Honigblond.

Prosa

Er zog die Türe hinter sich zu und lies sich mit einem Rums auf das Sofa fallen. So gut es auch nur ging, versuchte er die zerknüllten Din A4 Blätter, die überall verstreut auf dem Boden lagen, zu ignorieren. Es war waren mittlerweile so viele Papierstücke zusammen-gekommen, dass man den gefliesten Boden darunter nur noch erahnen konnte. Schade eigentlich, dachte er, denn es ist ein sehr schöner Boden. Winzige, bunte Fliesen – Stück für Stück zusammengefügt. Ein wunderschönes Mosaik. Was für eine Heidenarbeit das gewesen sein muss. Solche eine Geduld aufzubringen, um diese filigranen Teilchen millimetergenau aneinanderzulegen, sah er sich nicht im Stande. Schon drei Mal nicht, wenn etwas derart Schönes dabei herauskommen soll. Man achtet ja viel zu selten auf die kleinen Dinge des Lebens, ruft er sich in Erinnerung. Heutzutage. Aber eigentlich auch schon immer. Er ließ seinen Blick zum Fenster schweifen, wo eine Taube sich über die Reste seines Frühstücks hermachte. Manchmal rauchte er zu seinem morgendlichen Kaffee eine Zigarette am geöffneten Fenster.  Und manchmal vergaß er seinen Frühstücksteller auf dem Fensterbrett. So wie heute Morgen. Der Tauberich stelzte von einem Fuß auf den anderen, legt den Kopf schief und pickte hier und da noch etwas auf dem Teller herum, ehe er wieder davon flog. Ein Leben hat der. Einfach davon fliegen können, wann immer einem der Sinn danach steht und bleiben, wo immer es einen hält. Der Gedanke gefiel ihm. Dann könnte er, wenn die Sehnsucht wieder einmal Überhand nehmen sollte, zu ihr fliegen. Bloß, um zu Gucken. Sich federfüßig auf ihrem Fensterbrett niederlassen und sich dem konspirativen Gefühl des Voyeurismus hingeben. Nur für einen kurzen Moment. Seine Synapsen liefen auf Hochtouren, als er sich den Gedanken an sie erlaubte. Oft tat er das nicht, aber wenn, dann empfand er es als könne man Schönheit fühlen. Er dachte an ihre weiche, weiße Haut. Wie Milch. Oder Porzellan. Oder beides. Da konnte er sich jetzt nicht festlegen. Der Duft, der den gesamten Raum überströmte, wenn sie das Haargummi aus dem Zopf löste und ihre honigblonden Haare sanft über ihre Schultern fielen. Himmelherrgott. So schön. Er musste die Augen schließen, um dieses Gefühl vollends auskosten zu können. Es ist ihm unbegreiflich, wie ein menschliches Wesen von einer solchen Schönheit heimgesucht werden konnte. Das Leben ist ungerecht, dachte er und blickte auf seine Knie, die schlaksig in den zerschlissenen Jeans hingen. Eine Weile noch saß er so da und hing dem Gedanken nach, wahrhaftig zu ihr, der Honigblonden, zu fliegen, um es sich auf ihrem Fensterbrett gemütlich zu machen. Dachte der Tauberich auf seiner Fensterbank auch so über ihn, wenn dieser so dröge auf einem Fuß stand und gurrte? Vielleicht war die Taube eine reinkarnierte Ex-Freundin. Oder der Junge vom Haus nebenan, den er früher gehänselt hatte. Er dachte an Karma und schüttelte etwas zu hastig den Kopf, um den Gedanken schnell aus dem solchen zu verbannen. Natürlich wusste er bereits, hier und jetzt auf seinem Sofa sitzend, was ihn dort erwarten würde – dazu müsste er nicht eigens hinfliegen, selbst wenn er die Fähigkeit besäße. Er gestand sich jedoch ein, dass der Gedanke des heimlichen Beobachtens ihm einen völlig neuen Reiz offenbarte. Er knubbelte etwas Haut von seinem Daumen und schaukelte den Gedanken noch eine Weile in seinem Kopf umher, ehe er aufstand und die fünf Schritte zum Fenster ging. Er atmete tief ein und presste die Luft zwischen seinen geschlossenen Lippen hervor. Es hätte durchaus schlimmer kommen können. Immerhin stand er zwischen jenen vier Wänden, die er sein Eigen nennen durfte. Nein, eigentlich konnte er wahrlich stolz sein. Er nahm ein weiteres DIN A4 Blatt vom Stapel.

Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Schrieb er in großen Lettern. Ihn erschlich ein Gefühl der Scham ob dieser abgedroschenen Worte. Er stellte den Teller beiseite, nahm das gelbe Feuerzeug vom Sims und zündete das geschriebene Wort an. Dem unweigerlichen Drang milde zu lächeln konnte er nicht widerstehen, was ihn sehr erfreute.

Ende.

 

© Julia

 

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Lilablassblau.

Prosa

Es ist manchmal nur eine Nuance. Ein Windhauch an einem stickigen Sommertag. Einmal links abbiegen, anstatt halbrechts. Es sind all die Worte, die nicht geschrieben wurden und seitdem tief im Kopfsteinpflaster verankert sind und die Tinte auf dem Papier, die in Tränenflüssigkeit schwimmt, die kein Mull der Welt aufsaugen kann.

In einem Überschwang an Gefühlsduselei, weil plötzlich die Sonne scheint und dir die Parfümeriefachverkäuferin den Duft des Tages aufsprüht. Bevor du nein sagen kannst füllen sich deine Kapillaren mit vierhunderteinunfünfzig Einzelkomponenten und schwimmen mit dem Strom gen Amygdala. Oneway. Der Duft des Lebens, wohl eher. Das ist der Moment, in dem du dir lieber Moschus oder Patschuli wünschst, anstatt der Aufoktroyierung eines chemischen Prozesses wie Liebe. Oder etwas Derartiges.

Leider passiert das nicht ausschließlich in Hollywoodromanzen, sondern mir. Hier. Echt und in Farbe. Lilablassblau. Zuweilen und vorzugsweise immer dann, wenn ich gerade glücklich bin. Innerlich und äußerlich. So rund um einfach. Wenn da auf einmal Frühling ist in mir und die Krokusse sprießen, weisst du, wenn endlich der verdammte Schnee geschmolzen ist. Dann, wenn wieder Gras wachsen kann. Grünes. Kein solch Vertrocknetes, Blassgrünes. Immer dann schleichst du dich klammheimlich durch meine Nasenhöhle mitten ins Herz. Aua. Dabei hat die Natur das eigens so eingerichtet, dass der Geruchssinn vor verdorbenen Dingen schützt. Da möchte ich gerne mal ein ernstes Wörtchen mit Herrn Proust sprechen, bitte. Wer will mir da einen Streich spielen? Ich frage mich an dieser Stelle ernsthaft, ob es Schicksal tatsächlich gibt und bleibe doch wieder beim Karma hängen. Es kommt ja alles zurück. Das Leben ist ein scheiß Bumerang, mein Lieber. Und auch wenn es manchmal Jahre dauert. Es. Kommt. Alles. Zurück.

Es ist wie eine Sucht. Früher konnte man keinen Tag ohne Facebook sein. Heute kann ich das. Problemlos. Auch mehrere Tage und guess what, ich vermisse nicht einmal das Geringste. Nada. Niente. Okay, ich bediene mich einer Ersatzdroge. Instagram & Co leisten gute Dienste. Man muss einfach was mit seinen Händen machen. Wo sollen die denn sonst auch hin? Und genau so ist es mit den Männern. Und den Frauen. Sind wir ehrlich, es gibt nur diese eine wahre Droge. Die Kids probieren ja heutzutage alles aus. Aber wir, mein Lieber wir sind älter geworden. Und kein bisschen reifer.

Dieser Kuss war so trocken. Staubig. Wie unsere Liebe. Der Wind der einfahrenden U-Bahn hat den ganzen Staub aufgewirbelt. Und jetzt stehen wir im Nebel. Blind. Wie zwei Fische, angespült von einer großen Welle überschäumender Gefühle auf der Suche nach dem großen, weiten Meer.

Der rote Ketchup-Fleck auf weißer Seide. All das. So vertraut und so verdammt bittersüß. Zerlegt man das Wort in seine einzelnen Wörter. Bitter. Und süß. Konträrer geht es kaum. Wären wir ein Wort, dann das. Und dennoch. Auch wenn in meinen Adern Gin fließt und ich weiss, dass es in deinen Venen auch so aussieht. An deiner Seite fühle ich mich so unglaublich sicher. Du bist der Mensch, bei dem ich mit geschlossenen Augen auf dem Beifahrersitz sitzen kann. Ich glaube, man nennt das Vertrauen. Aber was weiß ich schon…

Und so sitze ich hier über der Frage, wo dieser Kreis anfängt. Denn ich muss den Anfang finden, wenn ich das Ende suche, oder? Bei Büchern lese ich oft zuerst die letzte Seite. Die berührt am meisten. Da steckt alles drin. In diesen jenen letzten Zeilen, kommen all die ertränkten Gefühle hoch, von denen ich geglaubt hatte, sie seien jämmerlich ersoffen in all dem Gin. Aber it ain´t over till it´s over, right?

