Stimmt so

Kolumnen

Ein lächelndes „stimmt so“ bei einer Rechnung von 49,90 EUR, die mit einem 50 Euro Schein beglichen wird. Schönen Dank auch! Davon kaufe ich mir jetzt ein Eis. Wobei die Zeiten, in denen es beim Kiosk um die Ecke Eis für 10 Cent gab auch mehr als vorbei sind.

Das mit dem Trinkgeld ist so eine Sache… Manche Kellner geben sich keine Mühe, liefern missmutigen Service und bekommen ein ordentliches Trinkgeld, weil man das halt so macht. Dann gibt es tatsächlich Leute, die sich peinlich berührt fühlen, wenn sie beim Bezahlen kein Trinkgeld geben. Und dann gibt es wiederum Menschen, die sich putzmunter bis auf die roten 1 Cent-Münzen ihr Geld rausgeben lassen.

Hierzulande ist das ja noch relativ human mit dem Trinkgeld geben oder nicht geben. In den USA hat das Tipping einen relativ hohen Stellenwert. Wird regelrecht zwanghaft – mal mehr und mal weniger freundlich – eingefordert. Das liegt unter anderem daran, dass die Kellner im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ziemlich schlecht bezahlt werden und den Tip zum Zahlen der Miete benötigen, weil der eigentliche Lohn dazu nicht ausreicht.

Ich kenne beide Seiten. Tablett-schleppend aus Studienzeiten und als bekennende Café-Sitzerin und leidenschaftliche Essen-Geherin. Trinkgeld ist was Tolles. Ich habe immer gern gekellnert. Es ist eine Dienstleitung, zu der Freundlichkeit einfach zur Jobbeschreibung dazugehört. Egal, ob man gerade mit dem falschen Fuß aufgestanden ist, oder nicht. Ein Lehrer kann seine Schüler auch nicht anschreien, nur weil in seinem Privatleben gerade der Boden untern den Füßen wegrutscht.Genauso wenig bekommt ein Busfahrer beim Aussteigen einen Extra-Euro ins Kässchen geworfen, weil er heute so besonders sanft gebremst hat. Wieso soll jemand, der in der Gastronomie arbeitet dann für seine Leistung – was genauso sein Job ist – eine zusätzliche Entlohnung bekommen?

 

Das (zwanghafte) Abtreten eines kleinen Obolus stammt noch aus der Zeit, als die feine Gesellschaft ihrer Dienerschaft ganz gönnerhaft Münzen vor die Füße geworfen hat, damit diese in der mehr als knapp bemessen Freizeit ihren Frust in der nächsten Kneipe herunterspülen konnten. Der Kern ist bis heute im Grunde derselbe. Der Lohn reicht nicht aus, um vernünftig und menschenwürdig leben zu können.

Ich sehe das allerdings ganz und gar nicht als Aufgabe und Funktion des Trinkgeldes, ein Lohnniveau jenseits von Gut und Böse auszugleichen. Ich gebe unfassbar gerne Trinkgeld. Wenn ich einen schönen Abend hatte, der Service aufmerksam und zuvorkommend war, ist das für mich mehr als eine Selbstverständlichkeit und das kommt dann wirklich von Herzen. Andererseits habe ich auch keine Probleme, mir 1 Euro rausgeben zu lassen, wenn der Service tatsächlich unter aller (sorry!) Sau war – kommt zwar nicht oft vor, soll´s aber durchaus geben.

Was ich sagen will: Wieso ist das Trinkgeld so ein ubiquitäres Thema, ja gar ein ungeschriebenes Gesetz so und so viel Prozent Trinkgeld geben zu müssen. Oder sogar schief angeschaut zu werden, wenn man es nicht tut. Ich bezahle das, was ich konsumiere. Alles andere ist – objektiv betrachtet – nur reine Freundlichkeit oder gesellschaftlicher Zwang. Und, dass ich mit gesellschaftlichen Zwängen oder aufoktroyiertem Verhalten so meine Schwierigkeiten habe, ist wohl bekannt.

Besonders regt mich auf, dass das Trinkgeld dazu herhalten soll, ein unfassbares Lohnniveau auszugleichen anstatt die Ursache zu bekämpfen und endlich faire Löhne zu bezahlen. Denn dann ist das Trinkgeld nämlich wirklich eine Anerkennung für besonderen Service und einen rundum gelungenen Abend. Ohne Zwang, ohne Erpressung, ohne Augenrollen – einfach from the heart.

 

© themagnoliablossom

 

 

 

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6 Gedanken zu “Stimmt so

  1. Gerne stimme ich dir zu. Doch leider, gerade in der Gastronomie ist der Lohn gemässen an der Arbeitszeit eher bescheiden. Als die Aufteilung des Trinkgeldes in den Hotels und Restaurant in meinen Bereich fiel, bekamen auch die Köche, die Spüler und die Zimmermädchen ihren Anteil ab. Denn „Wohlfühlen“ – dazu braucht es ein ganzes Team. Ich gebe auch Trinkgeld dem armen Kerl, der nach einem Service mein Auto sauber machen muss, oder einem Handwerker oder auch mal den Einweisern auf Parkplätzen. Es kommt von Herzen und ist ein Dankeschön. Liebe Grüsse zu Dir…

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    1. Absolut! Das Trinkgeld sollte auf jeden Fall dem gesamten Team zu Gute kommen. Denn auch ein Koch oder Spüler trägt seinen Teil zu einem guten Service bei. Der Kerl, der das Auto putzt sollte allerdings kein armer Kerl sein, sondern fair entlohnt und seine Arbeit gewürdigt werden. Das Trinkgeld ist dann wirklich eine Geste von Herzen. Liebe Grüße zurück 🙂

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