Abschiede.

Kolumnen

Ich falte meinen Pullover und stecke die Zahnbürste in den blauen Kulturbeutel. Zwischen dem Ankommen und Abreisen liegen nur wenige Tage. Ein Vakuum. Eine gänzlich eigene Welt, in der die Zeit irgendwie still zu stehen scheint. Oder ganz besonders schnell voranschreitet. Wie auf Watte wanke ich durch den Flur, um meine Habseligkeiten in der Reisetasche zu verstauen und wische mir den Rest Zahnpasta vom Mund. Vielleicht war das aber auch eine klitzekleine Träne.

Von Null auf Hundert. Umarmungen. Nähe. Ankommen. Zuhausesein. Nestwärme. Genießen. Zusammensein. Stunden vergehen aus denen Tage werden, die klammheimlich in Wochen übergehen. Welchen Wochentag haben wir eigentlich heute? Ich weiss es nicht und es ist schlichtweg egal. Denn solange deine blonden Haare neben mir unter der Bettdecke hervorragen, die sich so sanft im Einklang mit deinem Atem bewegt, weiss ich dass alles andere unwichtig ist.

Einen Funken Restwärme spüre ich noch jetzt, während meine Finger das eisige Lenkrad umklammern

Ich ziehe den Reisverschluss meiner Tasche zu und muss hier und da ein wenig drücken. Man hat ja immer zu viel dabei. Und überhaupt. Viel zu viel von allem. Während ich die Tasche in den Kofferraum hieve, wünsche ich mir ein bisschen mehr von diesen Prioritäten im Alltag. Ich weiss, dass ich dort wieder ankommen werde, muss und will. Denn immer nur Watte ist irgendwie auch scheisse. Man will so vieles und immer mehr davon, dabei ist es oft das Unscheinbare wie deine blonden Haare, die unter der Bettdecke hervorlugen und mein Herz mit so viel Wärme füllen. Mit diesem Gedanken drehe ich den Zündschlüssle um und starte den Motor. Abschiede mag ich nicht. Denn sind wir ehrlich, auch nach der zwölften Umarmung und dem zwanzigsten Mal umdrehen wird es nicht besser. Einen Funken Restwärme spüre ich noch jetzt, während meine Finger das eisige Lenkrad umklammern. Ich fahre los in das noch junge Jahr und verspreche mir, diesen Gedanken beizubehalten.

Denn ein Ende ist ja auch immer ein Anfang. Irgendwie.

 

Goodbye don´t mean I´m gone

 

© themagnoliablossom

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Alter Ego

Inspiration

Alexa Karolinski hat die großartige und auch irgendwie angsteinflößende Erfindung der New Yorker Professorin Sabine Seymour in einem Kurzflim wunderschön inszeniert. Es geht um einen zunächst gewöhlich scheinenden BH, der sich im Laufe des Films zu einer Art Alter Ego entwickelt und als Stimme aus dem Off immer wieder zum Nachdenken anregt. Übrigens toll gespielt von Mark Ronsons Schwester Annabelle Dexter Jones. Was ziemlich futuristisch klingt, könnte schon bald Alltag sein, wenn es nach Sabine Seymour geht, die mit ihrem Startup SUPA.ai genau das produziert. Sprechende Kleidung. Eingewebte Sensoren als Schnittstelle zwischen Mode und Technik ermöglichen ein Sammeln wichtiger körperbezogene Messergebnisse und künstliche Intelligenz ermöglicht es, die Daten zu interpretieren. Venetzt mit anderen Faktoren können diese Ergebnisse Bewegungen und Gesten der Träger deuten und so tatsächlich zu einem Alter Ego werden.

 

Bei aller Zukunftvision und Science-Fiction-Feeling zeigt der Film vor allem etwas, was uns inbesondere in der stressigen Vorweihnachtszeit ein bisschen abhanden gekommen zu sein scheint. Achtsamkeit, für die kleinen Dinge und unser Umfeld. Anhalten. Zuhören. Weiter laufen, aber nicht davon.

Denn es ist ja so: Bei all dem Streben nach Perfektion, der Selbstoptimierung und dem ultimativen Glück verpassen wir nämlich ganz schön oft ganz schön viel, während unsere Augen auf diversen Bildschirmen kleben.

