In vino veritas.

Lyrik, Prosa

Du sitzt auf dem Sessel vor der Heizung und streckst deine Füße aus. Ich starre auf das winzige Loch in deinem linken Socken während du den Wein in deinem Glas hin- und herschwenkst, das mir allein vom Zusehen ganz schwindlig wird. Das machst du immer. Immer ein bisschen zu überschwänglich und ich immer ein bisschen zu besorgt um den weißen Sessel. Ich soll mir nicht so viele Sorgen machen, sagst du. Und ich denke, ob ich nicht vielleicht irgendwann falsch abgebogen bin. Einen Schritt zu weit nach rechts, obwohl ich hätte links gehen müssen. Nur eine Nuance, verstehst du. Das Ding ist, das man das ja immer erst hinterher weiß, dass man vorher schlauer gewesen wäre. Hätte hätte Fahrradkette. Dabei habe ich nicht einmal ein Fahrrad. 

Nun sitzt du also da und schwenkst den Wein theatralisch in diesem teuren Weinglas umher. Und irgendwie ist es das einzige, das theatralisch ist. Du bist so ruhig, fast schon lethargisch. Gänzlich stoisch sitzt du da und guckst und schwenkst und guckst. Aber davon allein passiert ja nichts. Wenn man nur so da sitzt, dann kann man natürlich auch nicht falsch abbiegen. Nie nicht. Und nach einem Jahr voller Ruhe, ist diese Lethargie einfach zu laut in meinen Ohren. Weißt du, ich habe auch Angst. Wer, wenn nicht ich bitteschön. Aber ich kann nicht einfach sitzen und schwenken und warten. Auch wenn der Wein wirklich sehr lecker ist und er durch das Schwenken einen ganz eigenen, besonderen Geschmack bekommt. Höchstwahrscheinlich ist das genau mein Lieblingsgeschmack. Aber, wenn man gar nicht abbiegt, dann passiert halt auch einfach nichts. Fahrrad hin oder her. Verstehst du?

Natürlich kannst du da sitzen. Dir die Decke über den Kopf ziehen und ausharren. Warten, bis der Sturm vorbei ist. Aber hast du schon einmal überlegt, dass vielleicht du selbst dieses Unwetter herbeirufst mit diesem ganzen Schwenken. Ich mein, so wild wie der Wein in diesem Glas umher geschaukelt wird – das kann ja nicht gut sein. 

Nimm doch mal einen Schluck so ganz in Ruhe. Hör mal in dich rein. So richtig meine ich. Ohne Ohoropax in den Ohren und Tomaten auf den Augen. 

In vino veritas.

© Julia

Der Lack ist ab.

Inspiration, Kolumnen

Manchmal, wenn es regnet sitze ich am Fenster und pule den abgesplitterten Nagellack von meinen Fingern. Mal rot, mal schwarz. Manchmal auch pink oder weiß. Während die feinen, bunten Splitter wie Konfetti auf die Straße fallen, frage ich mich, warum es so schwer ist sich für irgendetwas zu entscheiden. Ich meine rot oder schwarz. Kein grau oder braun, sondern rot oder schwarz. Oder eben weiß.