Herzal

Reaching out

Und dann kommt Mr. Big zum zweihundertdreiundachzigsten Mal in dieses Hotel in Paris nach verdammten sechs Jahren und das ist so kitschig, dass es schon wieder traurig ist. Weil, dann ist nämlich alles egal. Alles vergessen. Wie der Geburtsschmerz, in dem Moment verfliegt, wenn dieses käsige, bläuliche Etwas auf deinem Bauch liegt. Weil ich diese Stelle immer wieder zurückspule. Blasse Finger umklammern die Fernbedienung. Und das ist auch das Einzige, das ich im Griff habe.

So etwas gibt es ja nicht nur im Fernsehen. Denn die Realität ist viel grausamer. Und wenn man den Moment nicht festhält, ist er schneller Präteritum als du Imperfekt sagen kannst. Und das, mein Lieber, ist in Stein gemeißelt. Es ist 01:51 Uhr und es knackt. Ich schrecke auf. Weil das Blut in meinen Adern gefriert. Weil du mir manchmal so unglaublich fehlst. Ich verspüre den Drang, ein großes Feuer zu legen und alles auftauen. Aber diese lauwarme Brühe, dieses Rinnsal ist ein Schatten seiner selbst. Das wissen wir. Und dennoch. Ein Inferno. Sehr vermessen von mir in diesem Zusammenhang von einem wir zu sprechen – wo wir doch beide keine ausgewachsen ich’s sind.

Und so ziehen die Jahre vorbei und ich ziehe nur Kreise, in den Sand vor meiner Türe. Da müsste ich nämlich mal wieder kehren. Das weiß ich. Aber das Gute an Sand ist, dass man alle möglichen Muster hineinmalen kann und manchmal auch Namen – und nichts ist für die Ewigkeit.

Wann kehrst du wieder? Heim?

Und ich frage mich, ob das so sein muss. Ob das alles zyklisch widerkehrt. Ob das Leben manchmal so kräftig mit dem Zaunpfahl winkt, dass selbst ein Blinder es zu sehen vermag. Das ganze Sein ist doch bloß ein ewiger Kreis. Vielleicht hört das alles erst auf, wenn man es zu Ende bringt. Wenn wir es zu Ende bringen. Ein für alle Mal.

 

© themagnoliablossom

 

Glitzer

Prosa

Ich muss das Fenster öffnen. Die Luft rein und den Mief rauslassen. Ich kann nicht atmen. Die Schwere der vergangenen Monate liegt auf mir wie ein steinerner Briefbeschwerer. Die Luft ist so dick, dass man Stücke davon herausbrechen könnte. Ich bahne mir meinen Weg zum Fenster und öffne es mit einem Ruck. Eine Windhose weht mir entgegen. Draußen rascheln die Blätter. Es ist Herbst. Ich hätte es wissen müssen, denn ich trage wieder diesen dunklen Lippenstift, der irgendwie nur im Herbst so richtig gut aussieht. Ich ertrage diesen Geruch nicht. Er haftet überall. Die Kissen in meinem Bett, meine Kleidung und ja sogar die Bilderrahmen an der Wand riechen danach. Dieser Geruch. So etwas undefinierbar Ekliges. Stechendes, ja gar beißend lässt er es mir eiskalt den Rücken runterlaufen. In mein Herz gebohrt, hat sich dieser Geruch. Still und heimlich und nun mag er nicht mehr aus der Nase gehen. Ich habe ein zweites Fenster geöffnet und der Vorhang tanzt wie wild im Wind. Mir ist so kalt und du kannst nicht einmal etwas dafür. Es ist die Schlinge um meinen Hals, die sich immer enger zieht und das Blut in den Adern gefrieren lässt. Vornehme Blässe. So kommt der dunkle Lippenstift noch besser zur Geltung, dachte ich. Aber jetzt kann ich nicht mehr atmen.

Haben wir uns gefunden, um uns zu verlieren? In Worten und in Gedanken? Haben wir nicht versucht eine Brücke zu bauen über all die Abgründe und sind doch wieder nur zwischen den Welten gestrandet. War das nicht erst gestern? Nichts Ganzes und nichts Halbes. Nur ein Haufen Splitter. Aus Herzen. Die vertagen das nämlich nicht so gut. Frühjahrsputz im Herbst. Ich kehre alles auf. Ein ganz schöner Berg. Hier und da blitzt sogar ein bisschen Glitzer hervor. Dann muss ich niesen.

© themagnoliablossom