Besetzt.

Kolumnen

Du bist der Anfang und du bist das Ende. Beides auf einmal. In Endlosschleife fahren meine Gedanken Karussell – immerzu im Kreis ohne, dass ich auch nur ansatzweise die Möglichkeit hätte auszusteigen, selbst wenn ich wollte. Du bist das Gestein, dessen spitze Ecken sich immer wieder tief in mein Herz bohren und dessen Kanten selbst durch die heftigsten Sandstürme niemals glatt geschliffen werden. Du bist der immerwährende Stein. Der Fels. Mein Kryptonit.

Ausgelöst durch den Artikel bei amy&pink hatte ich eine angeregte Diskussion mit einer Freundin, ob es im Leben wirklich diesen einen Menschen gibt, der Maßstab für alles und alle anderen ist. Einen Menschen, der keine Schmetterlinge in den Bauch zaubert, sondern trampelnde Büffelherden mit Löwengebrüll und Elefanten und alles auf einmal. Einen Menschen, der in seiner Imperfektion nicht perfekter sein könnte und du der felsenfesten Überzeugung bist, dass du ohne diesen Menschen nicht leben kannst. Das genau dieser Mensch, mit all seinen Ecken und Kanten das winzige Zähnchen ist, dass das (Zahn-) Rad des Lebens am Laufen hält.

Aber ist es wirklich der Mensch aus Fleisch und Blut, der so perfekt zu sein scheint und all das verkörpert von dem du nicht einmal selbst wusstest, dass du es willst? Oder ist dieser Mensch Sinnbild für eine weiße Leinwand, eine perfekte Projektionsfläche für die geheimsten Wünsche und innigsten Sehnsüchte? Eine Freundin von mir glaubte diesen Menschen gefunden zu haben. Diesen jemand, der genau das fehlende Puzzleteil sein sollte – obwohl sie niemals mit ihm zusammen war. Also, so richtig. Dennoch war er jahrelang (sehr viele, lange Jahre) Dreh- und Angelpunkt. Der Kerl, der auf dem Podest stand und gegen den alle anderen antreten mussten. Einen Konkurrenzkampf, den man(n) nur verlieren kann. Denn kein menschliches Wesen auf dieser Erde wird all diese Eigenschaften in sich tragen, die dem Kryptonit als Idealbild von einem Menschen zugeschrieben werden. Ist vielleicht genau das der eigentliche Sinn? Ist der Kryptonit-Mensch insgeheim eine Art Schutzschild, eine Mauer, die vor emotionalen Achterbahnfahrten schützt?

Herz zu. Kein Aua. Easy.

strangers

Man glaubt das perfekte Gegenstück gefunden zu haben – obwohl es offensichtlich alles andere als perfekt ist. Nicht mit und nicht ohne. Fluch und Segen zugleich. Oder eher eine Odyssee. Man ist vernarrt in die Idee, dass der Sinn des eigenen Lebens an die Existenz des Menschen gekoppelt ist. Jeder Satz wird auseinander genommen und bis ins kleinste Detail zerlegt, bis nur noch inhaltslose Worte und Fetzen von Satzzeichen übrig bleiben. Eine gemeinsame Zukunft scheint die einzig wahre Vision zu sein. Emotional bis auf das Äußerste blockiert läuft man mit einem riesigen Besetzt-Schild um den Hals durch das Leben und ist blind für die Menschen, die mehr als nur der schwere Stein auf deinem Herzen sein können und wollen.

Ich glaube, ich hatte auch mal so einen Kryptonit. Einen Superman, meine persönliche Schwachstelle. Und war absolut überzeugt davon, nie wieder in meinem g a n z e n Leben einem Menschen zu begegnen, der all das in einer Person vereint, was dieser Mensch für mich zu können schien. Alte Erinnerungen und immer neue (Wunsch-) Gedanken bescherten diesem jemand eine Dauerkarte für mein Kopfkino. Völlig besessen von der Idee, dass es nur dieses eine wir gibt, bemerkte ich nicht, welch riesen Ballast ich mir ans Bein gebunden hatte und wie mein Herz unter der schweren Last (fast) zerdrückt wurde und mir die Luft zum Atmen nahm.

Es ist erstaunlich, wie sehr das Podest, auf das ich diesen Menschen gestellt hatte, im Laufe der Jahre ins Wanken geriet. Erst schleichend und dann irgendwie ganz plötzlich. Heftig. Heute glaube ich, dass es einen solchen Menschen nicht gibt. Vielmehr bin ich der Meinung, dass immer wieder Menschen in dein Leben treten, die dich in irgendeiner Weise berühren und beeinflussen – sofern man erstmal das Besetzt-Schild in dem Müll geworfen hat. Dass Menschen kommen und gehen und Spuren hinterlassen. Manche Narben und manche Herzchen in den Augen. Und das gut ist so, wie es ist. Dass Narben eine Geschichte erzählen – deine Geschichte. Und, dass auch ein bisschen Mut dazu gehört. Mut, die Mauer runter und sich darauf einzulassen. Sich auf Menschen einzulassen. Oftmals ist der Mensch, von dem man zu Beginn dachte, dass er nicht einmal ansatzweise die Fähigkeit besäße, das Puzzle zu komplettieren, genau der oder die Richtige.

 

© themagnoliablossom

 

 

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9 Gedanken zu “Besetzt.

  1. Wie wahr, wie wahr! Ich hatte schon zwei solcher Kryptoniten, auch wenn ich das Wort bis dato nicht gekannt habe 😉 Und es zum Glück erfolgreich geschafft über beide hinweg zu kommen. Solche verehrten Angebeteten auf dem Sockel sind das Ergebnis unerfüllter Liebe, denn wenn die Liebe mal angemessen erwidert wäre, würde man sich auf Augenhöhe begegnen und keinem eingebildeten perfekten Wunschbild nachjagen. lg

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  2. Das ist wirklich ein sehr interessantes Thema und ich glaube eines, an dem man sich totdiskutieren kann. ^^ Zumindest sofern jemand gerade noch unter einem äh Kryptonit-Menschen zu leiden hat und der andere schon längst drüber hinweg ist oder das Problem vielleicht nie hatte. Ob das Kryptonit wieder weggeht oder ob alles was wieder weggeht kein „echtes“ Kryptonit war? Das sind die Themen, über die man um vier Uhr morgens diskutiert und doch nie eine Antwort findet. 😉 Ich hoffe jedenfalls, dass man über Kryptonit-Menschen hinwegkommt, sofern man das zulässt und sich nicht selbst verrennt.
    Meine 5 Cent des Tages zu diesem Grübeleien anregenden Artikel. Danke dafür 🙂

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    1. Hihi, danke dir für deine Spende äh Zeilen. Ja, absolut ein Thema für vier Uhr morgens und ganz viel Wein 😉 Den Ansatz mit dem echten Kryptonit finde ich spannend! Ich glaube schon, dass es auch ein klitzekleines bisschen mit einem selbst zu tun hat… Liebste Grüße 🙂

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