Ein ganzes Jahr

Kolumnen

Ich sitze an meinem großen Fenster und schaue hinaus in die Kälte. Beobachte, wie die winzigen, weißen Flöckchen lautlos auf die Erde fallen und ehe ich mich versehe, ist die ganze Stadt mit einem dicken, weißen Zuckerguss überzogen. Jeder Baumwipfel, jedes Haus, das ich von meinem Plätzchen aus sehen kann, hat etwas davon abbekommen.

Da hinten, am Ende der Straße kämpft eine Mutter mit ihrem Kinderwagen gegen den eisigen Wind während ein Hund lautstark kläfft. Hier und da versucht jemand sein Auto von den Spuren, die Väterchen Frost hinterlassen hat zu befreien. Direkt vor meinem Fenster sitzen drei kleine Vögel auf einem kahlen, schneebedeckten Ast und harren in der Kälte aus. Ich frage mich, wie lange sie da wohl schon sitzen mögen…

In Gedanken beame ich mich raus und schaue von oben auf diese Welt. Riesengroß und doch so klein. Wie eine Schneekugel, an der ich kräftig schüttle und der aufgewirbelte Schnee wild umher fliegt, bevor er die kleine Welt lautlos mit Puderzucker bestäubt.

Die Zeit zwischen den Jahren, ist für mich eine Zeit zum Nachdenken. Zum Sinnieren und Revue passieren lassen. Schon wieder ein Jahr, denke ich mir. War nicht eben noch August? Habe ich nicht gerade noch dem Zirpen der Grillen bei einem Feierabendbier unten am Fluß gelauscht? Schon wieder ein Jahr. 365 Tage. 8760 Stunden, die mir manchmal wie 100000 vorkamen, wenn das Datenvolumen in meinem Kopf zum Monatsende leider nicht gedrosselt wurde. Schlaflose Nächte, müde Tage. Party am Tag und im Kopf, einsame Nächte zu Zweit. Glücksgefühle – einfach so und unbeschreiblich schön. Kribbeln im Bauch, Stechen im Herz. Hell und Dunkel. Laut und leise und irgendwie alles.

Kein Mann, kein Haus, kein Kind. Auch keinen Baum gepflanzt und die Welt habe ich dieses Jahr leider auch nicht gerettet (hat zu oft geregnet). Aber einen Job habe ich. Immerhin.

 

Ein ganzes Jahr. Voller Drama. Komödie, Tragödie. Mal Trauerspiel, mal Romanze. Irgendwas zwischen Pretty Women, Arielle und die Verblendung. Und ganz manchmal und ganz plötzlich einfach nur unbeschreiblich schön.

Ich gehe hinaus in diese kleine, große Welt. Der Kälte zum Trotz. Schaue in den Himmel und liefere ich mich anstandslos den eisigen Flöckchen aus. Der Schnee verfängt sich in meinen Wimpern und binnen Minuten bin ich Teil dieser Szenerie. Ein kleines Mädchen in einer großen Schneekugel.

Ein ganzes Jahr. Ein ganzes Jahr ich.

 

© themagnoliablossom

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11 Gedanken zu “Ein ganzes Jahr

  1. Drama, Tragödie und Komödie wow, da war ganz schön was los bei dir. Ein toller Text! Und grad schüttelt da jemand wohl täglich an unserer Schneekugel, zumindest was das Wetter betrifft 😉 Rutsch schön rein – und bloß nicht aus auf dem Eis in den Straßen. lg

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