Eiszeit.

Prosa

Weisst du, was ich mich frage? Zwischen all den Sommern und Wintern, zwischen den Schweißperlen auf der Stirn und Schneeflocken, die sich in Wimpern verfangen. Zwischen all den Whatsapp-Nachrichten und Jahrgangsweinen frage ich mich, wo sind wir geblieben? Die Erkenntnis, dass die räumliche Entfernung nicht das Geringste ist gegen die zweier Seelen schmeckt so bittersüß wie der Schnaps aus der großen Flasche.

Wenn Dinge ungesagt bleiben und sich daraus Mauern manifestieren hinter denen sich Hirngespinste versammeln. Wenn man nebeneinander steht, aber nicht aufeinander zugehen kann. Weil man selbst immer so viel im Kopf hat und überhaupt. Beim Abwasch sehen wir den Neffen des Schwagers vom Nachbarn dritten Grades im Schnee spielen und mir wird mit einmal Mal flau, weil ich das alles nicht ertragen kann. Wie die abstruse Vorstellung, dass man sich ausschließlich von Kaviar und Champagner ernährt, nur weil man in München lebt. Die Vorurteile sitzen tief. Genauso wie ich das Idyll verurteile, weil ich es vielleicht nicht besser weiss, oder, weil es – oberflächlich betrachtet – tatsächlich so wirkt? Vielleicht liegt dem derselbe Gedanke zugrunde, der dich zu solch wahnwitzigen Vorstellungen verleitet. Es ist die Angst vor Fremdem. Und ich beginne zu verstehen, woher der Ausländerhass rührt. Wenn Eindrücke und willkürliche Interpretationen zu handfesten Meinungen werden. Reale Bilder im Kopf, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Wenn alle Bemühungen hinter wahllosen Hürden verloren gehen. Wenn Prioritäten gesetzt und verschoben werden und man realisiert, dass alles möglich ist, aber halt nur nicht so. Und anders auch nicht. Die Oberfläche ist immer und überall glatt, da reicht das Dorf der Stadt die Hand, noch bevor wir auf dem Blitzeis ausgerutscht sind.  Aber vielleicht sollten wir mal ein bisschen kratzen, hier und da das Eis von den Scheiben und an der Oberfläche. Vielleicht müssen wir einfach wieder reden, erzählen. Alltag teilen und über Belangloeses philosophieren. Die Brücke zurückerobern, verstehst du? Ich bin immer noch ich. Bist du immer noch du?

Ich blinzle gegen das Sonnenlicht und halte deine Hand als ich aufwache. Obwohl ich dir so nah bin, fühle ich mich fremd. In diesem Haus. In deinem Leben. Nicht weil ich es bin, oder sein möchte. Ein bisschen auch, weil jedes meiner Worte auf die Goldwaage gelegt wird. Dein persönliches Maß aller Dinge. Und ich kann straucheln, gegen den Strom schwimmen und dir den Wind aus den Segeln nehmen, aber du musst mich schon hereinlassen. Wollen. Das Kopfkino ausschalten, die Brille putzen und durch klare Scheiben blicken. Wir sitzen doch in einem Boot und wenn wir kentern, dann zusammen.

Ich blinzle gegen das Sonnenlicht und frage mich, wann ist das passiert. Zwischen all den Whatsapp-Nachrichten und den Jahrgangsweinen.

 

© Julia

 

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Lieblingsschuhe – oder die Sache mit dem Wok.

Kolumnen

Katertage sind eklig. Nicht nur, weil du morgens das Gefühl hast in der Wüste Gobi  aufzuwachen, sondern weil sich dein Herz mindestens genauso trocken anfühlt. Staubig. Schrumpelig. Nach einer Oase lechzend. Eben erst, gerade mal vor ein paar Stunden fühltest du dich wie Superman und Batman auf dem Bug der Titanic – mit Krönchen. Alles möglich. Alles nur einen Fingerschnipp entfernt. Man. Muss. Es. Nur. Tun.

Und nun stechen die durch den Vorhang fallenden Sonnenstrahlen ganz fies in deine Augen. Das Ohr schmerzt, weil man die halbe Nacht abgeknickt drauf gelegen ist. Aua. Während wieder Blut durch die diversen Körperteile fließt kehrt auch Stück für Stück Realität ein. Das Superman-Kostüm ist ein verdrecktes T-Shirt, das verloren auf dem Fußboden herumliegt, die Titanic ein kleines Plastikboot in der Badewanne. Der große Traum – ein Glas kühles Wasser. Kurzum. Emotional eher labil.

Der gute Ton.