Was wäre, wenn es tatsächlich ein unsichbare Stimme gäbe, die uns tagtäglich mit unseren so herrlich festgefahrenen Marotten konfrontiert?

 

„We are disconnected in all kinds of ways and we hardly ever realize it“

 

 

 

 

Vom Scheitern und anderen erfolgreichen Dingen.

Kolumnen

„Na, geht´s dir gut?“ wird man ja gerne mal gefragt. Morgens im Büro, auf dem Weg in die Kaffeeküche. Beim Sonntagsspaziergang. Oder wenn man sich zufällig in der U-Bahn trifft. Wobei das ja eigentlich gar keine Frage ist, denke ich mir als sich die Türen mit einem piependen Geräusch schließen. Weil man das Fragezeichen ja oft nicht raus hört und es ohnehin viel zu oft eher nach einer Aussage klingt, auf die es nur eine richtige Antwort zu geben scheint. Ich hätte gern nein gesagt. Einfach so, um zu gucken, wie die anderen dann gucken. Das wäre dann so, wie wenn man mal ein Glas Wasser trinkt, bloß um die Leber zu überraschen. Oder so.

Sei glücklich! Und das ist keine Frage.

Geht´s dir nicht gut, stimmt irgendetwas nicht mit dir – so der Tenor. Leiden ist unschicklich. Und das in einer Gesellschaft, in der jede(r) zweite einen Jour Fixe beim (Psycho-) Therapeuten hat und Anti-Depressiva wie Lutschbonbons verteilt werden. Aber leiden, das tut man gefälligst allein in seinem stillen Kämmerlein. Es gibt Tabletten, die glücklich machen. Es gibt Yoga, Tees, Diäten ja sogar Magazine veröffentlichen Guides, die einem das große Glück versprechen. Glücklichsein ist en vouge. Scheitern eher nich so. Ist es naiv, alles Schlechte in einer Kiste auf dem Dachboden zu verstauen – aus den Augen aus dem Sinn? Oder ist es vielleicht sogar gut und wichtig. Ein Ansporn, um seinen inneren Frieden und das ganz große Glück tatsächlich zu finden?

Von Null auf Hundert und zurück

Try again. Fail again. Fail better. Das ist die Start-up Mentalität aus dem Land mit hübschen Sternchen auf der Flagge. Schlechte Erfahrungen bringen gute Ergebnisse hervor. Prägen, machen schlauer und reifer. No risk, no fun. No money und ergo no Erfolg. Mehr Risiko. Mehr Gewinn. Man muss auch mal raus aus der Comfort Zone, was riskieren, um in der Zukunft vom eigenen Mut in der Vergangenheit zu profitieren. Und das ist nicht (nur) im finanziellen Sinne gemeint. Mehr ist mehr. Nur bloß immer weitermachen. Scheitern an sich scheint nicht das Problem zu sein, ist es doch konstitutiv für das Menschsein. Interessant ist aber die Tatsache, dass Scheitern nur anerkannt wird, sofern es Indiz für späteren Erfolg ist. Es gibt unzählige Stories, die in Tellerwäscher-zum-Millionär-Manier vom Scheitern und dem darauffolgenden Erfolg berichten. Von jemandem, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat, obwohl ihm immer wieder Stolpersteine in den Weg gelegt wurden – vom Schicksal oder von wem auch immer. Dieser jemand ist auf dem Zenit der Glückseligkeit angelangt und das wollen wir ja alle. Oder? Es sind genau jene Geschichten, die Menschen motivieren immer weiter zu machen, zu suchen und zu streben – nach dem, was sie Glück nennen. Was in Vergessenheit gerät ist, dass Glück kein Ort ist, an dem man verweilen kann, sondern per se eine sehr volatile Angelegenheit ist. Vielleicht ist es just diese Eigenschaft, die den Mensch so erpicht es fangen und konservieren zu wollen, dieses Glück.

Sei glücklich! Lautet der wohl einzig gesellschaftlich akzeptiere Imperativ. In den USA ist das sogar ein Geburtsrecht. Was Thomas Jefferson dazu veranlasst hat, das in die Unabhängigkeitserklärung zu schreiben, ist unklar. Denn, die Glücklichsten sind die Amerikaner mitnichten. Trotz und obwohl der „Pursuit of Happiness“ Treibstoff einer ganzen Nation ist. Alles ist möglich. Und das nicht erst seit Trump. Man muss es nur genug wollen. Vielleicht hab ich es auch nicht zu sehr gewollt, dieses Glücklichsein, frage ich mich da manchmal, wenn ich mal wieder die Welt von unten betrachte.

