Ausziehen! Oder warm anziehen!

Kolumnen

Da stehst du also. Ich sehe dich schon von weitem während ich auf der anderen Straßenseite entlang gehe. Hübsch siehst du aus mit deinen Haaren zum Dutt frisiert und deiner engen Jeans. Du hast mich noch nicht gesehen und für einen kurzen Moment überlege ich, einfach wieder umzudrehen. Doch dann wird die Ampel grün und mein Herz macht einen Satz. Kneifen is nich. Drei Jahre. Vor drei Jahren gab es da diese eine Nacht. Es war Sommer und in dem Club so heiß, dass meine Haare klatschnass im Nacken klebten und der Gin noch vor dem ersten Schluck verdampfte. Und obwohl ich keinen einzigen Schluck Alkohol getrunken haben konnte, war mein Blick vernebelt. Bei Gewitter küssten wir uns und ich weiss noch wie der Wind durch´s Dachfenster zog, als du mir den Träger meines Kleides über die Schulter gestreift hast. Und nun stehen wir also hier und ich bin überrascht, wie viel du zu sagen hast und wie gern ich dir zuhöre. Aus einem Bier werden vier, du nimmst meine Hand und wir ziehen ein bisschen um die Häuser. Zwischen Schnapsgläsern und Zigarettenrauch huscht immer wieder ein Lächeln über dein Gesicht. Du bist schön, denke ich mir. Das sage ich aber nicht und lächle, als ich einfach so von deinem Döner abbeiße. Es gibt keinen Kuss und kein sinnloses Gevögel im Suff. Bis bald, sagst du. Es ist irgendwie anders und ich suche schon jetzt nach den Fehlern. Mein Hirn ist so dermaßen falsch konditioniert, dass es bei den leisesten Anflügen von wirklich guten Dingen, den Schwanz einzieht. Es rattert wie blöd und versucht alles, damit die eiserne Mauer um das Herz nicht heruntergefahren werden muss. Die Schotten sind dicht. Ich bin unfreiwillig in meinem Kopf gefangen. Ich solle nicht so verkopft sein. Die Dinge einfach mal laufen lassen, hast du gesagt. Aber ich lebe in einem permanenten Trade off zwischen Hirn und Herz.

 

 

Und nun passt dieses beschissene Schema F nicht mehr, das meinem Kopf und mir zumindest ein Mindestmaß an Kontrolle vorgegaukelt hat. Weil du dich nicht einlässt auf so etwas. Weil du anders bist. Weil du im Grunde deines Herzens gut bist und das im Grunde genau das ist, was ich will. Denk nicht so viel nach. Aber selbst, wenn ich mich ganz arg anstrenge hört mein Gehirn nicht auf mir immer wieder Wenns und Abers unterjubeln, für jedes Pro ein Contra zu finden und überhaupt alles, um bloß nicht aus der comfort zone raus zu müssen. Ausflüchte und Ausreden. Es ist eine Sucht. Eine Mischung aus Suche und Flucht. Da draußen ist Krieg und ich kann kein Blut sehen. Verstecke mein Herz fest unter Hirngespinsten aus Zukunftsängsten, Eitelkeiten und verletztem Stolz. Doch im Grunde habe ich einfach nur Angst. Angst, dir völlig nackt gegenüber zu stehen und Angst zu bluten. Aber im Krieg fließt nun mal Blut und wenn man nie in den Krieg zieht, wird man auch nie eine Schlacht gewinnen. Und manchmal musst du dich einfach komplett ausziehen, so richtig blank ziehen und dein Hirn mit deinem Herz austricksen. Und manchmal meint es das Leben gut mit dir und nur, weil du den Glauben daran verloren hast, heisst das nicht, dass es nicht doch so ist. Manchmal musst du dich einfach komplett ausziehen, bis auf die Unterhose und dich drauf einlassen. Denn zur Abwechslung ist dann alles einfach nur mal schön. Sprach sie und zog noch eine Jacke über ihren Pullover. Sicherheitshalber nahm sie auch noch einen Schal mit. Für alle Fälle.

 

© themagnoliablossom

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