Ich mache immer wieder den Fehler, an solchen Tagen mein Facebook zu checken und Facebook macht den Fehler, immer genau an diesen Tagen spezielle Posts für mich auszuwählen, die wohl besonders sehenswert sind (Danke, Mark!). Steffi und Lars haben sich verlobt. Inga und Peter haben endlich das Grundstück und bauen ihr Haus. Laura postet ein Foto, auf dem sie sich liebevoll die Hand auf den Bauch legt #mommytobe. Das sind eigentlich sehr schön Dinge. Und man könnte sich auch für Laura, Steffi, Peter und Lars freuen. Das tue ich auch. Weil: Sie haben das, was sich alle wünschen. Oder? Jeder will doch einen Partner, ein Haus und ein Kind. Das gehört halt zum guten Ton. Weiss ja jeder. Manchmal frage ich mich, ob ich mir das nicht auch besser wünschen sollte?

Wie war das mit dem Heiligenschein?

Böse Zungen unterstellen hier ja gerne Neid. Vielleicht ist da auch was dran. Aber man muss auch gönnen können. Manchmal finde ich es nur so erschreckend, oder bemerkenswert  – ich weiss es nicht genau – das eben jene Menschen vor ein paar Jahren, ach was Monaten neben mir in der Wüste aufgewacht sind. Die Nacht war der bessere Tag und getrunken wurde auf die Freiheit. Und plötzlich ist alles anders. Das geht so schnell, dass ich darauf eigentlich erst mal ein Konterbier trinken müsste. Oder besser gleich ´nen Schnaps. Ist es wirklich so, wie M. sagt? Dass Menschen, vorrangig die des männlichen Geschlechts, einfach irgendwann das Licht anschalten und entscheiden „Today is the day!“ – und die Frau, die sich den Typ mit dem Heiligenschein überm Kopf heranwinkt, bekommt ihn“. Spiel. Satz. Sieg. Hochzeit. Haus. Kind. Nichts mit Romantik. Nichts mit Schicksal und Stories á la er hat mir schon im Kindergarten Liebesbriefe geschrieben. Ist das alles? Eine einfache, bloße Entscheidung „ja, jetzt wird´s Zeit mit dem Kram“ und dann kommt der Kram? Eine Art self fulfilling prophecy?

Ich habe mich auch schon öfters für diese Dinge entschieden. Mich drauf eingelassen. Weil man das, im Zeitalter der Selbstoptimierung und der angeblichen Beziehungsunfähigkeit so tun soll. Mehr Mut und so. Ich habe all das gemacht. Gehofft und gebangt. Aber der Schuh hat irgendwie immer ein bisschen gedrückt. Klar, der war neu und musste erst eingelaufen werden. Aber selbst nach etlichen Kilometern war da noch diese kleine, fiese Druckstelle.

Voll romantisch, ey!

Ja, ich beneide Menschen, bei denen das einfach so klappt. Die gestern noch im Club das Licht angemacht haben und heute Familienväter sind. Nicht weil ich es ihnen nicht gönne, sondern weil diese Personen augenscheinlich das Richtige gefunden haben. Vielleicht sind wir alle gar nicht wirklich beziehungsunfähig und auch gar nicht so egoistisch, wie gerne von uns behauptet wird. Vielleicht sind wir sehr viel sensibler und feinfühliger. Stecken Grenzen klar ab und spüren intuitiv, wenn etwas nicht richtig passt? Wir haben eine unglaublich romantisierte Vorstellung von der Liebe, die wir hinter gespielter Gleichgültigkeit verbergen. Ich glaube, dass wir alle sehr viel verletzlicher sind, als wir vorgeben zu sein. Und vielleicht sind wir gar nicht alle Woks, sondern müssen unseren Deckel einfach nur noch finden. Oder gefunden werden. Oder wie auch immer. Vielleicht doch Zufall?

Let it grow!

Vielleicht aber geht unsere romantisierte Vorstellung sogar so weit, dass wir womöglich schon einen perfekten Gegenspieler gefunden haben. Tief im Herzen verankert. Mit Wurzeln. Dieser aber nicht mehr im Leben – also im echten, nicht das im Kopf – präsent ist, weil man jung war und das Geld brauchte oder einfach aus Gründen. Man kann zwar die Triebe jedes Jahr im Herbst zurückschneiden, aber die Wurzeln bleiben einfach da und treiben jedes Jahr auf´s Neue aus, bis man sie endlich umtopft und wachsen lässt. Oder, die Person tummelt sich bereits in unserem Umfeld, wir wissen aber noch nicht, dass diese Person das perfekte Pendant ist. Wie der Biss in ein Stück unreifes Obst. Zu früh. Zu sauer. Falsches Timing. Whatever.

Eine bewusste Entscheidung kann jedenfalls nicht dazu führen, dass man glücklich wird. Zumindest nicht langfristig. Dafür ist die Liebe viel zu vielschichtig, als dass sie sich durch solch einen Vernuftsschritt austricksen ließe. Vielleicht suchen wir uns – unterbewusst – immer wieder die vermeintlich falschen Partner aus. Die zu alten, zu jungen, die zu vergebenen und zu verkorksten. Nicht, weil wir masochistisch veranlagt sind, sondern weil wir intuitiv spüren, dass es einen Deckel gibt. Keinen besseren, aber einen, der genau auf den Topf passt. Wie das Paar Lieblingsschuhe, ganz hinten im Schrank.