Immer einmal mehr als du

Sei glücklich, sage ich mir dann matraartig und empfinde es zunehmend als Zwang. Ein Diktat der Leistung. Dabei haben Psychologen herausgefunden, dass gerade der Druck glücklich sein zu müssen, erst recht unglücklich macht. Und die müssen es ja wissen. Wenn wir noch ein bisschen weiter gehen und den Verfechter der Abgründe und des Unglücks zu Rate ziehen, müssen wir alle ohnehin viel mehr ausharren und auch einfach mal was aushalten. Es scheint, als haben wir das verlernt. Denn Friedrich Nietzsche schrieb und forderte 1886 (!), dass wir das Leben mit seinen Höhen und Tiefen bejahen müssen und uns von der Konvention sowie dem Zwang, alles in gut oder schlecht unterteilen zu wollen, zu lösen. Wir müssen erkennen, dass diese zeitliche Abfolge von Ups und Downs untrennbar ist. Weil Glück und Leid oft nur einen Fingerschnipp voneinander entfernt sind und nichts die Vergänglichkeit und die Volatilität des jeweiligen Zustandes mehr verkörpert als dieser schmale Grat. Und, noch viel wichtiger: Die Erkenntnis, dass gerade in der Annahme dieser These der eigentliche Mut und die Stärke liegen. Puh, mag da jetzt vielleicht einer denken, was interessiert mich das Geschwätz eines alten, grauen Mannes. Aber auch die blitzgescheite Bloggerin und Autorin Ronja von Rönne berichtet in ihrer Rede vom Aufgeben als einer Form von Befreiung. Denn es ist ja so: Man merkt ja beispielsweise innerhalb von Sekunden, ob etwas passt oder nicht. Oft ist da das Unterbewusstsein sogar schneller als der Verstand. Beim Studium, bei Jobs aber auch bei Menschen. Da kann man ruhig mal auf sein Bauchgefühl hören. Und scheitern. Vielleicht was daraus lernen, vielleicht aber nicht und einfach scheitern, um des Scheiterns Willen und das, meine Freunde (surprise!) ist auch völlig okay.

Immer einmal mehr aufstehen, als man hinfällt, sagte Mutti schon im Kindergarten. Und nicht nur, wenn das Fahrradfahren ohne Stützräder nicht so ganz funktioniert hat. Dieser Satz impliziert ja noch etwas ganz anders. Hinfallen okay, liegenbleiben nicht okay. Vielleicht müssen wir mit diesen alten Mythen endlich aufhören, die so fest in unseren Gehirnen verankert sind. Scheitern ist nämlich gar nicht mal so unsexy. Hinfallen (mit High Heels) auch nicht. Und dann halt auch einfach mal auf dem Boden liegen bleiben. Von hier eröffnet sich nämlich ein ganz neuer Blickwinkel.

 

© Julia

 

Jahreszeiten für Fortgeschrittene.

Das Münchner Kindl, Kolumnen

Wenn man wissen möchte welche Jahreszeit gerade herrscht, könnte man einfach in den Kalender schauen, oder besser gleich aus dem Fenster. Aber ich sag euch, das ist sowas von für Anfänger. Die richtigen Profis gehen in den Supermarkt. Jawohl. Denn hier erfährt man alles, was man über die verschiedenen Jahreszeiten wissen muss. Glaubt ihr nicht? Ich erklär´s euch.

Und zwar in meiner neuen Kolumne. Hier entlang, bitte 🙂

 

Lunch. Break.

Inspiration

Fettige Haare, Suppe auf der Hose, falsches Hemd.

Eine Begegnung und ganz viel Kopfkino.

Morgen in der Mittagspause vielleicht einfach mal ansprechen?

#fürmehrmut.

Saturdaze.

Inspiration

Der Moment, wenn die dampfende Tasse an den Tisch gebracht wird. Man die Hand sanft um das Porzellan legt, es nach Kaffee und Liebe duftet – und plötzlich ganz warm wird. Im Herzen. Der Moment vor dem ersten Schluck. So kostbar. Wie Du.

