Von tropfenden Haaren.

Prosa

Mit tropfender Nase stehst du vor meiner Türe. Die Kapuze eng um den Kopf geschlungen. „Kann ich rein oder kann ich rein“, fragst du während du von einem auf den anderen Fuß wippst. Der nasskalte Wind schleicht sich in meine mühsam geheizte Wohnung. Es passt gerade nicht, aber komm halt rein, antworte ich nach einer Weile, weil ich die Kälte nicht mehr ertrage. Die Türe fällt von innen ins Schloss, deine Jacke liegt wie ein nasser Sack auf den Fußboden. Und plötzlich sitzt der Herbst auf meiner Couch. Ich hab dich vermisst. Ist dein tinder kaputt, frage ich und stelle dir ein lauwarmes Bier hin. Du lachst etwas zu laut und ich setze mich im Schneidersitz auf meinen Lieblingssessel. Na, dann erzähl mal. Du nimmst einen Schluck von dem Bier, ohne eine Miene zu verziehen und knubbelst an dem Etikett. Weisst du noch, wie wir mit dem Boot auf den See gefahren sind? Damals im Sommer. Als uns die Welt gehört. Wir haben die Handys und Zigaretten in Plastiktüten gepackt und sind einfach raus gepaddelt. Meine Mutter saß am Ufer und wir dachten ernsthaft, sie würde nicht mitbekommen, dass wir heimlich rauchten. Ich erinnere mich an die Szenerie, sehe den Rauch förmlich über dem Boot empor steigen und muss lachen. Was waren wir naiv, sage ich schließlich. Ich vermisse das. Ich vermisse das Gefühl, verstehst du. Manchmal wache ich nachts auf, total nass geschwitzt und muss immerzu an diesen Sommer denken. Ich vermisse dich. Ich vermisse uns. Deine Stimme klingt traurig als die Worte deine Lippen verlassen. Aber ein bisschen was von deiner Überheblichkeit schwingt mit. Immer. Ich weiss nicht was ich sagen soll und sage einfach nichts. „Ist er hier?“, fragst du stattdessen. Und selbst wenn, sage ich. Manchmal sind die Dinge einfach so wie sie sind. Er ist toll. „Du bist toll. Damals und heute erst recht“, sagst du. Ich gehe in die Küche, um Teewasser aufzusetzen. Noch bevor das Wasser kocht, spüre ich deine Hand in meinem Nacken. Nur Sekunden später hast du meine Hüfte fest im Griff und mir ist mit einem Schlag alles andere als kalt. Dein Dreitagebart kitzelt die Stelle zwischen meinem Hals und meiner Schulter. Kichernd lege ich meinen Kopf zur Seite und du hauchst mir einen Kuss auf eben diese Stelle. Eine Armada von Ameisen macht sich auf den Weg von meinen Zehen bis zu den Haarspitzen. Ich drehe mich um und wuschle dir durch die Haare, die immer noch ein bisschen feucht sind. Vom Regen oder vom Duschen. Ich streiche dir eine Strähne aus dem Gesicht und es duftet noch immer nach demselben Shampoo. Du Arschloch, sage ich. Ich weiss, antwortest du und dein Blick lässt das Blut in meinen Adern gefrieren, weil deine Augen meinen standhalten und dabei so unfassbar traurig aussehen. Du küsst mich und für einen kurzen Moment denke ich darüber nach, ob ich jemals so geküsst worden bin. Ein letzter Tropfen rinnt aus deinen Haaren, oder waren das deine Augen?

Ich wache auf und es klingelt an meiner Türe.

 

© themagnoliablossom

 

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Prosa

Hinter deinem Ohr, da ist diese Locke. Diese einzelne Strähne Haar, die sich nach einem Sommergewitter immer so schön kräuselt. Manchmal tut sie das auch, wenn du einfach nur so daliegst. Durch das geöffnete Fenster zieht ein Windhauch und sie bewegt sich ganz sanft zur Melodie des Windes. Das sieht schön aus, weil dein Kopf seitlich auf dem weißen Kissen liegt und die Locke so ganz viel Platz zum Tanzen hat. Die Haut hinter deinem Ohr ist weich. Sehr. Ich fahre mit meinem Finger die Kontur deines Gesichtes entlang. Die winzigen Bartstoppeln an deinem Kinn kitzeln mich und ich muss kichern. Dein Atem ist immer sanft. Nur kurz bevor du einschläfst, wird er ein bisschen kräftiger. Aber nie laut. Ein leises Schnauben. Ganz gleichmäßig, wie das Rauschen des Meeres. Manchmal liege ich einfach nur da und höre dir beim Schlafen zu. Ich finde das beruhigend. Irgendwie. Der Wind weht durch das geöffnete Fenster und kleidet uns beide in einen Hauch von Nichts. Nichts als weiße Laken und Wind. Ich spüre eine Gänsehaut auf meinem Rücken. Und ich bin mir nicht sicher, ob die von dem Wind kommt oder, weil deine Hand auf meiner liegt. Oder beides. Und obwohl ich völlig nackt bin, spüre ich eine Wärme. Ganz tief in mir und ich denke, dass genau jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, um die Welt anzuhalten.

 

 

© Julia