Lichtermeer.

Prosa

Mit einem Schwung setzte sie sich auf die Fensterbank. Sie trug nichts als ihre Unterwäsche und diese bezaubernde Lächeln. „Na, los“, sagte sie, „komm“. Verschwörerisch beugte sie sich leicht nach vorne und dabei löste sich eine Strähne aus ihrem perfekt unperfekten Dutt. „Los, komm schon her“. Sie lachte. Es war ein Lachen, das vom Ohr direkt ins Herz wanderte. Mit einem klitzekleinen Umweg über den Kopf – nur, um dort alles durcheinander zu bringen. Es war ihr kristallklares Lachen, dass ihn direkt ins Mark traf, sein Herz zum Pochen brachte und ihm gleichzeitig die Luft zum Atmen nahm. Er war verliebt. Ist es noch immer. So viel steht fest. Bedauerlicherweise ergab sich bisher noch nicht der richtige Moment, um ihr das zu sagen. So ist er. Ein wahrer Perfektionist. Er hatte sich alles haarklein ausgemalt – wie es sein würde, welches Hemd er trüge und welche S-Bahn die günstigste wäre, um auf dem Hinweg noch einen Brief zur Post zu bringen. Stundenlang hatte er an dem perfekten ersten Satz gefeilt. Ein Satz, der ihrer Vollkommenheit gerecht würde. Aber bisher war es einfach noch nicht soweit. Diese Warterei trieb ihn schier in den Wahnsinn und mit jedem Treffen schmerzte ihn sein Herz mehr. Er wusste was sie tat, wenn er nicht bei ihr war. Wenn er sie nicht hatte beschützen können. Vor sich selbst. Und überhaupt. Er hätte es sich eigentlich von vorne herein denken können. So eine Frau. Mit ihm. Das war utopisch. Sie mit ihrer überirdischen Schönheit. Und er, der kleine Architekt, der seit Jahren die schlechtbezahlte Stelle bei dem Versogungsunternehmen inne hat. Aber er hat Träume. Große sogar. Und Pläne. Das ist schließlich sein Job. Und weil er wusste, wie sehr sie das Meer liebte, hat er für sie ein Strandhaus entworfen. Es trägt ihren Namen. Das hatte er einmal in einem Kriminalfilm gesehen, dass im Süden die Häuser immer Namen tragen. Casa Isabel. Oder Auberge Chez Marie. Nur für sie beide. Und drei Kinder. Vielleicht auch vier. Irgendwann würde er ihr all die Entwürfe zeigen. Bald.

Er hätte es sich denken können, dass sie all das früher oder später mit ihren zarten Füßen treten würde. Aber er wollte es nicht hören. Er wollte die Blicke der Leute nicht sehen, die Augenpaare, die förmlich in seinen Rücken stachen. Für ihn gibt es nur sie beide. Jetzt und immer. Seine Welt ist nun einmal so ausgelegt. „Hallo, träumst du oder was?“. Ihre Stimme reißt ihn jäh aus seinen Gedanken. Er blinzelt und ist sich nicht sicher, ob das an dem Neonlicht, welches vom Hotel gegenüber schräg an ihrer Silhouette vorbei ins Zimmer dring, liegt oder an ihrer Schönheit. Er schiebt das weiße Laken zur Seite und fährt sich schlaftrunken durch die Haare. Der Ausblick aus diesem Hotelzimmer ist atemberaubend. Siebter Stock. Lange hatte er recherchiert, ehe er ihr die gemeinsame Reise vorschlug und war sehr erleichtert, dass sie sofort ja sagte. Und jetzt sitzt sie hier auf dieser Fensterbank mit nichts als ihrer Unterwäsche und ihrem bezaubernden Lächeln. Perfekter hätte es für ihn nicht sein können. Er geht zwei Schritte auf sie zu und spürte den warmen Wind, der durch das geöffnete Fenster ins Zimmer drang. Dahinter die Stadt. Ein Lichtermeer. Tausend winzige Punkte verschwimmen zu einem einzigen hellen Teppich. Er würde sie tragen. Beide. Er legt seine Hand in ihren Nacken und küsst sie. Er dachte an das Haus am Strand, seinen Chef und all die Leute. Er hatte das nicht gewollt. So nicht. Und vielleicht war es auch einfach nur der Wind. Aber in diesem Moment rutschte sie von der Kante der Fensterbank. Und sie flog. Hinein in das Meer aus tausend Lichtern.