Happy saturday

 

le-kaffee

Unknown. Heros.

Musik

We are the sons and daughters of all the freedom fighters.
And there are still many rivers to cross.
Hands in the air, screaming loud and clear for freedom, justice and equality.
There is no black or white, there is only right and wrong.
We are unknown heros, we are flesh and we are blood.
We are the great future.
We need to get back to the joy of living.
We are five fingers of an empty hand.
But together, we can also be the fist.
Sometimes change can be as simple as two hands reaching for one another.
Clap your hands.

#word ❤

Ferienende.

Kolumnen

Die letzten Tage sieht man sie wieder vermehrt. Die Kondensstreifen, die die großen Flieger hinter sich herziehen. Wilde Muster in Weiß, vor strahlendem Blau. In gefühltem Sekundentakt sehe ich Flugzeuge starten und landen, muss hier und da etwas blinzeln, wenn sich die Sonne in den schrägen Tragflächen spiegelt. Ich male mir immer aus, wohin sie fliegen. Überlege, wo Norden und wo Süden ist und welches Ziel diese Flieger haben könnten. Welche Menschen da drin sitzen, zu wem sie mit klopfendem Herzen fliegen und wen sie schon jetzt vermissen, kurz nach dem der Gate geschlossen wurde. Die großen Flieger, die einem eine grenzenlose Freiheit vorgaukeln. Alles möglich. Alles nur einen Fingerschnipp entfernt. Oder einmal Augen zu, Karte durch am Ticketschalter.

Für jeden Flieger der startet, gibt es auch einen der landet. Pünktlich zum Ferienende hier in Bayern sind das ganz schön viele. Aus und vorbei das schöne Leben am Strand unter Plamen. Vorbei sind die Tage, an denen man sich zwischen Kaffee oder Tee zum Frühstück und Wein oder doch lieber einen Cocktail zum Abendessen entscheiden mussten – und das eine tagesfüllende Aufgabe war. Aufstehen ohne Wecker, von schräg einfallenden Sonnenstrahlen sanft geweckt werden #slowmorings. Zwischen Lesen, schwimmen und ein bisschen Wandern ist nicht viel passiert. Jeder Tag fühlte sich wie Sonntag und Weihnachten zusammen an. Man hatte nichts vor. Und morgen auch nicht. Und am Tag nach morgen auch nicht. Hach, ja sweet life. Das Ende kommt da irgendwie immer ganz plötzlich. Die Rückkehr in den Arbeitsalltag schier unmöglich. Vor drei Wochen war ich noch so motiviert, hatte Ideen, Pläne und mein Tag hätte mehr als 24 Stunden benötigt, um all das zu verwirklich. Ich hatte einen richtigen Lauf. Da konnte mir nicht einmal der miese Sommer einen Strich durch die Rechnung machen. Ha! Gummistiefel for the win. Und nun? Laufen die Erstklässler mit ihren viel zu großen Schultüten aufgeregt umher und bei mir ist irgendwie der Drive weg. Was ist passiert in jenen drei Wochen, Nichtstun, entschleunigen, faul sein? Ist das ein bisschen ausgeartet?  Hat man da die Kontrolle verloren? Und die Kreativität gleich mit? Oder kratzt da was ein bisschen am eigenen Ego, weil der Laden ja scheinbar ganz wunderbar ohne einen selbst lief? Huch! Post-Holiday-Blues, nennen das die Forscher und raten zu softem Einstieg, to-do Listen und die Mittagspause mit den Kollegen zu verbringen. Ich spüre schon jetzt, wie der Kortisolspiegel in meinem Blut steigt. Zurück im Büro wartet das volle Postfach, 1004 unbeantwortet Mails und der Kaffee schmeckt auch irgendwie schal. Zäh wie Kaugummi vergehen die Stunden und das Blatt ist immer noch weiß.

Aber vielleicht liegt es gar nicht am Urlaub, oder der Rückkehr aus diesem. Vielleicht hat man davor einfach schon alle Energie und Kreativität aufgebraucht, sodass sich der Körper jetzt lautstark seine Pause einfordert? Vielleicht sind nämlich Kreativpausen gar nicht so schlimm, sondern viel mehr kreative Pausen. Und ganz vielleicht bauen wir in unseren Alltag ein paar happy moments ein und setzten auch hier vermehrt auf kleine Auszeiten. Klingt doof, is aber so. Denn schließlich ist nicht Urlaub unser Leben, sondern das, was dazwischen passiert und das, sollte mindestens genauso schön sein – wenn nicht gar besser.