 

© themagnoliablossom

Lichtermeer.

Prosa

Mit einem Schwung setzte sie sich auf die Fensterbank. Sie trug nichts als ihre Unterwäsche und diese bezaubernde Lächeln. „Na, los“, sagte sie, „komm“. Verschwörerisch beugte sie sich leicht nach vorne und dabei löste sich eine Strähne aus ihrem perfekt unperfekten Dutt. „Los, komm schon her“. Sie lachte. Es war ein Lachen, das vom Ohr direkt ins Herz wanderte. Mit einem klitzekleinen Umweg über den Kopf – nur, um dort alles durcheinander zu bringen. Es war ihr kristallklares Lachen, dass ihn direkt ins Mark traf, sein Herz zum Pochen brachte und ihm gleichzeitig die Luft zum Atmen nahm. Er war verliebt. Ist es noch immer. So viel steht fest. Bedauerlicherweise ergab sich bisher noch nicht der richtige Moment, um ihr das zu sagen. So ist er. Ein wahrer Perfektionist. Er hatte sich alles haarklein ausgemalt – wie es sein würde, welches Hemd er trüge und welche S-Bahn die günstigste wäre, um auf dem Hinweg noch einen Brief zur Post zu bringen. Stundenlang hatte er an dem perfekten ersten Satz gefeilt. Ein Satz, der ihrer Vollkommenheit gerecht würde. Aber bisher war es einfach noch nicht soweit. Diese Warterei trieb ihn schier in den Wahnsinn und mit jedem Treffen schmerzte ihn sein Herz mehr. Er wusste was sie tat, wenn er nicht bei ihr war. Wenn er sie nicht hatte beschützen können. Vor sich selbst. Und überhaupt. Er hätte es sich eigentlich von vorne herein denken können. So eine Frau. Mit ihm. Das war utopisch. Sie mit ihrer überirdischen Schönheit. Und er, der kleine Architekt, der seit Jahren die schlechtbezahlte Stelle bei dem Versogungsunternehmen inne hat. Aber er hat Träume. Große sogar. Und Pläne. Das ist schließlich sein Job. Und weil er wusste, wie sehr sie das Meer liebte, hat er für sie ein Strandhaus entworfen. Es trägt ihren Namen. Das hatte er einmal in einem Kriminalfilm gesehen, dass im Süden die Häuser immer Namen tragen. Casa Isabel. Oder Auberge Chez Marie. Nur für sie beide. Und drei Kinder. Vielleicht auch vier. Irgendwann würde er ihr all die Entwürfe zeigen. Bald.

Er hätte es sich denken können, dass sie all das früher oder später mit ihren zarten Füßen treten würde. Aber er wollte es nicht hören. Er wollte die Blicke der Leute nicht sehen, die Augenpaare, die förmlich in seinen Rücken stachen. Für ihn gibt es nur sie beide. Jetzt und immer. Seine Welt ist nun einmal so ausgelegt. „Hallo, träumst du oder was?“. Ihre Stimme reißt ihn jäh aus seinen Gedanken. Er blinzelt und ist sich nicht sicher, ob das an dem Neonlicht, welches vom Hotel gegenüber schräg an ihrer Silhouette vorbei ins Zimmer dring, liegt oder an ihrer Schönheit. Er schiebt das weiße Laken zur Seite und fährt sich schlaftrunken durch die Haare. Der Ausblick aus diesem Hotelzimmer ist atemberaubend. Siebter Stock. Lange hatte er recherchiert, ehe er ihr die gemeinsame Reise vorschlug und war sehr erleichtert, dass sie sofort ja sagte. Und jetzt sitzt sie hier auf dieser Fensterbank mit nichts als ihrer Unterwäsche und ihrem bezaubernden Lächeln. Perfekter hätte es für ihn nicht sein können. Er geht zwei Schritte auf sie zu und spürte den warmen Wind, der durch das geöffnete Fenster ins Zimmer drang. Dahinter die Stadt. Ein Lichtermeer. Tausend winzige Punkte verschwimmen zu einem einzigen hellen Teppich. Er würde sie tragen. Beide. Er legt seine Hand in ihren Nacken und küsst sie. Er dachte an das Haus am Strand, seinen Chef und all die Leute. Er hatte das nicht gewollt. So nicht. Und vielleicht war es auch einfach nur der Wind. Aber in diesem Moment rutschte sie von der Kante der Fensterbank. Und sie flog. Hinein in das Meer aus tausend Lichtern.

 

© themagnoliablossom

Und du so?

Kolumnen

Wie sehr beeinflussen eigentlich Meinungen von anderen das eigene Denken und letztendlich auch das Verhalten? Obwohl ich der Meinung bin, dass ich frei von anderen entscheide, ertappe ich mich immer wieder selbst dabei, dass mich äußere Einflüsse und Meinungen doch mehr beeinflussen, als mir lieb ist.