 

© themagnoliablossom

Make up your mind!

Kolumnen

Schlank. Gut gebaut. Lange Haare. Muskeln. Große Brüste. Bart. Dunkle Augen. Was darf´s denn sein? Egal! Alles hinfällig, denn Verstand is geil. Sapiosexuell, Baby! Das Gehirn, mal wieder. Klar, Intelligenz ist schon immer ein bisschen sexy, aber körperliche Erregung durch Intelligenz? Ganz nach dem Motto „seduce my mind and you can have my body?”.

Gesellt sich gleich und gleich wirklich gerne, oder ziehen sich Gegensätze an? Männer fühlen sich ja gemeinhin in ihrer Männlichkeit bestätigt, wenn sie sich ihnen (geistig) unterlegenen Frauen zusammentun. Narzisstische Kollusion, nennt das der Fachmann. Nun gut, haben wir alle schon mal gesehen. Den Sugardaddy, der sich in gereiftem Alter einer schönen Langbeinigen bedient, die locker seine Tochter sein könnte. Je ungleicher die Gesellschaft bzw. das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, desto wichtiger Status auf der einen und Schönheit auf der anderen Seite. Die Zeiten der drei K´s sind vorbei, wir Frauen sind unabhängiger und freier denn je (Emanzipation und so) und dürfen sogar wählen – nicht nur den Mann an unserer Seite. Die alte Formel verliert an Bedeutung. Intelligenz und Humor lösen Besitztum und soziales Standing ab. Doch angekommen im 21. Jahrhundert funktioniert das Spiel mit dem Status und der Schönheit auch locker andersrum. Viele attraktive, erfolgreiche Frauen haben einen (oftmals) jüngeren Mann, der ihnen nicht immer intellektuell ebenbürtig ist. Muss das denn so sein? Die Sache mit der Intelligenz? Zwangsläufig? Fakt ist; ist mein Partner zu dumm, enttäuscht er mich andauernd. Ist er zu klug, bin ich enttäuscht. Geoffrey Miller, seines Zeichens Evolutionsbiologe fand sogar heraus, dass der IQ eines Mannes mit der Qualität seines Spermas korreliert. Na, Prost Mahlzeit! Hat aber den biologischen Hintergrund, dass es den Frauen intelligentere Nachkommen versprechen soll. Fraglich bleibt irgendwie nur, wie frau das herausfinden soll. Die Sache mit dem Sperma…

Die Intelligenz von Männern und Frauen habe sich im Laufe der Evolution angeglichen „Frauen müssen intelligent sein, um zu erkennen, ob der Mann intelligent ist“, so Miller. Das überdimensionierte Gehirn des Menschen sei dadurch entstanden, dass weibliche Exemplare unserer Vorfahren diejenigen männlichen Exemplare bevorzugten, die durch Intelligenz und Kreativität einen höheren Unterhaltungswert boten. Ha! Waren Frauen doch schon immer insgeheim die Bestimmer.

Das Attraktivitätsempfinden läuft – wie jede Emotion – über das Gehirn. Nur logisch, dass das Gehirn mehr als nur eine Nebenrolle spielen darf. Intelligenz ist attraktiv. Sie verspricht Ressourcen und zwar auf lange Sicht. Denn Schönheit ist vergänglich, G(r)ips bleibt. Oder so. Jedoch sollte man den Intelligenzbegriff nicht zu eng fassen, denn nicht die fachliche Intelligenz, sondern die Ähnlichkeit bezüglich Sprachwitz, Lebendigkeit, Empathiefähigkeit und das Gesprächsniveau allgemein sei ausschlaggebend, um den Partner als Resonanzkörper zu betrachten. Eine gemeinsame Basis eben. Und somit ist es auch egal, ob jung oder alt, ob Physikprofessorin oder Fotograf, ob Sixpack oder Silikonbrüste – all das ist nur die Hülle. Viel wichtiger ist doch das, was hinter der Fassade steckt. Die Nervennahrung sozusagen. Vielleicht muss man da auch mal alte Muster durchbrechen und den Mut haben, neue Wege zu gehen. Denn eben diese von Miller genannten Traits bilden doch die Basis, die uns langfristig glücklich macht. Und das wollen wir doch alle, oder? Auch dann, wenn die rosarote Brille längst in der Schublade liegt. Darauf ein paar Nüsschen.

 

© Julia