 

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.

Das wusste schon Erich Kästner. Und der muss es ja wissen.

 

© Julia

Hello, turn your radio on!

Kolumnen

Von seinen Nachbarn bekommt man ja häufiger mehr mit als einem lieb ist. Meiner steht beispielsweise unfassbar auf Opern und singt gerne – am liebsten früh morgens und spät abends und das nicht einmal gut.

Nun ja, auch ich ergebe mich gelegentlich akustischen Ergüssen  – beschränke mich dabei aber vornehmlich auf das Auditive. Sprich: Ich höre Musik. Manchmal auch Radio. Und ganz manchmal auch beides parallel (für alle, die sich fragen: Ja, das geht. Sehr gut sogar). Hörfunk – das kennt man schon noch, oder? Ich besitze zu diesem Zweck ein furchtbar altes und ganz analoges Radiogerät. Wenn ich zuhause arbeite, empfinde ich es als angenehm, etwas Hintergrunduntermalung zu haben. Gerade so laut, dass es nicht ganz mucksmäuschenstill ist und so leise, dass ich jedes Wort von Nachbars Gesinge verstehe und aufpassen muss, nicht versehentlich die Lyrics zu tippen anstatt meinen Text. Wenn dann ein guter Song im Radio kommt (soll vorkommen) dann drehe ich für diese dreiminutenundfünzigsekunden so richtig auf. Hüpfe durch die Wohnung, benutze die Haarspray-Dose als Mikrofon und fühle mich wie Tina Turner im Jahr 1985. #privatedancer.

Und wenn mir jene dreiminutenundfünfzigsekunden noch nicht genug waren oder ich noch etwas Zeit zum Prokrastinieren brauche, drehe ich das Radio wieder in die kaum hörbare Hintergrundlautstärke zurück, google das Lied auf meinem Laptop und raste mir nichts, dir nichts weiter vier Minuten (mitohne Werbung) aus.

Aber manchmal läuft das auch anders herum. Das heisst, ich höre ein Lied über meine Playlist und ein paar Minuten später kommt genau dieses Lied im Radio. Zu Beginn glaubte ich noch an einen Zufall. Obwohl es sich in besagten Fällen nicht um die aktuellen Charts handelte, die wohl jeder Sender rauf- und runterspielt. Es waren solche Dinge wie, Creedance Clearwater Revival (die alten von Papa, auf Vinyl) oder Lay down Sally, ein Song bei dem ich einfach nie nicht glücklich sein kann.

Die Ereignisse häuften sich und als aufgrund eines Stromausfalls das Radio nur noch chrrrrchrrrrrr-Geräusche von sich gab, musste ich einen neuen Sender suchen. Also, landete ich – wie es der Zufall so will – wieder bei meinem alten Lieblingssender, den ich vor einiger Zeit wutentbrannt wegdrückte, weil ein neuer Moderator mir mit seiner aggressiven Musikauswahl gehörig auf die Nerven ging.  Nun, als der Suchlauf endete und das chrrrrchrrrrrr wohltuender Weise abrupt ein Ende nahm, trällert mir doch just Eric Claptons „Don’t you think you want someone to talk to?“ entgegen. Ich bin baff. Ich schwöre euch, in all den Jahren in denen ich diesen kleinen Sender gehört habe, lief nicht ein einziges Mal Lay down Sally. Nienienie. Und nun, da der andere Sender und mein Laptop mal wieder eine akute Sally-Phase haben, kommt dieses Lied im Radio. Unter der Frequenz. Nicht, dass ihr jetzt denkt ich sei verrückt. Es ist verrückt. Wirklich. Auf meiner Puderdose steht in großen Lettern „GLOW“ geschrieben. Manchmal, wenn ich mir morgens einen Hauch davon auf mein Gesicht stäube, um zumindest etwas zu sehen, das leuchtet – ertönt ein paar Minuten später „Glow“ von Madcon im Radio. Selbstredend habe ich erneut den Sender gewechselt. Nicht nur wegen diesem Song.

 

© themagnoliablossom

 

Warum? I mean, why?

