in Augen zu schauen, während du mit mir sprichst. Du hauchst mir einen Kuss auf die Wange und der Film reißt. Ich weiss nicht, wie lange wir an dieser Straßenecke stehen während du mir von deinem Leben erzählst. Erwachsen geworden bist du, sage ich. Und ein Hauch von Erstaunen liegt in meiner Stimme, oder ist es Bewunderung? Dass du all das vor dem du immer Angst hattest, nun in Angriff genommen hast? Dich dem gestellt hast, wovor du jahrelang davongelaufen bist? Ein bisschen Stolz bin ich, obwohl es nicht mein Verdienst ist. Irgendetwas ist anders. Vielleicht ist es der kühle Wind, der den nahenden Winter ankündigt. Ein Vorbote. Du fragst mich nach meinen Wünschen und was ich denn so will vom Leben. Jetzt und im nächsten Jahr und überhaupt. Ich atme tief ein und ein kleines, kaum merkliches Funkeln in deinen sonst so dunklen Augen verrät mir, dass du es längst weisst. Ich frage mich, ob das je aufhört. Wie ein Fluch, der auf uns lastet. In Wellen zieht er seine Bahnen. Ein regelrechter Strudel und es gibt kein Entkommen. Doch wenn wir uns hineinwagen, ertrinken wir, noch bevor wir Seepferdchen sagen können. Aber haben wir denn eine Wahl? Hatten wir denn je eine Wahl?

Manchmal, wenn es regnet, denke ich an dich. Und mit dem kühlen Wind zieht dann auch immer ein bisschen Wehmut ein und wirbelt den Staub auf, mit dem die alten Fotos überzogen sind. Ich liege in meinem Bett und lasse die Zeit einfach so verstreichen und zähle die Putzkörnchen an der Wand. Manchmal habe ich auch ein Ziehen in der Burst. Vornehmlich links.

 

© themagnoliablossom