Untitled.

Inspiration, Prosa

Sie drehte sich um und zog die Decke über ihre nackten Schultern. Sie war müde, fühlte sich leer und wollte einfach nur noch schlafen, um diesem Gefühl zu entkommen. Eine Hand versuchte immer wieder sie auf die andere Seite zu ziehen, suchte ihre Nähe, wollte sie in den Arm zu nehmen, um mit ihr zu kuscheln.

Sie hatte es wieder getan. Obwohl sie sich vorgenommen hatte, diese belanglosen Intermezzi ein für alle Mal zu beendigen… Doch wieder hat das für sie so reizvolle Spiel sie in ihren Bann gezogen. Sie lächelt, neigt keck den Kopf, er sieht sie mit großen, fordernden Augen an und ihr Lächeln wandelt sich unweigerlich in ein lautes, schallendes Lachen. Das Feuer war eröffnet.

Sie wünscht sich, er würde auch jetzt ihre Körpersprache zu deuten wissen und endlich gehen. Denn ihr Bett gehört ihr und sie ist nicht gewillt, dieses mit irgendjemandem zu teilen oder gar gemeinsam aufzuwachen. Und außerdem frühstückt sie prinzipiell nicht mit den Männern – das ist ihr zu intim. Sie ist gut darin, Liebe und Sex zu trennen.

Das ist ihr Revier, da fühlt sie sich sicher. Es gibt ihr genau so viel Bestätigung und Befriedigung, wie sie braucht, um sich als Frau begehrt zu fühlen – ohne ihr Leben, welches sie sich so mühsam erkämpft hatte, aufgeben zu müssen. Sie fühlt sich gut. Nein, sie ist nicht bereit irgendjemanden in ihr Leben zu lassen. Jemand, der ihre Welt binnen Sekunden zum Untergang bringen könnte.

She designed a life she loved

Immer wieder sind die Männer verwundert, irritiert, zum Teil geschockt, dass sie sich selbst wie einer von ihnen verhält. Wie einfach es ist, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, denkt sie sich.

Nach einer schlaflosen Nacht, in der er ihr allerlei Dinge erzählte, die sie nicht wissen wollte, brachte sie ihn Türe und verabschiedete ihn freundlich. Er hielt ihre Hand eine Weile länger, als es angebracht gewesen wäre und seine Frage nach ihrer Telefonnummer quittierte sie mit einem milden Lächeln. Dann schloss sie die Türe.

Manchmal tut es ihr Leid, oder die Männer tun ihr Leid. Aber sie ist eine Jägerin. Durch und durch. Sie liebt das Jagen. Ihr reicht es zu wissen, dass ihr Charme, ihre Erscheinung, ihr Wesen bei den Männern ankommt. Sie spielt, kokettiert und bringt ihre Gespielen damit reihenweise um den Verstand. Ihr reicht es, dass sie könnte, wenn sie wollte.
Jedes Mal, wenn sie eine Bar betritt, erscheint es ihr wie ein weißes Blatt, bereit mit Geschichten der Nacht beschrieben zu werden, sagt sie. Ehe sie dieses Blatt mit der Glut ihrer Zigarette ansteckt und es sich in null Komma nichts in schwarz-braune Asche verwandelt. Manchmal, sagt sie, stelle sie sich auch mit einem anderen Namen als dem ihren vor. Wer sie wirklich ist, sei für dieses Spiel unwichtig.

 

 

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein, wenn sie nicht auf einem ihrer nächtlichen Streifzüge einen Jemand getroffen hätte. Einen, der so gar nicht in ihr Raster zu passen schien. Sie hatte ihn schon des Öfteren gesehen, wahrgenommen hatte sie ihn jedoch nie. Warum auch immer, fiel ihr an diesem Abend überraschenderweise auf, dass er da war. Dass er schon immer da war. Er lehnte an der Wand und beobachtet sie und ihr Treiben aus der Ferne. Sie schaute auf, bekam eine Gänsehaut, weil sie das Gefühl erschlich, dass er dies schon eine ganze Weile tun musste. Sie beobachten. Er muss die Unsicherheit, die über ihr Gesicht huschte, erkannt haben und lächelte milde, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

Es verging eine ganze Weile, in der er sie kommen und gehen sah. Sie lächelte, fühlte sich sicher in ihrem Terrain und in dem was sie tat – und dennoch war irgendetwas anders. Sie war froh, dass ein gemeinsamer Freund sie an jenem Abend einander vorstellte, denn sie wollte unbedingt herausfinden, was es mit diesem glutäugigen Kerl auf sich hatte. Dessen ruhige und doch so dominante Ausstrahlung ein ungeahntes Interesse in ihr weckte, zu was all die anderen nie im Stande gewesen schienen.

Sie grinste ihn an, was er mit einem Augenzwinkern honorierte. Sie beherrschten beide das Spiel mit dem Feuer – par excellence. Doch der Banalität des bloßen übereinander Herfallens gaben sie sich nicht hin, nein. Hinter den hohen Mauern des Kokettierens erahnten sie eine tiefe Seele des anderen. Diese zarte Zuneigung teilten sie in Worten, Texten und durch Musik. Sie liebte es, wenn er ihr Zeilen eines seiner Lieblingssongs schickte, waren es doch genau jene Zeilen, die sie schon immer so sehr berührten. Ja, das konnten sie beide gut. Und sie stellte fest, dass er wie sie war. Ein lonesome Rider.

Die Tage und Wochen rauschten vorbei, beide schienen sich Stück für Stück zu öffnen und Licht in das endlose Dunkel ihrer verschlossenen Herzen zu lassen – und obwohl sie es beide nicht wollten, kamen sie sich näher. Im Geiste, mit Worten. Das Körperliche blieb dieses Mal außen vor, was für beide eine völlig neue Erfahrung zu sein schien. Sie mochte ihn gerne und auch wenn ihre Begegnung nicht schicksalhafter hätte sein können, war es ihnen nicht vergönnt. Im Morgengrauen, mit Einbruch der Realität, legten sich die allgegenwärtigen, zähen Nebelschwaden fest um ihre beiden Herzen, ihr zartes Pflänzchen. Und machte diesem so dermaßen knallhart den Garaus, wie der immer wiederkehrende Frost im Frühjahr die Krokusse erfrieren lässt. Er war immer da, der Nebel. Sie hatten ihn bloß nicht wahrgenommen. Oder wahrnehmen wollen.

Ja, er war wie sie und doch so anders. Vom Leben gezeichnet, war er. Er hatte seine ganz eigene Art und Weise gefunden, mit den Wunden des Lebens umzugehen. Einen Weg gefunden, seine Taubheit einzudämmen, sie noch mehr zu betäuben. Was eigentlich gar nicht mehr möglich war. Das war seine Welt.

 

Aber was wusste sie schon von seiner Welt.

 

© themagnoliablossom

 

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