Kolumnen

Wir sind doch alle gebildete Menschen. Lernen schon im Kindergarten, dass es besser ist, den andern Kindern das Spielzeug nicht auf den Kopf zu hauen, man sich Brot mit Schimmel lieber nicht in den Mund stopft und, dass es in der Schule doch irgendwie cooler ist, die Hausaufgaben zu machen. Zumindest rückblickend. Kurzum. Wir sind fähig gut von schlecht zu unterscheiden. Und entscheiden uns im Zweifel für den Weg ins Licht als in Dunkle, wenn wir an der Kreuzung stehen. Oder?

Wieso ist es dann manchmal so, dass man sich ganz bewusst für etwas entscheidet, was ganz offensichtlich schlecht ist? Frauen wird ja oft nachgesagt, nein – viele behaupten das sogar von sich selbst – sie stünden auf Arschlöcher. Also, Männer, die sich wie solchen verhalten. Sich nicht melden, und wenn, dann nur dann wann es ihnen passt. Macht- und Egospielchen spielen, irgendwie nie so richtig greifbar sind und bei vielen Frauen neben Tränen oftmals eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Auf der Seele. Frauen, die mit einem solchen Exemplar das „Vergnügen“ hatten, sind auf ewig gebrandmarkt, sage ich. Denen ist gar nicht bewusst, was da alles kaputt geht. Also, so gesamtgesellschaftlich.

| Ich bin so gut wie du mich findest!

Mädchen und Frauen wird systematisch vermittelt, dass ihr persönlicher Wert nicht in erster Linie auf ihren eigenen Fähigkeiten, sondern auf ihrem Reiz gegenüber Männern und ihrer Beziehung zu Männern beruht. Das ist in zweierlei Hinsicht falsch. So werden aus guten Mädchen, schlechte Frauen. Und Männer bekommen das quasi so in die Wiege gelegt. Die Frage ist, was war zuerst: Huhn oder Ei. Vielleicht muss man auch mal Partei ergreifen für die Männer, die vielleicht (manchmal) so arschlochmäßig sind, weil sie selbst einmal so behandelt wurden? Von Frauen? Der sogenannten Arschloch-Frau. Die gibt´s nämlich auch. Aber bevor wir hier jetzt in allgemeines Gender-Mitleid verfallen, zurück zum Thema. Männer und Frauen, lasst euch gesagt sein. Frauen stehen nicht auf Arschlöcher. Nie. Nicht. Jeder, der was anderes behauptet, lügt. Männer wollen ja auch keine Arschloch-Frau, oder?

| I can smell him!

Das interessante ist, wenn frau – als Single wohlbemerkt –  zum Beispiel die Wahl hat zwischen einem verheirateten Mann (mit Kind, Haus, Hund – volles Programm) und einem Singlemann, der all diese Optionen für sie bereit hält, was der andere bereits mit einer anderen Frau hat. Wählt sie oft den verheirateten. Warum? Beide sind gleich nett und beide sehen gleich gut aus. Der eine hat Zukunft, der andere Vergangenheit. Warum stehen Frauen oft an dieser Kreuzung und nehmen den Weg ins Dunkle anstatt den Weg zum Glück? Hat das was mit dem Reiz des Verbotenen zu tun? Weil es ja eigentlich nicht geht und moralisch auch irgendwie verwerflich ist. Da stehen Frauen den Männern übrigens in nichts nach. Ich finde es immer wieder überraschend und erschreckend zugleich, wie gering die moralischen Ansprüche in unserem Leben geworden sind, sich oftmals nicht einmal mehr  ein schlechtes Gewissen einstellt, sondern sich beispielsweise ganz bewusst für das Fremdgehen entschieden wird. Man ganz schamlos von einem Bett ins andere hüpft  – manchmal ohne dazwischen zu duschen. Carrie fragt sich, ob Aiden Big riechen kann wenn Big Aiden in den Laken riecht. Berechtigt, oder? Warum ist das denn alles so? Sind wir wie kleine Kinder, für die etwas erst spannend wird, wenn es verboten ist? Wieso nimmt Freundin J. nicht diesen super smarten Typ, der ihr den Hof macht, sie zum Lachen bringt, immer für sie da ist, sie auffängt und loslässt – ein richtig guter ist und einer, den man gerne seinen Eltern vorstellen würde. Warum also nicht das, was offensichtlich gut ist? Anstatt dessen mehr oder weniger geheime Treffen mit dem verheirateten M., bei denen die Kinder und das Haus ganz weit weg sind und die Lippen ganz nah beisammen. Essen und Lachen auf der Dachterrasse, verstohlene Blicke voller Sehnsucht auf das, was nachts im Hotelzimmer passieren wird. Warum? Hat das wirklich etwas mit dem Reiz zu tun? Wollen wir es immer spannend und prickelnd haben, obwohl wir eigentlich sehr gerne stilles Wasser trinken? Warum tun wir uns das an – weggeschubst und hergezogen zu werden wie eine Marionette? Weil wir glauben, die Fäden selbst in der Hand zu haben? Weil wir diese hoffnungslos romantische und ziemlich naive Vorstellung haben, dass er sich doch irgendwann ändert? Weil Frauen immer gerne die eine sind, für die alles andere egal ist?

