Liebe machen

Inspiration, Prosa

Er legte seine Hand auf ihr Knie und sie trank einen großen Schluck Wein aus dem schönen Glas, in dem sich alle Lichter der Bar spiegelten: „Weisst du, das ist wie, wenn eine 40-jährige Bäckereifachverkäuferin aus Dortmund nach Köln fährt und sich dort ein Zimmer nimmt mit einem Kerl, den sie abends mit ihren Freundinnen aufgerissen hat. Das ist die Realität. Was glaubst du, wieso das in den ganzen Filmen so ist? Das mit den Nutten, dem Koks und dem Alkohol?“ Sie nahm einen weiteren Schluck Wein, der jetzt irgendwie bitter schmeckte. „Das ist alles ein Abbild der Realität.“

Sich einfach ein Zimmer nehmen, in der eigenen Stadt, für eine Nacht. Was für einen faden, billigen Beigeschmack hat das denn bitte? Was aber, wenn sich die Spannung und die Lust aufeinander und miteinander derart hochschaukelt, dass jeder Blick und jede Berührung eine Explosion eines Atomkraftwerks auszulösen droht. Was, wenn man in aller Öffentlichkeit übereinander herfallen und alles um sich herum vergessen möchte. Wenn es keinen Ort gibt, an dem man zusammen sein kann, obwohl so viel Raum für Intimität da ist. Sie nimmt noch einen endlosen Schluck von ihrem Wein, um ein bisschen Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Das können wir nicht machen.

Wenn es keinen Ort gibt, an dem man zusammen sein kann, obwohl so viel Raum für Intimität da ist.

Trunken von der Illusion verliebt zu sein, von diesem Kribbeln im Bauch und ein bisschen auch von dem Wein laufen sie durch die Straßen. Eisige Finger krallen sich ineinander, der heiße Atem zaubert winzige Wölkchen in die kristallklare Nacht und trotz der Kälte ist es irgendwie warm in der Brust.

„Ich kenne da einen Ort“, flüstert sie in sein kaltes Ohr und muss dabei auf Zehenspitzen stehen, weil er so groß ist. Nicht so bequem wie ein Hotelzimmer, aber die Vorstellung in einer leeren Wohnung mit unzähligen Decken und einer Flasche Wein auf dem Boden zu liegen, während der Schnee leise auf die Dachfenster rieselt und Kerzen das einzige Licht sind hat irgendwas Romantisches. „Ist es nicht zu hart auf dem Boden?“, schaut er sie fragend an. „Nein, das geht schon – wir sind ja schließlich jung“, lacht sie. Du bist jung. So jung, dass sie nicht darüber nachdenken, sondern einfach im Hier und Jetzt verweilen und die Welt für einen klitzekleinen Moment anhalten möchte.

 

Jede Berührung war vertraut, obwohl über ein Jahr vergangen war und trotz aller Vertrautheit war es irgendwie auch komisch. Sie liebten sich unzählige Male in dieser Nacht und sie fand diesen Ausdruck auf einmal wieder passend. Liebe machen. Es ist nicht dieser rohe Sex, den sie sonst hatte. Es ist irgendwie warm und weich. Und eher hell als dunkel. Die Erkenntnis, dass in jeder seiner Berührungen das ganze Herz steckt, beeindruckt sie. Mit solch einer Hingabe, Gefühl und der Lust auf Nähe, dass sie kaum ertragen konnte, dass sie nicht so viel geben konnte wie er. Sie war sich nicht einmal sicher, ob es an ihm, oder an ihrem Sinn für die Realität lag.

Sie strich ihm über den Kopf und schaute in seine Augen. Augen die alles sagten und nichts. Voller Liebe und doch irgendwie leer. Alle sehen nur die glänzende Oberfläche, doch die Dimension des Eisbergs sieht man erst unter Wasser. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und dann lagen sie eine Weile einfach so da.

„Weisst du“, sagte er, „ich wäre auch einfach nur mit dir dagelegen und hätte der Kerze beim Abbrennen zu geschaut…“

Und die Welt hat in diesem Moment tatsächlich aufgehört sich zu drehen.

 

©themagnoliablossom

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