| Schlechtes Gewissen? Irgendwie uncool!

Fakt ist: Selbst wenn der besagte verheiratet Mann sich irgendwann von Frau und Kindern trennt – sofern das auch nur irgendwie geht – will man den dann? Der, der das Programm schon einmal so erlebt hat und man selbst höchstwahrscheinlich in ein paar Jahren auch ohne den Typen da sitzen wird? #onceacheateralwaysacheater? Ich weiss nicht, was ich schlimmer finde. Dass Männer so etwas machen oder, dass Frauen so etwas machen. Und ja, hier muss ich jetzt verallgemeinern. Es soll ja durchaus auch Fälle geben, bei denen das gut lief und die jeweilig neuen Partner jetzt ganz harmonisch mit allen Beteiligten zusammenleben. Aber in allen übrigen Fällen frage ich mich: Ist das der Anspruch, alles haben zu wollen und ganz offensichtlich auch zu können? Dass wir uns gar nicht mehr entscheiden müssen, ob wir den netten Typ als Freund und den verheirateten einfach mal so zum Spaß haben? Die tolle Frau als Mutter unserer Kinder und das junge Mädchen, um gegen die Midlifecrisis anzukämpfen?

| Und die Moral von der Geschichte?

Breitet sich die I-want-it-all Attitüde auf unser gesamte Leben aus? Sind wir nicht nur eine Generation, der nach diversen Uni-Abschlüssen die ganze Welt offen steht (zumindest gefühlt) und wir uns gar nicht mehr entscheiden müssen, weil wir tatsächlich alles haben können? Ist das quasi ein moralischer Freifahrtsschein? Ist Entscheidungsmüdigkeit aufgrund des Überangebots eine Entscheidungsunmündigkeit geworden? Haben wir verlernt gutes von schlechtem zu unterscheiden? Und ist das alles nur die Spitze des Eisbergs? Sind uns die schier unendlichen Optionen so zu Kopf gestiegen, dass uns durch dieses neue Selbstbewusstsein tatsächlich die Moral flöten gegangen ist? Spitzt sich das jetzt alles zu, so wie die gesamtwirtschaftliche Lage? Man kann ja alles ausreizen. Ziemlich lange. Aber irgendwann platzt die Blase. Vielleicht brauchen wir wieder ein bisschen mehr Grenzen vor dem Horizont. Ein bisschen mehr Bodenhaftung. Werte, die mehr wert sind als die Summe auf dem Girokonto. Ein bisschen mehr Spießigkeit. Und vielleicht ist das alles gar nicht so schlimm? Vielleicht ist es aber auch so, dass uns all das aufzeigen soll, dass wir Menschen gar nicht für die Monogamie geschaffen sind? Dass wir uns vielmehr einer kulturell aufoktroyierten Lebensweise unterwerfen und alle wie Motten um das Licht fliegen, obwohl das gar nicht unserer Natur entspricht? Vielleicht müssen wir in dieser Sache einfach lockerer werden? Vielleicht müssen wir uns aber auch eingestehen, dass absolute Sicherheit mit Sicherheit eine Illusion bleiben wird. Wenn wir das erst einmal verstanden haben, die Veränderung und den stetigen Wandel akzeptieren, annehmen und diesen für uns gestalten – vielleicht würden wir uns alle dann weniger wehtun. Und ganz vielleicht wäre die Welt dann tatsächlich ein kleines Stückchen besser.

 

© Julia